Die Odyssee

The Odyssey

USA/GB 2026 · 173 min.
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch:
Kamera: Hoyte van Hoytema
Darsteller: Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Zendaya, Lupita Nyong'o u.a.
Die Odyssee
Irrungen, Wirrungen...
(Foto: Universal)

Drei Stunden bis Ithaka

Christopher Nolan verwandelt Homers fluide, vieldeutige »Odyssee« in ein starres Monument aus Männlichkeitspathos, Stichwortdramaturgie und akustischer Überwältigung

»Ich habe in meinem Leben viel getan. Ich habe mich abgeplagt. Andere auch. Die sind alle tot.«
– James Joyce, nach der Über­set­zung von Hans Woll­schläger

„Der längste Umweg ist der kürzeste nach Hause.“
– James Joyce, Ulysses, nach der Über­set­zung von Hans Woll­schläger

James Joyce wusste schon vor mehr als hundert Jahren, dass man mit einem der Urge­steine europäi­scher Literatur neue Wege beschreiten muss, will man sich kreativ mit ihm ausein­an­der­setzen. Seine »Adaption« von Homers Odyssee ist gerade deshalb Welt­li­te­ratur geworden, weil Joyce den antiken Stoff radikal in seine Gegenwart trans­po­nierte. Homer ist überall und zugleich nirgends. Seine Motive bilden ein unsicht­bares Gerüst, werden gespie­gelt, gebrochen, ironi­siert und ins Alltäg­liche überführt. Aus dem listen­rei­chen Krieger Odysseus wird der jüdisch-irische Anzei­gen­ak­qui­si­teur Leopold Bloom, aus der Irrfahrt über das Mittel­meer ein Tag in Dublin, aus dem Gemetzel unter den Freiern eine nächt­liche Tasse Kakao in einer stillen Küche.

Es ist neu und doch alt, gelehrt und komisch, hoch­ar­ti­fi­ziell und auf eine fast schmerz­hafte Weise mensch­lich. Warum Chris­to­pher Nolan sich Homers ange­nommen hat, dürfte dagegen eines jener Rätsel bleiben, für deren Lösung selbst Odysseus seine gesamte Listen­haf­tig­keit aufbieten müsste, auch wenn die offen­sicht­lichste Spur Nolans Manie sein dürfte, sich schon immer dem Thema der ewigen Heimkehr gewidmet zu haben, sei es in Memento, Inception, Inter­stellar oder Tenet. Doch was Joyce mit der Vorlage gemacht hat, macht Nolan gerade nicht: Er entdeckt in ihr weder eine neue Zeit noch neue Menschen, weder eine über­ra­schende Form noch eine eigene Perspek­tive.

Seine Odyssee fügt den zahllosen Versuchen, Homers Epos lite­ra­risch oder filmisch nach­zu­er­zählen, wenig hinzu; außer mehr Laufzeit, mehr Pathos, mehr Stars, mehr Ände­rungen am Ursprungs­text und mehr Dezibel. Für ein westlich sozia­li­siertes Publikum ist das besonders ernüch­ternd, weil die Abenteuer des Odysseus ja zur kultu­rellen Grund­aus­stat­tung gehören. Ein jeder hat die Irrungen und Wirrungen dieses ersten Block­bus­ter­helden der Literatur mit der Mutter­milch aufge­sogen: aus Kinder­büchern, als Schul­lek­türe, über Hörbücher, Filme und dann und wann auch in den legen­dären Über­set­zungen von Wolfgang Scha­de­waldt und Johann Heinrich Voß. Nolans brave Bebil­de­rung erzeugt deshalb bald nur noch pflicht­be­wusstes Abnick­gähnen: Ah, der Zyklop. Dann müssten jetzt die Sirenen kommen. Und tatsäch­lich: Da sind sie auch schon.

Das Erstaun­liche ist nicht, dass Nolan die berühmten Stationen erzählt, sondern wie wenig er ihnen zutraut. Keine Episode darf für sich stehen, keine Figur eine Ambi­va­lenz entwi­ckeln, keine Situation sich allmäh­lich entfalten. Alles wird angekün­digt, erklärt, unter­stri­chen und anschließend musi­ka­lisch versie­gelt. Nolans Drama­turgie funk­tio­niert wie biederstes Stich­wort­kino. Sagt Tele­ma­chos mit bebender Stimme, er fühle, dass sein Vater noch lebe, folgt der Schnitt auf Odysseus, der einsam an einem Strand sitzt. Fällt das Wort Troja, befinden wir uns Sekunden später vor Troja. Sagt Odysseus neben der betö­renden Kalypso nach sieben Jahren lust­voller Umnach­tung: »Ich habe doch eine Frau, oder?«, da sehen wir bereits auch schon Penelope auftau­chen.

So bewegt sich der Film von Erin­ne­rung zu Erin­ne­rung, von Demons­tra­tion zu Demons­tra­tion, von Pathos-Peak zu Pathos-Peak. Die Montage schafft keine produk­tiven Verbin­dungen, sondern illus­triert Sätze. Sie behandelt das Publikum, als besäße es weder ein Gedächtnis noch die Fähigkeit, einen Gedanken über zwei Einstel­lungen hinweg fest­zu­halten.

Matt Damon spielt Odysseus dabei mit jener schweren, leicht erschöpften Körper­lich­keit, die ihn für die Rolle des geal­terten Kriegers durchaus quali­fi­ziert und die er etwas humor­voller auch schon auf seiner Odyssee als Marsianer gegeben hat. Tom Holland gibt seinem Tele­ma­chos eine glaub­hafte Mischung aus jugend­lich-naiver Unsi­cher­heit und aufge­stautem Trotz. Anne Hathaway stattet Penelope mit Würde und kontrol­lierter Trauer aus, Zendaya erscheint als Athene von geis­ter­hafter Influencer-Kühle. Robert Pattinson spielt den Freier Antinoos mit schnei­dend-wilder Arroganz, Charlize Theron die schon erwähnte Kalypso mit gebie­te­ri­scher Zärt­lich­keit.

So viele große Namen und tatsäch­lich: Sie alle machen ihre Sache gut. Doch immer wieder wirken sie wie Darsteller, die in viel zu große mytho­lo­gi­sche Gewänder gesteckt wurden. Die Stoff­mengen sind kostbar, die Schnitte und Close-Ups monu­mental, aber die Menschen versacken darin. Selbst ein Ensemble mit Damon, Holland, Hathaway, Zendaya, Nyong’o, Pattinson, Theron, Jon Bernthal oder Benny Safdie kann keine Figuren erzeugen, wenn das Drehbuch ihnen kaum mehr zugesteht als Funktion, Haltung und ein oder zwei bedeu­tungs­schwere Sätze. Die Stars werden nicht zu Charak­teren, sondern zu Orien­tie­rungs­punkten in einer über­füllten antiken Schaubude.

Das passt zu einem Regisseur, der zunehmend als philo­so­phie­render Tech­no­krat denn als Erzähler erscheint. Nolan liebt Systeme, Rätsel, physi­ka­li­sche Versuchs­an­ord­nungen und die Vorstel­lung, dass Komple­xität bereits durch Verschach­te­lung entsteht. In seinen frühen Filmen konnte diese Neigung noch eine eigen­tüm­liche, pseudo-wissen­schaft­liche Spannung erzeugen. In Memento führte die rück­wärts­lau­fende Struktur unmit­telbar in das beschä­digte Bewusst­sein seiner Haupt­figur. Dort war die Form tatsäch­lich Erkennt­nis­mittel. Später wurde aus der formalen Strenge zunehmend eine gigan­ti­sche Maschine, die unab­lässig ihre eigene Bedeutung behaupten muss, übrigens auch in Nolans letztem Film Oppen­heimer.

In Die Odyssee ist davon vor allem das Maschi­nen­hafte übrig geblieben. Der Stoff selbst ist linear, bekannt und episo­disch. Nolan reagiert darauf nicht durch eine neue Perspek­tive, sondern durch Verdich­tung. Drei Stunden lang wird das Epos derart voll­ge­stopft, dass für keine seiner Episoden genügend Zeit bleibt, ein eigenes emotio­nales Gewicht zu tarieren. Kaum hat man einen Ort betreten, muss man ihn schon wieder verlassen. Kaum ist eine Figur erschienen, wird sie von der nächsten Attrak­tion verdrängt. Der Film berichtet von Verlusten, Verfüh­rungen und Traumata, aber er macht sie nicht erfahrbar, emotional nicht spürbar.

Die Kämpfe mit Riesen, Monstern und Zaube­rinnen wirken dabei wie der etwas verzwei­felte Versuch, die Antike in einen Marvel-Film zu über­führen. Selbst eine platte Zombie-Sequenz wird noch in den Parcours eingefügt, als müsse jedes verfüg­bare Genre kurz bedient werden. Doch gerade im Spektakel zeigt sich dann auch, wie wenig Nolan ein genuiner Action­re­gis­seur ist. Seine Bilder sind groß, seine Bewe­gungen schwer, seine Arran­ge­ments kost­spielig, aber nur selten dynamisch. Dem von Bill Irwin verkör­perten Polyphem haftet eine trick­tech­ni­sche Grobheit an, die weniger an archai­sche Bildkraft als an überholte Stumm­film­il­lu­sionen erinnert. Man sieht nicht den mythi­schen Körper, sondern die karge Konstruk­tion eines Effekts.

Noch deut­li­cher wird dies bei der Rückkehr nach Ithaka. Das abschließende Gemetzel könnte der physische und mora­li­sche Kulmi­na­ti­ons­punkt des Films sein. Statt­dessen entsteht eine bleierne Abfolge von Tötungen, bei der man sich unwill­kür­lich wünscht, Ridley Scott hätte die Insze­nie­rung über­nommen oder noch besser: Quentin Tarantino, dessen Kill Bill: The Whole Bloody Affair gezeigt hat, wie präzise Rhythmus, Raum, Körper und Gewalt choreo­gra­fiert werden können. Bei Nolan prallen Figuren aufein­ander, fallen Körper zu Boden, dröhnt die Musik. Das Ereignis wird groß behauptet, ohne je wirklich Gestalt anzu­nehmen.

Noch schmerz­hafter ist der Vergleich mit Uberto Pasolinis Rückkehr nach Ithaka mit Ralph Fiennes als Odysseus und Juliette Binoche als Penelope, der erst letztes Jahr in den deutschen Kinos lief und der im Grunde nur jene letzte Stunde erzählt, für die Nolan ein gewal­tiges mytho­lo­gi­sches Vorpro­gramm benötigt. Pasolini konzen­trierte sich auf den geal­terten, beschä­digten Heim­kehrer, auf einen Körper, der den Krieg überlebt hat, aber nicht mehr in die Ordnung passt, in die er zurück­kehren soll. Dort werden Heimkehr, Gewalt und Wieder­erken­nung zu exis­ten­zi­ellen Fragen. Nolans Film ist dagegen in nahezu jedem Segment gröber, lauter und vor allem gedank­lich ärmer.

Natürlich wird jede Szene – wie schon in Oppen­heimer – von Ludwig Görans­sons pompösem Score grundiert, der vorher­sagt oder einsargt, was die ohnehin über­flüs­sigen Dialoge bereits fett ausbuch­sta­biert haben. Göransson verzichtet zwar bewusst auf das klas­si­sche Sanda­len­film-Orchester und arbeitet mit Bron­ze­gongs, Synthe­si­zern, Lyra und Aulos. Das klingt theo­re­tisch nach einer inter­es­santen archäo­lo­gi­schen Versuchs­an­ord­nung, doch praktisch wird auch diese instru­men­tale Grat­wan­de­rung dem alten Nolan-Prinzip unter­worfen: Klang soll nicht begleiten, sondern über­wäl­tigen. Ein Freund war von der Laut­stärke derart über­wäl­tigt, dass er während der Vorstel­lung auf seinem Telefon einen Dezi­bel­messer instal­lierte. Die Anzeige erreichte 95 Dezibel, also zumindest kurz­fristig einen Bereich, der sonst schweren Maschi­nen­parks eigen ist. Das passt zu Nolans fast schon zwang­hafter Vorstel­lung von Kino als physi­schem Angriff. Die Leinwand soll nicht über­zeugen, sondern bezwingen und über­wäl­tigen; der Ton soll den Körper besetzen und durch­dringen.

Doch Über­wäl­ti­gung ist noch keine Wirkung. Je nach­drück­li­cher der Film seine Bedeutung verkündet, desto weniger ist sie zu spüren. Das Narrativ über­wäl­tigt nicht, weil es sich trotz seiner Länge nicht die nötige Zeit nimmt. Die Musik über­wäl­tigt nicht, weil sie keine Kontraste, weil sie das Leise nicht kennt. Und die Bilder – als erster Block­buster volls­tändig mit neu konstru­ierten 70-mm-IMAX-Film­ka­meras gedreht – über­wäl­tigen nicht, weil sie ständig nur auf eins, nämlich Monu­men­ta­lität fixiert sind. Weil alles wichtig ist, ist bald nichts mehr wichtig.

Auch Zendayas Athene, die sich Odysseus immer wieder wie eine als Gespenst verklei­dete Influen­cerin nähert, um mit ihm ein weiteres Kapitel seines Hiob-Parcours abzu­schließen, wirkt wie ein alter Schuh, den man aus Ehrfurcht vor seiner mytho­lo­gi­schen Herkunft noch einmal trägt. Athene ist keine intel­lek­tu­elle Gegen­kraft und keine göttliche Strategin, die eine andere Perspek­tive in den Film einführen könnte. Sie fungiert vor allem als meta­phy­si­sche Perso­nal­be­ra­terin eines Mannes, dessen Leiden in immer neuen Tableaus beglau­bigt werden muss.

Darin liegt dann auch das eigent­liche Problem: Nolan reduziert die Odyssee auf die Selbst­prü­fung eines außer­ge­wöhn­li­chen Mannes. Sein Odysseus leidet, kämpft, wider­steht, fällt, steht wieder auf und wird – ganz die gute alte Helden­reise – schließ­lich durch Gewalt erneut zum Herrn seines Hauses. Das Männ­lich­keits­bild, das hier repro­du­ziert wird, gehört weniger in eine moderne Homer-Lektüre als in jene Erlö­sungs­fan­ta­sien, in denen ein beschä­digter Mann durch Prüfung, Opfer und gerechte Härte zu sich selbst zurück­findet.

Dabei wäre Homers Odyssee für die Gegenwart außer­or­dent­lich anschluss­fähig. Schon die »Atmo­sphäre« dort unter­scheidet sich von der großen Kriegs­saga der Ilias, in der Ehre, Ruhm und gekränkter Stolz domi­nieren. Die Geschichte des Heim­keh­rers ist beweg­li­cher, witziger und fragiler. Der aris­to­kra­ti­sche Krie­ger­held stößt darin an die Grenzen seiner alten Rolle. Mobilität ist eines der zentralen Themen: Waren und Menschen fahren über das Mittel­meer, Fremde begegnen einander, Gast­freund­schaft wird zur Über­le­bens­frage. Wer ist vertrau­ens­würdig? Wer hält Verträge ein? Wie vers­tän­digt man sich mit Menschen, deren Regeln man nicht kennt? Und Odysseus überlebt nicht nur, weil er stark ist, sondern weil er sich anpassen, täuschen, erzählen und verschie­dene Iden­ti­täten annehmen kann. Auch Penelope wartet keines­wegs nur passiv. Sie ist ebenso erfin­dungs­reich und denkt etwas anderes, als ihre schmei­chelnden Botschaften an die Freier vermuten lassen.

Adorno und Hork­heimer sahen in Odysseus bekannt­lich eine frühe Symbol­figur instru­men­teller Vernunft: einen Menschen, der Natur, Mythos und schließ­lich auch sich selbst beherr­schen muss, um zu überleben. Darin liegt dann auch bereits die ganze Ambi­va­lenz europäi­scher Zivi­li­sa­tion: ihre befrei­ende Ratio­na­lität ebenso wie ihre Gewalt. Nolan hätte hier einen ganz anderen Film über Handel, Migration, Identität, Mani­pu­la­tion oder die Dialektik des Fort­schritts finden können. Er hätte danach fragen können, was Heimkehr in einer Welt bedeutet, in der weder der Heim­kehrer noch die Heimat dieselben geblieben sind.

Statt­dessen begnügt er sich mit dem Hero­en­kult einer vergan­genen Epoche. Joyce verwan­delte Odysseus in Leopold Bloom, einen verletz­li­chen, alltäg­li­chen Mann, der nicht durch das Töten der Freier, sondern durch Aufmerk­sam­keit, Nach­denk­lich­keit und eine Tasse Kakao zum modernen Helden wird. Nolan verwan­delt Odysseus wieder zurück: in ein Monument, das vor allem deshalb bedeutsam sein soll, weil es drei Stunden lang von seiner eigenen Bedeut­sam­keit beschallt wird.

Ironi­scher­weise hat die Gegenwart den Film dennoch eingeholt. Aller­dings nicht auf der Leinwand, sondern bei seiner Entste­hung. Für einige Szenen drehte Nolan in der von Marokko besetzten West­sa­hara, unter anderem in der Nähe von Dakhla. Dass inter­na­tio­nale Produk­tionen dort mit groß­zü­gigen Steu­er­ver­güns­ti­gungen angelockt werden, gehört seit Jahren zu einer Strategie, das völker­recht­lich umstrit­tene Gebiet kulturell und touris­tisch als selbst­ver­s­tänd­li­chen Teil Marokkos erscheinen zu lassen. Das Western Sahara Inter­na­tional Film Festival (FiSahara) sowie zahl­reiche saha­r­aui­sche Künstler und Menschen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen kriti­sierten deshalb die Produk­tion scharf und warfen ihr vor, zur Norma­li­sie­rung der Besatzung beizu­tragen.

Das Bittere daran ist weniger eine mora­li­sche Schuld­zu­wei­sung an Nolan als die eigen­tüm­liche Blindheit, die sie offenbart. Ein Film über Vertrei­bung, Krieg und die jahr­zehn­te­lange Sehnsucht nach Heimkehr nutzt ausge­rechnet ein Gebiet als spek­ta­kuläre Kulisse, dessen Bevöl­ke­rung seit fünf Jahr­zehnten um eben dieses Recht auf Rückkehr und Selbst­be­stim­mung kämpft. Nolan sucht Homers Gegenwart drei­tau­send Jahre in der Vergan­gen­heit während sie sich unmit­telbar vor seiner Kamera befand.

Nach dieser dreis­tün­digen Irrfahrt ist man deshalb eigent­lich nur für eines dankbar: wieder im heimi­schen Hafen ange­kommen zu sein. Denn wer möchte diesen Männ­lich­keits­pa­thos, diesen Sünde­ner­lö­sungs­bal­last und diese Vorstel­lung von Größe in sein eigenes Leben mitnehmen? Schon Nolans vorletzter Film Tenet war auf beängs­ti­gend ähnliche Weise ein Film, der Komple­xität behaup­tete und Leere produ­zierte. Die Odyssee tut nun dasselbe mit einem Stoff, der seit Jahr­tau­senden gerade eines bewiesen hat, nämlich wie wand­lungs­fähig er ist.

Was bleibt, ist natürlich, was immer bleibt: Ein Mann, der am Ende nach Hause findet. Das Kino geht in diesem Fall jedoch völlig leer aus, es bleibt auf dem Irrweg, einer Odyssee ohne Wieder­kehr.

Irrfahrt der Boomer

Ein Versuch, Christopher Nolans Die Odyssee zu verstehen; erster Teil

»ἐπάμεροι· τί δέ τις; τί δ᾽ οὔ τις; σκιᾶς ὄναρ ἄνθρωπος.«
– Pindar, Pythische Ode 8, Verse 95–97

Ich mag mich ja täuschen. Viel­leicht ist es falsch und stimmt gar nicht, dass 15 oder 20-jährige keine Lust haben, sich Liebes­ge­schichten von knapp 50-Jährigen Boomern anzu­gu­cken. Noch dazu, wenn diese so merk­wür­dige Namen haben wie Odysseus und Calypso und Circe und Penelope – obwohl Penelope Cruz kennen wir alle – und alle ein bisschen einsam und depressiv sind, und das Mittel­meer so grau wie der Nord­at­lantik irgendwo um Island herum, und der Rest aussieht, wie »Game of Thrones« ohne Drachen. Götter und Geister und Dämonen gibt es auch, aber sie sind nicht zu sehen, bis auf eine die tatsäch­lich toll und charis­ma­tisch aussieht und nicht nur, weil es sich um die Göttin der Weisheit handelt und ihr Zendaya das Film­ge­sicht verleiht. Aber wer kennt schon noch Poseidon?

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Die größte Leistung von Chris­to­pher Nolans Film ist es also womöglich, die Odyssee und Homers Hexameter aus den Lehrer­zim­mern des huma­nis­ti­schen Gymna­siums heraus­ge­holt und kräftig abge­staubt zu haben.

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Ökono­misch ist der Film jetzt ein unglaub­li­cher Erfolg! Ohne Frage.

264 Millionen Dollar Box-Office am ersten Wochen­ende bedeuten, dass der Film von Chris­to­pher Nolan über den ohnehin hohen Erwar­tungen liegt. Damit sind die 250 Millionen Dollar Produk­ti­ons­kosten nämlich bereits zum ersten Wochen­ende einge­spielt.

Aber ästhe­tisch? Die Reviews vieler, vor allem anglo­ame­ri­ka­ni­scher Film­kri­tiker sind jubelnd. Nicht positiv, sondern mehr als das. Und trotzdem! Und dennoch!!

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Ich habe viel gelesen in der letzten Woche und es waren inter­es­sante Texte, aber ich bin nicht überzeugt.

Im Guardian wo Peter Bradshaw bereits in seiner Kritik zum Filmstart fünf Sterne gegeben hatte und das ganze als »ein Meis­ter­werk« gefeiert hat, erschien am Dienstag, 21. Juli ein Text von Owen Myers, der den Film tiefer zu analy­sieren versucht, und die Leser vor Spoilern warnt.

Die Über­schrift heißt »Ein monu­men­tales Spektakel«. Das trifft vieles gut. Es weißt darauf hin, dass dieser Film tatsäch­lich Spektakel-Kino ist: Im Guten wie im Schlechten ist es das, was dieser Film sein will: Nämlich spek­ta­kulär und monu­mental. Beides wäre aller­dings dann noch im Einzelnen zu über­prüfen.

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Ist dies denn ein wirk­li­ches Spektakel, oder ist es nicht vielmehr vor allem die Andeutung desselben und die gleich­zei­tige Vermei­dung des Spek­ta­kulären? Digital arran­gierte Monster wie Poliphem der Zyklop, noch dazu in einer dunklen Höhle, locken nun wirklich keinen Sechs­jäh­rigen mehr hinter seinem Tablet hervor.

Ich möchte keine Sekunde bezwei­feln, dass die Machart von Chris­to­pher Nolans Filmen und so auch von diesem hier monu­men­ta­lis­tisch ist. Norma­ler­weise liebe ich diesen Regisseur. Nolan ist der Champion des IMAX seit zwei Jahr­zehnten; bereits 2008 war The Dark Knight der erste größere Hollywood-Film, der IMAX Kameras für Action­se­quenzen benutzt hat. Jetzt wurden ein halbes Dutzend solcher Kameras benutzt, um diesen Film zu drehen.

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Der Text im Guardian ist aber auch jenseits seines in die Knie-Sinkens vor tech­ni­schen Super­la­tiven und einer Werbe­kam­pagne, die vor allem mit diesen hausieren geht, alles in allem schwach – er liest sich wie ein Promotion-Artikel. Der Autor vertei­digt den Film oft gegen Vorwürfe, die gar nicht erhoben wurden, aber er argu­men­tiert nicht.
Zum Beispiel im Fall der Entschei­dung, die »kohl­ra­ben­schwarze« Darstel­lerin Lupita Nyong'o als »schöne Helena« zu casten – dieje­nigen, die diese Wahl kriti­sieren, sind nicht alles Klein­geister. Sie mögen eine überholte oder falsche Sicht auf Schau­spie­ler­be­set­zungen im globalen Block­bus­ter­kino haben; aber man wird noch darüber sprechen dürfen, dass die korrekte Über­ein­stim­mung von Schwer­tern und Helmen mit dem histo­ri­schen Waffen­ar­senal zur Bron­ze­zeit dann, wenn es schon überhaupt um so etwas gehen sollte, viel­leicht nicht das Wich­tigste ist, bei dem histo­ri­sche Korrekt­heit einge­for­dert werden muss.

Die Besetzung mit diversen Haut­farben sugge­riert in jedem Fall eine Selbst­ver­s­tänd­lich­keit von einer durch­mi­schen und migran­ti­schen, in puncto kultu­reller Hinter­grund und haut­farben pluralen und gleich­be­rech­tigten Gesell­schaft, die in der Antike, in der Herkunft und Fami­li­en­zu­gehö­rig­keit und Bürger­rechte die mit Abstam­mung konno­tiert waren, keines­wegs gegeben war. Insofern wird hier ein falscher Eindruck erweckt, und eine histo­ri­sche Wirk­lich­keit konstru­iert, die zutiefst künstlich ist.
Dies darf man fest­stellen und muss es auch – zugleich kann man diese Fest­stel­lung mit dem Hinweis verbinden, dass fast zu allen Zeiten und in allen Künsten histo­ri­sche Wirk­lich­keiten den Tatsachen sehr selten entspre­chen und nach Gegen­warts­ge­sichts­punkten konstru­iert sind.

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Es könnte noch viel mehr genannt und erwähnt werden. Man kann diese positiven Reak­tionen erklären und gleich­zeitig darauf bestehen, dass dies eben künst­le­risch und filmäs­the­tisch alles andere als ein hervor­ra­gender Film ist. Dass er gut gemacht ist, aber nicht gut.

Axel Timo Purr hat in seiner Bespre­chung hier auf artechock (über diesem Text) viele weitere wichtige Punkte ange­spro­chen.

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Oben zitiert wurde eine der berühm­testen Zeilen der grie­chi­schen Lyrik: Aus der Pythi­schen Ode von Pindar. Zitiert wird sie von Montaigne und Nietzsche, und lautet übersetzt: »Eintags­wesen sind wir. Was ist einer? Was ist keiner? Der Mensch ist der Traum eines Schattens.«

Die unmit­telbar folgenden Verse schlagen dann einen anderen Ton an: »Doch wenn ein von Zeus gesandter Glanz auf den Menschen fällt, dann umstrahlt ihn helles Licht, und sein Leben wird süß.« Pindar verbindet also die Einsicht in die mensch­liche Vergäng­lich­keit mit dem Gedanken, dass göttliche Gunst oder ein Augen­blick von Größe das mensch­liche Leben dennoch erhellen und ihm Sinn verleihen können.

Schon Nietzsche hat begriffen und versucht bei seinen Zeit­ge­nossen den Sinn dafür zu wecken, dass man den antiken Helden nicht mit dem blöden Mora­lismus unserer Gegenwart beikommt, nicht Psycho­lo­gi­sie­rungen und Verkom­pli­zie­rungen. Die Helden der Antike sind geradezu naive einfache und eindi­men­sio­nale Charak­tere, »innerlich sanft und fleißig«, »die reine Stirn der Engel« tragend, wie Gottfried Benn (im Gedicht »Menschen getroffen«) über die junge Nymphen­prin­zessin und Königs­tochter Nausikaa schreibt, Odysseus Geliebte. Große Taten, göttliche Gunst. Das ist das Holz, aus dem Odysseus geschnitzt ist.

Zugleich ist Odysseus ein Filou und ein Verführer, er ist ein listiger Lebens­künstler und Über­le­bens­künstler. Außerdem steht er mit der richtigen Göttin im Bunde: Der Göttin der Weisheit.
Er ist Herrscher (von Ithaka) und Seemann und Aben­teurer. Sicher aber kein trau­ma­ti­siertes Seelen­wrack und durch den troja­ni­schen Krieg post­trau­ma­tisch vers­törter – mit Agamemnon als Darth Vader. Auch keiner der durch eine allemal irri­tie­rend alt besetzten Calypso seiner Erin­ne­rung beraubt und willenlos gemacht wird.

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Homers Odysseus ist ein Günstling der Götter, vor allem der »helläu­gigen« Göttin der Weisheit und Zeus-Tochter Athene – und doch auch ein Spielball ihrer Launen, der Winde des Poseidon, des naiven Schön­geists Apoll, der zornigen Götter­gattin Hera. Ein Aben­teurer und »listen­rei­cher« Filou von »mittel­mee­ri­schem«, unbe­schwertem und heiterem Wesen.

Dieser Film ist dagegen vor allem depressiv. Die Depres­sion der Gegenwart dominiert ihn, sie infiziert diesen Film. »The Odyssey« ist kein Film, der uns etwas zu denken gibt, kein Film, der in uns weiter­lebt und unsere Phantasie beschäf­tigt, uns fesselt, kein Film der irgendein richtig eindrucks­volles, unge­se­henes Bild hat, der irgend­eine mythische Kraft hat. Das ist die größte Enttäu­schung: Dies ist ein durch­schnitt­li­cher und ein durch­schnitt­lich schlechter Film, in manchem ein scho­ckie­rend miss­glückter Film, der keine Linie hat, nichts zu erzählen und einfach nur traurig ist – gerade wenn man Chris­to­pher Nolans Filme norma­ler­weise liebt. Ein star­ge­spickter Sommer­block­buster ohne jeden Hauch von »Barben­heimer«-Vergnügen, ein Film der vergnüg­lich anzusehen, aber etwas langatmig ist. Das Kino wird er nicht retten, Nolans Fans wird er durch seine Konven­tio­na­lität enttäu­schen.

Zum Weiter­lesen:

  • Bernhard Zimmer­mann: »Homers Odyssee. Dichter, Helden und Geschichte« im Beck Verlag München 2020 in der Reihe Beck Wissen
  • Raimund Schulz: »Odysseus. Mythos und Wahrheit«, bei Klett Cotta, Stuttgart 2026

Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes

Christopher Nolan wagt sich in seinem neuen Film an einen der ältesten Stoffe der Literaturgeschichte – gelingt ihm das?

Es wird dunkel im Kinosaal. Langsam ertönt die Musik von Ludwig Göransson. Wo einst die Muse in Homers Werk angerufen wurde, beginnt Chris­to­pher Nolan sein Lein­wan­d­epos mit einem Barden, besetzt mit dem Rapper Travis Scott, der uns ankündigt, von den Helden­taten des Odysseus zu berichten. Nachdem dieser durch eine List die Stadt Troja zu Fall gebracht hat, verschwindet er auf dem Rückweg in die Heimat Ithaka, verdammt dazu, sich mit den Göttern zu messen. Während sich über die Jahre immer mehr Männer an seinem Hof versam­meln, um seine Frau Penelope zu einer Hochzeit zu bewegen, begibt sich sein Sohn Telemach verzwei­felt auf die Suche nach seinem Vater.

Vorab sorgte der Film für reichlich Kontro­versen und Gesprächs­stoff. Neben dem Rapper Travis Scott als Barden wurde die Besetzung der Schwarzen Lupita Nyong’o als Helena eifrig disku­tiert. Auch das Gerücht, der Trans­gender-Schau­spieler Elliot Page würde den Halbgott Achilles spielen, wurde heftig disku­tiert. Während letzteres sich als eine von vielen im Internet geborenen Fake News heraus­stellte, gibt Chris­to­pher Nolan in seinem Film die Antwort für alle Kritiker, die den Film vorab bereits als woke Propa­ganda abtaten: Wir befinden uns in einem Helden­epos der Antike. Es geht um Pathos, um den Kampf mit den Göttern und um eine Geschichte, die sich wie eine eska­pis­ti­sche Fantasie auf der Leinwand ausbreitet. In einem antiken Epos dieser Größen­ord­nung exis­tieren keine Beset­zungs­normen oder Grenzen. Genau hier, so Nolans Odyssee, vermi­schen sich antike Vortrags­kultur und modernes Action­kino.

Das Action­kino schien für lange Jahre fest in der Hand der Sequels und der CGI-domi­nierten Fließ­band­pro­duk­tionen zu sein. Mit ihnen nimmt es Nolan auf, wenn an echten Sets mit den fantas­ti­schen Bildern seines Kame­ra­manns (Hoyte van Hoytema) Monu­men­ta­lität erzeugt. Das in der unter­ge­henden Sonne Ithaka entsteigt traumhaft dem Bild, die Griechen pferchen sich eng anein­ander im Troja­ni­schen Pferd. Das funk­tio­niert auch ohne Effekte eindrucks­voll.

Im illustren Ensemble sticht Matt Damon heraus, dem man seine Rolle vollends abnimmt. Er spielt den von PTSD geplagten Kriegs­helden Odysseus in der Ambi­va­lenz zwischen Trauma und Kriegs­herr und entpuppt sich zwischen­zeit­lich als Prot­ago­nist einer Doppel­gän­ger­ge­schichte. Ist Odysseus allein mit seinen Gedanken, nagen die von ihm began­genen Kriegs­taten an ihm. Kommt es jedoch zu einer Ausein­an­der­set­zung, so bricht der Krieger in ihm aus – um im stillen Moment wieder zu verzwei­feln. Bei Kalypso auf der Insel Ogygia wird ihm für Jahre sein Gedächtnis genommen – und damit aber auch der Schmerz. Mit seinen Erin­ne­rungen kehrt schließ­lich dann auch die innere Verwun­dung zurück, die er über­winden muss, bevor er seine Heimkehr antreten kann. An der Figur des Odysseus erkennt man Nolans Dekon­struk­tion eines antiken Helden am stärksten. Es ist einer, der seine Ruhmes­hymnen verschmäht und sich selbst als Kriegs­ver­bre­cher sieht. Paral­lelen zur gegen­wär­tigen Debat­ten­kultur lassen sich unschwer fest­stellen, in der der Begriff des Kriegs­ver­bre­chers oftmals leicht­fertig mit dem des Helden vertauscht wird, wenn es denn das Narrativ verlangt.

Natürlich kommt Die Odyssee nicht ohne stoff­liche Anpas­sungen aus. Zu groß und zu verschach­telt ist Homers Klassiker erzählt. Man muss unwei­ger­lich an die Ausfüh­rungen des deutschen Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lers Erich Auerbach zum Home­ri­schen Erzähl­stil denken, wenn früh im Film der Ursprung von Odysseus’ Narbe gezeigt wird, die später im Finale eine zentrale Rolle einnehmen wird. Die Zwischen­er­zäh­lung, die bei Auerbach das retar­die­rende Moment heraus­nimmt, wird bei Nolan an den Anfang des Films gestellt. So bleibt der Span­nungs­mo­ment erhalten, während der Kontext dem Zuschauer zugäng­lich bleibt. Im Sinne des Kinos sind solche Anpas­sungen nicht nur vers­tänd­lich, sondern klug umgesetzt. Dies gilt auch für die Entschei­dung, die Figuren ein in Diktion und Wortwahl modernes Englisch sprechen zu lassen. So wurde »Die Odyssey« sprach­lich von der zeit­genös­si­schen Vortrags­kultur geprägt, was die Moder­ni­sie­rung im Umkehr­schluss näher an das Original bringt.

Nolans eigener Stil-Vorliebe kommt es zugute, dass die Vorlage selbst mit den Zeit­ebenen spielt. Mal ist es die Erzählung von Menelaos (Jon Bernthal) über die Eroberung Trojas, um die es geht, dann folgen wir den zurück­keh­renden Bruchs­tü­cken von Odysseus’ Erin­ne­rung auf Ogygia, mit denen wir weitere Episoden der Irrfahrt erleben. Ohnehin ist die Zeit der größte Anta­go­nist der Narration. Odysseus kämpft verzwei­felt gegen sie an und verliert sie zwischen­zeit­lich gänzlich im Rausch der Lotus­blüten, die Kalypso ihm verab­reicht. Penelope (Anne Hathaway) versucht indes, sie zu kontrol­lieren, indem sie die Nähte ihres Webtep­pichs immer wieder auftrennt, um nicht einen der Freier heiraten zu müssen.

So segelt der Film in die Kinos hinein, begleitet von künstlich erzeugten Internet-Kontro­versen und einem hoch­ge­rech­neten Einspiel­ergebnis, das Richtung Milli­arden gehen könnte. Die Hoffnung besteht, dass sich im Meer der Block­buster Werke wie dieses weiter durch­setzen können. Und um das Home­ri­sche Werk selbst nochmal zu Wort kommen zu lassen: »Elender, hab ich doch nimmer mit Wort oder Tat dich beleidigt!« Man soll das Werk zunächst betrachten, bevor man es in den Hades hinab­schickt.

»Siehe, ich selber war einst ein glücklicher Mann«

Der Sommer ist in vollem Gange – was gibt es da Besseres als einen klimatisierten Kinosaal und fast drei Stunden lang viel kaltes Wasser? Christopher Nolans heiß erwartete Adaption von Homers »Odyssee« bietet aber mehr als nur Abkühlung

Es ist endlich so weit: Der wohl meis­ter­war­tete Film des Jahres ist da. Star-Regisseur Chris­to­pher Nolan bringt diesmal mit 250 Millionen Dollar Budget und einer reinen Star-Besetzung erstmals ausschließ­lich auf IMAX-Kameras gedrehtes Material auf die Leinwand. Die dabei heraus­ge­kom­menen knappen drei Stunden Film mit Matt Damon in der Haupt­rolle sind, wie von der treuen Fange­meinde erhofft und von den Trailern angekün­digt, absolut episch – und das nicht nur wegen des antiken Stoffes, der mit der Odyssee verfilmt wurde.

Bereits lange vor dem Kinostart waren die Gemüter im Internet erhitzt, auf den sozialen Netz­werken entbrannten wilde Diskus­sionen über die Besetzung, vermeint­lich histo­risch inkor­rekte Kostüme und die Drehorte, ohne dass auch nur eine fertige Minute des Films bereits veröf­fent­licht oder geleaked gewesen wäre (die Details fasst mein Kollege Chris Schmuck in seiner Kritik zusammen). War das Problem etwa, dass viele die Odyssee, wenn viel­leicht auch nicht im Original, so aber doch zumindest ihre Inhalte teils seit ihren Schul­tagen kennen und dementspre­chend ihre eigenen Vorstel­lungen mitbringen? Eine der Leis­tungen von Die Odyssee ist es jedoch, dass auch bei anders gestal­teten persön­li­chen Vorstel­lungen ein in sich stimmiges Epos erzählt wird, dessen gewaltige Geschichte gebührend auf die Leinwand über­tragen wird; vorwie­gend dunkel, voll von dröh­nenden Wasser­massen, unter­bro­chen von düster-hellen Rück­blenden auf ein Troja, das in Flammen steht und in dem die metzelnden Krieger all ihre Mensch­lich­keit verloren haben. Ein ruhiger Hafen voll fried­li­chem, warmem Licht ist lediglich die Insel der Kalypso, auf der der Held sieben Jahre lang seinen Irrfahrten entkommt.

Die Handlung ist hinläng­lich bekannt: Nach dem Ende des Troja­ni­schen Krieges brechen die grie­chi­schen Kriegs­schiffe zurück in ihre Heimat auf, die sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen haben. Odysseus braucht weitere zehn Jahre für den Heimweg nach Ithaka, da er den Meeres­gott Poseidon entzürnt und dieser eine sichere, zeitnahe Heimkehr verhin­dert. Die zeit­li­chen Ebenen werden im Film verwoben: Odysseus wird von Kalypso liebkost und umsorgt, sein Sohn Telemach (Tom Holland) begibt sich trotz Widerrede seiner Mutter Penelope (Anne Hathaway) auf die Suche nach irgend­einer Spur seines Vaters, sie wiederum trotzt den Freiern, die sich in ihrem Palast einge­nistet haben.

Mit Penelope sieht man gleich zu Anfang, dass die Figuren keinerlei Tiefe beraubt wurden; im Gegenteil, sie scheinen teils einen komple­xeren Charakter zu haben, als man es im ersten Moment erwarten würde. Sie sitzt nicht taten- und hilflos herum und wartet auf ihren poten­tiell nie heim­keh­renden Gatten; sie ist nach außen hin eine verant­wor­tungs­volle Königin, die stets ihre Haltung wahrt, ihrem Sohn gegenüber wird sie aber auch laut und emotional, wenn es um ihren Mann oder das König­reich Ithaka und damit ihre Macht geht – in Odysseus‘ Abwe­sen­heit ist schließ­lich sie die Königin. Persön­liche und macht­be­dingte Inter­essen stoßen bei ihr aufein­ander und tragen so dazu bei, dass nicht aller Fokus rein auf dem irrfah­renden Helden liegt.

Auch diesem wird eine charak­ter­liche Tiefe gegeben, indem der Fokus nicht nur auf den helden­haft-positiven Aspekten liegt. Matt Damons Odysseus ist zunehmend geplagt von seiner Irrfahrt, vom schritt­weisen Verlust seiner Männer, von seinen Erin­ne­rungen an den Troja­ni­schen Krieg. Aller­dings kommt diese Dimension leider nur lücken­haft und fast zusam­men­hangslos zum Vorschein, wodurch diese Seite des Helden fast neben­säch­lich erscheint, während gleich­zeitig der Eindruck entsteht, es wäre einer der wich­tigsten Punkte des Films.

Odysseus' Prüfung durch die Götter ist hart. Während eines der Plakate des Films die Aufschrift »Trotze den Göttern« trägt, so ist dieser Grundsatz jedoch nur bedingt gültig. Keine Frage, Odysseus möchte sich ihnen durchaus wider­setzen, indem er seine Heimfahrt fortführt, wohl­wis­send, dass sich Poseidon gegen ihn gerichtet hat. Gleich­zeitig vertraut er Athene (Zendaya), der Göttin des Krieges, ihm den Weg weisen und ihn zu beraten. Hier sei nicht zu viel verraten, aber Athene ist mit Abstand die Figur, die dem Film als Ganzes am meisten Dimension gibt – trotz vergleichs­weiser, hand­lungs­be­dingter geringer Lein­wand­zeit.

Einmal den Göttern zu trotzen ist jedoch genug, wie Odysseus schmerz­haft erfahren muss. Es ist die mensch­liche Hybris, sich allem Gegebenen wider­setzen zu können, die das Unheil bringt: Den Troja­ni­schen Krieg, dessen glei­cher­maßen listiges wie brutales Ende und mit ihm das Ende einer ganzen Zivi­li­sa­tion, eine nicht enden wollende, tödliche Irrfahrt. Ludwig Görans­sons Musik zieht das Publikum mit in die visuell eindrucks­vollen Wasser­strudel und schiff­fres­senden Wellen, in die Unwetter, die Kämpfe mit Riesen und Zyklopen, in die Begeg­nungen mit der Zauberin Circe, mit den Sirenen.

Vor allem am Anfang wünscht man sich zwar weniger Dialog sowie mehr für sich spre­chende Bilder; manchmal hat man den Eindruck, der Film würde nicht alles schaffen, was er sich vorge­nommen hatte, gerade in gesell­schafts­kri­ti­scher Hinsicht. Doch das Endpro­dukt ist das, was man erwartet hatte: Ein großer, kine­ma­to­gra­phisch gefilmter Block­buster, der das Wort »episch« auf allen Ebenen versucht zu erreichen. Die Odyssee ist ein lohnens­wertes Helmepos.