12.02.2026
76. Berlinale 2026

Im Berlinale-Fieber

Berlinale

Spots auf die Filme aus allen Berlinale-Sektionen (in alphabetischer Reihenfolge)

Von artechock-Redaktion

Auslands­reise (DE 2026 · Ted Fendt · Forum)

Eine eigen­ar­tige utopische Kraft geht von den Bildern Ted Fendts aus. Die analoge Körnig­keit des 16mm-Materials gibt unschein­baren Berliner Straßen, Fassaden, Parks und Ecken einen matten Schimmer, der sie aller Zeit­lich­keit enthebt. Auch wenn ein ganzes Jahr mit seinen Monaten vorü­ber­zieht. Als wäre es ein einziger Sommer­ur­laub, sagt Florian am Ende. Er zieht von einer provi­so­ri­schen Bleibe zur nächsten. Alejo ist aus Argen­ti­nien nach Berlin gekommen, wegen des vielen Grüns in der Stadt ist er geblieben. Und Leonie liest. Bücher von Anna Maria Ortese, in deutscher Über­set­zung, auf Italie­nisch, dann auch auf Fran­zö­sisch. Ein Lesekreis bildet sich. Das Lesen durch­wirkt diesen Film ganz und gar und gibt der Textur der 16mm-Bilder ihre sanfte Eindring­lich­keit. (Wolfgang Lasinger)

Die Liebe zum Text bringt die Figuren in Auslands­reise zusammen. Über ein Jahr hinweg sprechen sie in einem losen Lesekreis über die Literatur von Anna Maria Ortese. Mit konzen­trierter Leich­tig­keit insze­niert Ted Fendt die philo­so­phie­renden und alltäg­li­chen Gespräche. Im Zentrum steht Leonie, deren Interesse an der Über­setz­bar­keit der Texte den Film leise struk­tu­riert und für die Verbun­den­heit von Literatur und Leben sensi­bi­li­siert. Aufnahmen der Berliner Straßen und Parks verleihen dem Film einen sanften Rhythmus; wie die Menschen auf den Straßen schreiten auch die Jahres­zeiten beinahe unbemerkt voran und entfächern eine Empfin­dung von Zeit­lo­sig­keit. Die stati­schen 16mm-Bilder werden zu stillen Vermitt­lern eines Vertrauens, das Fendt in die Eindrücke der Räume ebenso setzt wie in die der Lektüre. (Amelie Hoch­häusler)

Black Burns Fast (ZAF 2026 · Sandulela Asanda · Gene­ra­tion Kplus)

Lachen geht auch ohne Regen­bogen. Wer nach den kaum mehr zu ertra­genden Rohr­kre­pie­rern des deutschen Schulfilm- und Internat-Genres – sei es Die Schule der magischen Tiere oder Bibi Blocks­berg – die Hoffnung aufge­geben hat, dass dieses Genre noch etwas zu bieten hat, sollte sich diesen Film ansehen. Politisch, leiden­schaft­lich, klug, verspielt, analy­tisch, roman­tisch und immer wieder sexuell, so wie sich das nun mal für die hier porträ­tierte Alters­gruppe in einem von der Kirche getra­genen Mädchen-Internat gehört. Der verblas­sende Traum der südafri­ka­ni­schen Regen­bo­gen­na­tion wird hier so spie­le­risch wie tief­sinnig kolpor­tiert und über eine irre Liebes­ge­schichte dann auch gleich wieder rela­ti­viert. Ange­sichts der kreativen Abgründe dieses Genres in Deutsch­land, sollte viel­leicht ein deutscher Produzent über ein deutsches Remake nach­denken, da kann bei dieser Vorlage wirklich nichts schief gehen, verspro­chen! (Axel Timo Purr)

Die Blut­gräfin (AT, DE, LU 2026 · Ulrike Ottinger · Berlinale Special Gala)

Eine spie­le­ri­sche Version des Mythos um Elisabeth Báthory serviert uns Ulrike Ottinger. Schauspielgräfin Isabelle Huppert ist die blutdurstige Vampirin, die im roten Kostüm auf der Suche nach einem bösen magischen Buch durch das moderne Wien kutschiert. Außerdem gibt es noch den von seinesgleichen ausgeschlossenen Vegetarier-Vampir (Thomas Schubert), der seinen Psychotherapeuten (Lars Eidinger) von seinem Vampirsein zu überzeugen versucht. Auch er begibt sich auf die Suche nach dem Buch, das ihn von seinem Schicksal befreien könnte. Die Handlung bleibt bewusst zweitrangig und selbstironisch. Wiener-Kitsch, Absurdität und Schauspielparodie durchdringen den Film. Ottinger bietet uns keinen blutigen Genuss – wohl aber kostet sie die Preisgabe jeder Seriosität lustvoll aus. (Amelie Hochhäusler)

Dao (FR/SN/GW 2026 · Alain Gomis · Wett­be­werb)

Ritual als perfor­ma­tive Fiktion. Alain Gomis schneidet zwischen zwei Welten hin und her, zwischen der Hoch­zeits­ge­mein­schaft in einem fran­zö­si­schen Landhaus und einem Dorf in Guinea-Bissau. In beiden Welten vorhanden sind Gloria (Béatrice Mendy) und ihre Tochter (D’Johé Kouadio). In Guinea-Bissau wird der verstor­bene Vater von Gloria animis­tisch herbei­ge­rufen. Die Tänze und das Trommeln, die Tieropfer und die magischen Impulse des Ange­ru­fenen umspannen den Raum der Fiktion, dem Realen des Rituals entwach­send, wie dies Jean Rouch in Les maîtres fous gefunden hatte. In Frank­reich entschält sich der Hoch­zeits­feier eine synkre­tis­ti­sche, afro-europäi­sche Kultur. Während der Film immer mehr zum Musical wird, erzählt er vom Fremdsein im Land der Ahnen, von Inter­kon­ti­nen­ta­lität und Europäi­zität, und von einer neuen Diaspora-Kultur der Migran­ten­ge­ne­ra­tion. (Dunja Bialas)

»Eine echte falsche Familie«, so instru­iert Regisseur Alain Gomis aus dem Off seine Darsteller*innen beim Casting. Er bringt Laien und Schau­spieler*innen zusammen, um Doku­men­ta­ri­sches in fiktio­nales Spiel zu über­führen. Im Mittel­punkt steht Gloria, deren Vater in Guinea-Bissau vor Kurzem gestorben ist und deren Tochter in Frank­reich kurz vor der Heirat steht. Die eksta­ti­sche Hoch­zeits­feier auf dem fran­zö­si­schen Land und das drei­tä­gige Toten­ri­tual im guineisch-bissaui­schen Dorf vereinen sich in der hin- und herschal­tenden Montage über die Konti­nente hinweg zu einem inten­siven Strom von Emotionen. Die Echos und die Energien, die zwischen den Kulturen über­springen, blenden Irri­ta­tionen und Diffe­renzen nicht aus. Aber es bleiben die unglaub­li­chen Momente der Wahr­haf­tig­keit, in denen sich Gespieltes und Authen­ti­sches unauf­lös­lich verbinden. (Wolfgang Lasinger)

De capul nostru (RU/IT 2026 · Tudor Cristian Jurgiu · Forum)

On our own
(Foto: Berlinale Forum · Lavinia Cioacă)

Kinder allein zuhaus. Ohne Eltern groß­zu­werden ist im Zeitalter von Work Migration und über­be­schäf­tigten Eltern in verschie­denen Gesell­schaften Realität, in Rumänien ist der Verlust der Eltern an fremde Kinder und Haushalte Norma­lität. Tudor Cristian Jurgiu hat aus der drückenden Sozi­al­rea­lität einen sehr beson­deren Coming-of-Age-Film gemacht. Heran­wach­sende proben unschul­dige Sexua­lität und zitathaft gefähr­liche Spiele, Kinder stellen kompro­misslos ihre Freiheit an die erste Stelle. Ein Ausflug in eine Höhle durch­zieht den Film, auf den die ruhige, fast somnam­bule Erzählung immer wieder zurück­kommt. Kinder, auf sich gestellt: das ist auch ein Motiv aus den Märchen. Jurgiu vermeidet zum Glück alle Dramatik und hält sich auch vom sozi­al­rea­lis­ti­schen Plot mit Sozialamt und Kran­ken­wagen zurück. Er erzählt die Gemein­schaft der Kinder als glück­lich­ma­chende Utopie. (Dunja Bialas)

Dust (BE/PL/GR/GB · Anke Blondé · Wett­be­werb)

Eine Art Thriller um Wirt­schafts­kri­mi­na­lität, der sich dem Abgang der Täter widmet, nachdem alles schon vorbei ist, der Schwindel aufge­flogen. Die zwei Brüder Luc und Geert haben das Finanz­vo­lumen ihres visi­onären IT-Unter­neh­mens mit Schein­firmen immer weiter aufge­bläht und Geld für sich beiseite geschafft. Die Nacht vor der Öffent­lich­ma­chung ihres Betrugs versuchen sie jeder für sich mit ihrer Schuld und Verant­wor­tung klar­zu­kommen. Fliehen oder durch­drehen? Wir befinden uns am Ende der 90er Jahre, die hier ausnahms­weise mal als triste Ange­le­gen­heit rüber­kommen. Nüchtern und kalt-grau seziert der Film die lange und trostlose letzte Nacht der beiden. Die in den Motiven anzi­tierte Gangs­ter­film-Heroik wird dabei konse­quent auf belgische Alltags­ba­na­lität und Büro­format herun­ter­ge­fahren. (Wolfgang Lasinger)

Everybody Digs Bill Evans (IE/UK 2026 · Grant Gee · Wett­be­werb)

»I’m outside of life.« Nach dem Unfalltod seines Bassisten LaFaro stürzt Jazz-Pianist Bill Evans in eine exis­ten­zi­elle Krise. Seine Heroin-Sucht verschlim­mert sich zusehends, eine Kurfahrt zu den Eltern in Florida soll Heilung verschaffen. In wunder­schönem Schwarz-Weiß erzählt Grant Gee diese biogra­fi­sche Geschichte eines unnah­baren, unver­s­tänd­li­chen Mannes. Dazwi­schen: Einschübe aus späteren Jahr­zehnten, tragische Moment­auf­nahmen von dem, was noch kommen soll. So stellt sich erzäh­le­risch wie ästhe­tisch ein perma­nenter Perspek­tiv­wechsel ein, nie kann man den Bildern, der Atmo­sphäre ganz trauen, es bleiben lediglich Moment­auf­nahmen, Phasen, Episoden. Selbst­re­flexiv entsteht eine traurige Poesie, die kontem­pla­tiven, an klas­si­sche Foto­gra­fien erin­nernden Aufnahmen bleiben distan­ziert, maßen sich keine Abso­lut­heit an. Sie folgen Evans durch diesen exem­pla­ri­schen Lebens­ab­schnitt, berauben ihn nie seiner Souver­ä­nität. (Benedikt Gunten­taler)

D’Est (BE/FR/PT 1993 · Chantal Akerman · Retro­spek­tive)

D’est
(Foto: Berlinale Retro­spek­tive · Chantal Akerman)

Stumme Blicke. 1993, die Sowjet­union ist zerfallen, die große Chantal Akerman reist von Ostdeutsch­land nach Moskau. Mit dabei: Ihr Filmteam, ein Doku­men­tar­film entsteht, ein expe­ri­men­telles Reise­ta­ge­buch. Erzählt wird in lang gehal­tenen Einstel­lungen, vornehm­lich langsamen Tracking-Shots, die Menschen­gruppen durch­queren, an Gesich­tern hängen­bleiben. Die Passanten bemerken die Kamera, reagieren darauf, lachen, winken, schämen sich, blicken zu Boden oder unauf­fällig in die Wolken. Alle wirken sie alleine, isoliert in diesen Menschen­trauben, der Blick in die Linse wird zur Selbst­be­trach­tung vor einem imagi­nierten Spiegel. Dazwi­schen: Kurze Szenen in Wohnungen, stille Menschen am Küchen­tisch, auf dem Sofa. Sprechen müssen sie nicht, diese Welt lässt sich nicht erklären, verhan­deln, man kann nur vor ihr stehen bleiben, beob­achten, staunen. Nicht zuletzt über sich selbst, den eigenen, unkon­trol­lier­baren Blick. (Benedikt Gunten­taler)

Trave­logue durch Dunkel­heit und Schnee. Es sind unfassbar viele Menschen in den Straßen unterwegs, dicke Fell­mützen auf dem Kopf, unförmige Mäntel, schwere Schuhe. Begonnen hatte der Film mit einer schnellen Fahrt durch die Land­schaften, portrai­tierte Land­ar­bei­te­rinnen mit ihren bunten Kopf­tüchern in der gleich­för­migen Bück­be­we­gung der Kartof­fel­lese: die Akerman’schen glaneu­eses. In den Städten ange­kommen, verliert sich der Film irgend­wann in den endlosen Straßen. Auf dem Schwarz­markt halten die Menschen Ware in die langsam vorbei­fah­rende Kamera: eine Salami, eine Tüte mit Paprika, ein Dose Obst, Brot. Manchmal drehen sie sich von der Kamera weg. Es ist kalt, auch in den Warteräumen der Bahnhöfe. Die Grund­stim­mung im aufge­bro­chenen Ostblock ist überhaupt die des Wartens. Bevor es wirklich losgehen kann, irren die Menschen durch die Straßen, auf der Suche nach einer neuen Zeit. (Dunja Bialas)

Ever­y­thing Else Is Noise (MX/DE/CA 2026 · Nicolás Pereda · Forum)

Vom Meister der Film­mi­nia­turen kommt diese Interview-Persi­flage mit drei mexi­ka­ni­schen Kompo­nis­tinnen. Nicolás Pereda dreht über­wie­gend Kammer­spiele in Wohnungen, in denen wenig gespro­chen, viel gelesen und noch mehr geschlafen wird. Diesmal wird die Kompo­nistin und Cello­spie­lerin Tere heim­ge­sucht: eine befreun­dete Kompo­nistin und mit ihr ein ganzes Fern­seh­team kommen für ein Interview, von dem sie gar nichts wusste, zu ihr in die Wohnung. Ein Strom­aus­fall, ein kläf­fender Hund und eine lärmende Straße bringen unauf­hör­lich Verschie­bungen und Aufschübe in die Antworten hinein. Erfri­schend komisch, ironisch, lakonisch: Hier wird das jour­na­lis­ti­sche Interview in die Absur­dität überführt. (Dunja Bialas)

A Family (NL/BE 2026 · Mees Peij­nen­burg · Gene­ra­tion Kplus)

Der Wahnsinn Liebe. Würde dieser Film im Wettbwerb der Berlinale gezeigt werden, hätte er große Chance auf den Goldenen Bären, denn wie Mees Peij­nen­burg hier von dem Wahnsinn Ehe, der einmal Liebe war und jetzt Hass ist, erzählt, das ist ganz großes Kino und der beste Schei­dungs­film seit langem. Sogar Bergmans Szenen einer Ehe verblassen vor dem, was hier aus dem Blick­winkel des 14-jährigen Elis und der 16-jährigen Nina erzählt wird. So wie in Leonardo Van Dijls starke Julie bleibt still, wird auch hier exem­pla­risch und schau­spie­le­risch über­ra­gend gezeigt, wie die Prot­ago­nisten, ob jung oder alt, um Worte und Verstehen ringen, und eine Sprache zu finden versuchen, die ihnen das seelische Überleben sichert. Wie Peij­nen­burg dabei immer wieder durch Gesten und Momente die Egoläufe der Erwach­senen demons­triert, dann aber auch hier sich jeglicher Einsei­tig­keit entzieht (etwa durch die Tanzszene von Vater und Kindern) und dann wieder den Mut zu einer poeti­schen Kame­ra­fahrt durch die Wohnung DER Familie wagt und das mit einem versöhn­li­chen Pommes-Essen gegen­schneidet ist schlichtweg: meis­ter­lich. (Axel Timo Purr)

Fili­piñana (SG/UK/PH/FR 2026 · Rafael Manuel · Perspec­tives)

Golfspiel des Lebens. In streng durch­kom­po­nierten Tableaus erzählt Rafael Manuel einen Arbeitstag im phil­ip­pi­ni­schen Country Club Maynila. Isabel ist dort als Tee-Girl beschäf­tigt, das heißt, sie legt den reichen, nahezu ausschließ­lich männ­li­chen Besuchern die Golfbälle beim Abschlags­trai­ning vor die Nase. Zwar gibt ein paar struk­tu­rie­rende Neben­hand­lungen – ein kleines Mädchen wird vermisst, der Club-Präsident verliert seinen Golf­schläger – Fili­piñana bleibt aber stets in einem unauf­ge­regten, beob­ach­tenden Modus. Diese Form­strenge (die Kamera bewegt sich kein einziges Mal) passt hervor­ra­gend zur arti­fi­zi­ellen Gestal­tung des Clubs, zu den genau­es­tens choreo­gra­fierten Hand­griffen der Golf­spieler und Arbeiter*innen. Ästhe­tisch wie inhalt­lich entsteht ein künst­li­cher Raum, der die vorherr­schenden Klas­sen­un­ter­schiede und patri­ar­chalen Struk­turen immer deut­li­cher heraus­ar­beitet. Ein beein­dru­ckendes, toll insze­niertes Regie­debüt. (Benedikt Gunten­taler)

Forest up in the Mountain (AR 2026 · Sofía Bordenave · Forum)

Genea­logie eines Waldes. Am 25. November 2017 wird der junge Mapuche Rafael Nahuel in einem Waldstück in Pata­go­nien von argen­ti­ni­schen Poli­zisten erschossen. Regis­seurin Bordenave nimmt diesen tragi­schen Mord als Ausgangs­punkt, um sich der von Staats­ge­walt durch­zo­genen Historie der Mapuche zu widmen. Alte Foto­gra­fien, Mitschnitte von Gerichts­pro­zessen, Land­karten und stili­sierte Natur­auf­nahmen des Waldes bilden das breit­ge­fächerte, hervor­ra­gend recher­chierte Material dieses Films. Montiert wird anachro­nis­tisch, nicht jeder Punkt wird erschöp­fend disku­tiert; eine histo­ri­sche Konti­nuität entsteht, ohne auf das bloße Nach­er­zählen der Fakten zu verfallen. Immer wieder schiebt sich der Wald als Prot­ago­nist in den Vorder­grund, darf ein para­die­si­scher, freier Raum bleiben. Diese Offenheit ist klug gewählt, schließt nichts ab, ermutigt zu eigenen Refle­xionen und Stel­lung­nahmen, ohne politisch vage zu werden. (Benedikt Gunten­taler)

Gelbe Briefe (DE/FR/TK 2026 · İlker Çatak · Wett­be­werb)

Gelbe Briefe
(Foto: Berlinale · Ella Knorz · ifPro­duc­tions · Alamode Film)

Alles wird gut: Das ist wohl İlker Çataks bislang poli­tischster Film – und erstmals ein Film, der ohne seinen lang­jäh­rigen Koope­ra­ti­ons­partner Johannes Duncker geschrieben ist. Ankara in Berlin, Istanbul in Hamburg: Diese kluge Verfrem­dung macht die Geschichte univer­sell. Wenn an deutschen Altbauten »Gott steh uns bei« prangt, kippt das Lokale ins Allge­meine, wird auch Geschichte global. Präzise beob­achtet Çatak das Zerfallen von Familie und Freund­schaften unter poli­ti­schem Druck. Stark die Film-im-Film- und Thea­ter­szenen, in denen Kunst sich selbst befragt. Allein die Eska­la­tion um die Tochter wirkt über­in­sze­niert, erhält die innere Logik Riss, denn so schnell dürfte nicht einmal ein Intel­lek­tu­eller in der Türkei zum Patri­ar­chen mutieren. Doch das ist nur ein Moment und Çatak stellt bis zum Ende die richtigen Fragen: Rettet Theater die Welt? Eher nicht. Und das Kino? Nur dann, wenn es weiterhin solche Filme gibt. (Axel Timo Purr)

Themen­film. Derya und Aziz – Künst­ler­ehe­paar in Ankara – sind politisch nicht auf Linie, demons­trieren, posten online Kritik. Der Staat nimmt sie ins Visier, sie verlieren Wohnung und Job. Was tun, wie sich verhalten, wie Geld verdienen, ohne die eigenen Ideale zu verraten? Es ist eine sehr respek­table, konse­quente Entschei­dung von İlker Çatak (gerade nach dem Erfolg seines Lehrer­zim­mers) diesen Film auf türkisch zu drehen, die deutschen Drehorte als Stand-Ins für türkische Städte zu verfremden. Leider wird sich diesem Unterbau nie ästhe­tisch genähert, Gelbe Briefe bleibt die ganze Laufzeit über ein blasser Dreh­buch­film, der Thema auf Thema stapelt, sich anhand der zentralen Familie von einem Streit­punkt zum nächsten hangelt. Keiner wird ausschöp­fend behandelt, es bleiben lediglich Frage­stel­lungen, zusam­men­ge­halten von unglaub­wür­digen Charak­ter­ent­wick­lungen. Das Poli­ti­sche ist hier nur noch privat. (Benedikt Gunten­taler)

Der Heimat­lose (DE 2026 · Kai Stänicke · Perspec­tives)

Zeugen der dritten Erin­ne­rung: Kai Stänicke insze­niert Identität als Versuchs­an­ord­nung. Wie bei Lars von Triers Dogville gibt es nur Kulissen, aber sie stehen auf echtem Nord­see­sand. Der Film ist Behaup­tung und Symbol zugleich. Die affek­tierte, altdeut­sche Sprache wirkt mitunter überzogen, fast manie­riert, doch genau darin liegt der Reiz: Erin­ne­rung wird hier zur Kampfzone. Wessen Version setzt sich durch? Welche Wahrheit gehört der Mehrheit? Als Kammer­spiel kehrt der Film Max Frischs Stiller um – nicht »Ich bin nicht…«, sondern über­ra­schend und fast grundlos trotzig: »Ich bin!« Und am Ende über­rascht er mit etwas fast Unzeit­ge­mäßem, weil aus der Iden­ti­täts­ge­sichte dann auch noch eine handfeste Liebes­ge­schichte wird. Stark gespielt, klug konstru­iert. (Axel Timo Purr)

If Pigeons Turned to Gold (CZE, SVK 2026 · Pepa Lubojacki · Forum)

Inter­ge­ne­ra­tio­nale Sucht­er­kran­kungen in Musik­video-Ästhetik: Im sehr persön­li­chen Debüt-Doku­men­tar­film der Prager Regis­seurin Pepa Lubojacki verbindet eine kolla­gen­hafte Form ener­ge­ti­sche Musik­video-Ästhetik mit scho­nungs­losen Aufnahmen der Konfron­ta­tion ihres alko­hol­ab­hän­gigen Bruders. Alte Kinder­fotos werden mittels KI zum Leben erweckt und sprechen das aus, was damals unaus­ge­spro­chen blieb. Sucht ist in ihrer Familie seit Gene­ra­tionen verankert. Ihr Vater starb an einer Überdosis, ihr Onkel verlor beide Beine. Zwischen Hilf­lo­sig­keit und Akzeptanz wird der Film zum Versuch, den schlei­chenden Verlust des Bruders zu begreifen. Die Ehrlich­keit der Darstel­lung und die Liebe, mit der Lubojacki ihrer Familie begegnet, sind sehr berührend. (Kevin Gawlik)

Iván & Hadoum (ES/DE/BE 2026 · Ian de la Rosa · Panorama)

Du riechst nach Tomate: Ian de la Rosas Lang­film­debüt vereint eine queere Romeo und Julia-Geschichte in den Gewächs­häu­sern Südspa­niens mit sozi­al­kri­ti­schen Unter­tönen wie Arbeits­mi­gra­tion, gnaden­losen Gesell­schafts­hier­ar­chien, Globa­li­sie­rungs­raubbau und Rassismen jeder Art. Obwohl der Film alle Zutaten für große Gefühle in seinem klugen Drehbuch vereint, gelingt es Rosa eher selten, diese auch zur Entfal­tung zu bringen; viel­leicht auch deswegen, weil Rosa ein wenig zu viel an »Almodóvar« erinnern will. Dennoch überzeugt der Film durch seinen präzisen, so analy­tisch wie zärt­li­chen Blick auf eine Gesell­schaft am Rande des Nerven­zu­sam­men­bruchs. (Axel Timo Purr)

Kurtuluș / Salvation (TK/FR/NL/GR/S/SA · Emin Alper · Wett­be­werb)

Kurtulus
(Foto: Berlinale · Liman Film)

Bild­ge­wal­tiges Erzählen, das sich selbst durch hölzerne Erklär­dia­loge sabotiert. Emin Alper baut den Konflikt zwischen dem oberen und dem unteren Dorf im abge­le­genen türki­schen Gebirge zu einem Lehrstück über Eska­la­tion aus. Clan-, Bruder- und Männer-Riva­li­täten bestimmen die Lage, religiöse Visionen befeuern den Kampf um die Macht. Es ist sicher notwendig, die innere Dynamik aufzu­zeigen, die aus ökono­mi­scher Konkur­renz und Streit um Land aufge­heizten Fana­tismus erwachsen lässt. Ob man für den wirkungs­vollen Schluss tatsäch­lich zwei Stunden lang ernst drein­bli­ckenden Männern dabei zusehen möchte, wie sie die Eska­la­ti­ons­spi­rale immer weiter­drehen, bis sie bereit sind, unschul­diges Leben auch von Kindern auszu­lö­schen? Über den Aufweis bekannter patri­ar­chaler Mecha­nismen kommt Alper nicht hinaus. (Wolfgang Lasinger)

Lieb­ha­be­rinnen (DE/LU 2026 · Koxi · Forum)

Infantile Satire. Eine Paral­lel­ge­schichte: Während die junge Paula versucht, der dörf­li­chen Hölle zu entfliehen, Gehver­suche als Influen­cerin auf Instagram und als Cam-Girl auf dubiosen Websites unter­nimmt, ist Barbara – aufge­wachsen im selben Dorf – bereits erwachsen, hängt ihrer­seits geschei­terten Träumen nach. Der Job als Fallout-Bunker-Verkäu­ferin ist miserabel, sie bandelt mit einem reichen Mama-Söhnchen an, um ihren Geld­sorgen zu entfliehen. Grell gibt sich dieser satirisch angelegte Film, der auf zynischste Weise aktuelle Streit­themen verhan­delt. Toxische Männ­lich­keit, Selbst­hilfe-Seminare, Doom­scrol­ling, irgendwas mit Kapi­ta­lismus. Unter all dem schlum­mert eine tiefe Depres­sion, eine zersplit­terte Welt voll einsamer, trauriger Menschen. Leider geht diese Ernst­haf­tig­keit schnell verloren, Regis­seurin Koxi insze­niert nur auf Pointen hin, gibt ihrer Erzählung keinen Raum, traut ihren Figuren keine Selbst­stän­dig­keit zu. (Benedikt Gunten­taler)

The Loneliest Man in Town (AT 2026 · Tizza Covi, Rainer Frimmel · Wett­be­werb)

Öster­reich-Blues: Im semi-doku­men­ta­ri­schen Spielfilm nimmt der Blues-Musiker Al Cook sein eigenes Biopic vorweg. Er lebt als letzter verblei­bender Mieter in seiner beschei­denen Wohnung in Öster­reich. Dieselbe Wohnung, in der er aufge­wachsen ist. Im Keller befindet sich sein Studio. Immer wieder spielt er am Klavier oder an der Gitarre, der Blues ist längst in Fleisch und Blut über­ge­gangen. Seine Kleidung verrät die Bewun­de­rung der Rocka­billy-Ära und seines Idols Elvis Presley. Als die Immo­bi­li­en­firma Al endgültig rauschmeißt, beginnt ein Abgesang eines ereig­nis­rei­chen Lebens. Es geht sowohl um den Abschied als auch um das Bewahren seiner Erin­ne­rungen. Dabei verraten die Artefakte in Als Wohnung mehr als er selbst: von Konzerten mit ameri­ka­ni­schen Kollegen bis hin zu seiner verstor­benen Liebe. Gepaart mit trockenem öster­rei­chi­schem Humor und einem tollen Sound­track hinter­lässt der kleine Film eine große Wirkung im dies­jäh­rigen Wett­be­werb. (Kevin Gawlik)

Meine Frau weint (DE 2026 · Angela Schanelec · Wett­be­werb)

Es geht um das Leben und um den Tod. Über die Bande, die sich zwischen den Figuren knüpft, und darüber, warum die Bezie­hungen ausein­an­der­driften. Schanelec macht den Dissens ästhe­tisch spürbar. Meine Frau weint ist der Moment, in dem Clara Thomas von einem Unfall erzählt und davon, wer der Mann war, der an ihrer Seite saß. Während Clara erzählt, schieben sie das Fahrrad, es ist der ruhige Moment, an dem alles ausein­an­der­fällt, die Gewiss­heit über das Zusam­men­sein, die Gewiss­heit über die Bestän­dig­keit des Lebens. Schanelec schält aus dem trivialen Kolpor­ta­ge­mo­ment – die Frau betrügt ihren Mann, bei einem tödlichen Unfall kommt alles heraus – eine große stille Tragik heraus. Dieser konkur­renzlos ergrei­fende Film ist nicht von diesem Wett­be­werb. (Dunja Bialas)
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Traurig liebend erzählt uns Angela Schanelec von der Erschüt­te­rung einer Part­ner­schaft. Im Zentrum steht eine Szene, in der Carla ihrem Mann Thomas von der Beziehung zu ihrem Tanz­partner berichtet, der bei einem gemein­samen Auto­un­fall gestorben ist. Was zunächst so leicht umrissen werden kann, entfaltet sich als zutiefst melan­cho­li­sche Reflexion darüber, wie wir einander mitteilen – und von dem, was unver­fügbar bleibt. In stati­schen Bildern vertraut Schanelec den Körpern ihrer Schau­spieler und verleiht der Inten­sität des Gesagten Raum. Aus der stillen Zärt­lich­keit der Bilder trifft uns tiefe Erschüt­te­rung, wenn wir zu fragen beginnen, wie mit dem umzugehen ist, was vergangen ist, aber noch nicht verloren. (Amelie Hoch­häusler)

Narciso (Marcelo Marti­nessi · PY/DE/UY/BR/PT/ES/FR · Panorama)

Als charis­ma­ti­scher Disc­jo­ckey führt Narciso im Jahr 1959 den Rock’n’Roll von Chuck Berry und Buddy Holly im para­gu­ay­ischen Radio ein, das sonst nur nationale Folklore spielt. Elvis’ Sexappeal scheint auf Narciso über­ge­sprungen zu sein, nicht nur die weib­li­chen Fans, auch der ältere Don Luis Bermúdez (genannt Lulu), der Programm­chef des Senders, und Mister Wesson (wieder mal großartig: Nahuel Perez Biscayart), US-ameri­ka­ni­scher Botschafts­an­ge­stellter, verfallen seinen verfüh­re­ri­schen Hüft­schwüngen. Im Sender werden die Platten nicht einfach aufgelegt, sie werden vor tanzenden Hörern im Studio abge­spielt, so wie auch das Hörspiel »Dracula« wie Theater vor Publikum aufge­führt wird: mit hand­ge­machten akus­ti­schen Kulissen und geschminkten Sprechern. Ein Hauch von Queerness zieht in die gehei­ligten Räume des Senders Radio Capital – die Stroessner-Diktatur holt jedoch zum brutalen Schlag gegen die verfemte Schwu­len­szene aus. Die ersti­ckende Atmo­sphäre der Unter­drü­ckung durch­wirkt die aufge­la­denen Bilder von Kame­ra­mann Luis Arteaga aufs Beklem­mendste. (Wolfgang Lasinger)

No Good Men (DE/FR/DK 2026 · Shahr­banoo Sadat · Berlinale Special Gala)

No Good Men
(Foto: Virginie Surdej · Berlinale)

Diaspora der Gefühle: Der Berlinale-Eröff­nungs­film wagt das unwahr­schein­liche – eine afgha­ni­sche Romcom im Moment des histo­ri­schen Zusam­men­bruchs. Die Regis­seurin Shahr­banoo Sadat spielt selbst eine Kame­ra­frau, die kurz vor der Taliban-Rückkehr erkennt, dass Zynismus auch nur eine Schutz­be­haup­tung ist. Zwischen Newsroom, Dildo, Sorge­rechts­streit und flir­tendem Reporter blitzt eine trotzig-opti­mis­ti­sche Frage auf: Gibt es sie doch, die guten Männer? Manchmal ist das fast zu schön, ist Bollywood im Krisen­modus. Aber gerade in dieser riskanten Mischung aus poli­ti­schem Ernst, weib­li­cher Selbst­er­mäch­ti­gung und roman­ti­schem Trotz liegt die Kraft dieses Films – und auch seine Provo­ka­tion. -> Lang­kritik (Axel Timo Purr)

A New Dawn (JPN 2025 · Yoshi­toshi Shinomiya · Wett­be­werb)

Drei ??? Werden erwachsen: Animes haben auf der Berlinale eine kleine Tradition – vom Berlinale-Sieger Chihiros Reise ins Zauber­land bis Suzume. Mit dieser Fallhöhe muss sich A New Dawn messen lassen – und verliert deutlich. Yoshi­toshi Shinomiya liefert zwar eine visuell atem­be­rau­bende Arbeit: Holz­schnitt trifft Pastell, harte Schraf­furen schneiden in idyl­li­sche Wälder, als fräße sich die Straße schon ins Bild. Doch das Drama um die Feuer­werks­fa­brik Obinata, um Shuhari, Vater­ver­lust und Zersie­de­lung und drei Freunde bleibt erratisch erzählt. Viel Pathos, wenig Rhythmus. Identität gegen moderne, fast schon allzu bekanntes Anime-Terrain. Und doch blitzt zwischen all dem erzäh­le­ri­schen Ungleich­ge­wicht immer wieder auch eine eigen­sin­nige, fast trotzige Schönheit auf. (Axel Timo Purr)

Not a Hero (IND/SGP 2026 · Rima Das · Gene­ra­tion Kplus)

Liebe ist Trennung: Auch Binnen­mi­gra­tion führt zu Iden­ti­täts­ver­lusten, die Tash Aw in seinem groß­ar­tigen Memoir Fremde am Pier vor allem für südost­asia­ti­sche Gesell­schaften erschüt­ternd lakonisch heraus­ge­ar­beitet hat. Rima Das erzählt diese Tragik über den elfjäh­rigen Mivan, den seine Eltern wegen beruf­li­cher Probleme kurzer­hand aus der Stadt zu der Schwester aufs Land verschi­cken. Alles ist hier anders: nicht nur die indigene Sprache, die Mivan nicht beherrscht, sondern auch die Schule und Bezie­hungs­dy­na­miken. Subtil lässt Das auch die toxischen poli­ti­schen Verhält­nisse Indiens mitein­fließen, in dem er das hier gezeigte politisch margi­na­li­sierte Assam zeigt, so wie es ist. Arm und abge­hangen. Doch wie der ganze episo­disch erzählte Film operiert Das mehr mit poeti­schen Hinweisen als Keulen­schlägen; auch das macht diesen Film so außer­ge­wöhn­lich. (Axel Timo Purr)

Only Rebels Win (FRA/LBN/ QAT 2026 · Danielle Arbid · Panorama)

Liebe als Rebellion: Osmane flieht aus dem Sudan und verliebt sich in Beirut in die ältere Witwe Suzanne. In der krisen­ge­prägten Stadt herrscht eine aufge­heizte Stimmung: Wasser und Benzin sind knapp, Miss­trauen und Aggres­si­vität innerhalb der Bevöl­ke­rung nehmen zu. So wird auch die Beziehung durch Rassismus und Unver­s­tändnis auf die Probe gestellt. Tief im Realismus verwur­zelt, funk­tio­niert der Film mehr als poli­ti­sche Botschaft und Zeit­zeugnis statt durch eine ergrei­fende Erzählung. Zu Beginn wird verkündet, dass alles nur eine Illusion sei, da im echten Libanon, aufgrund der Angriffe Israels, nicht gedreht werden konnte. Diese Meta-Ebene ist dem Film omni­prä­sent einge­schrieben, sei es durch die 2D-Hinter­grund­pro­jek­tionen oder durch das Taste-of-Cherry-ähnliche Ende. Film, als Illu­si­ons­raum, der das voll­bringt, was die reale Welt verwehrt. (Kevin Gawlik)

Piedras preciosas (CO/PT 2026 · Simón Vélez · Forum)

Exis­ten­tia­lismus light. Erst vor kurzem ist der junge Kolum­bianer Machado nach Frank­reich emigriert, arbeitet dort als Wein­trau­ben­pflü­cker, führt eine leiden­schaft­liche Beziehung. Alles läuft perfekt, ein bisschen arg gemütlich viel­leicht, als Ausgleich dient ihm ein reiches Ehepaar, für das er Edel­steine stiehlt. Diesmal wünschen sie sich einen Smaragd aus einer Kirche in Medellín. Also zurück nach Kolumbien, als Priester verkleiden, die Beute einheimsen, ein paar Leichen verste­cken, Autos knacken, ein bisschen kiffen und mit dem Smaragd in der Jacken­ta­sche im Park einschlafen. Machado lässt es ruhig angehen, driftet durch diesen stil­vollen Film wie ein restlos unbeküm­merter Meursault. Von dieser Leich­tig­keit lässt man sich gerne anstecken, auch wenn die omni­prä­sente Noncha­lance zuweilen etwas fahrig wirkt. Ein schön kleines, unauf­ge­regtes Abenteuer. (Benedikt Gunten­taler)

A Prayer for the Dying (NO/GR/UK/SE 2026 · Dara Van Dusen · Perspec­tives)

Krankheit als Western: Dara Van Dusen macht die Seuche zum eigent­li­chen gewalt­tä­tigen Gegen­spieler in einem Western. 1870, Dürre, Bürger­kriegs­trau­mata – und ein Sheriff, der zugleich Pastor und Toten­gräber ist. Krankheit auch als mora­li­sches Duell: Jede Entschei­dung kostet Leben. Visuell ein starkes, immer wieder gemäl­de­ge­flu­tetes Debüt – Menschen unter ausge­dörrten Bäumen, ein Zug im Feuer­dunst, dazu unheil­volle, präzise kompo­nierte elek­tro­ni­sche Beats. Und viel Über­ra­schungen: Ein Sheriff auf dem Fahrrad, ein Arzt, der schweigen will, um mehr zu retten: Doch gegen Ende überhebt sich der Film, wird zu pathe­tisch, ist zu Apoca­lypse Now-verliebt. (Axel Timo Purr)

Queen at Sea (USA/UK 2026 · Lance Hammer · Wett­be­werb)

Ich weiß nicht, wie Liebe sich jetzt für sie anfühlt: Filme über Demenz kreisen meist um den Verfall – man denke an Amour oder The Father. Queen at Sea setzt noch früher an, brutaler: Mit der Polizei im Schlaf­zimmer, weil eine demente Mutter angeblich nicht dem Sex mit ihrem Ehemann zustimmen könne. Ein intimer Moment kippt in ein Verfahren, aus Fürsorge wird ein Apparat, der alles regelt und damit alles zerstört. Lance Hammer zeigt die Entmün­di­gung des Alters im Modus mora­li­scher Selbst­ge­wiss­heit – über­griffig bis ins Detail, vom unge­fragten Eintreten in die Wohnung bis zum Kondom, das der eigenen Tochter in die Hand gedrückt wird. Das ist hart, manchmal etwas zu didak­tisch im Stil von Ken Loach zuge­spitzt. Und doch liegt unter der Anklage eine große Zärt­lich­keit und ist dabei heraus­ra­gend gespielt, mit einer beein­dru­ckenden Genau­ig­keit für Blicke, Pausen, Berüh­rungen. Gerade weil die Liebe so evident ist, trifft der Verlust umso härter. Nicht ganz so souverän wie Sarah Polleys meis­ter­li­ches Debüt An ihrer Seite, aber erschüt­ternd gegen­wärtig. (Axel Timo Purr)

Rose (AT/DE/ 2026 · Markus Schleinzer · Wett­be­werb)

Rose
(Foto: Berlinale · Schubert, ROW Pictures, Walker+Worm Film, Gerald Kerkletz)

Gender Perfor­mance im 17. Jahr­hun­dert. Sandra Hüller (der Preis als beste Schau­spie­lerin dürfte ihr sicher sein) spielt eine camou­flierte Frau. In Männer­klei­dung hat sie als Soldat im Krieg gekämpft. Ein Gewehr hat die Hälfte ihres Gesichts zerfetzt, die Narbe trägt sie stolz und zum Beweis die Kugel an einer Kette um den Hals. Jetzt will sie sich ein neues Leben in einem Dorf aufbauen und bekommt als Bären­tö­terin alle Achtung von den Dorf­be­woh­nern. Bald will sie expan­dieren und heiraten, um weiteres Land zu bekommen. Es kommt, wie es kommen musste. Markus Schleinzer hat eine stille Moritat in Schwarz­weiß und betörend alter Sprache geschaffen, in der der Wind durch die Ähren streift und die Gender­ord­nung unver­rückbar ist. Der Frei­heits­drang von Rose ist uner­schüt­ter­lich, die Zeit dazu indes noch nicht reif. (Dunja Bialas)

Rosebush Pruning (IT/DE/ES/UK 2026 · Karim Aïnouz · Wett­be­werb)

Die reine Ober­fläche feiert Karim Aïnouz in Rosebush Pruning. Eine schwer reiche Geschwis­ter­gruppe steigert sich anläss­lich der neuen Freundin des Familien-Primus immer weiter in ihre Obses­sionen hinein, bald schon gibt es Tote. Es ist ein merk­wür­diger Film, voll von greller Werbe- und Video-Clip-Ästhetik, die Gespräche drehen sich beinahe ausschließ­lich um Mode­marken, allen­falls noch um sexuelle Neigungen oder offen zur Schau gestellte Perver­sionen. Wenig nuanciert, überhaupt recht ziellos spitzt sich diese von Lanthimos-Kolla­bo­ra­teur Efthimis Filippou geschrie­bene Groteske immer weiter zu, verwei­gert sich dabei klaren Themen. Das mag immer wieder an der Grenze zu Belang­lo­sig­keit kratzen, entwi­ckelt jedoch einen eigen­wil­ligen Sog, der den perfekt durch­de­signten Zynismus immer mehr zum Selbst­zweck werden lässt. Das macht große Freude, will aber nicht weiter hinter­fragt werden. (Benedikt Gunten­taler)

Shanghai Daughter (CHN 2026 · Agnis Shen Zhongmin · Panorama)

Flanieren als Methode, Verweilen als Pose: Agnis Shen Zhongmin schickt eine Frau auf Spuren­suche in die chine­si­sche Peri­pherie – doch was als familiäre Archäo­logie in die Abgründe der Kultur­re­vo­lu­tion beginnt, verliert sich in Nicht-Orten, leeren Büros, Hühnern zwischen kaputten Stühlen und langen Monologen. Fast ethno­gra­fisch tastet sich die Kamera durch Xishuang­b­anna, an der Grenze zu Myanmar, wo Wasser­büffel langsam durchs Bild trotten und alte Dai-Rituale beschworen werden. Slow Cinema als Such­be­we­gung. Doch die eigent­liche Suche bleibt unter­be­lichtet, verliert sich immer wieder; ohne kultur­his­to­ri­sches Vorwissen verschließt sich der Film dem Zuschauer. Und dennoch liegt in der spröden Geduld und extremen poli­ti­schen Subti­lität eine eigen­sin­nige, stille Kraft. Das weiche Wasser höhlt den harten Stein. (Axel Timo Purr)

Truly Naked (NL, BE, FR 2026 · Muriel d’Ansem­bourg · Perspec­tives)

Die Entde­ckung der Zärt­lich­keit: Truly Naked ist eine Mischung aus Coming-of-Age und Debatte über Porno­grafie. Im Schul­un­ter­richt werden Referate über Süchte gehalten. Der Teenager Alec bekommt das Thema Porno­sucht zugeteilt, das er nun mit seiner Mitschü­lerin Nina erar­beitet. Diese ahnt nicht, dass Alec der Kame­ra­mann im Unter­nehmen seines Vaters ist und diese Porno­filme produ­zieren. Unter­schied­liche Perspek­tiven von Sex und Zärt­lich­keit sind das zentrale Thema des Films. Nina stellt den Gegenpol zu Alec dar, ihre Mutter ist Life Coach und Femi­nistin. Wo der Vater nach immer neueren Extremen greift, um seine Down­load­zahlen sicher­zu­stellen, lernt Alec durch Nina einen neuen Zugang zu Sexua­lität kennen. Der Film verfällt nicht in ein Schwarz-Weiß-Denken und die Chemie zwischen dem jungen Pärchen funk­tio­niert. In der Vermitt­lung seiner Botschaft ist er dann aber doch zu offen­sicht­lich. (Kevin Gawlik)

What Will I Become? (USA 2026 · Lexie Bean, Logan Rozos · Gene­ra­tion Kplus)

Auf der Suche nach den Schatten der Toten: Die Doku­men­ta­tion ist als notwen­diger Aufschrei insze­niert – und bleibt dabei doch erschre­ckend eindi­men­sional. Die erschüt­ternde Zahl von über 50 Prozent Suizid­ver­su­chen unter Trans­men­schen wird zur mora­li­schen Keule, nicht zum analy­ti­schen Ausgangs­punkt. Blake Brockington und Kyler Prescott erscheinen weniger als wider­sprüch­liche Persön­lich­keiten denn als kitschig insze­nierte Ikonen einer Akti­visten-Erzählung. Zwischen Tränen, Geigen­schmalz und didak­ti­schen Einblen­dungen kippt der Film immer wieder ins Edutain­ment. Trost ja – Erkenntnis kaum; weniger substan­ti­elle Doku als ein gut gemeinter Workshop mit Sound­track. (Axel Timo Purr)

Wo Men Bu Shi Mo Sheng Ren (We Are All Strangers) (SGP 2026 · Anthony Chen · Wett­be­werb)

Spiele fröhliche Musik: In der Tonalität von Edward Yangs Yi Yi – A One and a Two entfaltet auch Anthony Chens Wett­be­werbs­bei­trag eine allum­fas­sende Zärt­lich­keit, die das Leben selbst in seinen schärfsten Zumu­tungen umarmt. Ein älteres Liebes­paar fährt mit dem 187er Bus durch die Wirt­schafts­me­tro­pole Singapur – weil es kühler ist und man mehr sieht. Ein Blick, der Programm ist: aufmerksam, geduldig, ohne Zynismus. Der Sohn schlägt sich als Grab-Fahrer durch die Platt­for­mö­ko­nomie, der Vater trägt die Müdigkeit eines Mannes, der seit Jahr­zehnten gegen das Abrut­schen ankämpft. Die malay­si­sche Partnerin, seit 30 Jahren ohne Einbür­ge­rung, herab­ge­wür­digt als „Bier-Tante“, verkör­pert ein über­ra­schend aufrich­tiges Prekariat, selbst der Handel mit gefälschten Medi­ka­menten gerät hier nicht zum Thriller, sondern zur mora­li­schen Bewäh­rungs­probe, zur Möglich­keit von Läuterung. Eine klas­si­sche, wunder­schön traurige und bisweilen sogar heitere Geschichte über Verant­wor­tung und zweite Chancen – tief in Singapur verwur­zelt und doch von leiser, univer­seller Größe. (Axel Timo Purr)

Wolfram (AU 2025 · Warwick Thornton · Wett­be­werb)

Klas­si­sche Western­mo­tive: Henry, ein Ort im Outback Austra­liens in den 30er Jahren. Pferde, Esel, ein Saloon. Gold- und Wolf­ramschürfer, die ihre Claims abstecken. Kinder, die in die Stollen geschickt werden, um händisch das Gestein heraus­zu­hauen, pure Exploita­tion. Dazu Rassismus gegenüber den Aborig­enes. Die weißen Siedler waren nicht nett. Die Schurken dürfen hier so eindi­men­sional primitiv und böse sein, dass man ihnen nicht umsonst das Schlech­teste wünscht. Die Eintei­lung in vier Kapitel durch Inserts täuscht eine Drama­turgie vor, doch ein richtiger Span­nungs­bogen gelingt dem etwas unam­bi­tio­nierten Drehbuch nicht. Alles passiert einfach so. Die große Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung am Ende wirkt dann fast schon komisch. Doch Ironie ist den präch­tigen und schön anzu­schau­enden Land­schafts­pan­oramen gänzlich fremd. (Wolfgang Lasinger)

Yön Lapsi (Nightborn) (FIN/LTU/FRA/UK 2026 · Hanna Bergholm · Wett­be­werb)

Zurück zur Natur: Die finnische Regis­seurin Hanna Bergholm bleibt dem Body-Horror treu. Verschmelzen in ihrem Debütfilm Hatching (2022) Mensch und Krähe, ist es nun ein Neuge­bo­renes, das über­mensch­liche Merkmale aufweist. Die Mutter verzwei­felt, versucht sie doch ihre Rolle erwar­tungs­ge­recht auszu­führen. Die Baby­schreie wollen nicht aufhören und die Beziehung zu ihrem Mann gerät ins Wanken. Als sie anfängt, den unge­wöhn­li­chen Bedürf­nissen ihres Kindes nach­zu­geben, entwi­ckelt sich eine uner­war­tete Bindung. Der Film lebt durch seinen unter­lie­genden Humor, der aus absurder Situa­ti­ons­komik und Hilf­lo­sig­keit des Vaters besteht. Die meta­pho­ri­sche Ebene der Mutter-Kind-Bindung wird so aufge­lo­ckert. Im Vergleich zum Vorgän­ger­film wird jedoch keine tiefere emotio­nale Ebene erreicht. Es bleibt ein solider Horror­film. (Kevin Gawlik)