20.04.2017

Alexeij Sagerer, Filmemacher

Aumühle
Bei den Dreharbeiten zu Aumühle (Foto: ProT)

Das Münchner Theater-Urgestein erinnert an sein filmi­sches Werk. Den Auftakt macht Aumühle (1969-73), ein zeitlos gewor­dener Klassiker über die Unge­heu­er­lich­keit

Von Dunja Bialas

»Beim Hühner­köpfen sitzen zwei Männer da, die graben ein Loch und schmeißen all die Hühner rein und das Loch zu. Die Hühner werden nicht gegessen, nur begraben. Das hat was Unheim­li­ches. Oder jemand steht neben einer Kuh, der melkt nicht oder macht sonst was Funk­tio­nales mit der Kuh. Daraus entsteht die Frage an das Leben selber: Das Leben selber ist unge­heu­er­lich. Diese Frage muss man stellen, und die Frage nach der Einma­lig­keit. Das macht die Kunst. Auf der anderen Seite sind da die Behin­derten, die diese Frage auch stellen. Wenn du das norma­li­sierst, dann kannst du es vergessen.« – Alexeij Sagerer über Aumühle

Ein unge­heu­er­li­cher Fall für einen Film

Aumühle: Dieser Film wurde zum Dreh- und Angel­punkt in Alexeij Sagerers Leben. Gedreht hat er ihn nach einer Meldung, die er im Jahr 1969 in der Zeitung vorfand. Im nieder­baye­ri­schen Dorf Aumühle im Passauer Landkreis war ein desi­gniertes Wohnheim für geistig behin­derte Kinder und Jugend­liche bei einer Brand­stif­tung zerstört worden. Der Fall war ein Politikum. Der Brand­stif­tung waren Droh­briefe vom Gemein­derat gegen den Eigen­tümer des Hauses voran­ge­gangen. »Unan­ge­nehmes« werde er erleben, hieß es darin, wenn das Behin­der­ten­heim käme. Eine Orts­be­ge­hung des Heim­lei­ters, der mit einer Gruppe von Kindern nach Aumühle kam, mündete in einer tumult­ar­tigen Ausein­an­der­set­zung mit den knüp­pel­be­weh­reten Einwoh­nern, die Polizei riet zur unver­züg­li­chen Abreise. Am Abend feierte die Gemeinde, allen voran der Pfarrer, bei Freibier, Lager­feuer und Würstel ihren Triumph. Wenig später brannte der Dachstuhl des besagten Hauses. Der Heim­leiter, der sofort an Ort und Stelle war, wurde verprü­gelt.

Es war eine Vertrei­bung ganz im Geiste natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Gesinnung (die Behin­derten wurden als Juden beschimpft), und der Fall kam bundes­weit in die Schlag­zeilen. Von einem »Mahnmal nieder­bay­ri­scher, ja natio­naler Schande« war im Oktober 1969 im »Spiegel« zu lesen.

»Das war eine Unge­heu­er­lich­keit«, erinnert sich Sagerer, und er wollte einen Film dazu machen. Er fuhr in das Dorf, führte Inter­views. Mit dem bigotten Pfarrer und dem Heim­leiter. Der Ebene seiner Recher­chen fügte er die unkom­men­tierten Bilder eines Behin­der­ten­wohn­heims hinzu, die er im Stile des Direct Cinema drehte. Eine dritte und letzte Ebene ergab eine Spiel­hand­lung, die Sagerer in Art seines damals ganz neuen Prozes­si­ons­thea­ters insze­nierte und in der sich auch seine Verwandt­schaft zum Orgien-Mysterien-Theater des Wiener Akti­ons­künst­lers Hermann Nitsch erkennen lässt. In einer wilden, aber öden Natur (und somit völlig unbe­spielten Land­schaft fernab des Origi­nal­schau­platzes) errich­tete er ein stili­sierte Bauern­welt, in der Schau­spieler und Tiere eine archai­sche Handlung lieferten. Diese spielte sich wiederum auf einer symbo­li­schen, dabei sehr konreten Ebene ab, es wurden Schweine und Hühner geköpft. Auch das war eine Unge­heu­er­lich­keit, der Sender ZDF sprang ab.

»Es ging ja nicht um irgend­einen Spen­den­film für Behin­derte«, erklärt Sagerer, »mir ging's um die Unge­heu­er­lich­keit, die sich abge­spielt hatte, deshalb köpf ich am Schluss auch diese Schweine.« Der Film wurde von der Mäzenin Eva Madelung, einer Bosch-Erbin, finan­ziert, die auch Fass­bin­ders zeit­glei­chen Liebe ist kälter als der Tod ermög­lichte und auch die Miete für das ProT-Theater zahlte, das Sagerer parallel zu den Dreh­ar­beiten betrieb.

Junger Münchner Film

Bereits vor Aumühle hatte Sagerer erste Filme reali­siert. Mit der »Film­poesie« Romance (1969) und dem Gangs­ter­film Krimi (1969), einem »Film über Kino«, hatte er sich bereits einen Platz im Umkreis des Jungen Deutschen Films geschaffen. Er war mit dem Film-Anarchen Vlado Kristl befreundet und beob­ach­tete, wie dieser sich am Ulmer Institut für Film­ge­stal­tung einen Wett­be­werb mit Alexander Kluge um den ersten Abschluss­film lieferte, und mit Herbert Achtern­busch, der im Film­verlag der Autoren war. Er kannte Werner Herzog und Rainer Werner Fass­binder. Sie alle wurden 1979 von der »Zeit« Münchner »Anarcho-Bohème« genannt und ihr »Mut zur Unver­nunft« hervor­ge­hoben.

Das »ProT« (»Prott« gespro­chen), das Sagerer ab 1969 leitete, war jedoch nicht die Antwort auf das Anti-Theater von Fass­binder. Es ist ausbuch­sta­biert das »Prozes­si­ons­theater«, in dem er mit seinen post-drama­ti­schen, »unmit­tel­baren« Theater, wie er es nennt, die Thea­ter­land­schaft revo­lu­tio­nierte, mit weit­rei­chendem Einfluss bis hin zur documenta-Teilnahme 1987 mit der szeni­schen Skulptur »Küssende Fernseher«. Bis zur Aumühle aber wusste Sagerer noch nicht, für was und ob er sich entscheiden würde. Mit seinen Filmen erhielt er die Einladung, dem Film­verlag der Autoren beizu­treten. Er nahm Abstand davon, als er im Klein­ge­druckten das Blas­phemie-Verbot entdeckte. Später, als er sich gegen den klas­si­schen Film entschieden hatte, wurde er zum Video­pio­nier und inte­grierte als einer der ersten das Medium Film ins Theater.

Fass­binder, Achtern­busch, Sagerer: sie alle wirkten gleich­zeitig, aber jeder für sich in München, machten Filme und Theater. Eine Zusam­men­ar­beit schloss sich aus, zu eigen und wirk­mächtig war jeder für sich. Dennoch zeigen sich Gemein­sam­keiten: auch bei Fass­binder und Achtern­busch wirkt die Sprache statisch, gekün­s­telt, gemieden wird das Natu­ra­lis­ti­sche der soge­nannten Reprä­sen­ta­ti­ons­sprache. Es gibt keine Pseudo-Gefühle, keinen Pseudo-Realismus, sondern unmit­tel­bare Doku­men­ta­tion (im Sinne des Direct Cinema) oder doku­men­tierte Handlung (im Geiste des unmit­tel­baren Theaters), die bei Sagerer dann auch ins Symbo­li­sche hinein­reicht. Ohne vorder­grün­dige poli­ti­sche Aussage oder Handlung ist Aumühle so auch ein poli­ti­scher Film. Er bringt das Unsagbare, Unzeig­bare zur Darstel­lung, das im kollek­tiven Unter­be­wusst­sein Verbor­gene. Erzählt wird dabei nicht der Vorfall, vielmehr offenbart sich das unter­grün­dige Monströse. Auch dies ist eine Form von Unmit­tel­bar­keit und eine Entschei­dung gegen die Reprä­sen­ta­tion: Nicht erzählt werden, sondern: es passiert.

Nachdem Aumühle abgedreht war, ging es an den Schnitt, der die drei Ebenen mitein­ander verwob. Und dann musste Alexeij Sagerer wegen einer, sagen wir mal, äußerst dummen Aktion für zwei Jahre ins Gefängnis von Landsberg (die Geschichte steht wunderbar entblät­tert in Ralph Hammertha­lers sehr empfeh­lens­werter Biogra­phie »Alexeij Sagerer – liebe mich – wieder­hole mich«). Der Film war noch nicht ganz fertig gestellt, und mit diesem Cliff­hanger ging Sagerer in Klausur. Der Knast lehrte ihn Souver­änität von den Insti­tu­tionen, was ihn Zeit seines Lebens begleiten sollte, außerdem kreativen Anar­chismus. Am Ende fällte Sagerer die Entschei­dung fürs post-drama­ti­sche Theater, nicht für den jungen deutschen Film.

Nach dem Gefängnis stellte Sagerer noch die Tonspur fertig. Es war 1973, vier Jahre nach dem unge­heu­er­liche Vorfall in Nieder­bayern, und der »Spiegel« berich­tete vom Frei­spruch der Betei­ligten. Aumühle wurde der letzte Kinofilm, den er machte. 

Jetzt wurde Aumühle bei Arri restau­riert und digi­ta­li­siert und kommt in dieser neuen Fassung wieder ins Kino. Und es zeigt sich: Sagerer hat einen zeitlosen Film über das Monströse und Archai­sche des Menschen geschaffen, das auch heute noch unge­heu­er­lich und erschre­ckend brisant ist.

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