24.11.2016

QUEER – die kunterbunte Art zu lieben und zu leben

Who's gonna love me now
Barak und Tomer Heymanns Who's Gonna Love Me Now?

Im April dieses Jahres gab es den Auftakt mit dem QUEER NIGHT STAND, jetzt hat das erste Queer Film Festival München (QFFM) Premiere

Von Felicitas Hübner

Der Begriff QUEER stand mal für pervers, eigen­artig und zwei­fel­haft. Heute ist es sehr viel einfacher, sich neben der offi­zi­ellen Spur zu fühlen und zu gerieren – zumindest in der BRD und ihren Anrainer*innen-Staaten. Gar nicht gut sieht es für die queere community (zum Beispiel) in Russland aus. QUEER meint heute die LGBTI-community und steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Trans, Inter und vermischt damit noch immer sexuelle und Geschlechter-Identit äten.

Die Schreib­weisen für die Geschlechter-Bezeich­nungen mit dem Binnen-I, mit dem gender_gap abbil­denden Unter­strich oder mit dem Gender-Sternchen sind zwar immer noch nicht allen geheuer, doch „Übung macht die Meister*in“.

Zumindest das westliche Europa kommt schritt­chen­weise voran. Im Jahr 2014 gewann Thomas Neuwirth als Kunst­figur Conchita Wurst den Euro­vi­sion Song Contest in Kopen­hagen. Einge­tra­gene Part­ner­schaften und Adop­ti­ons­mög­lich­keiten für homo­se­xu­elle Paare erleich­tern die abseits des Gender-Main­streams leben Wollenden. In Frank­reich wird zwar noch gegen die „Homo-Ehe“ protes­tiert. Doch die herkömm­liche hete­ro­nor­ma­tive monogame Frau-Mann-Ehe ist längst nicht mehr das einzig „Normale“. Das Leben von offenen Bezie­hungen, Poly­amorie, Bezie­hungs­an­ar­chie und einem glück­li­chen Allein­leben sind mögliche und gute Alter­na­tiven. Kinder können mehr als eine Mutter und einen Vater haben und in so genannten Regen­bo­gen­fa­mi­lien aufwachsen. Homo­se­xu­elle Politiker*innen können sich outen und in Haupt­städten Bürger­meister werden. Bise­xua­lität wird zumindest bei Künstler*innen als schick und inter­es­sant machend angesehen.

Um all das und noch viel mehr wird es beim Queer Film Festival München (QFFM) gehen, das am 23. November 2016 beginnt. Es ist das erste seiner Art in München. Im April dieses Jahres gab es den Auftakt mit dem QUEER NIGHT STAND. Das seit 1991 statt­fin­dende Bimovie (http://www.bimovie.de) nennt sich zwar immer noch „Frau­en­film­reihe“, hat sich aber geschlech­ter­po­li­tisch längst erweitert.

Neben einigen cine­as­ti­schen High­lights aus Cannes und Berlin, die das QFFM lange vor dem Kinostart präsen­tiert, werden Filme gezeigt, die auf die große Leinwand gehören, die es aber ohne dieses Festival nicht in die Münchner Kinos geschafft hätten oder nicht die Aufmerk­sam­keit erhalten würden, die diese Filme verdienen. Ein zentraler Beweg­grund für das QFFM ist der aktuellen gesell­schaft­li­chen Entwick­lung geschuldet. Vieles galt vor kurzem als nicht hinter­fragbar. Nun erscheint dieser gesell­schaft­liche Konsens auf einmal viel fragiler und gefähr­deter.
Dieser konser­va­tiven Regres­sion wollen sich die Festi­val­ma­cher*innen entge­gen­stellen. Ihr Festival ist eine Feier der Vielfalt und der Akzeptanz alter­na­tiver Lebens­ent­würfe. Denn gerade in der öffent­li­chen Akzeptanz und Sicht­bar­keit queerer Kultur zeigt sich, wie es mit der Zukunft unserer offenen Gesell­schaft bestellt ist: „But there is so much left to fight for!“, heißt es nicht ohne Grund am Ende von Kiki (Freitag, 25. November, 22:15 Uhr im Eldorado).

Los geht es um halb 8 im City 1 mit Who's Gonna Love Me Now? von Barak und Tomer Heymann. Der Film gewann auf der Berlinale und den Lesbisch Schwulen Filmtagen (LSF) Hamburg den Publi­kums­preis (Mittwoch, 23. November, 19:30 Uhr im City 1 in Anwe­sen­heit des Regis­seurs und Produ­zenten Barak Heymann sowie Donnerstag, 24. November, 18:00 Uhr im Atelier 1).

Viel­fältig und umfang­reich ist das Programm, das Ludwig Sporrer und Sylva Häutle zusam­men­ge­stellt haben. In den Kinos City, Atelier, Neues Maxim, Eldorado und Neues Arena werden acht Filme sowie das Best of Berlin Art Film Festival gezeigt. Im Kunst­verein München in der Gale­rie­straße 4 werden der Film­kri­tiker und Kurator Toby Ashraf und Jan Künemund – ebenfalls Film­kri­tiker – und Medi­en­wis­sen­schaftler in der Diskus­si­ons­runde „GENDERSALON goes QUEER FILM FESTIVAL MÜNCHEN“ aufein­an­der­treffen. Der GenderSalon der LMU beschäf­tigt sich seit vielen Jahren mit queer­fe­mi­nis­ti­schen Themen. Auch in seiner 8. Auflage widmet sich der GenderSalon den Schnitt­stellen von Kunst, (Pop)Kultur, Politik und Wissen­schaft rund um das Thema Gender (Aktuelles Programm). Für die anschließende Party steht das Harry (Garry) Klein in der Sonnen­straße 8 zur fröh­li­chen Verfügung. Im SUB, dem Schwulen Kommu­ni­ka­tions- und Kultur­zen­trum in der Müller­straße 14, wird am Montag, den 28. November, innerhalb von „SPOTLIGHT POSITIV“ der Film PrEP & HIV-Stigma gezeigt. Danach kann mit dem PrEP-Akti­visten und Filme­ma­cher Nicholas Feustel, dem Arzt Ulrich Kasten­bauer sowie dem Psycho­logen Stefan Zippel disku­tiert werden.

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Die Webseite http://www.qffm.de ist wie die queere Gemein­schaft selbst nicht auf den ersten Klick zu durch­schauen. Doch wer sich Mühe gibt, wird reichlich belohnt – Queer Film Festival München vom 23. bis 28. November 2016.

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