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Anfang Dezember gewann Michael Hanekes neuer Film CACHÉ,
einer beklemmenden Studie über Terror und Paranoia, über
die Wiederkehr des Verdrängten, die eine großbürgerliche
Pariser Familie heimsuchen, insgesamt fünf europäische
Filmreise, darunter die Auszeichnung für den "Besten
Film" und die "Beste Regie". Auch beim Festival
von Cannes wurde der Film mit dem Regiepreis ausgezeichnet.
Der 1942 in München geborene Österreicher Michael
Haneke gehört zu den spannendsten Filmregisseuren der
Gegenwart. Mehrfach war er mit seinen Filmen - BENNYS VIDEO,
FUNNY GAMES, CODE: INCONNU, LA PIANISTE - im Wettbewerb von
Cannes vertreten, und gewann jeweils wichtige Preise - die
"Goldene Palme" blieb ihm bisher allerdings versagt.
Hanekes Filme sind psychologische Fallstudien über die
Pathologie der reichen Konsumgesellschaft und bewegen sich
im Bereich des Unbewussten, der Angst und der versteckten
Gewalt.
artechock: Warum sind Sie Filmregisseur geworden?
Haneke: Das frage ich mich auch manchmal. Ich wäre
lieber Pianist geworden, aber leider hat mein Talent nicht
gereicht. Gott sei Dank. Denn ich kenne viele Pianisten, die
mittelmäßig begabt sind. Das ist schrecklich. Natürlich
kann jeder machen, was er will. Es interessiert mich dann
nur nicht.
Warum habe ich, nie Shakespeare oder Tschechow aufgeführt,
obwohl ich 20 Jahre am Theater gearbeitet habe, und beides
für mich das Beste sind, was es in der dramatischen Literatur
gibt? Weil ich mich das nicht getraut habe. Weil ich es unverantwortbar
fand, notwendig so meilenweit hinter dem Autor zurückzubleiben.
Diese permanente Form von Scheitern wollte ich mir nicht antun.
Als Filmemacher fühle ich mich dem Autor Haneke gewachsen.
Das ist eine gute Lösung.
[Ich wollte auch etwas werden, das mir angemessen ist, bei
dem ich mich nicht verbiegen muss.] Wenn Sie selber die Drehbücher
schreiben und sie verfilmen, ist die Chance, eine Identität
zwischen Inhalt und Form zu finden, größer, als
in jeder anderen Kunst.
Wie hat sich Ihr eigener Blick entwickelt? Was ist Ihre
erste Kinoerinnerung?
Haneke: Meine Großmutter hat mich ins Kino mitgenommen
- da war ich vielleicht vier oder fünf Jahre alt. Der
Film war HAMLET von Lawrence Olivier. Am Anfang dieses Films
braust draußen ein heftiger Sturm, die Wogen des Meeres
klatschen an das Schloß, es ist Nacht und alles sehr
dunkel. Ich habe so vor Angst geschrieen, dass meine Großmutter
mit mir nach drei Minuten wieder gehen musste. Ich weiß
nicht genau, ob das meine erste Erinnerung ist, oder ob mir
das meine Großmutter später erzählt hat.
Es gibt den speziellen Haneke-Touch, einen Blick auf die
Dinge und die Verhältnisse. Wie hat sich dieser Blick
entwickelt?
Haneke: Es gibt für mich drei Kinoerfahrungen:
Die erste mit meiner Großmutter, die ich gerade erzählte.
Dann wurde ich als Sechsjähriger - es gab damals so ein
Programm von skandinavischen Ländern für die Kinder
der Kriegsverlierer - zur Erholung drei Monate nach Dänemark
geschickt. Eine Familie nahm mich auf, die waren sehr nett,
aber für einen Sechsjährigen ist es trotzdem der
absolute Horror, so lange von zuhause weg zu sein. Die haben
mich mit ins Kino genommen. Da gab es einen Film, der spielte
in der Savanne, man sah Giraffen, Löwen - es war super.
Aber draußen regnete es. Und ich habe nicht verstanden,
warum ich dann plötzlich nach der schönen Sonne
wieder im Regen stand. Das war die zweite Erfahrung.
Die dritte Erfahrung war ein Film von Tony Richardson. Da
dreht sich plötzlich der Darsteller in die Kamera und
wendet sich an die Zuschauer - ich fiel vom Stuhl, dass man
mir so die Illusion nahm. Ich glaube, wenn man diese drei
Erfahrungen zusammen denkt, dann sagt das was über meine
Position dem Kino gegenüber: Wer das Kino nicht kennt,
hat nicht die Distanz, die für seine Erfahrung nötig
ist. Und die Gefahr der Manipulation ist somit viel größer.
Das ist das Thema. Ich erfahre es immer wieder - selbst bei
meinen Wiener Studenten, die sich immerhin mit Film beschäftigen,
aber doch in einer ganz naiven Weise mit dem Medium umgehen.
Wie ließe sich solche Naivität aufbrechen?
Haneke: Über den Schock. Filme müssen einen
Nerv treffen. Je schmerzhafter die Wunde ist, um so mehr werden
sich die Leute auch dafür und dagegen entscheiden. Und
das ist es schon, was ich als Filmemacher will, denn das ist
auch das, was ich selber will, wenn ich ins Kino gehe.
Der Film, der mich in meinem Leben am meisten weiter gebracht
hat, war seinerzeit SALÓ ODER DIE 120 TAGE VON SODOM
von Pasolini. Der Film hat mich völlig fertig gemacht.
Pasolini zeigte Gewalt als das, was sie wirklich ist: Leiden
der Opfer. Das fand ich unerträglich. Das ist bis heute
der Film, der mich am meisten aus der Bahn geworfen hat. Ich
hab den auch nur einmal gesehen. Zuhause liegt eine DVD, aber
ich habe bis heute nicht gewagt, ihn mir noch mal anzuschauen.
Der hat mich wirklich
Damals habe ich mich ununterbrochen
gefragt: Halte ich das noch aus? Muss ich jetzt kotzen? Ich
war drei Wochen krank nach diesem Film. Der ist ja unerträglich.
Aber der hat mich wirklich über sehr sehr viel nachdenken
lassen.
In einer Gesellschaft wie der unserigen kann man Kino oder
dramatische Kunst im weitesten Sinn nur so machen. Man kann
sie nicht konsensuell machen. Dann ist man dumm. Oder feig,
oder zynisch.
Bei Ihrem Film FUNNY GAMES ist Ihnen ja auch von Teilen
der Kritik vorgeworfen worden, dass Ihr Umgang mit Gewalt
Selbstzweck sei, dass es Ihnen nur um Provokation ginge
Haneke: Ich bin überhaupt kein Provokateur! Da
hat man den Film falsch verstanden. Ich habe immer geglaubt,
das kann man gar nicht so verstehen. Man kann ihn nur als
einen Tritt in die Magengrube verstehen. Und so sollte es
auch sein.
Man sagt ja von mir oft: Das ist ein Provokateur. Aber mit
dem Film wollte ich tatsächlich provozieren. Der Film
sollte eine Ohrfeige sein, eine aufdeckende Ohrfeige. Weil
mich diese Art, wie Gewalt normalerweise im Kino dargestellt
wird, einfach ankotzt. Weil sie immer konsumierbar dargestellt
wird. Und ich wollte sie einmal unkonsumierbar machen. Ich
habe einmal einen zynischen Satz gesagt - der aber stimmt
- weil mich jemand gefragt hat: "Ja wollen Sie denn die
Leute aus dem Kino treiben?" Darauf habe ich geantwortet:
"Schauen Sie: Wer den Film angeschaut hat, der hat ihn
offenbar nötig gehabt. Wer ihn nicht nötig gehabt
hat, ist vorher rausgegangen. Also kommen Sie mir jetzt nicht,
und beklagen sich, dass der Film so grauselig war. Denn offenbar
wollten Sie ihn ja doch sehen, sonst hätten Sie, wenn
er ihnen zu grausig war, ja gehen können."
Aber es kann ja eigentlich nicht ein gewünschter Erfolg
sein, wenn man dann als Zuschauer rausgeht
Haneke: Doch, in einem gewissen Maße. In so
einem Fall schon. Es ist vielleicht kein Erfolg
Aber
das so genannte "normale" Publikum, das emotional
reagiert - warum müssen die sich das anschauen, obwohl
es eigentlich widerlich ist? Nur weil es spannend ist? Ich
will den Zuschauer zu der Frage bringen, warum er nicht raus
geht. Im Hollywood-Mainstream zahlt der Zuschauer dafür
das Geld, dass er seine Aggressionen ausleben kann ohne schlechtes
Gewissen. Das finde ich zynisch. Wir, die wir hier sitzen,
sind dafür überhaupt nicht repräsentativ, denn
wir sind alle Fachidioten. Wir sind professionell interessiert,
an fachlichen Fragen, und das ist eine ganz andere Art der
Rezeption.
Aber Filmkritiker reagieren natürlich auch emotional
Haneke: Ja klar. Ich habe gar kein Problem damit,
dass Leute meine Filme missverstehen. Das liegt in der Natur
der Sache. Es ist ja ein Thema von allen meinen Filmen, dass
Kommunikation eine sehr beschränkte Sache ist.
Sind Sie Zivilisationspessimist?
Haneke: Natürlich.
Warum?
Haneke: Aufgrund von Beobachtung. Da muss ich gar
nicht forschen. Das fällt ins Auge. Ich glaube in der
Tat, dass wir alle versaut sind. Durch eine Form von Realitätswiedergabe
und Illusionierung in den Medien, der wir nicht gewachsen
sind. Und je jünger Menschen sind, um so weniger sind
sie diesen Formen gewachsen. Ich selbst gehöre noch zu
der Generation, die noch ohne Fernsehen aufgewachsen ist.
Als der Fernseher rauskam, hatten wir nicht gleich eins zuhause.
Heute ist das leider ganz anders.
Aber auch die Kindheit erlebt doch eine Evolution. Kinder
haben heute doch schon mit acht, neun Jahren eine klare
Distanz zu Bildern aus Kino und Fernsehen
Haneke: Ich halte die Bedingungen unter denen Kinder
heute aufwachsen, die Fernsehen und Kino vom Babyalter an
inhalieren, in der Tat für eine Gefahr. Weil die Fähigkeit
zur Distanzierung fehlt. Darum polemisiere ich immer wieder
über solche Fragen. Nicht, weil ich die Leute für
deppert halte.
Zugleich arbeiten Sie selbst in Ihren Filmen oft mit Kindern.
Was suchen Sie da? Vielleicht eine verlorene Unschuld? Oder
eher gerade das Gegenteil davon, einen ganz erwachsenen
Sinn für die Wirklichkeit?
Haneke: An eine Unschuld der Kindheit glaube ich nicht.
Ich arbeite gern mit Kindern, weil es mit ihnen lustig ist.
Nur - man muss sie halt finden. Um die Kinderdarsteller für
meine Filme zu finden, habe ich so eine Frau, die spezialisiert
ist auf das Suchen von Laien und Kindern. Die sucht sehr lange,
und schleppt Hunderte von Kindern an, mit Fotos und Tests.
Das ist immer eine mühsame Prozedur. Aber wenn man dann
eines hat, das gut ist, dann ist es ganz leicht. Kinder können
ja nicht lügen. Jedenfalls nicht als Schauspieler. Wenn
sie richtig verstehen und empfinden, was sie spielen sollen,
dann stimmt jeder Satz. Wenn nicht, dann kann man machen,
was man will - es wird nie hinhauen. Insofern ist die Arbeit
leichter, als mit mittelmäßigen Schauspielern.
Gibt es Filmemacher, denen Sie nacheifern, die Sie beeinflusst
haben?
Haneke: Inwieweit ich "beeinflusst" bin,
das müssen die Kritiker feststellen. Ich will es gar
nicht wissen. Da wird man nur steril. Einflüsse, sofern
sie bewusst werden, lähmen einen ja. Es kostet Kraft,
zu vermeiden, dass sie sichtbar werden. Bresson hat einmal
mit einem Stendhal-Zitat geantwortet: Es sind die anderen
Künste, die mich die Kunst des Schreibens gelehrt haben.
So könnte ich es auch sagen. Literatur ist mir am wichtigsten.
Dann kommt die Musik. Aber ich könnte keinen Einfluss
geltend machen.
Die zwei Filmemacher, die mich am meisten beeinflusst haben,
sind sicher Bresson auf der einen Seite, Hitchcock auf der
anderen. Weil beide in ihrem Bereich absolute Meister sind.
Also die Reduktion und die Manipulation?
Haneke: Hitchcock ist ja nur an der Oberfläche
ein Manipulator. Wenn man genau hinschaut, ist er der Analysator
der Manipulation. Einfach so die Leute zu manipulieren, ist
ja leicht.
Aber der Thrill ist bei ihm nur ein Mittel, um die Geschichte
zum Rollen zu bringen. Das gilt auch für meine Filme
FUNNY GAMES oder den neuen Film CACHÉ. Darum gibt es
dort gar keine Lösung am Schluss. "Wer es war",
ist völlig uninteressant.
Ist das eine Absage an das Geschichten erzählen?
Haneke: Nein, ich muss die Geschichte als Vehikel
benutzen, um etwas erzählen zu können. Was ich erreichen
will, ist die Irritation der Zuschauer. Nur eine Irritation
bewirkt wirklich etwas. Man will aus dem Kino nicht so rauskommen,
wie man reingegangen ist - das wäre verlorene Zeit. Aber
Thriller oder andere Genrestoffe interessieren mich überhaupt
nicht. Ich könnte am laufenden Band Thriller drehen.
Wenn man das einmal kann, dann kann man es.
Ihre eigenen Filme bedienen sich auch der Reduktion
Haneke: Ich würde es eher Aussparen nennen. Kinozuschauer
sind durch die irre Geschwindigkeit heutiger Filme dazu verdammt,
nur noch passiv zu reagieren und die Wirklichkeit auf der
Leinwand nur noch in Fragmenten wahrzunehmen. Gucken Sie sich
doch bitte mal diese wahnwitzigen Schnitte in einem 08/15-Hollywood-Film
an! Darum redet man ja von "Zerstreuungskino", weil
die Zuschauer darin zerstreut werden - wahrsten Sinn des Wortes:
In tausend Stücke zerfetzt werden sie von den Eindrücken
in ihrer Fülle. Man muss dem Zuschauer die Zeit zurückgeben,
Zeit, die er braucht, um einen Gedanken zu fassen. Und die
er braucht, um einen Schritt zurück zu gehen, Distanz
einzunehmen und das Ganze zu betrachten. Obwohl ich natürlich
mir bewusst bin, dass die Welt sich uns immer fragmentarisch
darstellt, dass Kommunikation sich immer nur in Fragmenten
ereignet.
Gibt es Einflüsse auf Ihr Werk, die außerhalb
des Films liegen? Sie haben einst am Theater begonnen
Haneke: Theater interessiert mich nicht. Der einzige,
der mich interessiert, ist Tschechow. Das habe ich aber immer
vermieden selbst zu machen, denn das kann man nur machen,
wenn man die absolute Topbesetzung hat.
Sie haben dann lange fürs Fernsehen gearbeitet, und
auch Ihre ersten eigenen Regiearbeiten sind Fernsehfilme
Haneke: Ich war beim Südwestfunk, als Redakteur,
der jüngste Fernsehdramaturg Deutschlands. Das erste,
was ich als Regisseur gemacht habe, hieß "Was kommt
danach?", eine Produktion für das Dritte Programm,
ein Zweipersonenstück. Dann gab es eine ZDF-Produktion,
die ist gottseidank verschwunden - ein völliger Scheißdreck.
Es gibt eine VHS-Casette. Bei all meinen Retrospektiven ist
die nie aufgetaucht. Es war eine Katastrophe, der ganze Film
von A bis Z, ein furchtbar rührseliger Mist. Das mache
ich nie wieder: Etwas machen, von dem ich glaube, dass es
nichts wird. Und Bedingungen zu akzeptieren, die es unmöglich
machen, dass etwas Gutes dabei herauskommt. Dann kam noch
mal der Südwestfunk mit "Drei Wege zum See"
nach Ingeborg Bachmann. Heute interessiert mich Fernsehen
überhaupt nicht. Finanziell ist es nicht interessant,
und man muss das Niveau so weit herunterschrauben.
Damals war es auch schon schlecht, aber es gab noch einzelne
gute Leute. Etwa Peter Beauvais. Das war ein Besessener. Der
hat tolle Fernsehfilme gemacht. Der Beauvais war super. Ein
Vollprofi. Er hat von Schauspielern viel verstanden. Ein Arbeitstier,
ein Worcaholic, der hat zwei, drei Produktionen gleichzeitig
gemacht. Aber er ist heute in Vergessenheit geraten. Das ist
das Schicksal der TV-Regie. Wenn Du tot bist, bist Du tot.
Es gab natürlich Ausnahmen: Peter Lilienthal - ein Genie!
Seine Fernsehfilme waren absolut genial. Ich hab von dem im
Fernsehen Filme gesehen - die waren zum Niederknien gut. Um
Lichtjahre allem anderen, was da zur gleichen Zeit in Deutschland
im Kino passiert ist, voraus. Das ist heute im Fernsehen nicht
mehr möglich. Weil das Fernsehen sich das nicht leisten
kann. Fernsehen muss Quote haben und der Lilienthal war teilweise
natürlich ein Quotenkiller. Aber das war das Spannendste,
was es im Fernsehfilmraum gab.
Noch besser war der Eberhard Fechner mit seiner Biographie
der "Comedian Harmonists" - grandios! So etwas wäre
heute nicht mehr möglich. Das ist einfach nicht mehr
drin. Es geht nicht. Und das ist ein Jammer.
Warum gibt es das heute nicht mehr?
Haneke: Heute sind die Ausnahmen nicht mehr möglich.
Es sind immer nur die Ausnahmen, die zählen. Die Möglichkeit
der Ausnahmen. Ich glaube aber überhaupt nicht, dass
sich irgendetwas beim Fernsehen in den letzten 30 Jahren verbessert
hat. Ich glaube, dass das intellektuelle Durchschnittsniveau
der Drehbücher enorm gesunken ist. Das Fernsehen gleicht
sich immer mehr dem Mainstream-Kino, das von Hollywood diktiert
ist, an, auf einer ganz simplen Ebene. Und das muss es auch.
Sonst kann es in diesem Kontext nicht bestehen. Das ist ja
kein Vorwurf, es ist nur eine Feststellung.
Natürlich: Der Durchschnitt von heute ist genau so ein
Durchschnitt wie ehedem. Aber ehedem waren eben Lilienthal,
Fechner und solche Leute möglich. Und heute sind sie
es nicht mehr. Weil das Fernsehpublikum inzwischen auf eine
bestimmte Art von Niveau programmiert ist. Das ist ja das
Dilemma: Wenn Sie dort etwas machen, was über das Niveau
hinausreicht, verlieren Sie ja den Zuschauer, Sie gewinnen
ja keine. Es ist das Gesamtsystem, das diesen Effekt hat.
Sie sind ein Regisseur des Schreckens, des Horrors, der
sich im Alltäglichen verbirgt. Wie weit ist Ihr Werk
von Edgar Allen Poe und von Franz Kafka über den Sie
ja mal einen Film gedreht haben, mitbeeinflusst?
Haneke: Ich muss Ihnen sagen, ich kenne Poe überhaupt
nicht. Das hat mich auch nie interessiert. Ich habe öfter
versucht, was zu lesen, aber es hat mich gelangweilt. Kafka
ist für mich ganz was anderes. Kafka ist eine der Säulen
der Moderne. Ich habe "Das Schloß" verfilmt.
Kommen wir auf Ihren neuen Film CACHÉ: Er handelt
von einer Familie in Auflösung. Das Werkzeug dieser
Auflösung ist ein Videofilm. Man weiß nicht recht,
was er eigentlich zeigt, aber er scheint eine versteckte
"höhere Wahrheit" zu befördern. Sie
selbst betonen immer wieder, dass Film ein Mittel der Manipulation
und der Lüge ist, nicht der Wahrheit.
Haneke: Meine Filme fragen natürlich danach,
was Wahrheit in den Medien und besonders im Kino überhaupt
bedeuten kann. Als Filmemacher kann ich nur nach Wahrhaftigkeit
fragen. Ich bezweifle, dass ein Zuschauer durch das Betrachten
eines Films der Wahrheit näher kommt. Ein Film ist 24
mal Lüge pro Sekunde. Vielleicht dienen diese Lügen
einer höheren Wahrheit, aber längst nicht immer.
Das gilt natürlich auch für meine eigenen Filme.
CODE: INCONNU ist von allen meinen Filmen noch derjenige,
von dem am wenigsten erfunden ist.
Mein Umgang mit den Bildern will genau diese Frage aufwerfen:
Inwieweit man den Bildern über den Weg trauen kann. Man
kann es nicht - weder dem, was man sieht, noch dem, was vermeintlich
dahinter steckt, kann man wirklich trauen. Natürlich
muss man dazu auch den Zuschauer hart angehen, ihm etwas zumuten.
Der Film hat offenbar einen Nerv getroffen, der wichtig ist.
Und den kann man nur auf eine zerspaltete, zumutende Weise
treffen. Das ist natürlich ein Gegenprojekt zu aller
Hollywood-Ästhetik.
Ihre Figuren sind diesmal wieder - im Gegensatz zu Ihrem
vorherigen Film WOLFZEIT - wohlsituierte Bürger.
Haneke: Meine Filme wenden sich natürlich an
die Zuschauer der reichen Länder Europas. Das ist eine
ungemein verwöhnte Gesellschaft, die andere Gebiete der
Erde ausnutzt. Und die nicht teilen möchte. Diese verwöhnte
Gesellschaft erlebt nun eine Katastrophe - in einem privaten
Raum ereilt sch der Schrecken. Natürlich nicht so, wie
in einem Hollywood-Film. Hollywood entwirklicht den Schrecken
und Gewalt immer.
Jenseits solcher Themen - die Wahrheit in den Bildern
- die in allen Ihren Filmen präsent sind, geht es diesmal
auch um etwas anderes: den Umgang mit einer verdrängten
Vergangenheit, gut freudianisch (und wienerisch): die Wiederkehr
des Verdrängten. Der Titel spielt darauf an: CACHÉ,
"Verborgen", ist nicht nur der geheimnisvoll Beobachter,
der die Hauptfigur belauert und terrorisiert, versteckt
ist auch eine zentrale Episode aus seiner Vergangenheit
Haneke: Das gibt es in allen Ländern. In jedem
Land ist es anders, weil das Verdrängte eine andere Gestalt
hat. Persönlich betrifft mich natürlich die Reaktion
in meiner Heimat Österreich am meisten. Aber in allen
Ländern kommt das vor. Natürlich ist Verdrängung
schlecht. Das ist meiner Ansicht nach ein gefährlicher
Trend - dagegen wollte ich angehen.
Und dazu muss ich eine normale, aber offenkundig in Wohlstand
und Bildung lebende Familie nehmen, und ihr die Sicherheit
rauben. Nur so geht das auch für die Zuschauer. Und dass
ist ja die Aufgabe von Kino: Nicht Zerstreuung, sondern das
Nehmen der Sicherheiten. Die Zuschauer sollen sich infrage
stellen. Darum zeige ich Figuren, die sich infrage stellen
- als Stellvertreter des Publikums sozusagen. Aber glauben
Sie jetzt nicht, ich wüsste immer die Antwort. Ich weiß
vielleicht eine Frage. Und ich finde es viel produktiver,
dem Publikum Fragen mitzugeben, als Antworten.
Was werden Sie als nächstes tun?
Haneke: Keinen Film. Ich erhole mich mal. Der Druck
ist für mich immer größer. Bei jedem Film
erwartet man, dass er immer besser wird, als der vorherige.
Ich mache jetzt als nächstes eine Oper. Auf meine alten
Tage kann ich mir das noch gönnen. Ich bin ein großer
Musik-Fan. Und weil 2006 Mozart-Jahr ist, und Mozart-Opern
für mich das Non-plus-ultra sind, inszeniere ich in Paris
den "Don Giovanni" - ich wollte immer "Cosi
fan tutte" machen. Das macht aber der Chereau jetzt.
Ich habe 20 Jahre am Theater gearbeitet, aber ich war immer
an Häusern, die keinen Opern-Teil hatten. Dadurch hat
sich das nie ergeben. Aber es macht mir natürlich Spaß
- ich habe schon fürchterliches Bauchweh. Die Oper ist
ja im Prinzip viel näher am Kino dran, als das Theater.
Ein guter Theaterregisseur ist ja ein Reagierer. Im Film ist
es ganz anders. In der Oper haben sie noch ein strengeres
Konzept. In der Zeit, in der die Musik von A nach B kommt,
muss auch die Szene von A nach B. Das heißt, es ist
eine Frage kompletter Planung.
Das Pariser Opernpublikum ist ja genauso reaktionär wie
das Wiener. Aber wenn Gerard Mortier mich für eine Inszenierung
anfragt, weiß er ja, dass er nicht die 365te Inszenierung
in Pumphosen bekommt.
Mit dem Regisseur sprach Rüdiger
Suchsland.
(Das Interview wurde in Köln am 16. Juni 2005 geführt
- aus Anlass der bevorstehenden Deutschlandpremiere des in
Deutschland geförderten Films beim NRW-Filmkongreß
- vielen Dank an Katharina Blum und die Filmstiftung NRW für
Vermittlung)
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