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Eine hypnotische Erscheinung: Strahlend, auch wenn sie nicht
lächelt, das starke Kinn nach vorn geschoben, dazu die
berühmten Mundwinkel, die Verachtung ebenso ausdrücken
können wie Ironie. Egal wo man sie sieht, steht Jeanne
Moreau im Zentrum. 78 Jahre alt ist sie mittlerweile, eine
Kinoikone, die seit 1940 mit Antonioni, Buñuel, Welles,
Malle, Truffaut, Fassbinder und vielen mehr gearbeitet hat.
Noch immer dreht sie Filme, ihr neuester, DIE ZEIT DIE BLEIBT (LE
TEMPS QUI RESTE) von Francois Ozon kommt nun auch ins deutsche
Kino. Und sie ist unterwegs. Zwischen Tokio und New York machte
sie in der vergangenen Woche in Istanbul Station, um auf dem
dortigen Filmfestival eine französische Filmschau zu
präsentieren - und ihren neuesten Film.
artechock: Sie haben viele große Filme gemacht,
auch Ihr letzter, LE TEMPS QUI RESTE, von Francois Ozon
ist hervorragend. Wenn Sie Francois Ozon mit den vielen
großen Regisseuren vergleichen, mit denen Sie gearbeitet
haben - was ist seine Stärke?
Moreau: Ich vergleiche niemals! Das tue ich nie.
Warum nicht?
Moreau: Weil es nicht meiner Haltung entspricht. Es
ist nicht interessant, Resultate zu vergleichen. Jeder Mensch
ist total anders. Meine Entscheidung dafür, mit Ozon
zu arbeiten, ist natürlich subjektiv; sie hat etwas mit
meiner Liebe zum Kino zu tun. Ich mag seine Filme, ich mag
seinen Blick auf die Dinge, die Art wie er das Leben beschreibt,
Emotionen und Beziehungen. Er hat einen Sinn für Humor;
er ist sehr freundlich und sein Verhältnis zu Leben und
Tod sehr obsessiv. Das ist für mich faszinierend - denn
Kino ist Kunst, es handelt, wie jede Kunst, von existentiellen
Fragen. Leichte Themen, einfache Gespräche führt
es doch zu den tiefen Fragen, die wir an uns selbst stellen.
Daher habe ich viel gelernt.
Sie lernen immer noch? Ist das Ihre Form jung zu bleiben?
Moreau: Es ist weniger eine Frage, jung zu bleiben,
als wirklich zu leben! Leben zu bleiben ist, was zählt.
Trotzdem verändert sich viel. Haben heutige Filme
noch Ähnlichkeit mit denjenigen aus der Zeit, als Sie
begonnen haben?
Moreau: Wenn wir heutige Filme sehen, sehen wir nicht
mehr unsere Träume. Wir sehen unsere Welt, uns selbst.
Und wir sehen Filme heute auch ganz anders. Denken Sie an
Antonioni, Orson Welles - sie handelten von Obsession. Es
geht immer um Aufstieg und Fall: Je ehrgeiziger man ist, je
mehr man wachsen möchte, je mehr man besitzen möchte,
desto so tiefer ist man verdammt.
Aber auch eine Schauspielerin hat ja Ehrgeiz
Moreau: Wenn man ein inneres Leben hat und nicht nach
äußerem Reichtum strebt, dann gilt: Was auch immer
passiert, es macht einen größer. Aber nach der
Depression und nach dem Krieg wollte man im Kino auch in äußere
Fantasiewelten flüchten, man wollte diese Filme mit Ginger
Rogers und später Doris Day - nebenbei, das wird Sie
überraschen: Francois Truffaut fand Doris Day ganz toll,
er hat sie angebetet. Auch seine Filme handelten von inneren
Welten. Heute ist alles direkter, und wir interessieren uns
für Tatsachen, für Informationen. Was bei alldem
eigentlich das Erstaunliche ist, ist das wir noch nicht weiter
gekommen sind. Immer noch redet man über Europa - wie
absurd! Wir sind hier ins Istanbul, eine Wiege Europas, aber
man redet darüber, ob die Türkei ein Mitglied Europas
werden darf. Das finde ich sehr borniert, denn wenn man hier
ist, ist jedem sofort klar, dass dies auch Europa ist. Es
ist sehr traurig, wie enorm Fremdenfeindlichkeit, Ignoranz
und Nationalismus wieder zugenommen haben, auch in Frankreich
natürlich. Wir sollten die Nationen vergessen, und endlich
zugeben: Wir sind Europa, was denn sonst?
Es gibt keine Grenzen mehr, für das Kino gilt das auch.
Es dreht sich um die Welt, in der wir leben, die ganze Welt,
ohne Grenzen. Einer, der dem schon ziemlich früh nahe
kam, war Louis Malle. Darum haben ihn die Franzosen nicht
so gern gemocht. Heute sieht man ihn mit den Augen des 21.
Jahrhunderts, darum merkt man, dass er kein Romantiker war,
sondern falsche Romantik zerstört hat.
Kommen wir noch mal auf LE TEMPS QUI RESTE. Fiel es Ihnen
leicht in einem Film zu spielen, der sich um den Tod dreht?
Moreau: Nein, überhaupt nicht. Aber darüber
möchte ich eigentlich nicht sprechen. Sie können
sich vorstellen, dass mich das jeder im Zusammenhang mit diesem
Film fragt. Das Leben ist ein Schatz, natürlich. Aber
der Tod hat nichts mit dem Alter zu tun. Sterben kann man
jeden Tag.
Mit Jeanne Moreau sprach Rüdiger
Suchsland.
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