10.11.2016

Wer mitsingt, fliegt raus!

Ik ben Alice
»Ein übermütiges Farbfilm-Lustspiel« und andere Raritäten der Filmgeschichte sind ab heute im Münchner Eldorado-Kino zu sehen. Damit es noch mal seinem Namen alle Ehre macht, bevor es schließt.

Late Night Film Lectures in den letzten Wochen des Münchner Eldorado-Kinos: der deutsche Trickfilm-Satiriker Boris von Borres­holm, der italie­ni­sche Trivi­al­film-Meister Riccardo Freda und der Deutsche Schla­ger­film

Von Dunja Bialas

Die letzten Wochen des Eldorado brechen an.

Wir empfehlen: hingehen, hingehen, hingehen! Denn voraus­sicht­lich im Dezember fällt im Eldorado für immer der Vorhang. Grund ist das immer gleiche Münchner Trau­er­spiel: die Miete wird zu hoch, das Kino lohnt sich nicht mehr. Es weicht, bitter, bitter, dem Lager eines Droge­rie­marktes, der das Tradi­ti­ons­haus Schlieben im Erdge­schoss verdrängen wird. Gut, dass wenigs­tens Schlecker auch dicht­ma­chen musste.

Leider blieb die artechock-Empfeh­lung ungehört, das Eldorado als neues OmU-Kino zu etablieren, um aus ihm eine Pilger­s­tätte für junge Leute wie das einstige unter­ge­gan­gene Atlantis-Kino zu machen. Moment mal, »unter­ge­gan­genes Atlantis«: Nomen est omen? Das Eldorado hat leider in den letzten Jahren den Gegen­be­weis geliefert. Statt ein para­die­si­scher Ort für cine­as­ti­sche Gold­gräber zu sein, wurde die einstmals erhabene Spiel­stätte zur Filmgruft, in der sich die zunehmend älter werdenden Besucher die schumm­rige Treppe zu den deutschen Synchron­fas­sungen hinun­ter­mühten.

Aber! In seinen letzten Atemzügen zeigt dieses wunder­bare 70er-Jahre-Kino noch einmal cine­as­ti­sche Perlen, und dies in einem ganz beson­derem Format: An drei Donners­tagen werden als vergnüg­liche Late Night Film Lecture ausge­fal­lene Kino-Lektionen erteilt. Orga­ni­siert hat die Reihe Ulrich Mannes, artechock-Autor und Heraus­geber des auf den deutschen Erotik-Film der 70er Jahre spezia­li­serten »SigiGötz-Enter­tain­ment«.

Den Aufschlag macht am heutigen Donnerstag Konrad Hirsch mit einer Lecture zum Produ­zenten Boris von Borres­holm. Konrad Hirsch ist ein Spezia­list des deutschen Films der 70er Jahre, der mit seiner Schamoni Film & Medien GmbH das Erbe der vier Schamoni-Brüder pflegt und zugleich Wahrer einer ganz spezi­ellen Münchner Film­ge­schichte ist. Peter Schamoni wiederum widmete sich ab den 90er Jahren um den Erhalt des film­schöp­fe­ri­schen Werks seines Kollegen (und wie er Mitun­ter­zeichner des Ober­hau­sener Manifests) Boris von Borres­holm. Dieser produ­zierte mit seiner in München ansäs­sigen Firma LUX-Film Kurzfilme und Anima­tionen, darunter auch Mario­netten (1964), das mit brachialer 60er-Jahre-Ironie den Konflikt zwischen Caesar und Brutus als versiertes Polit-Mario­netten-Spiel insze­niert. Hirsch zeigt eine Auswahl der sati­ri­schen Trick­filme, die von Borres­holm von den 50er bis in die 90er Jahre produ­ziert hat. Eine absolute Rarität, direkt aus dem Archiv des Spezia­listen! (Donnerstag, 10.11. 22:30 Uhr)

Weiter geht es eine Woche später mit Christoph Draxtra, Nürn­berger Filmaf­fi­cio­nado und Mitbe­gründer des auf den italie­ni­schen Genrefilm spezia­li­sierten Terza Visione Festivals. Draxtra spürt dem italie­ni­schen Regisseur Riccardo Freda nach, einem Meister des bizarren Genre­kinos, das bei ihm niemals zur Rein-, jedoch immer zur Höchst­form fand. Horror-, Sandalen- und Vampir­filme zählen zu seinen Lieb­lings­genres, und beim populären Italo­wes­tern zeigte er sich mit seiner lust­vollen Beimi­schung von Surrea­litäten als Bruder im Geiste des Chilenen Alejandro Jodo­rowsky. Außerdem gilt Freda als Mentor des Giallo-Meisters Mario Bava, den er einige seiner eigenen Filme beenden ließ. Ein film­durch­flu­teter Gang durch das Oeuvre des in Deutsch­land nahezu unbe­kannten Trivi­al­film-Groß­meis­ters. (Donnerstag, 17.11., 22:30 Uhr)

Am letzten Novem­ber­don­nerstag schließ­lich bringt Ulrich Mannes mit »hinreißend sinnfreie Song­s­equenzen« noch mal Stimmung in die Abriss-Bude. Seine Lecture zum deutschen Schla­ger­film der 50er und 60er Jahre folgt ganz dem Motto »Tausend Takte Übermut«, wie die entspre­chende Retro im Berliner Zeughaus-Kino hieß. Der Schla­ger­film war neben dem Heimat­film das Erfolgs­re­zept überhaupt von Papas Kino, das die Ober­hau­sener so leiden­schaft­lich bekämpften. Mit zahl­rei­chen Film­aus­schnitten und Schlagern von und mit Peter Alexander, Caterina Valente, Conny Froboess, Rex Gildo und Roy Black. Übrigens: Wer mitsingt, fliegt raus! (Donnerstag, 24.11., 22:30 Uhr)

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