12.10.2017

QFFM

Bar Bahar
Hat nicht nur im Heimatland für Furore gesorgt: Bar Bahar

Erst zum zweiten Mal findet das QFFM, das queere Film Festival München statt.

Von Felicitas Hübner

„Queer“ stand einst für „seltsam“. Heute bedeutet es bunt und viel­fältig, wenn es um Lebens­ent­würfe, Sexua­litäten, Geschlechts­iden­ti­täten und Bezie­hungs­formen geht. Über­sicht­lich zusam­men­ge­fasst im Akronym LGBTIAQ: Lesben, Schwule (Gays), Bise­xu­elle, Trans­gender, Inter­se­xu­elle, Asexuelle und Queere.
Dem gegenüber steht der „Main­stream“. Die queere Idee kriti­siert am Main­stream das Hete­ro­nor­ma­tive, das konser­vativ binär Geschlecht­liche, das Bilder­buch­fa­mi­lien Orien­tierte und das Zwangs­mo­no­game.

Beispiele, wo Menschen, die aus dem offi­zi­ellen Raster fallen und damit in ihrem Alltag auf Schwie­rig­keiten stoßen, gibt es viele. In den USA gab es vor nicht allzu langer Zeit Toiletten für ausschließ­lich schwarze Menschen. Der Film Hidden Figures – Uner­kannte Heldinnen aus dem Jahr 2016 behandelt (u.a.) dieses Thema. In gewal­tiger Helden­pose schlägt der weiße Mann Kevin Kostner das Schild mit dem Toiletten-Pikto­gramm für coloured people von der Wand.
Eine weitere Toilet­ten­pro­ble­matik in öffent­li­chen Gebäuden besteht für Menschen, die sich weder als Frau noch als Mann sehen wollen. Die rot-rot-grüne Berliner Regierung versprach in ihrem Koali­ti­ons­ver­trag, die Stadt zur Regen­bo­gen­haupt­stadt machen zu wollen und prüft derzeit die Einrich­tung von Uni-Sex-Toiletten für alle Geschlechter. Das Café Regen­bogen der Münchner Aids-Hilfe am Goethe­platz hat sich eine Zwischen­lö­sung geschaffen. An den Eingangs­türen der beiden Toilet­ten­be­reiche hängen Zettel mit Infor­ma­tionen zur Anzahl der Toilet­ten­schüs­seln und Urinale.

Die queere Party­szene in München weist zwar schon eine große Vielfalt an Akteur*innen auf, zum Beispiel Queerthing, Queerkafe, daneben, Get rid, HELGA, QueerSquad. Aber ohne Frage muss mehr getan werden, um allen auch eine poli­ti­sche Stimme zu geben wie den people of color, Lesben, Bise­xu­ellen, Trans*Personen, inter­se­xu­ellen Menschen oder allen, die nicht in ein Zwei-Gender-System passen.

Zurück zum Festival: Vom 12. bis 15. Oktober 2017 findet es also statt, das QFFM. Diesen Herbst zeigt das Festi­val­team an vier Tagen queere Spiel- und Doku­men­tar­filme, disku­tiert mit Gästen darüber, wie queer München wirklich ist und begrüßt die Macher*innen des XPOSED Inter­na­tional Queer Film Festival Berlin, die ihre besten Kurzfilme präsen­tieren. Das Festival findet an verschie­denen kultu­rellen Orten der Stadt statt: HFF München, Minna Thiel (Side­pro­ject des Kultur­pro­jekts Bahn­wärter Thiel), Kino Neues Maxim, Werk­statt­kino und dem Kunst­verein München.

Der Schwer­punkt liegt in diesem Jahr auf der jungen Gene­ra­tion, der GENERATION WHAT. Wie wachsen junge, queere Menschen in Europa, den USA und dem Rest der Welt auf? Wo waren ihre Eltern Wegbe­reiter*innen und wo müssen sie selbst für ihre Rechte kämpfen? Die Begriff­lich­keiten sind viel­fäl­tiger, die Gesell­schaft in einigen Ländern offener und der Umgang mit der eigenen Sexua­lität und Identität bestimmter. Aber ist das Leben auch einfacher geworden? Oder ist gerade diese Komple­xität ein Faktor der Verun­si­che­rung?

Das QFFM zeigt Filme über Menschen, die hungrig sind auf selbst­be­stimmtes Leben, soziale Gerech­tig­keit und eman­zi­pierte Liebe. Dazu Festi­val­lei­terin Sylva Häutle: »Wichtig ist uns eine Awareness der Hier­ar­chien und Privi­le­gien aufgrund von Geschlecht, Ethni­zität, sozialer Schicht, Alter, Ability. Es geht uns um eine grund­le­gende Reflexion der gesell­schaft­li­chen Struk­turen und der zugrun­de­lie­genden Normen. Mit der Auswahl unserer Filme zeigen wir eine Erwei­te­rung von Möglich­keiten, sich selbst zu defi­nieren und zu akzep­tieren. Wir wollen nicht neue Normen anstelle alter schaffen, sondern setzen uns ein für Vielfalt, Akzeptanz und ein nicht-normiertes Leben.«

Eröffnet wird das Festival am Donnerstag Abend mit dem israe­lisch-fran­zö­si­schen Spielfilm Bar Bahar (In Between). Der Film zeigt das Leben dreier junger Paläs­ti­nen­se­rinnen in Tel Aviv, die die Balance zwischen Tradition und Moderne suchen. Ein Thematik, die nicht nur im Heimat­land für Furore gesorgt hat. Eine der Haupt­dar­stel­le­rinnen wird zum Film­ge­spräch anwesend sein. Anschließend gibt es eine Eröff­nungs­party bei Minna Thiel vor der HFF.

Am Freitag liegt der Focus auf den inneren Konflikten und den eigenen Dämon*innen mit denen mensch kämpft. Der Berlinale und Sundance Beitrag God's Own Country ist die einfühl­same Geschichte eines jungen briti­schen Farmers und seines sexuellen und emotio­nalen Erwachens. Der islän­di­sche Spielfilm Hjar­tasteinn (Herzstein) bildet den Tages­ab­schluss mit der bild­ge­wal­tigen Geschichte zweier Freunde, die einen Sommer erleben, der nichts so hinter­lässt wie es vorher war.

Der Samstag bildet den Schwer­punkt der starken Persön­lich­keiten. Es startet mit dem US-ameri­ka­ni­schen Doku­men­tar­film Political Animals. Es ist die packende Geschichte vier kali­for­ni­scher Poli­ti­ke­rinnen, die jahr­zehn­te­lang für die Gleich­stel­lung und soziale Gerech­tig­keit von Lesben und Schwulen kämpfen. Princess Cyd ist eine poetische Fami­li­en­ge­schichte von zwei starken Frauen aus verschie­denen Gene­ra­tionen, die nicht nur vonein­ander lernen, sondern auch das jeweilige „Anders­sein“ respek­tieren. Das italie­ni­sche Spiel­film­debüt Arianna zeigt eine melan­cho­li­sche, fast schon poetische Intersex-Geschichte einer starken Mädchen­figur, einge­bettet in male­ri­schen Sommer­bil­dern. Ein modernes, italie­ni­sches Portrait über die Pubertät und die Defi­ni­tion von Weib­lich­keit.

Am Sonntag macht der japa­ni­sche Spielfilm Close-Knit den Anfang. Der dies­jäh­rige Berlinale Teddy-Award Jury Gewinner ist ein schräges Fami­li­en­por­trait, das durch Fürsorge und Liebe geprägt, die Selbst­ver­s­tänd­lich­keit nicht­nor­ma­tiver Identität zeigt. Hunky Dory zeigt eine queere Vater-Sohn Geschichte zwischen einem erfolg­losen Glam-Rocker und seinem elfjäh­rigen Sohn. Liebevoll, heraus­for­dernd, wunder­schön.

Zu den weitere Veran­stal­tungen des QFFM gehören unter Schwer­punkt REVOLUTION eine Sneak Preview und die Midnight Movie-Kult­nächte im Werk­statt­kino:

Mit der SNEAK PREVIEW im Kino Neues Maxim probieren die Festi­val­ma­cher*innen etwas Neues aus. Sie wollen einen Film zeigen, den das Publikum ohne Erwar­tungen und Bilder im Kopf erlebt, einen Film, der nur für sich selbst spricht. Ganz besonders auch deshalb, weil das QFFM den Film vor seiner offi­zi­ellen Deutsch­land­pre­miere zeigen darf. Er lief bereits auf vielen inter­na­tio­nalen Film­fes­ti­vals, doch in Deutsch­land als Erstes und unter strengster Geheim­hal­tung bei m QFFM.

Ein Revival der legen­dären MIDNIGHT MOVIE-Kult­nächte gibt es wie in den 70ern im Werk­statt­kino. Gezeigt werden Filme, die ihre eigenen Parameter in Sachen Film, Filmin­halt, Ästhetik sowie in der Grenz­zie­hung des Darstell­baren hinter­fragen. Eine anspruchs­volle Heraus­for­de­rung für das Publikum. Das QFFM zeigt den revo­lu­ti­onären, dreis­tün­digen kana­di­schen Spielfilm Ceux qui font les révo­lu­tions à moitié n'ont fait que se creuser un tombeau.

Zum Festi­val­pro­gramm gehört die Podi­ums­dis­kus­sion im Münchner Kunst­verein: „QUEER IN MÜNCHEN!?“
Was heißt es queer in München zu sein? Gibt es ein spezi­elles Münchner Queer-Gefühl? Ist queer hier subversiv oder konser­vativ? Wie umgehen mit Rassismus und anderen Phobien auch in der eigenen Szene? Wer ist diese Szene überhaupt? Und wo soll es hingehen? Welche Utopien können erdacht und gelebt werden? Vier Gäste nähern sich aus ihren jewei­ligen Rich­tungen und Hinter­gründen und disku­tieren gemeinsam.

Die vier Gäste aus Wissen­schaft, Kunst, Jugend­ar­beit und Kultur sind:

Muriel Aich­berger | Kunst-, Medien- und Sozi­al­wis­sen­schaftler, spezia­li­siert auf Männ­lich­keits­for­schung und Queer-Studies

Henri Jakobs | Musiker – TUBBE (tubbe.de) (angefragt)

Pascal Nissing | diversity München – LesBiSchwules und Trans* Jugend­zen­trum

Merle Groneweg | Festi­val­di­rek­torin Xposed Inter­na­tional Queer Film Festival Berlin

Christina Wolf | Mode­ra­tion – PULS (BR)

Das XPOSED Inter­na­tional Queer Film Festival Berlin wird zu Gast im Münchner Kunst­verein sein. Die Macher*innen zeigen ihre besten Kurzfilme der letzten zwölf Jahre.

QFFM, das queere Film Festival München, vom 12. bis 15. Oktober 2017, http://qffm.de; eine Karte kostet 9,50 Euro.

top