artechock: THE POET war ihr erster Film in Europa.
Wie war die Erfahrung? Was war anders, als in den USA?
Harring: Es war eine wilde Erfahrung. Ich mochte die
Leidenschaft aller Beteiligten, man hatte wirklich das Gefühl,
das alle an einem Strang zogen. Der Arbeitsprozeß und
die ganze Haltung haben gestimmt. Die Filmgewerkschaften in
den USA sind sehr mächtig. Hier hatte man eher den Eindruck,
dass sich jeder mit dem ganzen Projekt identifiziert.
Was glauben Sie, woher kommt dieser Unterschied? Steckt
etwas Grundsätzliches dahinter?
Ich denke schon, dass es grundsätzliche Unterschiede
gibt. In Europa gibt es mehr Lebensqualität. Die Leute
genießen das Leben; sie machen länger Ferien. Es
gibt nur Arbeit, Arbeit, Arbeit, Arbeit, Geld, Geld, Geld,
Geld. Hier heißt es eher: Ich will heute nicht arbeiten,
ich will auf diese Party gehen. Man versteht hier das Leben
besser zu leben.
Man kann das sehr gut am Beispiel der Badewannen zeigen: Hier
sind sie groß genug, damit der ganze Körper hineingeht.
In Amerika sind sie zu klein für den Körper - als
ob das unwichtig wäre... Man nimmt sich dort nicht die
Zeit für Luxus Die Saunas hier haben zusätzliche
Becken für Heiß- und Kaltwasser, haben Platz, um
dort Zeit zu verbringen...
Aus europäischer Perspektive erscheinen die USA traditionell
eher als das Land der Freiheit und des besseren Lebens...
Ja, in Bezug auf Autobahnen. Aber nicht in den wichtigen
Dingen...
Wie zum Beispiel Badewannen...
Ja! Überhaupt die Badezimmer. Und die Leute trinken
ihren Kaffee aus Porzellan, nicht aus Pappbechern. Die Lebensqualität
ist höher, es gibt mehr Kultur, mehr Geschichte, mehr
Tradition - ich finde das wunderbar.
Die Leute hier sind wirklich an Schönheit interessiert,
sie ziehen sich hier auch besser an - obwohl der amerikanische
Einfluß voranschreitet. Wenn man in Nachtclubs geht,
trifft man auch ganz viele Frauen in Jeans.
Das hört sich an, als ob Sie zur Europäerin
geworden sind?
Nun, ich war ja früher bereits in Europa: Ich habe
ein Jahr in einem Internat in der französischen Schweiz
verbracht, kann ein bisschen französisch. Ich hatte eine
spanische Mitbewohnerin auf meinem Zimmer. In der Zeit habe
ich viel über Europa gelernt.
Hierzulande sind Sie durch David Lynchs MULLHOLLAND DRIVE
populär geworden. Haben denn Sie den Film verstanden?
Ich denke schon. Er ist sehr tief. Ich habe zwei Interpretationen.
Die Erste: Was man sieht ist definitiv Teil eines Traums.
Dianes Traum. Das komplette Gegenteil der Realität. Als
sie aufwacht, ist sie in einer fötalen Position. Am Ende
sieht sie sich selbst. Sie konstruiert meine Figur als eine
Hilflose, eine, die sie braucht. Zwischendurch gibt es ein
paar kurze Einbrüche der Wirklichkeit: Etwa die Szene,
in der ich sage: "Ich kann Dich nicht sehen." Der
Aschenbecher mit seinen verschiedenen Positionen ist ein Schlüssel
zum Ganzen.
Meine zweite Interpretation: Das, was linear gesehen am Anfang
steht, ist der Moment, an dem Diane einen Killer bezahlt,
um mich zu töten. Und im Folgenden liege ich im Koma.
Das sind meine zwei Versionen. Ich bin sicher, es gibt viele
mehr.
Lynch selbst hat ja 12 verschiedene angegeben... Wie hat
er Ihnen Ihre Rolle erklärt?
Wir haben ja in drei Abschnitten gedreht. Sie wissen vielleicht
von der Vorgeschichte: Es sollte ursprünglich der Pilot
zu einer TV-Serie werden.
Wie reagiert man, wenn - ohne sonderlich berühmt
zu sein - plötzlich David Lynch bei einem anruft?
Wir können ganz ehrlich sein: Ich war völlig unbekannt.
Sie riefen mich früh morgens an: "David Lynch will
Sie sehen." Das war zu plötzlich, ich hatte Termine,
musste sagen: "Ich kann nicht, ich komme morgen."
Am nächsten Tag fuhr ich hin, und hatte auf dem Weg einen
Autounfall, weil ich so aufgeregt war. Ich kam am ganzen Leib
zitternd in seinem Studio an. Als ich das dann der Assistentin
erzählte, lachte sie und antwortete: Wissen Sie, in der
ersten Szene hat Ihre Figur einen Autounfall. Von da an hatte
ich ein sehr gutes Gefühl. Es war wie ein Omen. Als Lynch
und ich uns kurz darauf das erste Mal sahen - ich war völlig
ungeschminkt -, schaute er mich an, und sagte: "Gut."
Als ob er hypnotisiert wäre: (haucht) "Gut. Gut.
Gut." Er hat etwas in mir gesehen, was über mein
Aussehen hinausging, eine Vision von mir. Er hat durch mich
diese Leinwandwandfigur erfunden. Lynch ist ein Instinktmensch,
der sich nicht durch Einwände von Studios und anderen
Leuten verunsichern lässt.
Wie ist Lynch als Regisseur?
Er ist ein Künstler, ein "Auteur". Seine
Filme sind europäisch: er lässt sich Zeit. Ein Zuhörer.
Er läßt sich inspirieren: Als er hörte, dass
ich Latein in der Schule hatte und Spanisch kann, fügte
er noch eine kurze Passage in das Drehbuch ein, in der ich
Spanisch sprechen musste. Manche Kritiker hielten diese Szene
später für zentral, aber es war "nur"
ein spontaner Einfall.
Seine Anweisungen waren fast immer metaphorisch. Er sagte
zum Beispiel: "Versuch wie ein kleines Kätzchen
zu laufen" - und ich wusste genau was er wollte: Sanft,
geschmeidig, verführerisch. Das war perfekt. Er sagte
nicht: "Mach auf einen klassischen Hollywood-Glamourstar,
auf Ava Gardner, auch Rita Hayworth." Und seine Kamerabewegungen
sind eigentlich sehr ähnlich: Sanft, geschmeidig. Er
hat etwas Besonderes, Einmaliges. David hat eine Vision, ein
ganz klares Bild vor Augen.
Er ist auch ein großer Frauenregisseur...
Er liebt Schauspieler. Er ist sich ihrer Probleme, ihrer
Aufgaben und der Schwierigkeiten ganz genau bewusst. Lynch
interessiert sich für die Persönlichkeit seiner
Darsteller. Wir haben ausführlich über meine Vergangenheit,
meine Zeit in Indien und über Philosophie gesprochen.
Er will die dunklen Seiten entdecken und für seine Filme
nutzbar machen. Und für Lynch lässt man sich einiges
gefallen, was man für einen Mr. XY nicht täte, läßt
sich wie von einem Vampir aussaugen [lacht] - aber das Ergebnis
ist nicht der Tod, sondern die Ewigkeit, große Kunst.
"Mullholland Drive" ist ein Meisterwerk, brilliant
orchestriert.
Hat Sie die Erfahrung mit David Lynch zu drehen, verändert?
Als Schauspielerin?
Ich denke schon. Ich habe so viel von ihm gelernt. Ich habe
begriffen, dass es im Film um Bilder geht, um Images, Zeichen.
Diese muss man als Filmschauspieler erzeugen - um psychologische
Genauigkeit, charakterlichen Realismus geht es weniger. Als
wir den Unfall drehten, sagte er beispielsweise zu mir: "Geh
wie eine zerbrochene Puppe." Um solche Bilder geht es.
Wenn sie nicht vom Regisseur kommen, muss sie der Darsteller
schaffen. Und nur wenige Regisseure sind so präzise.
Aber als Darstellerin müssen Sie die Bilder auch
verstehen...
Harring: Ja, schon. Aber ich erinnere mich an einen Moment,
als Naomi Watts und ich uns anschauten, und einfach still
waren: "Whow!" Ich wusste nicht was ich sagen sollte,
es kam mir alles dumm vor. Mein Charakter ist ein bisschen
sadomasochistisch. Es war wirklich krank. Aber krank auf eine
gute Weise.
Was haben Sie eigentlich gemacht, bevor Sie Schauspielerin
wurden?
Ich war eine Hippie: Vegetarierin, Peace + Love, ich arbeitete
als Sozialarbeiterin in Indien, und habe dort Bäume gepflanzt.
Aber alles, was ich in meiner Freizeit im Kopf hatte, waren
Filme. Ich bin dort ins Kino gegangen und habe drei Filme
hintereinander gesehen. Dann lebte ich eine Weile auf den
Philippinen. Dort hat man mir angeboten, in Filmen mitzuspielen.
Sind Sie als Darstellerin ein "First-Taker",
eine Frau für die erste Aufnahme, oder brauchen sie
viele Versuche vor der Kamera?
Der dritte ist der magische! Bei der dritten Aufnahme bin
ich meistens am besten. Doch wie viele Aufnahmen man braucht,
hängt ja auch vom Regisseur ab. Kubrick hat, wie es heißt
immer mindestens 12, 15 Aufnahmen gedreht.
Werden Sie wieder mit Lynch arbeiten?
[Lacht] Er schreibt gerade. Und ich habe das gute Gefühl,
dass da eine Brünette mit im Script steht.
Mit Laura Elena Harring sprach Rüdiger
Suchsland
|