17.02.2000
50. Berlinale 2000

»Ich bin eine verdammt konfuse Person«

Paul Thomas Anderson
Paul Thomas Anderson

Regisseur Paul T. Anderson im Interview

Seit Boogie Nights wird Paul Thomas Anderson als das neue Regie-Wunder­kind Amerikas gefeiert. Sein mit großer Spannung erwar­teter neuer Film Magnolia lief gerade im Wett­be­werb der Berlinale. In Berlin sprach Rüdiger Suchsland mit Anderson über seine eigenen Konfu­sionen und Erfolge, über Filme im Allge­meinen und Magnolia im Beson­deren.

artechock: Was inter­es­siert Sie so am episo­dischen Erzählen?

Paul Thomas Anderson: Ich denke, nein, ich weiß: es liegt daran, dass ich so viele Schau­spieler kenne. Ursprüng­lich wollte ich nur von einen einzigen Typ erzählen, der aus einem Aufzug kommt. Und William H. Macy sollte den spielen. Und dann gab es einen zweiten, für den gewann ich Tom Cruise. Und allmäh­lich fügten sich die Stücke der Geschichte zu einem immer größeren Mosaik zusammen. Dazu kam, dass ich die Chance hatte, mehr zu machen, als nur einen kleinen Film. Nach Boogie Nights war ich in der Position, alles machen zu können, was ich wollte. Und diese Geschichte ist etwas, das man unter normalen Umständen eigent­lich kaum machen kann – zu aufwendig, zu anspruchs­voll. Ich fand, ich müsse das Privileg, etwas wagen zu dürfen auch nutzen. Ich möchte in 20 Jahren zurück­schauen können, und sagen: Ok, damals habe ich das gemacht, was ich machen konnte, nicht irgend­etwas Durch­schnitt­li­ches. Damals ließ ich mir diesen verdammten Film vom Studio bezahlen.

artechock: Denken Sie bereits in histo­ri­schen Dimen­sionen?

Anderson: Ja, tue ich tatsäch­lich. Das soll jetzt nicht arrogant klingen, ich möchte bitte nicht so miss­ver­standen werden, als ob es jetzt um mein eigenes Ego ginge, das in den nächsten Jahr­zehnten noch ganz viele tolle Filme machen wird.
Nein: ich denke einfach viel über das Älter­werden nach. Und ich möchte, wenn ich 'mal zurück­schaue nicht so auf dem Bett liegen, wie Jason Robards in meinem Film und fragen: „Was zum Teufel hab ich da getan??“
Ich denke wirklich so: Ich will ein guter Mensch sein, ich will etwas aus meinem Leben machen, und sagen können, ich hab' was wirklich Groß­ar­tiges gemacht.

artechock: In ihrem Film gibt es ja auch viele selbst­re­fle­xive Elemente. Machen Sie auch Filme übers Filme­ma­chen?

Anderson: Ja, ich glaube schon. Ich kann gar nicht anders. Natürlich habe ich ein wahres Leben neben meinem Beruf. Aber ich bin schon so aufge­wachsen: Filme angucken, Filme machen. Das liegt mir im Blut. Das kann ich gar abschüt­teln. Es sei denn, indem ich Filme mache. Darum ist Magnolia ein sehr persön­li­cher Film. Ein Film über Filme. Ich weiß, das hört sich jetzt schon wieder wie eine Filmszene an.
Aber da geht es natürlich schon los: Es passiert einem etwas im Leben, und man sagt: Das ist ja wie im Film. Aber woher wissen wir, dass dies jetzt wie im Film ist? Aus Filmen. Das ist schon ziemlich krank ...

artechock: Magnolia erscheint unter anderem auch wie ein bizarres Echo auf Robert Altmans Short Cuts...

Anderson: Der Film hat damit gar nichts zu tun. Hier handelt es sich ja um die Referenz auf einen ganz bestimmten anderen Film. Nicht um Film im Allge­meinen, was ich gerade meinte.
Ich glaube nicht, das Magnolia die kleine Schwester von Short Cuts ist. Short Cuts ist ein groß­ar­tiger Film, den ich sehr schätze. Aber als ich Magnolia drehte, habe ich kein einziges Mal an Short Cuts gedacht, noch an Boogie Nights. Wirklich nicht! Nun sehe ich den fertigen Film und muss erkennen: Ok, es liegt offenbar in meinen Genen, Geschichte auf eine bestimmte Weise zu erzählen.
Es ist auch inter­es­sant, man fragt mich so oft nach anderen Einflüssen, weil ich noch jung bin. Und hinzu kommt, dass ich natürlich einer bestimmten Gene­ra­tion angehöre, die stark von – zum Beispiel – Altman beein­flußt ist. Ich glaube nicht, wenn Altman hier wäre, dass Sie ihn über Renoir ausfragen würden. Aber natürlich erkennt man Inspi­ra­tionen.

artechock: Sie sprechen von Ihren Genen. Glauben Sie denn an so etwas wie Schicksal oder Vorbe­stim­mung? Die Charak­tere in Ihrem Film hadern ja zum Teil sehr mit Ihrer Vergan­gen­heit.

Anderson: Oh, jetzt wird es ja ziemlich harter Toback. Ich sage: Da liegt etwas in meinen Genen. Und ich weiß nicht, wie das mit meinem Schicksal zusam­men­hängt. Das stürzt mich in Verwir­rung, denn ich weiß nicht, wie meine Gene mit meinem Schicksal zusam­men­hängen, denn sie machen aus mir, was ich bin. Aber ich beein­flusse mein Schicksal auch selber – das sind so diese völlig über­kom­pli­zierten Ideen. Ich bin eine verdammt konfuse Person, darum mache ich solche konfusen Filme.

artechock: An welchem Punkt während des Dreh­buch­schrei­bens...

Paul Thomas Anderson: Es gab nach Boogie Nights so ein muskulöses Gefühl: Ich konnte tun, was ich wollte. Ich hatte das getan, und konnte jetzt einfach so weiter­ma­chen. Es ist nicht nur so, dass man irgend­eine Geschichte in der Zeitung liest, und denkt: Das ist verfilmbar. Sondern Su selbst kannst diesen Film machen. Du bist es. Und so war es mit diesem Script – was für ein Wahnsinn, mir dafür drei Stunden zu geben!

artechock: Ist es Ihnen nicht schwer gefallen, so viele Stories zu einem derart komplexen Gesamt­ge­webe zu verweben?

Anderson: Nein, ich muss Ihnen sagen: Das fällt mir relativ leicht. Ich habe meine Probleme in anderen Bereichen.

artechock: Wo denn?

Anderson: Oh Jesus! Ich muss mich darin diszi­pli­nieren, nicht über­trieben viel zu schreiben. Ich muss meinen Hochmut zügeln. Der Film ist drei Stunden lang.
Und natürlich waren alle meine bishe­rigen Filme unter kommer­zi­ellen Gesichts­punkten keine Riesen­er­folge. Das nervt mich, das stört mich wirklich. Ich denke darüber nach: Kommu­ni­ziere ich nicht so mit dem Publikum, wie ich sollte? Viel­leicht war ich sehr aufrichtig, und habe alles ganz gut gemacht, dann ist es ein toller Film. Aber ist es wirklich ein toller Film, wenn er kein Massen­pu­blikum erreicht? Denn das will ich schon. Ich will mich dafür nicht verstellen müssen, aber natürlich möchte ich genau derjenige sein, der einen Weg findet, nicht zu lügen, aber trotzdem mit einem Film 200 Millionen Dollar zu machen.
Das wär’s. Ich sehe mir Spielberg-Filme an, und weiß: Das sind Märchen. Ich verstehe was er tut. Und ich mache jetzt einen Film über Krebs und über Frösche – aber viele Zuschauer will ich trotzdem! Ich finde, das ist ein gutes Ziel, und ich sehe es als eine Schwäche von mir an, dass ich das noch nicht geschafft habe.

artechock: Erzählen Sie denn nicht auch Märchen, auf Ihre Art?

Anderson: Nein, das will ich gerade nicht. Aber ich will die Märchen-Resonanz und das Märchen-Geld. Verstehen Sie? Dieser Punkt ist mir sehr wichtig. Ich bin auf eine merk­wür­dige Art enttäuscht. Denn der Film kommt gut an, aber nicht so gut, wie ich es mir wünschte. Aber ich hätte nie so schwer und so lange gear­beitet, wenn ich nicht tief im Innersten denken würde: Alle wolle genau diesen Film sehen, alle werden hinein­gehen, er wird alle Preise gewinnen. Das ist das Ziel am Ende des Regen­bo­gens. Das klingt jetzt sicher merk­würdig für Sie – wie kann der Typ so etwas erwarten?
Es geht mir dabei wirklich nicht um Ruhm oder so etwas. Aber um das Kommu­ni­zieren mit dem Publikum.

artechock: Märchen können ja ein Weg dahin sein?

Anderson: Ja schon, aber das ist einfach nicht mein Stil. Wie ich diese Wünsche verwirk­liche, weiß ich nicht.

artechock: Ihre Motivik ist zum Teil stark religiös beein­flußt, oder direkt der Bibel entlehnt... Sind das nicht auch Märchen?

Anderson: Ja, aber die Frösche, die in meinem Film auftau­chen – was sich wiederum auf die Bibel und das zweite Buch Mose bezieht – sind für mich kein Märchen-Element. Die kommen aus der Realität.

artechock: Wenn Ihnen Massen-Erfolg so wichtig ist, warum drehen Sie dann keine Action-Filme?

Anderson: Das ist ein Action-Film für mich. Schon bei Boogie Nights dachte ich: das wird ein verdammter Block­buster.

artechock: Viel­leicht liegt’s an Ihren Themen. Wer will schon einen Film über die Porno­in­dus­trie sehen, oder über Game-Shows?

Anderson: Ja, ich weiß, genau. Sie können mir auch nicht weiter­helfen...

artechock: Was steht bei Ihnen am Anfang des Arbeits­pro­zesses? Die Musik ist in Ihren Filmen besonders wichtig...

Anderson: Ja, sie gibt des Rhythmus vor, das Beschleu­nigen und Verlang­samen des Films. Die Wahl der Schau­spieler und die Musik sind das Schönste überhaupt am Filme­ma­chen.

artechock: Wenn Sie zu drehen beginnen, haben Sie dann bereits den fertigen Film im Kopf, die Geschichte, die späteren Schnitte? Wieviel Raum bleibt für Spon­ta­nität?

Anderson: Etwa 80 Prozent des Films stehen schon vorher fest. Wenn ich schreibe, habe ich die Orte und Szenerien schon sehr genau vor Augen, Und die Location gibt alles Weitere vor. Ich weiß dann bereits, was möglich ist, welche Aufnahmen ich brauche und wo geschnitten wird.

artechock: Magnolia ist ein sehr persön­li­cher Film, der zugleich allge­meine, philo­so­phi­sche Aussagen wagt. Inwiefern handelt es sich auch um ein Portrait des aktuellen Amerika?

Anderson: Das es sich darum handelt, soll lieber ein anderer sagen, Sie zum Beispiel. Ich möchte nicht die Flagge schwenken und allen erzählen: Hey, hier geht’s um Amerika. Dann hätte ich übrigens auch schnell Ärger: Ein „uname­ri­ka­ni­scher“ Film!
Es geht natürlich da um ganz ameri­ka­ni­sche Dinge: Die blöden Game-Shows, die Art, wie sich die Polizei aufführt. Aber zugleich denke ich beim Filmen nicht an den Rest der Welt. Ich habe auch keinen Zettel mit bestimmten poli­ti­schen Thesen, die ich allen aufs Auge drücken will. Und wenn ich ehrlich bin: Ich habe mit mir selbst, mit meiner Freundin und meiner Familie genug zu tun, die beschäf­tigen mich 90 Prozent des Tages. Die rest­li­chen 10 Prozent gucke ich Nach­richten und denke: Wie schreck­lich! [Lacht]