artechock: Was inspirierte Sie zu LOST IN TRANSLATION?
Coppola: Der wichtigste Auslöser war die Zeit,
die ich selbst in Tokio verbracht habe. Ich war da nach dem
College in meinen frühen 20ern mehrmals. Nicht immer
habe ich so luxuriös gewohnt, aber zweimal war ich auch
im Park Hyatt. Die Art wie die Stadt funktioniert, sich anfühlt,
hat mich sehr beeindruckt, das sonderbare Gefühl, dort
ein Fremder zu sein. Es ist anders, als irgendwo sonst. Einzigartig.
Und auch wenn man mehrmals dort war, ändert sich das
nicht. Darum wollte ich über diese Stadt eine romantische
Geschichte erzählen.
Eine Liebesgeschichte, in gewissem Sinn...
Ja, eine altmodische Liebesgeschichte. Keine "Affäre".
Erfahrungen und Atmosphären, Gefühle sind wichtiger
als Ereignisse?
Absolut. Es passiert ja nicht viel in dem Film. Das Wichtige
sind die Details, die Szenen der Darsteller. Und diese Art
Beziehung zwischen völlig platonischer Freundschaft und
Liebesaffäre, die da gezeigt wird, ist ja nicht selten.
Man sieht sich kurz, verbringt sehr viel Zeit miteinander,
alles ist ganz intensiv, und dann trifft man sich nie wieder
im Leben. Aber die Erinnerung an diese Zeit begleitet einen
lange. Das geschieht doch oft im Leben, oder?
Es gibt Menschen, die behaupten, das Mädchen Charlotte,
sei Ihnen recht ähnlich...
Oh ja, ich weiß: Das wollen manche Leute sagen. Aber
ich identifiziere mich eigentlich mehr mit der Bill Murray-Figur.
Ich schreibe über das, was ich denke, daher sind mir
alle Figuren nahe. Natürlich gibt es ein paar Züge
von Charlotte, die mir ähnlich sind. Vor allem diese
Idee, Anfang 20 zu sein, und nicht zu wissen, was man mit
seinem Leben anfangen will. Aber ich habe auch andere Seiten.
Was ist Ihre Bill Murray-Seite?
Er ist meine männliche Seite. [Lacht] Ich verehre ihn
total. Als ich das Script schrieb, hatte ich Murray im Kopf.
Ich habe ihm Teile vom Script geschickt. Es war trotzdem nicht
ganz einfach, ihn für den Film zu gewinnen. Es hat ein
halbes Jahr gedauert, persönlichen Kontakt zu bekommen.
Über einen Freund kam es schließlich zu einer Verabredung
zum Abendessen.
Jet Lag, Müdigkeit und Nacht beherrschen die Stimmung
des Films. Ihre Figuren erinnern an Schlafwandler, die sich
durch Tokio und die japanische Popkultur bewegen. Wie arbeiten
Sie, um diese Atmosphäre zu schaffen?
Es gibt dieses Element tatsächlich. Wenn man in Tokio
ist, hat man viel Jet Lag. Man fühlt sich immer müde
und desorientiert. Und wir haben den Film in chronologischer
Abfolge gedreht, das war sehr hilfreich. Die Darsteller lernten
sich erst während des Drehs besser kennen gelernt. Wir
haben gemeinsam viel improvisiert. Diese Nacht in dem Karaoke-Lokal
war echt. Die Japaner im Film sind Freunde von mir. Das war
alles ziemlich genau wie im Film. Es hilft, eine Situation
zu erzeugen, die so nahe wie möglich an der des Films
dran ist. Unsere Erfahrung war ähnlich zu der der Geschichte.
Es gibt so viele fremde Farben, Licht, Dinge, Musik - die
Dinge sind so anders dort. Die Musik des Films später
dann auf die Bilder zu schneiden, war eine meiner Lieblingstätigkeiten.
Die Musik kreiert diese Atmosphäre gemeinsam mit dem
Look des Films, der Kamera.
Manchmal erinnern auch die Bilder von LOST IN TRANSLATION
an japanische Filme. Manche Einstellungen, und Ihre Art,
Farben einzusetzen, der pastellige Look des Films wirken
in gewisser Weise japanisch. Haben sie ein besonderes Verhältnis
zum japanischen Kino?
Eigentlich nicht. Ich bin kein Kenner. Natürlich kenne
ich ein paar Filme. Vor allem an Ozu's TOKIO STORY erinnere
ich mich. Den habe ich mir angesehen, als ich an meinem ersten
Spielfilm THE VIRGIN SUICIDES gearbeitet habe. Aber ich bin
eher ein Fan des französischen und italienischen Kinos.
Damit bin ich ganz gut vertraut. Und das war auch für
LOST IN TRANSLATION wichtig. Darum gibt es auch diesen kurzen
Moment aus Fellinis LA DOLCE VITA der im Film auftaucht. Das
ist mir allerdings wirklich passiert: Als ich in Tokio war,
hab ich einmal Marcello Mastroianni mit japanischen Untertiteln
gesehen...
Wie gehen Sie damit um, Tochter eines so weltberühmten
Vaters zu sein?
Es ist nicht so schlimm, wie manche offenbar glauben. Natürlich
bringt mein Name auch Vorteile, öffnet viele Türen.
Zugleich bin ich es dadurch immer gewohnt gewesen, unterschätzt
zu werden, gerade als Filmregisseurin. Das ist für den
Anfang keine unangenehme Position, denn die Leute sind dann
immer positiv überrascht, wenn man s. Ich denke, ich
mache dann - gegenüber Produzenten, Schauspielern, Technikern
am Set - schon klar, wer ich bin und was ich will, und ich
bekomme es dann meistens auch.
Sie arbeiten mit Ihrem Vater auch direkt zusammen; er
ist einer der Produzenten von LOST IN TRANSLATION. Ist er
nicht sehr dominant?
Nein. Er hat Vertrauen und lässt mich machen. Es war
eine sehr gute Zusammenarbeit. Allerdings möchte ich
ihn nicht gerne am Set haben, denn tatsächlich neigt
er dann dazu, zu allem und jedem seinen Kommentar abzugeben.
Bei THE VIRGIN SUICIDES hat er mich einmal am Set besucht,
und dann gemeint: Du solltest 'Action' lauter sagen. Und ich
dachte: "O.K., Du kannst jetzt wieder gehen." Wir
sind in unserer Art, mit Problemen umzugehen, sehr verschieden.
Wie kam es überhaupt, dass Sie Regisseurin wurden?
Ich lasse mich nicht gern herumkommandieren. Darum wollte
ich schon vor DER PATE III nie Schauspielerin werden. Regisseurin
zu sein, das ist eine der wenigen Möglichkeiten, einfach
einmal tun zu können, was man will, zu bestimmen, wie
die Welt um einen herum sein soll. Und es funktioniert. Ich
liebe das. Und außerdem verbindet es so viele andere
Dinge, die ich liebe: Photographie, Design und Musik.
Für die Endfassung haben Sie den Schluss ihres eigenen
Drehbuches geändert: Die Worte, die Bill Murray zu
Scarlett Johannson sagt, können wir Zuschauer nicht
verstehen...
Ja. Ich habe das am Drehtag selbst geändert. Im Script
standen seine Abschiedsworte drin. Aber warum diese Eindeutigkeit?
|