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Die Zahl seiner Filme beläuft sich auf über 70. Auch
DIE FARBE DER LÜGE, ab heute im Kino, ist ein typischer Chabrol:
Ein Krimi der dem bourgoisen Milieu den Spiegel vorhält, ihre
eigenen Lügen dechiffriert, in dem subjektive Unschuld und
objektive Schuld sich vermischen. Mit Claude Chabrol sprach Rüdiger Suchsland
während der letzten Berlinale.
Artechock: In vielen Ihrer Filme kommen
Detektive vor. Was bedeutet diese Figur für Sie? Ein Aufklärer,
ein Priester der Wahrheit?
Chabrol: Zunächst einmal ist bei der Detektiv-Figur die
Funktion immer stärker als die Persönlichkeit. Es gibt da einen
gewissen Konflikt zwischen beidem. Die Persönlichkeit sollte
normalerweise nicht allzusehr in den Vordergrund treten. Ich selbst
bemühe mich allerdings, meine Detektive trotz allen funktionalen
Erfordernissen keinesfalls zu einer Karikatur werden zu lassen. Sie
sollten beispielsweise nicht zu alt sein, sollten sich nicht dem
annähren, was man in älteren englischen Detektiv-Stories –aus den
20er, 30er Jahren- oder in Belgien findet: alte Typen mit großem
Schnurrbart und dem ganzen Zeug – das sind Karikaturen. Ich
versuche demgegenüber noch etwas Raum für Persönliches zu lassen.
In "La coer du mensonge" gibt es eigentlich einen Widerspruch
zwischen dem Charakter des Mädchens und ihrem Beruf.
Mir scheint, daß der Film sehr stark an
der Opposition zwischen Landschaftsmalerei und Portraits
orientiert ist. Auch formal. Wie weit hat das ihre Mis-en-scene
auch betroffen?
Ich versuche zwischen beidem hin und her zu wechseln. Die
Personen –also auch die Portraits- werden in dem Film immer
wichtiger. Irgendwann hat die Umgebung in diesem Film überhaupt
keine Bedeutung mehr. Sie ist dem Zuschauer dann schon bekannt, hat
keine Umgebung mehr. Zum Beispiel bei der Fahrt auf dem Boot: Da
sieht man das Wasser nur 10 etwa Sekunden.
In Ihren Filmen tritt die Handlung immer
mehr in den Hintergrund, Personen und Charaktere werden dagegen
immer wichtiger.
Ich habe in meinen Filmen die Handlungen noch nie besonders
interessant gefunden. Ich habe auch nie nach irgendwelchen
besonders aufregenden Geschichten gesucht. Was Handlung angeht, ist
es wie mit der Landschaft: Sie hilft uns, die Charaktere besser zu
verstehen. Um an Simenon zu erinnern: Die Story entstand bei
ihm aus den Personen und nicht umgekehrt. Nichts entsteht aus der
Notwendigkeit der Handlungen.
Aber ein Film wie "Die Fantome des
Hutmachers" scheint doch eine viel 'spannendere' Handlung zu
besitzen. Ist nicht diese Handlungsreduktion auch ein Stilmittel
Ihrer späten Filme?
Das ist ein tromp l'oeuil, eine Sinnestäuschung. [LACHT] Ich
habe nicht den Eindruck, daß in "Die Fantome des Hutmachers" viel
passiert. Aber trotzdem, wenn das Ihr Eindruck ist...
Können Sie sich denn einen finalen Punkt
vorstellen? Wird diese Reduktion immer weitergetrieben?
Ja, ich denke im Hinblick aufs Kino ist es in jedem Fall
richtig, sich von dem vorherrschenden Modell, dem Actionfilm,
wegzubewegen. Actionfilme sind nicht schlecht. Aber das Drama des
Actionfilm ist, daß er so schnell ist, daß die Leute dabei nicht
zum Denken kommen. Das sollten sie aber im Kino tun. [LACHT]
Wollten Sie mit diesem Film einmal etwas
ganz anderes machen?
Ich weiß, ja, man muß immer aufpassen, das man nicht zu
routiniert wird, und sollte immer wieder 'mal etwas riskieren. Es
ist keine gute Lösung, wenn man zu Dreharbeiten genauso fährt, als
ob es ins Büro ginge. Aber gleichzeitig weiß ich auch, daß ich
eine leichte Tendenz habe, immer die gleichen Themen zu nehmen. Ich
mache eben das, was mich besonders interessiert. Wie ein Fisch im
Wasser.
Ihr Film hat etwas sehr Selbstreflexives.
Sie sprechen von Kunst, Licht, Arten der Darstellung, der
Repräsentation. Ist Ihnen Wie wichtig ist Ihnen das?
Wenn man sich einen Maler zur Hauptfigur macht, dann muß man
natürlich über solche Dinge nachdenken. Zudem unsere
zeitgenössische Realität von einer gewissen Tyrannei der Bilder
geprägt ist. Natürlich macht es Spaß, einmal über Farben
nachzudenken, und das Leben eines Künstlers zu beschreiben.
Ihr Kino hat schon immer viel mit dem
Thema Wahrheit und Lüge und beider Verhältnis zu tun, dieser Film
ganz speziell. Denken Sie, daß im Kino überhaupt Wahrheit
stattfinden kann? Gibt es wahre Bilder und wahre Geschichten?
Oder ist das eine falsche Frage?
Das hängt davon ab, ob man Bilder für wahr hält. Wenn sie
wahr sind, eine Rekonstruktion reeler Eindrücke sind, die in
irgendeiner Beziehung zu dem stehen, was man kennt, woran man sich
erinnert, gut, dann kann man sagen: Da ist Wahrheit. Aber das ist
trotzdem nicht die gleiche Wahrheit, wie die der Dinge selbst.
Das ist ein echtes Problem. Zum Beispiel damals in Rumänien
–Temesvar- da hat nichts gestimmt. Wenn man Wahrheit will, dann muß
man alles zeigen: Die Körper, den Typ, der das gemacht hat, und so
weiter... Aber auch dann wäre es eine rekonstruierte Wahrheit.
Ich hatte das deswegen gefragt, weil es ja
im Kino immer wieder Ansätze gibt, gegen die ganzen Täuschungen
eine Wahrheit entgegenzusetzen – in der Geschichte, aber jetzt
auch in den letzten Jahren: Dogma95. Mich interessiert, was sie
darüber denken. Kann es gelingen, auf diese Weise Wahrheit ins
Kino zu bringen?
Also ich mag das Wort "Dogma" ganz und gar nicht. Darüber
kann ich nur lachen. Aber es stimmt, diese Idee ist ganz gut.
Allein schon aus Werbegründen ist das formidabel. Und das Kino kann
davon nur profitieren. Aber die Gründe sind natürlich
wirtschaftliche: Wie stellt man billige Filme her? Im Übrigen
halten die sich an ihre eigenen Regeln nicht. Sie beleuchten doch
künstlich, und bald werden sie auch mit der Handkamera aufhören.
Was "Festen" angeht, finde ich die ersten 20 Minuten sehr
penibel, das hat etwas Illustratives. Danach ist der Film sehr
schön. Aber ich möchte ein neues Dogma aufstellen: Keine
Schnurrbärte!
Wenn ich Ihren Film richtig verstehe, dann
zeigen sie uns die Lüge, aber verurteilen sie nur bedingt. Ab wann
ist eine Lüge so schlimm, daß man sie verurteilen muß?
Ja, diese Frage habe ich mir selbst gestellt: Ab wann ist
eine Lüge ein Verbrechen? Ich will es mal so sagen: Im
Allgemeinen kann ich das nicht beantworten. Aber in diesem Fall
doch: In dem Moment, wo die Lüge im Geist eines Menschen eine
Deformation der Wirklichkeit produziert. Die ihn unfähig macht,
sich in der Totalität der Welt zu orientieren. Es steht schon
schlimm genug mit der heutigen Gesellschaft. Sie produziert genug
Desorientierung. Aber wenn ein Mensch gar nicht mehr zurückfindet
in die Wahrheit, wenn er sein Gleichgewicht verliert. Dann wird es
sehr ernst. Aber die Verwirrung fängt schon ziemlich früh an:
Wenn man an den Weihnachtmann glaubt, der Dinge versteckt, und
irgendwann entdeckt, das sich alles ganz anders verhält – da gerät
das Gleichgewicht schon aus den Fugen.
Welche Rolle spielt für Sie die Musik in
ihren Filmen?
Wenn ich mir alte Filme anschaue, auch die, die sonst formal
sehr modern sind, dann bin ich immer erstaunt, daß da viel zu viel
Musik ist. Die verstärkt alles nur unnötig. Sie wiederholt
immerfort, was man schon auf der Leinwand sieht. Man hat schon
längst alles kapiert, trotzdem geht es weiter. Das finde ich
lächerlich. Außerdem bin ich überzeugt, daß der Synchronismus in
der Musik etwas sehr Gefährliches. Mit meiner Art
sarkastischerer Musik erlaubt man dem Zuschauer, sich etwas Distanz
zu wahren. Um sich auf gewisse Art seine Fähigkeit zur Analyse zu
bewahren. Manchmal setze ich Musik aber auch ein, um den
dramatischen Aspekt zu verstärken: Es gibt einen Moment in meinem
neuen Film, eine Abschiedsszene am Bahnhof, der Mann geht, und
sieht ein junges Mädchen, und da kommt ein Zirkus-Thema von Kurt
Weill. Das schafft einen wilden Moment, man hat den Eindruck, der
Typ könnte sich jeden Moment auf das Mädchen stürzen.
Dem Wettbewerb müssen Sie sich weniger
stellen, als die jungen Dänen. Aber aus welchen Beweggründen
machen Sie Ihre Filme? Woody Allen erklärt, er habe zu Hause
immer 30, 40 Geschichten liegen. wie viele liegen bei Ihnen?
[LACHT] Also ich habe keine 30, Woody ist ein guter Lügner.
er hat vermutlich 10, wie alle anderen. Wer gewohnt ist, oft zu
drehen, der hat natürlich eine Art Schublade. Aber wenn 6 Monate
vorbei sind, dann ist es plötzlich zu spät. Mein nächster Film
wird im Übrigen auch sehr billig, der spielt nämlich –ich spreche
eigentlich nicht dadrüber, aber die Hauptidee verrate ich- in einem
Schrank, einem geschlossenen Schrank. Er handelt von einem, der
sich darin eingeschlossen hat, und dem man von außen Wasser gibt...
...auch ein Dogma-Film?...
Ja, es ist Trinkwasser. Keine Gewalt! [LACHT]
Vorhin haben Sie erwähnt, daß die
Täuschung in der Gesellschaft überhand nimmt, daß Gesellschaften
dahin tendieren, orientierungslos zu werden. Möchten Sie in Ihren
Film dem entgegensteuern? Neue Orientierung geben?
Ich will ich etwas Furchtbares sagen: Ich bin extrem
glücklich! [LACHT] Letztlich sind die Filme gemacht, damit ich mich
nicht unglücklich fühle. Lügen ist nicht das Schlimmste...
Was ist das Schlimmste?
Das Schlimmste ist, wenn man aufgibt.
Waren Sie je an dem Punkt, aufgeben zu
wollen?
Nein. Nein, nein, aber ich wollte schon mal alles
verbrennen.
Wenn Sie eben sagten, daß Sie extrem
glücklich seien, liegt das auch daran, daß sie Filme machen, in
denen oft sehr triste, unglückliche Geschichten erzählt werden,
mit viel Gewalt? Ist das auch eine Art von Selbsttherapie?
Ja, ja. Das ist ganz einfach. Die düsteren Geschichten
reflektieren nur, was ich nicht bin. Meine Filme sind die am
wenigsten autobiographischen der Filmgeschichte. Denn meine
Geschichte ist zwar für mich selbst göttlich, aber für andere
absolut uninteressant.
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