16.06.2016

Verfluchte Liebe deutscher Fernsehfilm

Ik ben Alice
Ein Ausnahmefall im Programm des Festivals: 24 Wochen mit Julia Jentsch ist ganz bei sich und zeigt deutsches Problem-Kino, das trotzdem gut ist

Das 12. Festival des deutschen Films in Ludwigs­hafen sugge­riert den Offen­ba­rungseid deutschen Film­schaf­fens

Von Dunja Bialas

Der Rhein sei über die Ufer getreten, keine Auen, alles anders dieses Jahr, erzählt man mir aus Ludwigs­hafen. Dort wurde gestern Abend das 12. Festival des deutschen Films eröffnet, das sich ausschließ­lich um den, ja, deutschen Film dreht. Es macht den Auftakt für eine Reihe deutscher Sommer-Film­fes­ti­vals: es folgen das Filmfest München, NaturVi­sion in Ludwigs­burg, das Fünf-Seen-Film-Festival im Baye­ri­schen Voral­pen­land, die Film­kunst­wo­chen München, das Open-Air-Festival Weiter­stadt, das durch verschie­dene Städte tourende, kommer­ziell ausge­rich­tete Fantasy-Filmfest. Und dann ist der Sommer schon wieder vorbei.

Das am Rhein liegende »Festival des deutschen Films« wurde 2005 als Ableger des baden-würt­tem­berger Festivals in Mannheim auf der gegenüber­lie­genden Fluss­seite gegründet, die Leitung hat bei beiden Festivals Dr. Michael Kötz inne. »Möglich wurde das neue Festival«, so heißt es auf der Website, »durch die 'Zukunfts­in­itia­tive Metro­pol­re­gion Rhein-Neckar' und besonders durch den großzügigen Beitrag der BASF AG«. Ein anfäng­lich durchweg privat finan­ziertes Festival also, erst später kommen Stadt und noch später das Land Rheinland-Pfalz hinzu, bei dem laut Selbst­dar­stel­lung »nicht vom Geld die Rede ist, sondern von der Kunst des Kinos«, was ange­sichts der Preis­gelder von 50.000 Euro (Film­kunst­preis) und einem vom Förder­verein »Freunde des Festivals« mit 10.000 Euro ausge­stat­teten Publi­kums­preis doch erstaunt. Aus Gründen von Kunst oder Geld, das sei dahin­ge­stellt, floriert jeden­falls das Festival am Rhein, das gerne seine Strände, die »Zelt­land­schaft« und laue Nächte unter Ster­nen­himmel rühmt, unter dem sich das Who is Who des deutschen Film­schaf­fens zusam­men­findet.

Dieses Jahr wird anders werden, ohne Strände, mit einem in die Auen über­ge­tre­tenen Rhein. Der Sommer findet zunächst einmal nicht statt, aber das kann sich noch ändern, denn das Festival dauert immerhin neunzehn lange Tage (15. Juni bis 3. Juli), auf die sich die Vorfüh­rungen von 66 Filmen aufteilen. Zum Vergleich: das Münchner Filmfest ist um einiges kürzer (23. Juni bis 2. Juli) und zeigt »207 Film­pre­mieren aus 62 Ländern«. Jeder rühmt sich, wie er kann.

Wie dem allem auch sei, Ludwigs­hafen setzt auf den Dialog, ob unter Ster­nen­himmel oder im Regenzelt, das macht die Aufmerk­sam­keit, die den einge­la­denen Gästen zukommt, allemal deutlich. Die Presse-Mailings heißen »Gäste«, »Neue Gäste« und »Weitere Gäste« im Betreff, der erste Blick offenbart viel Fernseh-Glamour: Ulrich Matthes kommt mit dem ARD-Degeto-Thriller Die vermisste Frau, Jürgen Vogel mit Der Äthiopier, ebenfalls eine ARD-Degeto-Produk­tion, oder Corinna Harfouch mit Die vermisste Frau von Regisseur Horst Sczerba (ARD Degeto). Zum Glück kommen aber auch Dominik Graf mit seiner unab­hän­gigen Produk­tion Verfluchte Liebe deutscher Film und Deutsch­lands Bad Boy Dietrich Brüg­ge­mann mit Heil an den Rhein, die Premie­ren­re­ge­lung ist dem Festival egal. Was gut ist.

Das Festival des deutschen Films, und das ist dann wiederum auch gut, macht deutlich, wie es um die Film­land­schaft in Deutsch­land beschaffen ist: Zeugnisse von einem vitalen, inno­va­tiven Film­schaffen finden sich auf den ersten Blick nicht. Immer wieder stolpert man über Fern­seh­filme, auch im Wett­be­werb, darunter auch Filme, die das Münchener Filmfest in der Sektion »Neues deutsches Fernsehen« als solche benennt, wie Allmen und die Libellen (ARD-Martin-Suter-Krimi­reihe) oder Marc Bauders Dead Man Working (ARD-Degeto-Doku). Und so weiter.

Hervor­zu­heben sind Auf einmal von Asli Özge der Berliner EEE Produc­tions, den man auf der Berlinale im Panorama entdecken konnte, Anne Zohra Berra­cheds 24 Wochen, der auf der Berlinale im Wett­be­werb lief, reflex­mäßig von der Kritik ange­feindet wurde, in Wirk­lich­keit aber ein hoch­gradig sensibles Drama ohne falsche Rühr­se­lig­keit über eine schwie­rige Entschei­dung über Leben und Tod zeigte, mit einer heraus­ra­genden Julia Jentsch. Das muss dazu­ge­sagt werden, die Ludwigs­ha­fener Website verrät leider nichts über die Besetzung oder den ander­wei­tigen Stab der program­mierten Filme. Vergeb­lich sucht man im Programm außerdem unge­zähmtes deutsches Kino, wie Tatjana Turan­s­kyjs streit­baren, aber kraft­vollen und wutent­brannten Orien­tie­rungs­lo­sig­keit ist kein Verbre­chen, der auf der Berliner Woche der Kritik urauf­ge­führt wurde. Auch kein Wild von Nicolette Krebitz (der an der Kinokasse aller­dings auch kein Erfolg war – ein Auswahl­kri­te­rium?) oder andere Produk­tionen, die das deutsche Kino nicht aufgeben lassen, kein Mänge­l­ex­em­plar (Laura Lackmann), kein Schau mich nicht so an (Uisenma Borchu). Immerhin aber Maria Schraders Vor der Morgen­röte.

Wir behaupten, mit einem Blick auf das Programm des Münchner Filmfests, das neunzehn deutsche Filme als Welt­pre­miere zeigt, darunter Unter­wä­schelügen von Klaus Lemke oder das Regie­debüt 5 Frauen des Dreh­buch­au­tors Olaf Kraemer, dass es Filme gibt aus Deutsch­land, die viel­leicht nicht die große Kasse machen, jedoch Diskus­sionen befördern können, die Ludwigs­hafen doch so gerne will. Viel­leicht will es aber vor allen Dingen: Erfolg. Bei den Zuschauern. Bei der Branche. Bei den Sponsoren. Oder, wie Dr. Kötz es in einer Pres­se­mit­tei­lung verlaut­baren lässt:
»Die Resonanz an den Vorver­kaufs­stellen ist über­wäl­ti­gend. Lange Schlangen an den Vorver­kaufs­stellen haben sich schon vor der Öffnung gebildet. Und auch beim neu einge­rich­teten Online-Ticketing ist Geduld gefragt. Der Server muss die vielen Anfragen abar­beiten. Aber die Filme und Gäste werden das Publikum entschä­digen, das verspreche ich.«

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