08.06.2017

Dokumentationen des Wandels

Jules und Jim
Dieses Jahr gibt es zum ersten Mal auch Dokumentarfilme im Programm: Blank Lands (2015)

Das 5. Chine­si­sche Filmfest München 2017 wurde um Doku­men­tar­filme und Klassiker erweitert

Von Marianne Wagner

Neuzugang im Genre­spek­trum des 5. Chine­si­schen Filmfests München, das vom Konfuzius-Institut München veran­staltet wird: Mit dabei sind nun Doku­men­tar­filme im Rahmen einer Koope­ra­tion mit dem Festival Écrans de Chine (Paris), so dass ein ganzer Tag mit unab­hän­gigen Doku­men­tar­filmen bestritten werden kann. Cotton (棉花, 2015, Mi., 14.06., 15:00 Uhr) von ZHAO Hao setzt sich anhand von Geschichten einzelner Betrof­fener mit der wett­be­werbs­in­ten­siven chine­si­schen Baum­woll­in­dus­trie ausein­ander. A Young Patriot (小年小赵, 2016, Mi., 14.06., 17:00 Uhr) zeigt den Reife­pro­zess eines 19-Jährigen und der zunehmend mit der gesell­schaft­li­chen Realität konfron­tiert wird. Gemein ist beiden Filmen die Frage, wo der Mensch bleibt zwischen alten und neuen Werten in der sich rasant wandelnden Wirt­schafts­na­tion. Auf dem Podium disku­tieren zum Thema »Doku­men­tar­film­pro­duk­tion in China« (Mi., 14.06., 19:00 Uhr, Eintritt frei) die Kuratorin Lena Karbe, Michel Noll, Doku­men­tar­film-Filme­ma­cher, Orga­ni­sator des Inter­na­tio­nalen Doku­men­tar­film­fes­ti­vals Guangzhou und Initiator des Festivals Écrans de Chine sowie ZHAO Jin, Film­kri­tiker, Produzent und Vize­prä­si­dent des Film­kritik-Kanals »DeepFocus«. Der Doku­men­tar­filmtag schließt mit Blank Lands (寻找庄学本, 2015, Mi., 14.06., 20:30 Uhr) über den Foto­grafen und Pionier der visuellen Anthro­po­logie ZHUANG Xuebei und seinen faszi­nie­renden Aufnahmen aus den 1930ern. Sein Sohn, der die Arbeiten und das Tagebuch des Vaters wieder­ent­deckte, erzählt damit ein prägnantes Stück chine­si­sche Kultur­ge­schichte.

Ebenfalls neu dieses Jahr ist das Sonder­pro­gramm mit Klas­si­kern, etwa dem ersten Farbfilm Chinas, New Year Sacrifice (祝福, 1956, Do., 15.06., 16:15 Uhr) oder The Black Cannon Incident (黑炮事件, 1986, Di., 13.06., 20:00 Uhr) über einen Ingenieur und Deutsch-Dolmet­scher nach dem Roman von ZHANG Xianliang und die Verfil­mung der Huangmei-Oper Chuan Deng (2016) sowie Stumm­filme (z. B. The Goddess, 神女, 1934; Di., 13.06, 17:00 Uhr).

Nach wie vor stehen im Zentrum des Film­festes erfolg­reiche chine­si­sche Werke aus den letzten fünf Produk­ti­ons­jahren, umrahmt von Zusatz­ver­an­stal­tungen wie einer Ausstel­lung, Begeg­nungen und Diskus­sionen.
Einzig der Kassen­schlager und inzwi­schen erfolg­reichste chine­si­sche Film aller Zeiten, die roman­ti­sche Fantasy-Komödie mit Umwelt­thema The Mermaid (美人鱼, 2016) von Stephen Chow (bekannt durch Filme wie den Fußball-Martial-Arts-Film Shaolin Soccer, 2001 oder die Action-Komödie Kung Fu Hustle, 2004) wird an zwei verschie­denen Orten gezeigt (Di., 13.06. 20:00 Uhr, Tech­ni­sche Univer­sität, Arciss­traße 21, Hörsaal 1200; im Gasteig Sa., 17.06., 16:00 Uhr). Ansonsten finden seit letztem Jahr alle Veran­stal­tungen beim Partner des Festivals statt, der Münchner Stadt­bi­blio­thek im Gasteig.

Subtiler Doku­men­ta­rist gesell­schaft­li­chen Wandels ist der 2014 verstor­bene Lehrer der »Fünften Gene­ra­tion« chine­si­scher Filme­ma­cher, Altmeister WU Tianming. Bereits in Der König der Masken (1996), entstanden nach seiner Rückkehr nach China, hatte sich WU Tianming mit einer ausster­benden Kunst, dem Masken­wechsel in der Sichuan-Oper, beschäf­tigt. Song of the Phoenix (百鸟朝凤, 2013; Mi., 14.06. 18:00 Uhr oder Fr., 16.06., 16:00 Uhr) fragt, ob Überleben mit Idea­lismus allein möglich ist, konkret mit meis­ter­haftem Spiel auf einem inzwi­schen aus der Mode gekom­menen klas­si­schen chine­si­schen Musik­in­stru­ment. Der Regisseur wurde für diesen Film posthum mit dem Spezi­al­preis beim 29. Golden Rooster Award ausge­zeichnet.

Noch ein Film inspi­riert von Flauberts berühmter Roman­figur? Die Komödie I Am Not Madame Bovary (2016, Do., 15.06. 21:00 Uhr) von FENG Xiaogang (z.B. Hamlet-Adap­ta­tion The Banquet) aller­dings folgt dem Roman I am not PAN Jinlian des Best­seller-Autors LIU Zhenyun und rekur­riert auf eine Figur aus der chine­si­schen Mytho­logie, die zusammen mit dem Geliebten plant, den Ehemann zu töten und als »untreue Frau« schlechthin gilt, kurz: eine »Bovary«. Ehe, Scheidung, Verspre­chen, Vertrau­ens­brüche auch hier, aller­dings versucht die Haupt­figur, gespielt von FAN Bingbing (März 2017 bei den 11th Asian Film Awards beste Schau­spie­lerin) hart­nä­ckig und gar ein Jahrzehnt lang auf recht­li­chem Wege ihren Ruf wieder­her­zu­stellen – anders als Flauberts Prot­ago­nistin, die sich bekannt­lich verzwei­felt mit Arsen selbst ein Ende setzt. Verraten sei nicht, ob in dieser Story die Kämpferin oder die Büro­kratie verblasst.

Das Drama Someone to Talk to (一句顶一万句, 2016; Mo., 12.06., 19:30 Uhr und Do., 15.06., 18:30 Uhr), ebenfalls nach einem Buch von LIU Zhenyun und Regie­debut seiner Tochter LIU Yulin, umkreist die (Un-)Möglich­keit von echter Kommu­ni­ka­tion – in unserem soge­nannten Kommu­ni­ka­ti­ons­zeit­alter. Nach­wuchs­re­gis­seur BI Gan verwebt in einem Drama der (Selbst-)Suche und ersten Spielfilm Kaili Blues (路边野餐, 2015, Fr., 16.06., 21:00 Uhr) Gegenwart, Zukunft und Vergan­gen­heit und hatte damit beim Inter­na­tio­nalen Film­fes­tival in Locarno 2015 bereits Erfolg.

Gleich zwei Filme blicken auf den Japanisch-Chine­si­schen Krieg zurück: Die fürch­ter­liche Hungersnot in der Provinz Henan 1942 ist Thema im Kriegs­drama Back To 1942 (2012, Mi., 14.06., 20:30 Uhr), einem weiteren Film im Festival von FENG Xiaogang. Oscar-Preis­träger Adrien Brody verkör­pert einen mutigen ameri­ka­ni­schen Jour­na­listen, der versucht zu helfen und somit dazu beiträgt, Miss­stände und das Schicksal der Flücht­linge zu doku­men­tieren. Der Thriller The Wasted Times (罗 曼帝克消亡史, 2016, Fr., 16.06., 18:30 Uhr oder Sa., 17.06.2017) ist im kriegs­ge­beu­telten Shanghai der 1930er ange­sie­delt. Liebe, Hass und Betrug – mit Superstar ZHANG Ziyi (The Grand­master, Die Geisha).

Kein chine­si­sches Filmfest ohne Action und Animation: Operation Mekong (湄公河行动, 2016, Do., 15.06.2017, 21:00 Uhr und Sa., 17.06., 20:30 Uhr) von Dante Lam (The Sniper, 2009) ist ein bild­ge­wal­tiger Block­buster, der auf einer wahren Bege­ben­heit, dem »Mekong-Massaker« 2011 im Goldenen Dreieck (Grenz­re­gion Laos/Thailand/Myanmar) beruht. Wer noch nicht 16 ist, geht aller­dings besser in den Anima­ti­ons­film für die ganze Familie, Big Fish & Begonia (大鱼海棠, 2016, Mo., 12.06., 20:30 Uhr und Do., 15.06. 2017, 16:00 Uhr), in dem Delfin-Mädchen Chun, eine Göttin aus der klas­si­schen chine­si­schen Literatur, an ihrem 16. Geburtstag auf die Erde geschickt wird und allerhand »mensch­liche Verwick­lungen« erlebt.

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5. Chine­si­sches Filmfest München – 12. bis 17. Juni 2017 im Gasteig (Carl-Amery-Saal/Black Box), Rosen­heimer Str. 5, 81667 München.

Alle Filme in chine­si­scher Origi­nal­ver­sion mit Unter­ti­teln (dt. oder engl.).
Gesamt­pro­gramm (deutsch und chine­sisch).

Infos beim Veran­stalter Konfuzius-Institut München.

Tickets ab 12. Mai 2017 bei München Ticket

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