19.11.2015

Mit Film, Text und Eleganz

Above and Below
Above and Below: ein Dokumentarfilm, der Flagge zeigt

Zur 39. Duis­burger Filmwoche – Festival des deutsch­spra­chigen Doku­men­tar­films

Von Nora Moschü­ring

»We don't do it nice for you – filmcrew« – Zitat Thomas Hirsch­horn, zusammen mit seiner Hybris. Der Klebe­band­künstler, u.a. bekannt durch seine aber­ma­lige Versen­kung der »Concordia« in einer New Yorker Galerie und seinem begeh­baren »Crystal of Resis­tance« auf der Biennale in Venedig, erbaut ein Monument in der Bronx, das »Cramsci Monument«. In Duisburg lief der gleich­na­mige Film von Angelo A. Lüdin. Aber viel inter­es­santer als die zitierte Doku­men­tar­filmer-Beschimp­fung ist die Frage, ja viel­leicht auch das Problem, das dahinter steckt. Inwiefern ändert sich die Wirk­lich­keit für und viel­leicht auch durch den Film? Welche Position nimmt der Beob­achter ein?

»Ausgänge« hieß es auf der 39. Duis­burger Filmwoche. Der Leiter des Festivals Werner Ružička schreibt in der Einlei­tung zum Katalog dazu: »Sich in die Bilder und über sie hinaus denken; sich im Dunklen leiten und aus ihm verleiten lassen: Duisburg hält die Fackel und sucht nach Ausgängen.« Ein Ausgang ist auch immer ein Eingang. Und die Wahl eines Ausgangs auch immer die Absage an einen anderen. Das müssen in Duisburg auch die Filme­ma­cher lernen, denn eine der Fragen, die sie oft beant­worten mussten, war die nach dem, was man in dem jewei­ligen Film eben nicht sehen konnte. Neben dem Filme­schauen hält Duisburg auch die Fackel für das Sprechen über Filme hoch. Die zahl­rei­chen Gesprächs­pro­to­kolle (die ersten von 1980), die sich auf der Homepage finden, bilden eine Art Archiv des Doku­men­tar­films, zeigen Themen und den formalen Umgang der letzten 35 Jahre.

26 Doku­men­tar­filme aus dem deutsch­spra­chigen Raum liefen auf der dies­jäh­rigen Filmwoche. Den Beginn machte Arlette – Mut Ist Ein Muskel von Florian Hoffmann, der an der DFFB in Berlin studiert und dort als Studen­ten­spre­cher der letzten Jahre auf der Präsi­denten-Findungs-Odysee der Hoch­schule immer wieder in Erschei­nung getreten ist. Ausgangs­punkt für Arlette war der Doku­men­tar­film Carte Blanche aus dem Jahr 2011 von Hoffmanns Mutter Heidi Specogna. In ihm zeigt Specogna, wie der Inter­na­tio­nale Gerichtshof in Den Haag das Verfahren gegen den kongo­le­si­schen Mili­zen­führer Jean-Pierre Bemba vorbe­reitet (der Film lief auch in Duisburg und erhielt einen Preis). Arlette ist eine der Prot­ago­nis­tinnen, eine Kriegs­ver­sehrte, ein Opfer des Regimes. In Hoffmanns Film geht Arlette auf eine Reise, um sich in Europa in medi­zi­ni­sche Behand­lung zu begeben. Das Publikum des Filmes Carte Blanche war bei der Vorfüh­rung in Locarno so berührt, dass sie dies finan­ziell ermög­licht haben – Filme mischen sich an dieser Stelle also mehrere Male in die Realität ein und verändern sie. Hoffmann beglei­tete Arlette auf ihrer Reise. Er filmt Arlette nicht frontal, sondern Arlette tritt mit der Kamera in einen Dialog, der sich weniger durch die Sprache als vielmehr durch ihr Gesicht und ihr Verhalten der Kamera gegenüber darstellt.

Das Thema Flücht­linge trat in Duisburg zwar immer wieder auf, aber neben Arlette – der sich weniger um Flucht, als mehr um Flucht­ur­sa­chen dreht, gab es in Duisburg wenig Filme die sich direkt mit dem Thema beschäf­tigt haben. Es bleibt abzu­warten, wie sich das im nächsten Jahr darstellt, denn trotz aller Dramatik handelt es sich um ein relativ junges Thema. Der einzige Film der wirklich konkret auf die Debatte Bezug nahm war Lampedusa im Winter von Jakob Brossmann, der den Publi­kums­preis des Festivals erhielt. Die italie­ni­sche Insel Lampedusa ist für viele Flücht­linge eine Art erster Schritt auf europäi­schem Boden. Die Insulaner leben dort schon seit einigen Jahren in einer Art perma­nenter Ausnah­me­si­tua­tion. So ist es ein Film sowohl über Fliehende, als auch über Aufneh­mende, die sich in soli­da­ri­scher Gemein­schaft auf der Insel zusam­men­finden. Ein weiterer Film, der sich, wenn auch nicht mit den aktuellen Flücht­lingen, aber doch mit Emigranten beschäf­tigt, war Siamo Italiani von Alexander J. Seiler, Rob Gnant und June Kovach aus dem Jahr 1963, der in einem Extra zu sehen war. Der Film handelt von italie­ni­schen Gast­ar­bei­tern in der Schweiz und den Reak­tionen und Sorgen der Bevöl­ke­rung. Es ist erstaun­lich wie diese, 50 Jahre früher, den unbe­stimmten Ängsten von heute gleichen. Auch Iraqi Odyssey von Samir legt einen Fokus auf die 60er Jahren. Der schweizer-irakische Regisseur erzählt die Geschichte seiner eigenen iraki­schen Groß­fa­milie und damit auf sehr persön­li­cher Ebene auch die poli­ti­sche Geschichte eines ganzen Landes.

Der öster­rei­chi­sche Filme­ma­cher Nikolaus Geyr­halter (Unser täglich Brot, Elsewhere) kam bei der Preis­ver­lei­hung noch einmal auf die Flücht­linge zu sprechen, um auf eine Petition unter dem Titel »For a 1000 Lives« aufmerksam zu machen. Kurz darauf musste Geyr­halter – für ihn über­ra­schend – dann noch einmal auf die Bühne, um den 3sat-Doku­men­tar­film­preis entge­gen­zu­nehmen, den er für seinen Film Über die Jahre bekam. Nichts mit Flücht­lingen. Geyr­halter begleitet darin über zehn Jahre das Leben ehema­liger Ange­stellter einer Textil­fa­brik im Wald­viertel. Die Zeit scheint still zu stehen an diesem Ort und bei der Frage der Bedeutung von Arbeit. Dabei entwi­ckelt Geyr­halter einmal mehr anhand sehr persön­li­cher und sensibler Bilder eine große, über­ge­ord­nete Geschichte, eine Art gesamt­ge­sell­schaft­li­cher Zustand­be­schrei­bung am Beispiel von wenigen.

Die Beob­ach­tung von anderen und in ihnen die Spie­ge­lung von sich selbst, sowie das eigene Sich-Suchen im Tran­sit­be­reich zweier Länder, spielt bei einigen jungen Filme­ma­cher eine zentrale Rolle. Josefina Gill beispiels­weise, reiste in Was Die Gezeiten mit sich bringen von Deutsch­land nach Argen­ti­nien, wie ihr eigener Großvater 80 Jahre zuvor, und beschäf­tigte sich dabei mit der Vermes­sung ihrer eigenen Identität. Marcin Malasz­czak stellt verschie­dene Frauen in den Fokus, die mit ihm irgendwie in Zusam­men­hang stehen und malt in The Days Run Away Like Wild Horses Over The Hills ein Bild über sein Leben zwischen Deutsch­land und Polen.

Zaplyv, die Schwimmer der in Russland geborenen Filme­ma­cherin Kristina Paustian, erzählt die surreale Geschichte russi­scher Sinn- und Glücks­su­cher. Wie findet man das Glück in Russland und welche Gestalt kann es dabei annehmen? Die Gestalt eines ehema­ligen Physikers zum Beispiel, der so wenig Charisma hat wie ein Topf? Hier ja. Er ist eine Art Guru aus Versehen, der aber doch ein Strahlen auf die Gesichter seiner meist weib­li­chen Anhänger zaubert, obwohl er – zumindest während des Filmes – kaum etwas zu sagen hat und schon gar nichts von Bedeutung. Was er zu bieten hat, ist lediglich eine Art Kneipp-Kur mit Anfassen und ab und an etwas Ausdrucks­tanz. Dazwi­schen zeigt Paustian immer wieder ein Mädchen, die unfrei­willig und immer skeptisch die dritte Person bildet, den Außen­ste­henden, der versucht das Ganze zu ergründen. Für den Film erhielt sie den Arte-Doku­men­tar­film­preis. Auch Sag mir Mnemosyne von Lisa Sperling versucht etwas auf dem Grund zu gehen. Sie sucht nach Worten und Bildern, um daraus einen Menschen hervor­zu­schälen, den sie selber nie kennen­ge­lernt hat, ihren Großonkel. Dass er Kame­ra­mann war, das weiß sie über ihn. Damit gibt es eine erste starke Verbin­dung zu ihr, zu ihrem Leben und Wollen. So colla­giert Sperling Film­aus­schnitte aus den Filmen des Onkels, mit Orten und Texten, die zu ihm, aber auch zu ihr passen. Immer mehr mischt sich seine mögliche Vergan­gen­heit mit ihrer tatsäch­li­chen Gegenwart. Dabei werden Lücken gelassen, die jeder Betrachter selber füllen kann. Sperling erhielt die »Carte Blanche«, den Nach­wuchs­preis des Landes NRW. Eine weitere junge Frau gewann den Förder­preis der Stadt Duisburg: Lin Sternal für ihren Film Eismäd­chen, eine Beob­ach­tung der Beziehung zweier Schwes­tern und ihrer ehrgei­zigen Mutter, die sie in die Welt des Eiskunst­laufs drängt.

Steckt Eismäd­chen in der Drei­er­kon­stel­la­tion der zwei Töchter und ihrer ehrgei­zigen Mutter, weitet Nicht alles schlucken von Jana Kalms, Piet Stolz und Sebastian Winkels das soziale Umfeld. Der Film bildet eine Art Thera­pierunde, in der Menschen von ihren Erfah­rungen mit Krisen und der Einnahme von Psycho­phar­maka berichten. Der Zuschauer wird fast zum Teil­nehmer der Runde. Der Film bietet keine Lösungen und fällt auch keine defi­ni­tive Aussage darüber, ob etwas richtig oder falsch ist. Auch Staats­diener von Marie Wilke bezieht keine konkrete Position. Zusammen mit jungen Poli­zisten durch­läuft man ihre Ausbil­dung und ihre ersten Einsätze. Man sieht prak­ti­sche Übungen, von Befra­gungen, zum gemein­samen Marschieren, bis hin zu Einsätzen in einer durch­schnitt­li­chen deutschen Modell­woh­nung. Das erzeugt manchmal surreale, fast witzige Momente, die aber immer wieder kippen, bei den abend­li­chen Runden am Tisch, in denen über Moral­vor­stel­lungen gespro­chen wird und natürlich in dem Moment, in dem es wirklich nach draußen geht, die Theorie in die Praxis umgesetzt wird. Fußball­spiel, Sicherung einer Demo, Ruhe­stö­rung oder Besuch bei einem einsamen Trinker. Bei der anschließenden Diskus­sion kam ein Polizist zu Wort. Der Einbruch des Realen zwischen den Theo­re­ti­kern oder den Teilzeit-Prak­ti­kern.

Mit Democracy und Above and Below liefen zwei Filme, die den Puris­mus­lieb­ha­bern im Publikum sicher nicht gut gefallen haben dürften, denn sie trauten sich an Pathos, an Pomp, an thea­tra­li­sche und schöne Bilder. Aber das ist es eben auch, was Duisburg ausmacht, das breite Spektrum, die Gesichter, die der Doku­men­tar­film haben kann. Die Aussage in Democracy von David Bernet: »Daten sind das Öl von heute«. Klar, das sieht man im neuen James Bond auch gerade. Und so beginnt dieser Film etwas zu cool mit krei­senden Hubschrau­bern und dunklen Limou­sinen, ändert dann aber seine Richtung, je mehr der Regisseur sich darauf einlässt, seinem Prot­ago­nisten zu vertrauen und dessen Helden­reise begleitet. Anhand des Daten­schutz­ge­setzes in der EU lernt der Zuschauer, wie das Parlament, die Ausschüsse, die Bericht­erstatter und auch die Lobby­isten an einem Geset­zes­ent­wurf arbeiten. Das ist ein bisschen didak­tisch, aber gut, und wenn Edward Snowden und Wikileaks gerade zum rechten Moment auftau­chen, dann denkt man doch kurz an einen drama­tur­gi­schen Plan des Lebens. Above and Below von Nicolas Steiner, ebenfalls in super 1:2,35-Breit­bild­format, erzählt von zwei Menschen, die in der Kana­li­sa­tion unter Las Vegas leben, einem Mann in der Wüste und einer Frau, die dafür trainiert, auf den Mars zu fliegen. Wo lebt man und wie lebt man? Grandiose Bilder und ein fast schon zu poppiger Sound, was zuge­ge­be­ner­maßen irgendwie nicht recht zu den Geschichten passen will, aber doch hinein­zieht.

Zurück zu Thomas Hirsch­horn und seiner Hybris. Nichts wird also verändert für den Film?! Dabei kann man sich sicher sein, dass dieser Mensch, der doch weniger an der Verbes­se­rung der Welt, als viel stärker auf seinen Nachruhm aus ist, sehr gut weiß, weshalb er das Filmteam mit dabei hat. Sie doku­men­tieren, was ande­ren­falls vergäng­lich ist, Zwischen­mensch­li­ches, Perfor­mances, den Prozess des Bauens, das Ereignis.

Zu sehen war in Duisburg Vieles: Leute, die das System von außen betrachten oder selbst Teil des Systems sind. Leute, die das System verändern oder nehmen, was sie vorfinden. Es gibt aber noch eine Möglich­keit: Die Auto­po­iesis. Bedeutet, dass durch das Zusam­men­wirken der Elemente innerhalb eines Systems neue Elemente erzeugt werden. Das gelingt in Duisburg mit den Film­ge­sprächen. Der Film wird damit wieder zu einem gesell­schaft­li­chen Wesen: Der Akt des zusammen in einem Raum Seins, des gemein­samen Sehens und das im Anschluss darüber Sprechen – nicht als Bonbon, sondern als untrenn­bares und fast gleich­be­rech­tigtes Ritual – führt zu neuen Gedanken über den Film und über die Wirk­lich­keit.

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39. DUISBURGER FILMWOCHE 2015 – das Festival des deutsch­spra­chigen Doku­men­tar­films
02. – 08.11.2015
duis­burger-filmwoche.de

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