12.02.2026
76. Berlinale 2026

Nach dem Ende der Geschichte

Die zwei Leben der Veronika
Die Öffnung des Ostens: Krystoph Kyslowskis Die zwei Leben der Veronika
(Foto: Berlinale · Krystoph Kyslowski)

Ins Offene: Was erzählen die Filme aus den 90ern in der Retrospektive; Berlinale Notizen, Folge 1

Von Rüdiger Suchsland

Eine pracht­volle Leer­stelle, ein Neuanfang mitten in Berlin: Deutsch­land Neu(n) Null heißt der Film von Jean Luc Godard, in dem der fran­zö­si­sche Regisseur durch Berlin reist und Zukunft mit Vergan­gen­heit verknüpft: Melo und Mauer, Hegel und Hollywood, Nouvelle Vague und Nibe­lungen vermi­schen sich in diesem essay­is­ti­schen Film über die Wendezeit.

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Und dann die Dirty Girls in Michael Lucids Studen­ten­film am Ende des Jahr­zehnts über die Riot Girrls, über die »Mädchen die nicht mehr geduscht haben, seit Nirwana-Sänger Kurt Cobain starb« – eine Zeit­kapsel der Neunziger.

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So weit so gut.

Zweimal West-Ostbe­geg­nungen, voll­kommen unter­schied­lich – die dies­jäh­rige histo­ri­sche Retro­spek­tive der Berlinale handelt in erster Linie von Fantasy, von den Fantasien und Projek­tionen, den Wunsch­vor­stel­lungen und Träumen, die man sich in der zweiten Stunde Null Europas im Jahr 1989/90 vonein­ander gemacht hat.

Was waren das für Träume in den 90er Jahren? Damals haben wir davon geträumt, dass das Leben immer besser werden würde. Dass es eine Art unend­li­chen Fort­schritt geben würde und dass wir Zeugen dieses Fort­schritts sein würden. Das war der Traum, das war die Lektion des Westens, die Botschaft, die er dem Osten brachte. Die Botschaft des Ostens, die wir damals nicht verstanden haben, lautete: Wir müssen überleben, und wenn wir überleben, dann war es gut, dann war unser Leben gut.

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Das Kino der 90er Jahre war das beste unseres Lebens. Aber das Kino der Retro­spek­tive der Berlinale ist nicht das Beste der 90er Jahre.

Ich weiß nicht, was der beste Film der 90er Jahre war. Aber ich weiß, dass er in dieser Retro­spek­tive nicht zu sehen ist.

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Die Retro­spek­tive unter dem Titel »Lost in the 90s« handelt von der Befreiung von Mauern und von neuen Mauern, die errichtet wurden. Die 90er Jahre waren die Öffnung nach Osten und Neu-Entde­ckung eines Mittel­eu­ropa, das man bis dahin vergessen hatte.
So zeigt man den neuen Osten, und den Vorschein unserer heutigen Gegenwart in der damaligen. Aber »Dogma 95« kommt nicht vor, überhaupt kein Skan­di­na­vien, kein Asien, kein Afrika.
Dafür zweimal Spike Lee und auch sonst das Schwarze US-Kino. Warum? Die Wahr­neh­mungs­ge­winne der Schwarzen Kultur Amerika sind wichtig für die 90er Jahre, haben aber mit der Ost-West-Begegnung recht wenig zu tun.

Was will diese Retro?

Immer wieder sieht man in den letzten Jahren auf Festivals diese Retro­spek­tiven, die uns sagen wollen: »Wir wissen was, was ihr nicht wisst.« Wir wissen was besser, was ihr schlechter wisst. Wir defi­nieren um, wir erklären euch, was wirklich wichtig ist, das auch wichtig ist, eure Erin­ne­rung täuscht, eure Werte sind einseitig, eure Maßstäbe zu klein, wir wissen es besser.

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Man wird der Retro­spek­tive kein Unrecht tun, wenn man fest­stellt, dass hier in gewissen Sinn ein Kuddel­muddel geboten wird, also recht viel Unglei­ches zusam­men­kommt. Das ist ein char­mantes Chaos, aber Überblick und Ordnung und neue Perspek­tiven stiftet es eben nicht, will es viel­leicht auch nicht.

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Die 90er Jahre waren viel mehr, als diese Retro­spek­tive mit einem relativ kleinen, engen Ausschnitt zeigt. Man könnte zuge­spitzt sagen: So wie die 90er Jahre eigent­lich von der Befreiung von Mauern zwischen Staaten und Gesell­schaften handeln, so handelt diese Retro­spek­tive von neuen Mauern, die sie errichtet. Die Retro­spek­tive tut auch so, als waren die 90er Jahre nur die Öffnung nach Osten und nur die Entde­ckung oder Neuent­de­ckung eines Mittel­eu­ropas, das man bis dahin vergessen hatte. Das ist aber ein sehr einsei­tiges Bild.
Zum einen wieder­holt es die westliche Perspek­tive, nach der der Westen im Osten etwas zu entdecken hat, und unter­schlägt komplett, dass der Osten auch den Westen für sich entdeckte, dass man dann nach Frank­reich fuhr, nach Spanien und nach Amerika, und dass man die Filme der USA und die Filme Frank­reichs und Spaniens und Englands und Italiens für sich entdeckte.

Der Film tut aber auch so, als gäbe es kein Skan­di­na­vien. Kein Lars von Trier, kein Dogma 95 – lost in the Nineties ist diese Retro­spek­tive. Als gäbe es kein Afrika und als würde der ganze asia­ti­sche Kontinent nicht exis­tieren – die 90er Jahre waren aber nicht zuletzt, und das auch in Berlin auf der Berlinale, die Entde­ckung Asiens, also des asia­ti­schen Kinos, der Filme der fünften und sechsten Gene­ra­tion der chine­si­schen Filme­ma­cher. Wong Kar-wai, die neuen Wellen von Hongkong, Taiwan, Argen­ti­nien, der erste Goldene A-Preis für einen chine­si­schen Film, für Zhang Yimou.

Hier überwiegt leider die poli­ti­sche Agenda und das poli­ti­sche Agit-Prop der Berlinale komplett das, was tatsäch­lich in den 90ern geschah, man sollte sich nicht täuschen lassen von dieser Retro­spek­tive.

Die ganzen High­lights der 90er Jahre werden nicht gezeigt; der einzige fran­zö­si­sche Film der 90er Jahre stammt von Godard und bildet die Berliner Verhält­nisse während der Revo­lu­tion ab – so als hätten André Techiné, Bertrand Tavernier usw. keine Filme gemacht, so als hätte es Peter Greenaway nicht gegeben; alles in allem recht armselig, traurig.
Die 90er Jahre, das war z.B der Boom der Seri­en­killer-Filme und auch Spike Lee hat einen solchen Film gemacht; man müsste die Frage stellen, wie wir rück­bli­ckend auf so etwas gucken, man könnte sie jeden­falls stellen; es war auch die Zeit, in der ameri­ka­ni­sche Frauen nicht nur Nischen-Filme und Subkul­tur­filme gemacht haben, sondern Main­stream-Filme und dadurch wirklich den Frauen eine breit hörbare Stimme gegeben haben. Kathyrin Bigelow wäre hier zu nennen.

Und so weiter.

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Und so einen Film wie Lola rennt von Tom Tykwer zu zeigen, das macht nur Sinn, wenn man auch andere Cyber­filme daneben und neben­ein­ander zeigt, wenn man klar macht, wie dieser Film nicht denkbar ist und seine Wahr­neh­mung nicht denkbar ist ohne zeit­gleich Matrix, ohne zeit­gleich auch in Deutsch­land RP Kahls Angel Express, ohne zeit­gleich auch die ersten Filme der später Berliner Schule genannten Aufbruchs­be­we­gung. Das 90er-Jahre-Kino ist nicht denkbar ohne die Bezie­hungs­komö­dien, egal was man jetzt über sie denken und von ihnen halten mag; die 90er Jahre waren auch Kusturica.

Die Grenzen dieser Retro­spek­tive liegen auch nicht zuletzt darin, dass diese Filmschau sich nicht dafür entscheidet, was sie eigent­lich will: Will die Retro­spek­tive nun uns etwas über den neuen Osten erzählen? Will sie etwas über neue Stile erzählen? Will sie eher Doku­men­ta­tion oder eher Fantasien erzählen oder will sie den Vorschein der heutigen Gegenwart in der damaligen Gegenwart zeigen?
Alles in allem ist sie, je länger man darüber nachdenkt, einfach ein bisschen armselig, sorry to say. Einzelne Filme lohnen sich natürlich trotzdem.

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Es gibt aber dann doch zwei Schlüssel-Filme, die zusammen in dieser Retro­spek­tive am ehesten den Clash der Welten auf die Leinwand werfen: Die zwei Leben der Veronika des polni­schen Regis­seurs Krystoph Kyslowski erzählt das plötzlich frei gewordene Polen als Doppel­gän­ger­ge­schichte einer jungen Frau, auf deren Gesicht die Hoffnung einer ganzen Gesell­schaft ruht.
Dauernd geht und läuft sie durch die Stadt, von Unruhe gepackt, so ähnlich wie ein paar Jahre später die drei Leben der Lola, die in Tom Tykwers Film durch Berlin rennt, um ihre Liebe zu retten. Beide Filme erzählen in einer Welt im Umbruch von einer Metropole, in der sich der ganze Globus spiegelt.
In beiden Fällen ist der eigent­liche Haupt­dar­steller ihre Struktur: die achro­no­lo­gi­sche Multi­per­spek­ti­vität und das Simu­la­tive. Hier deutet sich nicht nur der Vari­an­ten­reichtum von Compu­ter­spielen und das unend­liche Neben­ein­ander im Cyber­space an, der in diesen langen 90er Jahren auch irgend­wann aufkommen und am Ende des Jahr­zehnts Allge­meingut sein sollte

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Es geht vor allem um den großen Möglich­keit­sinn jener Jahre: jeder hat in sich viele Leben und manchmal ist es nur der Flügel­schlag eines Schmet­ter­lings, der darüber entscheidet, welches dieser vielen Leben wir tatsäch­lich ergreifen.

Lola und Véronique laufen beide ins Offene. Sie sind die Verkör­pe­rungen dieses langen histo­ri­schen Augen­blicks, in dem ganz kurz einmal alles offen war, bevor sich die Fenster der Möglich­keiten wieder schlossen.