76. Berlinale 2026
Nach dem Ende der Geschichte |
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| Die Öffnung des Ostens: Krystoph Kyslowskis Die zwei Leben der Veronika | ||
| (Foto: Berlinale · Krystoph Kyslowski) | ||
Eine prachtvolle Leerstelle, ein Neuanfang mitten in Berlin: Deutschland Neu(n) Null heißt der Film von Jean Luc Godard, in dem der französische Regisseur durch Berlin reist und Zukunft mit Vergangenheit verknüpft: Melo und Mauer, Hegel und Hollywood, Nouvelle Vague und Nibelungen vermischen sich in diesem essayistischen Film über die Wendezeit.
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Und dann die Dirty Girls in Michael Lucids Studentenfilm am Ende des Jahrzehnts über die Riot Girrls, über die »Mädchen die nicht mehr geduscht haben, seit Nirwana-Sänger Kurt Cobain starb« – eine Zeitkapsel der Neunziger.
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So weit so gut.
Zweimal West-Ostbegegnungen, vollkommen unterschiedlich – die diesjährige historische Retrospektive der Berlinale handelt in erster Linie von Fantasy, von den Fantasien und Projektionen, den Wunschvorstellungen und Träumen, die man sich in der zweiten Stunde Null Europas im Jahr 1989/90 voneinander gemacht hat.
Was waren das für Träume in den 90er Jahren? Damals haben wir davon geträumt, dass das Leben immer besser werden würde. Dass es eine Art unendlichen Fortschritt geben würde und dass wir Zeugen dieses Fortschritts sein würden. Das war der Traum, das war die Lektion des Westens, die Botschaft, die er dem Osten brachte. Die Botschaft des Ostens, die wir damals nicht verstanden haben, lautete: Wir müssen überleben, und wenn wir überleben, dann war es gut, dann war unser Leben gut.
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Das Kino der 90er Jahre war das beste unseres Lebens. Aber das Kino der Retrospektive der Berlinale ist nicht das Beste der 90er Jahre.
Ich weiß nicht, was der beste Film der 90er Jahre war. Aber ich weiß, dass er in dieser Retrospektive nicht zu sehen ist.
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Die Retrospektive unter dem Titel »Lost in the 90s« handelt von der Befreiung von Mauern und von neuen Mauern, die errichtet wurden. Die 90er Jahre waren die Öffnung nach Osten und Neu-Entdeckung eines Mitteleuropa, das man bis dahin vergessen hatte.
So zeigt man den neuen Osten, und den Vorschein unserer heutigen Gegenwart in der damaligen. Aber »Dogma 95« kommt nicht vor, überhaupt kein Skandinavien, kein Asien, kein Afrika.
Dafür zweimal Spike Lee und auch sonst das Schwarze
US-Kino. Warum? Die Wahrnehmungsgewinne der Schwarzen Kultur Amerika sind wichtig für die 90er Jahre, haben aber mit der Ost-West-Begegnung recht wenig zu tun.
Was will diese Retro?
Immer wieder sieht man in den letzten Jahren auf Festivals diese Retrospektiven, die uns sagen wollen: »Wir wissen was, was ihr nicht wisst.« Wir wissen was besser, was ihr schlechter wisst. Wir definieren um, wir erklären euch, was wirklich wichtig ist, das auch wichtig ist, eure Erinnerung täuscht, eure Werte sind einseitig, eure Maßstäbe zu klein, wir wissen es besser.
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Man wird der Retrospektive kein Unrecht tun, wenn man feststellt, dass hier in gewissen Sinn ein Kuddelmuddel geboten wird, also recht viel Ungleiches zusammenkommt. Das ist ein charmantes Chaos, aber Überblick und Ordnung und neue Perspektiven stiftet es eben nicht, will es vielleicht auch nicht.
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Die 90er Jahre waren viel mehr, als diese Retrospektive mit einem relativ kleinen, engen Ausschnitt zeigt. Man könnte zugespitzt sagen: So wie die 90er Jahre eigentlich von der Befreiung von Mauern zwischen Staaten und Gesellschaften handeln, so handelt diese Retrospektive von neuen Mauern, die sie errichtet. Die Retrospektive tut auch so, als waren die 90er Jahre nur die Öffnung nach Osten und nur die Entdeckung oder Neuentdeckung eines Mitteleuropas, das man bis dahin
vergessen hatte. Das ist aber ein sehr einseitiges Bild.
Zum einen wiederholt es die westliche Perspektive, nach der der Westen im Osten etwas zu entdecken hat, und unterschlägt komplett, dass der Osten auch den Westen für sich entdeckte, dass man dann nach Frankreich fuhr, nach Spanien und nach Amerika, und dass man die Filme der USA und die Filme Frankreichs und Spaniens und Englands und Italiens für sich entdeckte.
Der Film tut aber auch so, als gäbe es kein Skandinavien. Kein Lars von Trier, kein Dogma 95 – lost in the Nineties ist diese Retrospektive. Als gäbe es kein Afrika und als würde der ganze asiatische Kontinent nicht existieren – die 90er Jahre waren aber nicht zuletzt, und das auch in Berlin auf der Berlinale, die Entdeckung Asiens, also des asiatischen Kinos, der Filme der fünften und sechsten Generation der chinesischen Filmemacher. Wong Kar-wai, die neuen Wellen von Hongkong, Taiwan, Argentinien, der erste Goldene A-Preis für einen chinesischen Film, für Zhang Yimou.
Hier überwiegt leider die politische Agenda und das politische Agit-Prop der Berlinale komplett das, was tatsächlich in den 90ern geschah, man sollte sich nicht täuschen lassen von dieser Retrospektive.
Die ganzen Highlights der 90er Jahre werden nicht gezeigt; der einzige französische Film der 90er Jahre stammt von Godard und bildet die Berliner Verhältnisse während der Revolution ab – so als hätten André Techiné, Bertrand Tavernier usw. keine Filme gemacht, so als hätte es Peter Greenaway nicht gegeben; alles in allem recht armselig, traurig.
Die 90er Jahre, das war z.B der Boom der Serienkiller-Filme und auch Spike Lee hat einen solchen Film gemacht; man müsste die
Frage stellen, wie wir rückblickend auf so etwas gucken, man könnte sie jedenfalls stellen; es war auch die Zeit, in der amerikanische Frauen nicht nur Nischen-Filme und Subkulturfilme gemacht haben, sondern Mainstream-Filme und dadurch wirklich den Frauen eine breit hörbare Stimme gegeben haben. Kathyrin Bigelow wäre hier zu nennen.
Und so weiter.
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Und so einen Film wie Lola rennt von Tom Tykwer zu zeigen, das macht nur Sinn, wenn man auch andere Cyberfilme daneben und nebeneinander zeigt, wenn man klar macht, wie dieser Film nicht denkbar ist und seine Wahrnehmung nicht denkbar ist ohne zeitgleich Matrix, ohne zeitgleich auch in Deutschland RP Kahls Angel Express, ohne zeitgleich auch die ersten Filme der später Berliner Schule genannten Aufbruchsbewegung. Das 90er-Jahre-Kino ist nicht denkbar ohne die Beziehungskomödien, egal was man jetzt über sie denken und von ihnen halten mag; die 90er Jahre waren auch Kusturica.
Die Grenzen dieser Retrospektive liegen auch nicht zuletzt darin, dass diese Filmschau sich nicht dafür entscheidet, was sie eigentlich will: Will die Retrospektive nun uns etwas über den neuen Osten erzählen? Will sie etwas über neue Stile erzählen? Will sie eher Dokumentation oder eher Fantasien erzählen oder will sie den Vorschein der heutigen Gegenwart in der damaligen Gegenwart zeigen?
Alles in allem ist sie, je länger man darüber nachdenkt, einfach ein bisschen armselig,
sorry to say. Einzelne Filme lohnen sich natürlich trotzdem.
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Es gibt aber dann doch zwei Schlüssel-Filme, die zusammen in dieser Retrospektive am ehesten den Clash der Welten auf die Leinwand werfen: Die zwei Leben der Veronika des polnischen Regisseurs Krystoph Kyslowski erzählt das plötzlich frei gewordene Polen als Doppelgängergeschichte einer jungen Frau, auf deren Gesicht die Hoffnung einer ganzen Gesellschaft ruht.
Dauernd geht und
läuft sie durch die Stadt, von Unruhe gepackt, so ähnlich wie ein paar Jahre später die drei Leben der Lola, die in Tom Tykwers Film durch Berlin rennt, um ihre Liebe zu retten. Beide Filme erzählen in einer Welt im Umbruch von einer Metropole, in der sich der ganze Globus spiegelt.
In beiden Fällen ist der eigentliche Hauptdarsteller ihre Struktur: die achronologische Multiperspektivität und das Simulative. Hier deutet sich nicht nur der Variantenreichtum von
Computerspielen und das unendliche Nebeneinander im Cyberspace an, der in diesen langen 90er Jahren auch irgendwann aufkommen und am Ende des Jahrzehnts Allgemeingut sein sollte
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Es geht vor allem um den großen Möglichkeitsinn jener Jahre: jeder hat in sich viele Leben und manchmal ist es nur der Flügelschlag eines Schmetterlings, der darüber entscheidet, welches dieser vielen Leben wir tatsächlich ergreifen.
Lola und Véronique laufen beide ins Offene. Sie sind die Verkörperungen dieses langen historischen Augenblicks, in dem ganz kurz einmal alles offen war, bevor sich die Fenster der Möglichkeiten wieder schlossen.