| |
Mit Horst Krause (Schultze), Harald Warmbrunn (Schultzes
Kumpel Jürgen) und Autor/Regiesseur Michael Schorr sprach
Thomas Willmann.
***** Wichtiger Hinweis: Wer das Ende des Films nicht
verraten haben möchte, sollte sich die Lektüre dieses
Interviews bis nach dem Kinobesuch aufsparen. *****
artechock: Schultze ist eine sehr verschlossene
Figur...
Krause: Eine in sich gekehrte Figur, ja. Durch die
Situation.Es passieren so viele Dinge aufeinander: Witwer.
Arbeitslos. Aber trotzdem: Es passiert ihm immer, aber er
ist ein sehr gegenwärtiger Mensch, er lebt mit der Gegenwart.
Er geht Tag mit einer kindlichen Naivität an. Und wenn
sich etwas ereignet, dann passiert es ihm.
Mit dem, was in der Gegenwart und im Augenblick passiert,
versucht er, zurecht zu kommen. Und das glaube ich macht die
Figur sehr interessant. Man verfolgt die Figur gerne: Was
wird er denn jetzt machen?
Auf jeden Fall denke ich, dass es die Figur Schultze schafft,
das Publikum mitzunehmen. Dass man dran ist als Publikum.
War es für Sie als Schauspieler schwierig,
sich einer so verschlossenen Figur zu nähern?
Krause: Nö, eigentlich nicht. Überhaupt
nicht. Weil die Situationen vorgeschrieben sind, was da passiert,
und ich als Schauspieler brauchte das nur zu bedienen, mit
meinen Mitteln. Und da ja das Buch und die Figur so geschrieben
sind... der Autor kannte mich, und hat eigentlich für
mich so ein bisschen, man sagt: Auf den Bauch geschrieben.
Die sind beide verwandt, der Schultze und der Krause. Vielleicht
sind's Geschwister, oder Cousins, aber auf jeden Fall haben
sie beide sehr viel Ähnlichkeit.
Herr Schorr, wieviel unausgesprochene Hintergrundgeschichte
haben sie Schultze verpasst, und haben Sie ihm für sich
selbst je einen verschwiegenen Vornamen verpasst?
Schorr: Es gab natürlich eine Backstory, das
gehört logischerweise zu der Figur. Wo ich mich auch
mit Krause drüber unterhalten habe.
Aber einen Vornamen gab's tatsächlich nie. Ich hatte
immer das Gefühl: Ein Vorname würde das nur verwässern.
Bei der Beerdigung, der Pfarrer - der wirklich der echte Pfarrer
ist, von der Gemeinde - meinte: Normalerweise sagen wir bei
uns "Heute beerdigen wir unseren lieben... Erwin - oder
was für einen Namen auch immer". Er wollte dann
irgendwie einen Vornamen. Ich hab gesagt: "Es tut mir
leid, es MUSS ohne gehen." Dann hat er halt "HERR
Schultze" gemacht, das war dann der Vorname. (Lacht)
Herr Warmbrunn, Sie spielen Schultzes Kumpel. Sehen
Sie in Schultze einen "Helden"?
Warmbrunn: Wissen Sie, das schöne an diesem Film
ist für mich, dass er mit viel Liebe Normalität
von Menschen, die in einer Abseitssituation existieren, darstellt,
und dann springen wir über den Bach, über den großen,
und sehen die gleiche Situation, nur anders. Auch wieder:
Alles Helden, die dort leben. Die dort täglich ihr Leben
meistern müssen. Das sind eigentlich die Helden, wissen
Sie, die dort täglich ihr Leben meistern müssen.
Dann ist Horst auch ein Held, so gesehen ja. Aber dann sind
wir alle, die wir da mitgemacht haben, Helden...
Die Figur von Schultze hat auch eine fast schon
beängstigende Geradlinigkeit. Wenn er zum Beispiel endlich
den Zydeco entdeckt hat, dann aber auf seinem Akkordeon auch
nur das gleiche Stück wieder und wieder spielt, und das
ja auch schon fast manisch...
Schorr: Da wollten wir auch ein bisschen an der Realität
dranbleiben, dass er jetzt nicht plötzlich zum Zydeko-King
mutiert über Nacht. Sondern dass man durchaus merkt,
dass er eigentlich der Polka-König ist. (Lacht) Und er
spielt ja auch vom Rhythmus her die Zydeko nicht ganz so swingend,
wie man's spielen könnte (lacht), auch aufgrund des Instruments.
Da wollten wir schon die Kirche im Dorf lassen. Dass er niemals
völlig aus seinem Takt da rausfindet.
Es zeigt sich durch sein Handeln, dass bei ihm was passiert,
aber er wird nicht plötzlich ein komplett anderer Mensch.
Das fand ich für so einen Typen auch nicht realistisch.
Und deswegen bleibt da schon viel vom Deutschtum nocht übrig,
so zackig... (lacht)
Wie fanden in Ihrem Kopf überhaupt Polka und
Zydeco, Louisiana und Sachsen-Anhalt zusammen?
Schorr: Die erste Drehbuchidee ist schon vor über
zehn Jahren entstanden. Da sind zwei Sachen einfach zusammengekommen.
Zum einen habe ich früher so eine Rucksack-Greyhound-Tour
durch die USA gemacht und bin in New Orleans gelandet, habe
dort erst nach Blues-Musik gesucht und kam in diese Zydeco-/Cajun-Ecke
rein - und war total begeistert, wie da am Wochenende plötzlich
alle Generationen, auch alte Leute, abgetanzt haben zu der
Musik. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das fand ich klasse,
weil ich das von Deutschland so nicht kannte. Und als ich
zurück war, habe ich dann ein Jahr in Saarbrücken
gewohnt, wo Bergbau und Stahlindustrie gerade den Bach runtergegangen
waren, und habe mir dann überlegt: Wie gehen die Leute
damit um, wenn sie so eine Arbeit verlieren, die ihnen doch
sehr das ganze Leben strukturiert. Und dann sind die zwei
Sachen scheinbar zusammengekommen, zu so einem Bild: Bergarbeiter
findet Zydeco. Dann lag das erstmal zehn Jahre in der Schublade,
bis nach der Filmhochschule, und dann habe ich es halt ausgegraben.
Dann haben wir es nach Sachsen-Anhalt verlegt, weil der Bergbau-Niedergang
war da noch frischer, und da ist noch gar nichts Neues nachgewachsen,
wie im Saarland...
Wie kamen sie speziell auf die Region, das Mansfelder
Land? Kannten Sie die vorher?
Schorr: Da es nahe von Berlin ist, kam man immer wieder
dran vorbei; an der B1 Richtung Erfurt sind diese ganzen Abraumhalden.
Also das kannte ich flüchtig.
Wir haben vor dem Film zwei Monate dort recherchiert, in der
ganzen Ecke, bis man den Drehort gefunden hatte. Dann haben
wir vier Wochen lang im Plattenbau residiert, um ein bisschen
mit den Leuten in Kontakt zu treten, und noch Sachen zu finden,
die man ins Drehbuch reinschreiben konnte, die da spezifisch
für den Ort waren und so. Wir haben versucht, uns da
richtig ranzuarbeiten. Weil ohne die Leute von dort geht gar
nix bei so einem Film.
Warmbrunn: Ich kannte Halle, wo ich früher auch
inszeniert habe, aber die umliegenden Regionen - nein. Das
ist ein merkwürdiges Land. Hat seine Schönheiten,
ist aber auch bedrückend. Berlin, die Umgebung - überall
Wasser, Großstadt; und dann kommt man dahin. Da ist
doch ein bisschen Tristesse. Hat aber auch seine Schönheiten.
Waren die Leute dort eher offen gegenüber Ihrem
Projekt oder skeptisch?
Schorr: Ich hatte ja eher erst ein bisschen mit Skepsis
gerechnet. Quasi als die Berliner Filmfuzzis, die dann ein
bisschen in den sozialen Brennpunkt gehen, da das soziale
Elend abfotografieren, dann wieder abhauen - ob das so auf
Gegenliebe stößt, das ist manchmal nicht so ganz
sicher. (Lacht) Aber es war einfach so: Wir sind da hin und
haben ein bisschen gequatscht, "Wir sind die und die
und wollen das und das Projekt machen". Und die waren
total offen. Die haben gleich gesagt: "Wir finden das
super. Macht das doch! Ist sicher okay." Und das war
auch ein Argument, dass wir dort drehen, dass wir gleich mit
offenen Armen aufgenommen worden sind. Das war einfach schön.
Die haben uns vertraut, und wir haben geschaut, dass wir sie
da nicht in die Pfanne hauen, so zu sagen.
Haben Sie deswegen auch die Leute aus der Gegend
in ihrem Film mitspielen lassen?
Schorr: Es gab zwei Gründe. Zum einen natürlich
weil ich diese Echtheit in dem Film haben wollte. Und ich
glaube, man findet solche Leute, wie sie sich kleiden, welche
Gesichter das sind, nicht über Casting. Also habe ich
die Leute halt gefragt, ob die mitmachen wollen. Und es hatte
zum zweiten natürlich den Effekt, dass sie dann gesehen
haben, was wir machen, und wir einfach mit offenen Karten
gespielt haben. Das hat sich dann so ein bisschen rumgesprochen.
Und wir hatten auch nie Probleme, Leute zu finden, auch für
solche Szenen wie im Musikverein, wo dann doch mal richtig
die Bude voll sein musste. Da sind dann Sonntag alle anmarschiert
und haben den ganzen Tag da zehn Stunden ausgeharrt. Was echt
nicht so leicht war. Aber das war kein Problem, das war richtig
gut.
War der Umgang mit diesem Halbdokumentarischen für
Sie als Schauspieler schwierig?
Krause: Absolut problemlos. Auch, dass wir viel mit
Laiendarstellern... - was heißt: Laiendarstellern, weil
der Laiendarsteller hat ja auch schon Erfahrung - einfach,
dass wir die Bevölkerung dort in den Dreh mit einbezogen
haben... Wir haben einfach im Grunde erklärt, was hier
passiert, und dann haben die mitgespielt. Und das fand ich
sehr erstaunlich. Diese Szenen sind sehr wahr, die wir da
sehen - zum Beispiel den Chor, der dort singt, bei dem Fest,
in Teutschental, und auch, was der Dirigent dann dort macht,
das kann eigentlich gar kein Schauspieler machen. Und deswegen
hat das auch eine große Wirkung. Ich hatte da auch keine
Schwierigkeiten, zusammenzukommen mit dieser Art zu drehen.
Was mich damals beeindruckt hat, war meine Mutter (im Film),
wo wir dort unten sitzen, im Garten, und die Frau Lorant mich
überzeugen will, dass ich auch mal spielen gehen soll
in so einem Casino. "Das müssen sie mal machen,
können sie was gewinnen," sagt sie. Und meine Mutter
guckt die ganze Zeit die Lorant an, und guckt so... (imitiert
den Gesichtsausdruck), und mehr hat die nicht gemacht. Das
hat mich fasziniert.
Das war eine Frau aus dem Altersheim. Die hätte das wahrscheinlich
auch nicht nochmal wiederholen können. Wenn man gesagt
hätte: "Wir drehen's nochmal," hätte die
nicht gewusst, was sie da macht. Aber wir haben das nur einmal
gedreht, und es hat auch gleich gestimmt. Dieser Blick - kannste
nicht wieder machen. Also, als Schauspieler kriegst du das
immer wieder hin, aber für so eine alte Dame... Das war
ein ganz schöner Moment.
Warmbrunn: Ich bin nun schon so alt, dass ich einen
Haufen Lebenserfahrung habe, und wenn man diese Lebenserfahrung
sozusagen ein Schauspielerleben mitschleppt - was man schon
früher mal gemacht hat, und auch nicht nur Schauspieler
war -, dann ist das nicht so schwer. Es gab da auch nicht
so diese Kategorisierung "Jetzt kommen die Schauspieler!".
Wir wurden dort richtig wie Freunde behandelt und haben die
auch wie Freunde behandelt. Das war richtig angenehmes Arbeiten.
War es nicht anders als gewohnt?
Krause: Es ist jedesmal anders. Hier in dem Fall war
es so, dass wenig Sprechtext vorhanden war, sondern dass dieser
Film sehr von spielerischen Elementen getragen wird, die der
Regiesseur vorgeschrieben hat, was da passieren muss, und
wo man dann aber auch als Schauspieler viel Neues dazu noch
erfinden kann, wenn man seine Fantasie einsetzt.
Was war das schönste Erlebnis bei diesem Dreh?
Warmbrunn: Das schönste Erlebnis WÄHREND
der Dreharbeiten war dieses Team. Dieses Team, was so liebenswert,
freundlich und mit Intensität gearbeitet hat, das war
für mich das größte Erlebnis. Mir hat diese
Arbeit unsaglich viel Spaß gemacht. Die hat mir richtig
großen, langen Spaß gemacht. Und es ging uns glaube
ich allen ein bisschen so - als es zu Ende war, waren wir
ein bisschen traurig, dass es zu Ende war.
Hat sich generell viel durch Vor-Ort-Erlebnisse
ergeben?
Schorr: Ja, das war eigentlich auch so ein bisschen
Prinzip. Es gab natürlich ein festes Drehbuch, aber es
war klar, dass wir uns das quasi offenhalten. Dass wir auch
von der Technik, und von dem Umfang, den das Team hatte, die
Sache relativ klein halten, um einfach auf Sachen reagieren
zu können. Und das ist dann schon ein paar Mal passiert;
gerade in Amerika haben wir noch Sachen umgestellt, was auch
damit zu tun hatte, dass wir ziemlich chronologisch gedreht
haben. Damit sich der Horst Krause auch in die Rolle einfühlen
kann und diese Entwicklung mitmacht, weil wir einfach sehr
wenig Vorbereitungszeit hatten. Und in dieser Chronologie
hat man dann auch immer gemerkt: Aha, da hakt's ein bisschen,
und das braucht man vielleicht nicht, und so. Da hat sich
das Buch und der Film auch quasi weiterentwickelt.
Hat sich auch Ihr Blick auf die Sachen beim Dreh
verändert?
Schorr: Da war eigentlich viel von der Recherche her
klar. Wo wir drehen, und auch in welchem Stil wir drehen,
das hat sich eigentlich im Laufe des Films nicht groß
geändert. Weil man die ganzen Orte vorher schon ziemlich
genau kannte. In Amerika waren wir zweimal auf Recherche,
einmal zwei Monate, dann nochmal einen Monat, kurz vor Drehbeginn,
um genau zu wissen, was auf uns zukommt. Und dann war es auch
möglich, dass man was ändern konnten, weil wir waren
nicht so vor den Kopf gestoßen und waren nicht so total
überrascht, was da ist.
Besonders die Tanzszene in der Bar in Louisiana
wirkt geradezu dokumentarisch...
Schorr: Das einzige, was wir dort zum Beispiel an
Licht gemacht haben, war, dass wir die Glühbirnen an
der Decke rausgedreht haben und ein bisschen stärkere
reingedreht. Das war unser Licht. Und dann konnten wir eigentlich
machen, was wir wollten.
Wir haben auf 35mm gedreht, das war so eine alte '70er Jahre
Kamera, die war schön billig (lacht), das war SO ein
Monster. Aber die Erfahrung ist echt, dass es überhaupt
nicht auf die Kamera ankommt. Distanz oder Nähe, das
kommt glaube ich wenig auf die Kameragröße an.
Das kann so ein Ding sein, das kann eine kleine DV sein. Ich
glaube, es kommt eher drauf an, wie man sich als Team den
Leuten gegenüber verhält. Und wir ließen da
halt alle ihr Ding machen. Die wollten da sowieso tanzen,
und wir haben geguckt, dass wir möglichst wenig im Weg
stehen. Die Szene haben wir gedreht, da stand die Kamera auf
dem Stativ in der Mitte im Raum, und die haben um uns rum
getanzt, und wir sind einfach mit denen geschwenkt.
Da kann man auch sehr schön beobachten, wie
die Leute beginnen, FÜR die Kamera zu agieren. Überhaupt
bricht der Film ja immer wieder in die eine oder andere Richtung
eindeutig aus - "Film" oder Doku...
Schorr: Zum einen: Ich mag einfach diese Mischform.
Ich mag an diesen dokumentarischen Geschichten, dass sie sehr
lebendig sind, dass sie teilweise unkontrolliert sind. Aber
eine Echtheit und Lebendigkeit reinbringen, die man sonst
nicht kriegt. Und die fiktionalen Sachen haben den Vorteil,
dass man eine Geschichte und einen Charakter ein bisschen
mehr basteln und kontrollieren kann als im Dokumentarfilm.
Diese zwei Enden fand ich eigentlich ganz interessant; ich
wollte immer rausfinden, wie die zusammen funktionieren können.
Deswegen gibt's auch immer diese Ausreißer nach der
einen und anderen Seite. Die teilweise wirklich fiktiven Geschichten
wie der Flamenco, die halt merklich inszeniert und gesetzt
sind, wie auch dann die Sachen, wo Leute in die Kamera gucken.
Das war auch so ein bisschen das Experiment: Wie kommt das
dann zusammen, was passiert da eigentlich - das mal rauszufinden.
Und wir hatten im Schnitt gedacht, dass es eigentlich ganz
okay ist, dass sich die zwei Sachen nicht im Weg stehen, sondern
zeitweise sogar sich bereichern. Und das haben wir dann auch
so im Film gelassen.
Es gab da Diskussionen, zum Beispiel wo die Leute in die Kamera
gucken, beim Tanzen - "Das ist doch kein Spielfilm mehr!",
und so. Ich habe nur gesagt: Bis dahin ist mehr als eine Stunde
vom Film rum, da haben die Leute eh schon gecheckt, dass es
nicht Spielfilm im eigentlichen Sinne ist. Und zum anderen
hat's mir total gut gefallen. Da fand so eine Kommunikation
statt zwischen uns und diesen Leuten, die irgendwie schön
war, und deswegen wollte ich es auch unbedingt drin lassen.
Herr Krause, wie war für Sie die Reise nach
Texas und Louisiana?
Krause: Es war ein Stück Arbeit, wir sind da
ja nicht zu Urlaub hingefahren, sondern zu arbeiten. Wir hatten
wenig Zeit, uns privat umzutun. Aber ansonsten war das schon
interessant, Louisiana kennen zu lernen. Weil es ist ja nicht
der reichste Landstrich in Amerika.
Waren Sie vorher überhaupt schon mal in Amerika?
Krause: Ich war in New York, habe ich mal gedreht,
am Times Square. Was ja völlig anders ist.
Wussten Sie, dass es sowas wie dieses "Wurstfest"
in New Braunfels gibt?
Krause: Nee, hab' ich auch nicht gewusst. Hab ich
auch erst da erfahren. Und da kommen ja von ganz Amerika die
Deutschen, von überall her, die kommen zu diesem "Wurstfest".
Und da wird dann Deutsch gesprochen, das ist ein Wahnsinn.
Da haste Bayern, da haste Sachsen... (Lacht) Das ist ja, wie
wenn bei Euch hier in München dieses... Wie sagt man
da...
Die Wies'n...
Krause: ...die Wies'n sind (sic!) - so ist das mit
dem Wurstfest da. Ja. So ein Trallalla.
Wie wurden sie als deutsche Filmemacher bei diesem
sehr deutschfreundlichen "Wurstfest" aufgenommen?
Schorr: Ich glaube, dem "Wurstfest" waren
wir nicht deutsch genug. Wir sind dort nicht mit Lederhosen
und Gemsbarthut rummarschiert, wie alle anderen eigentlich.
Also in Texas, die haben uns schon ein bisschen mehr abgecheckt,
da hat man schon gemerkt, dass die Leute mehr Geld haben,
und sie die Leute auch mehr eintakten, ob die's wert sind,
dass man ihnen was liefert. Louisiana war eigentlich total
klasse, das hat mir richtig gut gefallen von den Leuten her.
Ich hatte ja am Anfang ein bisschen Angst, dass da viel nur
über Kohle funktionieren wird, und als Low Budget wäre
das echt nix gewesen. Aber Louisianna war einfach paradiesisch.
Man brauchte für nichts eine Drehgenehmigung an öffentlichen
Orten. Und die Leute waren extrem hilfsbereit dort. Wir sind
halt hin am Anfang: "Filmteam; erster Spielfilm; würden
gern bei Euch was machen und wir haben halt echt wenig Kohle
und so". Da haben die immer gesagt: "Ihr seid am
richtige Ort, wir haben auch wenig Kohle." Die wussten
auch zu improvisieren, genauso wie wir. Das hat sich ganz
toll getroffen.
Das ist überhaupt schön an dem Film, dass
auch in Amerika alle alt und arm sind...
Schorr: (Lacht)
Es war klar, dieses Spiegelbild-Thema ist ganz entscheidend,
dass Schultze in der Fremde jetzt nicht das Land findet, wo
Milch und Honig fließt, das totale Paradies, sondern
er trifft eigentlich auf das Gleiche wie das, was er verlassen
hat. Es ist zwar anders, aber es sind gleiche Sachen. Die
Leute spielen dann halt Domino-Poker und nicht Skat, aber
es gibt ähnliche Ausprägungen, aufgrund der ähnlichen
sozialen Umstände. Das war wichtig, dass wir da auch
ganz an der Realität dranbleiben, während der Kumpel
von Schultze, der Manfred, immer noch zu Hause in der Kneipe
umherspinnt vonwegen: "Jetzt wird er Millionär,
nimmt Platten auf..." Rr repräsentiert eher das
Klischeebild von den USA, was man sich so vorstellt, und Schultze
entdeckt eher, wie's da mehr oder wenig ist. Es gab Parallellen
zwischen Louisiana als Ort, wo die Schwerindustrie - dort
die Petrol-Industrie - den Bach runtergegangen ist in den
letzten zehn Jahren und da auch Leute gestrandet sind, und
Sachsen-Anhalt.
Herr Warmbrunn, waren Sie etwas neidisch weil Ihre
Rolle nicht erlaubte, mit nach Amerika zu fahren?
Warmbrunn: Nein, nein... Ich wäre gerne mitgefahren,
klar, aber Neid - nein. Ich bin eigentlich zufrieden, dass
ich bei diesem Film mitmachen konnte. Der Film ist Krauses
Film. Aber wir beiden, der Manfred Müller und ich, wir
sind glaube ich eine gute Ergänzung zu ihm.
Ich hatte sowieso Glück, denn ich bin als letzter besetzt
worden. Nachdem der Schorr meine Freundin besetzt hatte, die
dann meine Ehefrau spielt, hatte er mich gesehen. Acht Tage
später rief er mich an, ob ich denn bei ihm mitspielen
würde. Ich stand zwar acht Wochen vor meiner Hüftoperation,
habe aber gesagt: "Na klar, warum nicht. Wenn das meine
Operation nicht tangiert." Hat nicht tangiert.
Meine Freundin war ganz glücklich über ihre fünf
Drehtage - hat sich dann geärgert, dass ich 16 hatte.
(Lacht) So ist das.
Schorr meint immer, es sei eine Himmelsfügung gewesen.
Ist einfach Glück. Glück gehört dazu.
Wie schwierig war es, den Film finanziert zu bekommen?
Schorr: Ich sag mal: Es ging. Es war nicht zu schlimm.
Wir hatten ziemlich schnell eine Förderung, um die Produktion
vorzubereiten. Die Geschichte, und Sachsen-Anhalt, das hat
beides sehr geholfen. Und dann hat es einfach nochmal ein
Jahr gedauert, weil wir eine Fernsehanstalt suchen mussten.
Da ging's so ein bisschen los mit: "Warum gibt's denn
da kein Happy End?," und "Warum ist so wenig Aktion
für den Helden?," und die ganzen üblichen Diskussionen,
die man sich da so vorstellt. Wir hatten dann einfach Glück,
dass die Redakteurin vom "Kleinen Fernsehspiel",
mit der ich vorher schonmal einen Dokumentarfilm gedreht habe,
dann irgendwann gesagt, dass SIE eigentlich der Stoff interessiert.
Und das war ideal, das ist einfach auch unsere Wellenlänge,
da gibt's keine blöden Diskussionen, sondern da wird
einfach geguckt, wie der Film ist und was man da machen kann.
Es hat dann letztendlich so drei, vier Jahre gedauert, von
den ersten Anfängen bis zum fertigen Film.
Ist es denn wirklich kein "Happy End"?
Schorr: Das war ungefähr mein Argument bei jenem
Redakteur, dass ich dachte, es ist in gewisser Weise ein Happy
End. Weil letzendlich hat Schultze ja nochmal geschafft, sein
Leben zu verändern, nochmal was Neue zu entdecken.
Und so zu tun, als gäb's den Tod nicht, finde ich auch
total idiotisch.
Wie sehen das die Schauspieler?
Warmbrunn: Ich finde, es ist ein optimistisches Ende,
trotz des Todes.
Wenn einfach Schultze nicht aus dem Gedächtnis geht,
und er sogar auf dem Friedhof nochmal angerufen wird... Er
bleibt ewig bei uns. Bei den Kumpels bleibt er.
Wissen Sie, alle Beerdigungen sind doch meistens so, dass
man da Scheingefechte macht. Man geht hin, macht ein bedeutendes,
trauriges Gesicht, kondoliert. Aber eigentlich ist der Tod,
wenn man nur fünf Tage später zu dem Grab geht,
und dann da noch mit denen lacht - "Pass auf, jetzt trinken
wir noch einen Wodka, wie wir ihn früher getrunken haben,
lass Dir's gutgehen". Das war eigentlich immer das Schönere,
finde ich.
Ich fand das Ende des Films angenehem. Ich fand's persönlich
sehr schön und sehr richtig. Also positiv. Nicht belastend.
Krause: Eigentlich stellt sich ja beim Zuschauer gar
nicht konkret her: Ist der nun wirklich tot, oder was ist
los. Dann kommt noch ein Anruf... Lebt er noch? Was ist eigentlich?
Also kann ich auf diese Frage konkret nicht antworten.
Ihre persönliche Sicht?
Krause: Ob er lebt, oder ob er tot ist? Ich denke,
er ist gestorben, aber er lebt.
Was der Szene auch einen entscheidenden Dreh gibt,
ist, dass die Frau und das Kind aus USA mit am Grab stehen...
Schorr: Ja, genau. Die haben wir extra für den
einen Drehtag noch eingeflogen. Der totale Luxus. (Lacht)
Dafür gab's nichts zu essen. (Lacht)
Aber es verändert natürlich total die
Szene.
Schorr: Eben. Das war dann auch das Argument letztendlich,
dass wir gesagt haben: Es hilft alles nichts, es muss sich
vermischen, quasi Sachsen-Anhaltiner und stellvertretend sie
für Schultze als sein Amerika-Erlebnis - dass da was
zurückbleibt und er auch was mitbringt. Das musste sein.
Noch eine Frage an die Schauspieler: Haben Sie noch
Traumrollen übrig?
Warmbrunn: Bei mir gibt es immer diesen Satz: Ich
glaube, jeder Schauspieler hat seine Zeit. Und wenn er einfach
nicht abtreten KANN, dann wird er eben 100 und singt dann
immer noch... Ich will das nicht. Also, Filme mache ich gerne.
Ich inszeniere gerne, ich mache gerne Hörspiele. Aber
ständig diese Diktatur eines Regiesseurs... Mein Ideal
ist nicht, auf der Bühne zu sterben. Das will ich nicht.
Krause: Nö. Hat ja auch kein Zweck. In meinem
Alter noch eine Traumrolle zu haben, ach Gott... Hamlet werd'
ich nicht mehr spielen. Und Romeo werd ich auch nie spielen,
den hab' ich nie gespielt und werd' ich nicht mehr spielen.
Nö.
Vielleicht wenn mal ein Film in Bayern hier gemacht wird über
den gewesenen Landwirtschaftsminister, wie hieß er noch...
Kiechle. Wenn da mal über den ein Film gedreht wird,
dass ich den Kiechle spiele, das könnte passieren, ja.
Weil wir uns sehr ähneln. Wir haben hier mal gastiert,
1986, im Theater, mit "Die Umsiedlerin". Und da
habe ich so einen Großbauern gespielt, und ich hatte
da diese Schreibmaschinenseite Text, und ich trete auf, und
in dem Moment fangen die Leute unten an zu lachen. Ich denke
als erstes: Ach du lieber Gott, Hosenschlitz offen. Habe ich
sofort kontrolliert, aber das war's nicht, und die Leute haben
nicht aufgehört zu lachen. Und danach habe ich dann erfahren,
warum die gelacht haben: Ich hätte ausgesehen, als wäre
ich Kiechles Bruder. So eine Ähnlichkeit.
|