artechock: Mit NICHTS BEREUEN hast Du den Hypo-Preis
beim Filmfest München 2001 gewonnen. Verbindest Du irgendwelche
Erwartungen mit dem Preis? Der Hypo-Preis ist sicherlich
ein Preis, der die Preisträger bekannt macht. Steht
man da unter einem gewissen Druck?
Quabeck: Ich würde mich schon freuen, wenn ich
als Nächstes wieder einen Kinofilm machen könnte,
wenn der Preis bei anderen Leuten für ein gewisses Vorvertrauen
sorgt. Es sieht auch nach allen Gesprächen der letzten
Zeit ganz gut aus. Es kam schon in der letzten Zeit, seit
den "Ludwigsburger Highlights", wo der Film das
erste Mal lief, zu guten Kontakten und Gesprächen. Daher
denke ich, dass ich auch ohne diesen Preis meinen Weg gefunden
hätte, aber es macht einem gewiß einiges leichter.
Und natürlich ist er auch für Gagenverhandlungen
praktisch. Unter einem unmittelbaren Erfolgszwang fühle
ich mich allerdings nicht. In Deutschland sind die Verhältnisse
so schwer einzuschätzen - ich weiß nicht, was Erfolg
hat. Darum muss man auf seine eigenen Stoffe setzen. Wenn
es nicht klappt, dann klappt's halt nicht.
Nicht alle denken so. Andere schauen gerade auf das vermeintlich
Erfolgreiche - bis zur Selbstverleugnung...
Bei NICHTS BEREUEN war es das oberste Ziel, niemals über
so etwas nachzudenken. Das möchte ich auch in Zukunft
so halten. Filmemachen ist mir schon sehr wichtig, aber ich
möchte mich nicht verdrehen lassen. Bevor ich zwei Jahre
meines Lebens opfere für etwas, das ich eigentlich nicht
machen will, mache ich lieber gar nichts. Ich glaube auch
daran, dass etwas wirklich Gutes letztlich Erfolg hat.
Wie schätzt Du die Reaktion des Publikums auf Deinen
Film ein?
Ich glaube daran, dass man bei einem Film immer erkennt,
ob er ehrlich ist, oder nicht. Ich denke, bei unserem Film
spürt man, dass er ehrlich ist. Er kommt gerade bei Zuschauen
in meiner Altersgruppe sehr gut an, aber auch bei Älteren,
die sich zurückerinnern. Ich bin sehr gespannt auf den
Kinostart, aber ich habe letztlich zu wenig Erfahrung, um
das wirklich beurteilen zu können. Daniel Brühl
und Jessica Schwarz haben das Potential zu Zugnummern. Es
ist sehr eigenartig: Jetzt kommen alle möglichen Leute
auf mich zu, und geben mir tolle Ratschläge, zum Beispiel:
"Daniel Brühl und Jessica Schwarz kennt keiner"
- da frage ich mich, in welcher Welt die leben. Sicher nicht
in der der jungen Kinozuschauer.
Andere wollen einen neuen Song für den Abspann haben,
weil angeblich keine Hitsingle dabei ist. Da wollen wir natürlich
hart bleiben.
Kann man da hart bleiben? Hat man als Regisseur überhaupt
die Möglichkeit?
Ich habe das Glück, mit Christoph Ott einen Produzenten
zu haben, der sehr viel Vertrauen in uns setzt, und immer
sagt: Das ist Euer Film.
Wie kam es überhaupt zu NICHTS BEREUEN? Das ganze geht
auf einen Roman zurück, den Du geschrieben hast...
Ja, ich hoffe, dass er jetzt bald veröffentlicht wird.
Den haben Hendrik Hölzemann und ich in ein Drehbuch verwandelt.
Das eigentliche Buch ist von ihm, wir haben die Struktur gemeinsam
entwickelt.
Bei Daniel Brühl denkt man an SCHULE. Wie kam es zur
Wahl des Hauptdarstellers?
Ich kenne ihn seit drei Jahren. Daniel Brühl hat in
meinem letzten Kurzfilm mitgespielt. Es hat sehr viel Spaß
gemacht mit ihm. Insofern ist das Buch auch für ihn geschrieben.
Die anderen Darsteller kamen dann dazu. Marie-Lou Sellem habe
ich bei einem Seminar in Ludwigsburg kennengelernt. Jessica
Schwarz sah ich zuerst im Fernsehen.
Was war Dir am wichtigsten an NICHTS BEREUEN?
Ich habe viele Jugendfilme gesehen, die für mich nicht
glaubwürdig waren. Mein Ansatz war, einen Film zu machen,
der nicht leugnet, das er ein deutscher Film ist, der aber
auch nicht versucht, wahnsinnig komödiantisch zu sein,
sondern der auf eine lustige und zugleich traurige und dramatische
Art erzählt, wie das ist, erwachsen zu werden. Eine kleine
Geschichte, aber so detailliert und authentisch, wie möglich.
Was meinst Du, wenn Du sagst, ein "Film, der nicht
leugnet, das er ein deutscher Film ist"?
Ich denke, dass man oft nicht ganz dazu steht, dass man einen
Film in Deutschland macht. Gerade bei TV-Filmen der Privatsender
werden oft amerikanische Muster übernommen. Darunter
leidet die Glaubwürdigkeit, weil da wenig zusammenpasst.
Du hast angefangen, indem Du mit der väterlichen Video-8-Kamera
Horrorfilme gedreht hast...
So ging das los.
Wie ist das, wenn man in Wuppertal aufwächst?
Ganz korrekt gesagt bin ich in Ennepetal aufgewachsen. Ich
war aber viel im benachbarten Wuppertal. Da ist nicht so viel
los, und man hat Zeit, sich seine Gedanken zu machen. Viele
Filmemacher kommen aus solchen Provinzstädten.
Wenn man Wuppertal hört, denkt man nach DER KRIEGER
UND DIE KAISERIN an Tom Tykwer. Aber dessen Wuppertal ist
ein Märchenland, Deines scheint authentisch.
Das war die Absicht. Ich wollte schon sehr lange einen Wuppertal-Film
machen, und war zuerst etwas traurig, dass mir Tykwer da zuvorkam.
Aber als ich den Film gesehen hatte, war ich sehr erleichtert.
Da kommt vom Flair dieser Stadt nicht soviel rüber. Ich
hatte bisher den Eindruck, dass es den ultimativen Wuppertal-Film
noch nicht gibt.
Wie ist der Film überhaupt finanziert worden?
Der Film hat 330.000 Mark gekostet, er war also sehr günstig.
Kein Mensch hat eine Gage bekommen, das waren alles Rückstellungen,
und das ganze Team hat auf Kosten der Stadt Wuppertal in einer
riesigen Villa gewohnt - das war wie Jugendherberge. Veltins
hat 1,5 Tonnen Bier gesponsert - das hat genau bis zum letzten
Tag gereicht. Viele andere Firmen haben uns unterstützt,
die Hauptkosten sind finanziert durch den WDR, das Filmbüro
Nordrhein-Westfalen und durch die Filmakademie. Als Co-Produzent
hat die Firma Arri großzügig beteiligt.
Zuvor hatten einige Sender das Projekt abgelehnt.
Was stellst Du Dir vor, was Du in Zukunft machen wirst?
Ein Spielfilm fürs Fernsehen, speziell das öffentlich-rechtliche,
würde mich schon interessieren. Trotzdem möchte
ich probieren, als Nächstes einen Kinofilm zu machen.
Ich kann mir aber auch vorstellen, kurzfristig Werbung zu
machen.
Es kann in Zukunft natürlich schwerer werden. Die Geschichte
von NICHTS BEREUEN hat viel mit Dir persönlich zu tun.
Das wird aber nicht endlos möglich sein.
Ich bin mir da nicht sicher. Auch NICHTS BEREUEN hat sich
in vielem von persönlichen Erfahrungen gelöst. Und
oft ist das besser, was ausgedacht war. Ich glaube, diese
Mischung aus Erlebtem und Ausgedachtem ist in jedem Film möglich.
Ich möchte jedenfalls so Filme machen. Allerdings glaube
ich, dass man sich in jeder Geschichte, in jedem Charakter
wiederfinden kann.
Trotzdem gibt es bei vielen Regisseuren derzeit die Tendenz,
sich mit jugendlichen Themen - um diesen Raum: Schule, Universität,
erste Liebe - zu beschäftigen. Auch Hans-Christian
Schmidt macht das, obwohl er 10-15 Jahre älter ist,
als seine Figuren. Woran liegt das?
Erstens ist das eine super-spannende Zeit, über die
man viel nachdenkt. Und dann gibt es sicher auch den Anspruch,
den Jugendlichen, die sich noch mitten drin befinden, etwas
zu erklären. Deswegen heißt unser Film ja auch
NICHTS BEREUEN, weil wir zeigen wollen: Man kann erwachsen
werden, es geht anderen auch mal schlecht, man kommt aber
irgendwie durch. Der Anspruch, mit Kino nicht nur eine Geschichte
zu erzählen, sondern auch etwas zu bewirken, spielt da
schon eine Rolle.
Also Du meinst, dass man gerade in diesen jugendlichen Lebenswelten
das besonders gut kann. Man könnte ja umgekehrt auch
sagen, dass es - hart auch gedrückt - pubertär
und infantil ist. Dass es auch eine bestimmte Flucht vor
Formen der Wirklichkeit, in denen es halt härter, erwachsener
zugeht, ist. Das sind private Geschichten. Du zeigst immerhin
ein Milieu, einen Ort, an dem man einiges festmachen kann.
Aber auch in Deinem Film kommen jetzt Dinge wie Arbeit,
Politik relativ wenig vor...
Eigentlich geht es doch gerade darum: Wie der Daniel aus
dem rein Privaten, das sich nur um sich selbst dreht, herausgerissen
und in das Leben geschmissen wird. Dass es irgendwann nicht
mehr nur darum geht, zuhause zu sitzen, und sich zu überlegen:
ruft sie jetzt an, oder ruft sie nicht an. Sondern dass er
sich dem Leben stellen muss.
Wo liegt für Dich das Glück, oder der Spaß
am Filmemachen? Während des Arbeitsprozesses, oder
danach?
Eigentlich ist der größte Spaß das Ausdenken
und das Vorbereiten, das Schreiben. Am Set ist es dann sehr
anstrengend. Aber unter den Umständen, in denen wir bisher
gedreht haben, war es auch so, dass man abends nach Hause
kam, und hatte nur die Hälfte von dem gedreht, was man
eigentlich drehen wollte. Deswegen ist man eigentlich nie
so richtig glücklich. Zudem haben wir zweimal nachgedreht.
Ein richtig gutes Gefühl hat man erst, wenn man die ersten
Publikumsreaktionen erhält.
Glaubst Du, dass der Film Chancen im Ausland hat? Kann man
ihn sich vor französischem Publikum vorstellen?
Also ich halte den Film ja schon für ein bisschen vom
französischen 80er-Jahre-Kino angehaucht. Ich glaube,
man wird merken, dass der Film glaubwürdig ist, und dass
er darum auch Erfolg haben kann, als Spiegel deutscher Wirklichkeit.
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