22.10.2015

Das komplexe Gesicht einer nationalen Krise

Casa Grande
Die Angst einer ganzen Generation in: Casa Grande

Die 2. Brasi­lia­ni­schen Filmtage in München fokus­sieren nicht nur auf die Krise, sondern wenden sich auch dem ganz normalen Alltag zu.

Von Axel Timo Purr

Es ist noch gar nicht so lange her, da erfüllte Brasilien so ziemlich alle Erwar­tungen, die an ein Land gestellt werden, das sich auf dem Weg vom Schwel­len­land zum Wohl­stands­staat befindet. Doch dann kam alles anders. Erst die WM-Schmach gegen Deutsch­land, dann die immer stärker stot­ternde Wirt­schaft und nun, in den letzten Monaten alles auf einmal: der brasi­lia­ni­schen Präsi­dentin Dilma Rousseff droht wegen mani­pu­lierten Haus­halts­büchern ein Amts­ent­he­bungs­ver­fahren, über das ausge­rechnet Parla­mentsprä­si­dent Eduardo Cunha entscheiden soll, der gerade selbst in einen Schmier­geld­skandal verwi­ckelt ist. Das auch dies nur die medial am spek­ta­ku­lärsten aufbe­rei­teten Spitzen eine der schlimmsten Wirt­schafts­krisen des einstigen Vorzei­ge­kinds der Schwel­len­länder sind, dass es darunter noch viel erheb­li­chere Verwer­fungen und Facetten gibt, zeigte bereits die brasi­lia­ni­sche Sektion auf dem dem letzten Münchner Filmfest und und dann auch brasi­lia­ni­sche Filme, die es bereits ins reguläre Kino­pro­gramm geschafft haben. So wie etwa der hervor­ra­gende, die sozialen Ungleich­heiten Brasi­liens thema­ti­sie­rende Sommer mit Mamã.

Noch erheblich tiefere Einblicke in das komplexe Gesicht einer natio­nalen Krise lassen sich auf den 2. Brasi­lia­ni­schen Filmtagen gewinnen. Das Programm erweitert das auf dem Münchner Filmfest gezeigten Ouevre deutlich, es fokus­siert aber ganz ähnlich nicht nur auf den Topos der »Krise«, sondern bietet auch Einblicke in völlig normale Alltags- und Bezie­hungs­pro­ze­duren und bietet auch eska­pis­ti­sche Momente.

Die aktuelle Krise am prägnan­testen verdeut­licht gleich der Festi­va­l­auf­takt, Fellipe Barbosas Casa Grande (22.10., 20.00 Uhr), in dem in Paar aus der privi­le­gierten und deka­denten Ober­schicht Rio de Janeiros portä­tiert wird. Der soziale Abstieg der Familie beginnt deutlich zu werden, als sie, um Ausgaben zu kürzen, ihren lang­jäh­rigen Chauffeur Severino entlassen müssen. Die finan­zi­ellen Probleme der Eltern beein­flussen allmäh­lich auch den Alltag der bislang verwöhnten Kinder.

Dass jedwede Art von Krise immer auch banale Alltäg­lich­keit repro­du­ziert, zeigt Leonarda Laccas wunderbar subtil foto­gra­fierter Permanência (23.10., 20 Uhr), der bereits auf dem Münchner Filmfest lief. Laccas fokusiert in seinem Film auf einen Foto­grafen, der seine erste eigene Ausstel­lung nach São Paulo reist und dort seine Ex-Freundin Rita trifft.

Ein Amalgam aus aktueller Krise und normalem Alltag stellt Miguel Fala­bellas bereits 2009 erschie­nener No Meu Lugar (24.10., 18.00 Uhr) (dar. Falabella verknüpft dafür verschie­dene Erzäh­le­benen: die Geschichte eines Poli­zei­ein­satzes in einem Haus der oberen Mittel­schicht im Stadtteil Laran­jeiras in Rio de Janeiro; die Geschichte ?eines suspen­dierten Poli­zisten, der versucht, ein ganz normales Leben mit seiner Tochter und seinen Freunden zu führen, dort aber von seiner Ex-Frau über­rascht wird, die nach fünf Jahren zusammen mit ihrem neuen Mann und zwei Kindern in das Haus zurück­kehrt, um es zu verkaufen und schließ­lich die Geschichte eines Liefer­manns eines Super­marktes, der seine große Liebe findet.

Das Programm wird um Filme erweitert, die sich komö­di­an­tisch mit dem Alltag von Frauen im mittleren Alter ausein­an­der­setzen (Polaróides Urbanas – 24.10.; 20.00 Uhr), einem animierten Science Fiction, der sich um ein voll­s­tändig (vor-) program­miertes Leben dreht (Garoto Cósmico – 25.10.; 16.00 Uhr), einen Doku­men­tar­film, der anhand des Wasser­haus­halts­ge­setzes (New Forest-Code) die Kontro­versen, Konzep­tionen und Umset­zungen neuer Gesetze in Brasilien verdeut­licht (A Lei da Água – 25.10.; 18.00 Uhr) und schließ­lich der düsteren Geschichte von Joli, einer Ex-Drogen­ab­hän­gigen, die nach ihrer Therapie nach Recife zurück­kehrt und dort den Konflikt mit ihrem Vater sucht, der gerade für das Bürger­meis­teramt kandi­diert (Prometo um dia deixar essa cidade – 25.10.; 20.00 Uhr)

Variiert wird dieses thema­ti­sche Panop­tikum ein weiteres Mal in einer Crazy Short Night (24.10.; 22.00 Uhr), in der vier Kurzfilme zwischen acht und 20 Minuten Länge präsen­tiert werden.

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2. Brasi­lia­ni­sche Filmtage – 22. bis 26. Oktober 2015, KiM Kino, Einsteinstr. 42, München. Weitere Infor­ma­tionen unter Facebook: Cinema Brasi­leiro em Munique und KiM-Kino.

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