02.04.2015

Identitätsbildender Protest

 

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
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Von Blockade-Haltung kann keine Rede sein: Studenten, Dozenten und Alumni suchen Auswege aus der DFFB-Krise

Von Rüdiger Suchsland

Drei verschlis­sene Direk­to­ren­kan­di­daten, mindes­tens ein anhän­giges Gerichts­ver­fahren, und eine Interims-Doppel­spitze, die in jedem Fall noch bis zum Sommer amtieren wird – die Lage an der renom­mierten Film­schule »Deutschen Film- und Fern­seh­aka­demie Berlin« (DFFB) macht gerade einen verfah­renen Eindruck. Letzte Woche zog der Produzent Ralph Schwingel seine Kandi­datur zurück. Auch dieser letzte Kandidat, den das vom Berliner Senats­kan­z­lei­chef Björn Böhning geleitete Kura­to­rium, eine Art Aufsichtsrat der DFFB, gegen den erklärten Willen von Dozenten und Studenten durch­setzen wollte, war offenbar enttäuscht von mangelnder Rücken­de­ckung durchs Kura­to­rium, und einer DFFB, die den nach mona­te­langer Hänge­partie plötzlich aus dem Hut gezogenen Kandi­daten nicht gleich wie einen Messias begrüßte.

Am Dienstag nun luden die Studen­ten­ver­treter zu einer Pres­se­kon­fe­renz, um ihre Position noch einmal auch öffent­lich deutlich zu machen, um »Fehl­wahr­neh­mungen zu korri­gieren« und in die Zukunft zu blicken: »Wir sind keine bockigen Kinder«, betonte Regie­stu­dentin Susanne Heinrich. Von Blockade-Haltung könne keine Rede sein. Keines­wegs wollten die Studenten, wie von inter­es­sierter Seite kolpor­tiert werde, ihren Kopf durch­setzen, oder gar »den Direktor selbst bestimmen«. Ihre Ziele seien zum einen das rein formale eines trans­pa­renten, fairen, für alle Kandi­daten gleichen Verfah­rens – das habe die Ernennung Schwin­gels von oben, abseits der Verfah­rens­re­geln und ohne korrekte Bewerbung verletzt.
Zum zweiten wolle man nach der schlechten Erfahrung mit dem letzten Direktor Jan Schütte nur noch einen Direktor, der auch die Zustim­mung der Akademie habe. »In beidem sind wir uns mit vielen Dozenten und Mitar­bei­tern einig«, betonte auch Katinka Narjes, die als gewählte Vertre­terin seit dem Sommer viele Stunden in Sitzungen und Hinter­zim­mer­ge­sprächen verbrachte, dass die Studenten nicht nur für sich sprechen, sondern auch im Namen derje­nigen, »die weniger frei reden und agieren können«.

Das sie da richtig liegt, bestä­tigte nicht allein die Dozentin und Produ­z­entin Anna di Paoli, die sich auch auf der Pres­se­kon­fe­renz zu Wort meldete, sondern auch ein offener Brief an den Regie­renden Bürger­meister, in dem über 30 Alumni, also DFFB-Absol­venten, das Beharren der Studenten auf Verfah­rens­le­gi­ti­mität unter­s­tützen und eine baldige Neube­set­zung des Kura­to­riums fordern: Die Verfahren seien »intrans­pa­rent« und »einseitig« heißt es in dem Schreiben, das bereits von vielen namhaften Filme­ma­chern, unter anderem Christian Petzold, Thomas Arslan, Pia Marais, Hanna Doose, Rolf Coulanges, Malte Ludin, Max Linz, Till Kleinert, Eoin Moore, Anna di Paoli, Ben von Dobeneck, Nils Bökamp in die Wege geleitet wurde, die Gremien »lassen sich weder durch konstruk­tive Inter­ven­tionen noch durch öffent­liche Appelle von ihrer Entschei­dung abbringen«. Die Verant­wor­tung für diese »exis­tenz­be­dro­hende Krise« trage das Kura­to­rium, dem kein aktiver Filme­ma­cher angehört, dafür Funk­ti­onäre und Beamte. Die Alumni fordern »eine Neuaus­schrei­bung der Direk­to­ren­stelle ... mit ange­mes­sener Betei­li­gung von Studie­renden und Lehrenden« und »eine adäquate Neube­ru­fung des Kura­to­riums mit unab­hän­gigen Persön­lich­keiten«.

Dass einige der jetzigen Kura­to­ri­ums­mit­glieder, etwa Medien­board­chefin Kirsten Nihuus oder Fern­seh­ver­tre­te­rinnen von RBB und ZDF diese Unab­hän­gig­keit mitbringen und von ihren sehr eigenen, für sich genommen auch legitimen Inter­essen im Sinne der DFFB absehen können, bezwei­feln Viele.

Vergan­gene Woche wurde zudem ein Schreiben des renom­mierten Medi­en­an­walts Peter Raue öffent­lich, in dem Raue der Senats­kan­zlei Verstöße gegen die DFFB-Geschäfts­ord­nung vorstößt. Nach dieser dürfen Kura­to­ri­ums­mit­glieder nicht in geschäft­li­chen Bezie­hungen mit der DFFB stehen, eine Vorschrift die gerade dazu dient, die Eigen­in­ter­essen von Förderern und Fern­seh­sen­dern aus der DFFB heraus­zu­halten. Auch das Verfahren selbst, so Raue, sei »eklatant rechts­widrig«.

Prag­ma­tismus oder Idea­lismus – das ist also an der DFFB gar nicht so sehr die Frage. Sondern es geht um klare Spiel­re­geln und um Unab­hän­gig­keit. Die wünschen auch renom­mierte Filme­ma­cher der DFFB. »Es wäre ein Leichtes, die Inter­essen der Studenten zu berück­sich­tigen und zwei stimm­be­rech­tigte Studen­ten­ver­treter in das Kura­to­rium zu berufen. Das würde jedem zukünf­tigen Direktor eine ganz andere Legi­ti­mität verleihen«, sagt etwa der Produzent Florian Körner von Gustorf, der unter anderem alle Filme des bekann­testen jüngeren deutschen Regis­seurs Christian Petzold (Barbara, Phoenix) produ­ziert hat, »Ich wünsche mir eine DFFB-Ausbil­dung, die den Studenten den Markt nahe­bringt und in der sie ihr Talent erkennen und stärken können«, um »aus einer künst­le­ri­schen Stärke heraus« Filme zu machen. Auch Regie­do­zent Andres Veiel betont auf Nachfrage: »Die DFFB ist eine Ausnah­me­schule voller Freiheit ... den Eigensinn der DFFB muss man bewahren und stärken. Dieser Gedanke einer Akademie ist an Bedeutung nicht zu über­schätzen.«

Das sieht Katinka Narjes wie ihre Kommi­li­tonen ähnlich: »Es geht um unsere DFFB-Identität. Diese Identität kann nur im Konsens mit uns, nicht gegen uns entwi­ckelt werden.« Die Verant­wor­tung für die Krise sieht nicht nur sie »beim aufsicht­füh­renden Gremium«, dem Kura­to­rium.

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