76. Berlinale 2026
Im Berlinale-Fieber |
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Eine eigenartige utopische Kraft geht von den Bildern Ted Fendts aus. Die analoge Körnigkeit des 16mm-Materials gibt unscheinbaren Berliner Straßen, Fassaden, Parks und Ecken einen matten Schimmer, der sie aller Zeitlichkeit enthebt. Auch wenn ein ganzes Jahr mit seinen Monaten vorüberzieht. Als wäre es ein einziger Sommerurlaub, sagt Florian am Ende. Er zieht von einer provisorischen Bleibe zur nächsten. Alejo ist aus Argentinien nach Berlin gekommen, wegen des vielen Grüns in der Stadt ist er geblieben. Und Leonie liest. Bücher von Anna Maria Ortese, in deutscher Übersetzung, auf Italienisch, dann auch auf Französisch. Ein Lesekreis bildet sich. Das Lesen durchwirkt diesen Film ganz und gar und gibt der Textur der 16mm-Bilder ihre sanfte Eindringlichkeit. (Wolfgang Lasinger)
Die Liebe zum Text bringt die Figuren in Auslandsreise zusammen. Über ein Jahr hinweg sprechen sie in einem losen Lesekreis über die Literatur von Anna Maria Ortese. Mit konzentrierter Leichtigkeit inszeniert Ted Fendt die philosophierenden und alltäglichen Gespräche. Im Zentrum steht Leonie, deren Interesse an der Übersetzbarkeit der Texte den Film leise strukturiert und für die Verbundenheit von Literatur und Leben sensibilisiert. Aufnahmen der Berliner Straßen und Parks verleihen dem Film einen sanften Rhythmus; wie die Menschen auf den Straßen schreiten auch die Jahreszeiten beinahe unbemerkt voran und entfächern eine Empfindung von Zeitlosigkeit. Die statischen 16mm-Bilder werden zu stillen Vermittlern eines Vertrauens, das Fendt in die Eindrücke der Räume ebenso setzt wie in die der Lektüre. (Amelie Hochhäusler)
Lachen geht auch ohne Regenbogen. Wer nach den kaum mehr zu ertragenden Rohrkrepierern des deutschen Schulfilm- und Internat-Genres – sei es Die Schule der magischen Tiere oder Bibi Blocksberg – die Hoffnung aufgegeben hat, dass dieses Genre noch etwas zu bieten hat, sollte sich diesen Film ansehen. Politisch, leidenschaftlich, klug, verspielt, analytisch, romantisch und immer wieder sexuell, so wie sich das nun mal für die hier porträtierte Altersgruppe in einem von der Kirche getragenen Mädchen-Internat gehört. Der verblassende Traum der südafrikanischen Regenbogennation wird hier so spielerisch wie tiefsinnig kolportiert und über eine irre Liebesgeschichte dann auch gleich wieder relativiert. Angesichts der kreativen Abgründe dieses Genres in Deutschland, sollte vielleicht ein deutscher Produzent über ein deutsches Remake nachdenken, da kann bei dieser Vorlage wirklich nichts schief gehen, versprochen! (Axel Timo Purr)
Eine spielerische Version des Mythos um Elisabeth Báthory serviert uns Ulrike Ottinger. Schauspielgräfin Isabelle Huppert ist die blutdurstige Vampirin, die im roten Kostüm auf der Suche nach einem bösen magischen Buch durch das moderne Wien kutschiert. Außerdem gibt es noch den von seinesgleichen ausgeschlossenen Vegetarier-Vampir (Thomas Schubert), der seinen Psychotherapeuten (Lars Eidinger) von seinem Vampirsein zu überzeugen versucht. Auch er begibt sich auf die Suche nach dem Buch, das ihn von seinem Schicksal befreien könnte. Die Handlung bleibt bewusst zweitrangig und selbstironisch. Wiener-Kitsch, Absurdität und Schauspielparodie durchdringen den Film. Ottinger bietet uns keinen blutigen Genuss – wohl aber kostet sie die Preisgabe jeder Seriosität lustvoll aus. (Amelie Hochhäusler)
Ritual als performative Fiktion. Alain Gomis schneidet zwischen zwei Welten hin und her, zwischen der Hochzeitsgemeinschaft in einem französischen Landhaus und einem Dorf in Guinea-Bissau. In beiden Welten vorhanden sind Gloria (Béatrice Mendy) und ihre Tochter (D’Johé Kouadio). In Guinea-Bissau wird der verstorbene Vater von Gloria animistisch herbeigerufen. Die Tänze und das Trommeln, die Tieropfer und die magischen Impulse des Angerufenen umspannen den Raum der Fiktion, dem Realen des Rituals entwachsend, wie dies Jean Rouch in Les maîtres fous gefunden hatte. In Frankreich entschält sich der Hochzeitsfeier eine synkretistische, afro-europäische Kultur. Während der Film immer mehr zum Musical wird, erzählt er vom Fremdsein im Land der Ahnen, von Interkontinentalität und Europäizität, und von einer neuen Diaspora-Kultur der Migrantengeneration. (Dunja Bialas)
»Eine echte falsche Familie«, so instruiert Regisseur Alain Gomis aus dem Off seine Darsteller*innen beim Casting. Er bringt Laien und Schauspieler*innen zusammen, um Dokumentarisches in fiktionales Spiel zu überführen. Im Mittelpunkt steht Gloria, deren Vater in Guinea-Bissau vor Kurzem gestorben ist und deren Tochter in Frankreich kurz vor der Heirat steht. Die ekstatische Hochzeitsfeier auf dem französischen Land und das dreitägige Totenritual im guineisch-bissauischen Dorf vereinen sich in der hin- und herschaltenden Montage über die Kontinente hinweg zu einem intensiven Strom von Emotionen. Die Echos und die Energien, die zwischen den Kulturen überspringen, blenden Irritationen und Differenzen nicht aus. Aber es bleiben die unglaublichen Momente der Wahrhaftigkeit, in denen sich Gespieltes und Authentisches unauflöslich verbinden. (Wolfgang Lasinger)
Kinder allein zuhaus. Ohne Eltern großzuwerden ist im Zeitalter von Work Migration und überbeschäftigten Eltern in verschiedenen Gesellschaften Realität, in Rumänien ist der Verlust der Eltern an fremde Kinder und Haushalte Normalität. Tudor Cristian Jurgiu hat aus der drückenden Sozialrealität einen sehr besonderen Coming-of-Age-Film gemacht. Heranwachsende proben unschuldige Sexualität und zitathaft gefährliche Spiele, Kinder stellen kompromisslos ihre Freiheit an die erste Stelle. Ein Ausflug in eine Höhle durchzieht den Film, auf den die ruhige, fast somnambule Erzählung immer wieder zurückkommt. Kinder, auf sich gestellt: das ist auch ein Motiv aus den Märchen. Jurgiu vermeidet zum Glück alle Dramatik und hält sich auch vom sozialrealistischen Plot mit Sozialamt und Krankenwagen zurück. Er erzählt die Gemeinschaft der Kinder als glücklichmachende Utopie. (Dunja Bialas)
Eine Art Thriller um Wirtschaftskriminalität, der sich dem Abgang der Täter widmet, nachdem alles schon vorbei ist, der Schwindel aufgeflogen. Die zwei Brüder Luc und Geert haben das Finanzvolumen ihres visionären IT-Unternehmens mit Scheinfirmen immer weiter aufgebläht und Geld für sich beiseite geschafft. Die Nacht vor der Öffentlichmachung ihres Betrugs versuchen sie jeder für sich mit ihrer Schuld und Verantwortung klarzukommen. Fliehen oder durchdrehen? Wir befinden uns am Ende der 90er Jahre, die hier ausnahmsweise mal als triste Angelegenheit rüberkommen. Nüchtern und kalt-grau seziert der Film die lange und trostlose letzte Nacht der beiden. Die in den Motiven anzitierte Gangsterfilm-Heroik wird dabei konsequent auf belgische Alltagsbanalität und Büroformat heruntergefahren. (Wolfgang Lasinger)
»I’m outside of life.« Nach dem Unfalltod seines Bassisten LaFaro stürzt Jazz-Pianist Bill Evans in eine existenzielle Krise. Seine Heroin-Sucht verschlimmert sich zusehends, eine Kurfahrt zu den Eltern in Florida soll Heilung verschaffen. In wunderschönem Schwarz-Weiß erzählt Grant Gee diese biografische Geschichte eines unnahbaren, unverständlichen Mannes. Dazwischen: Einschübe aus späteren Jahrzehnten, tragische Momentaufnahmen von dem, was noch kommen soll. So stellt sich erzählerisch wie ästhetisch ein permanenter Perspektivwechsel ein, nie kann man den Bildern, der Atmosphäre ganz trauen, es bleiben lediglich Momentaufnahmen, Phasen, Episoden. Selbstreflexiv entsteht eine traurige Poesie, die kontemplativen, an klassische Fotografien erinnernden Aufnahmen bleiben distanziert, maßen sich keine Absolutheit an. Sie folgen Evans durch diesen exemplarischen Lebensabschnitt, berauben ihn nie seiner Souveränität. (Benedikt Guntentaler)
Stumme Blicke. 1993, die Sowjetunion ist zerfallen, die große Chantal Akerman reist von Ostdeutschland nach Moskau. Mit dabei: Ihr Filmteam, ein Dokumentarfilm entsteht, ein experimentelles Reisetagebuch. Erzählt wird in lang gehaltenen Einstellungen, vornehmlich langsamen Tracking-Shots, die Menschengruppen durchqueren, an Gesichtern hängenbleiben. Die Passanten bemerken die Kamera, reagieren darauf, lachen, winken, schämen sich, blicken zu Boden oder unauffällig in die Wolken. Alle wirken sie alleine, isoliert in diesen Menschentrauben, der Blick in die Linse wird zur Selbstbetrachtung vor einem imaginierten Spiegel. Dazwischen: Kurze Szenen in Wohnungen, stille Menschen am Küchentisch, auf dem Sofa. Sprechen müssen sie nicht, diese Welt lässt sich nicht erklären, verhandeln, man kann nur vor ihr stehen bleiben, beobachten, staunen. Nicht zuletzt über sich selbst, den eigenen, unkontrollierbaren Blick. (Benedikt Guntentaler)
Travelogue durch Dunkelheit und Schnee. Es sind unfassbar viele Menschen in den Straßen unterwegs, dicke Fellmützen auf dem Kopf, unförmige Mäntel, schwere Schuhe. Begonnen hatte der Film mit einer schnellen Fahrt durch die Landschaften, portraitierte Landarbeiterinnen mit ihren bunten Kopftüchern in der gleichförmigen Bückbewegung der Kartoffellese: die Akerman’schen glaneueses. In den Städten angekommen, verliert sich der Film irgendwann in den endlosen Straßen. Auf dem Schwarzmarkt halten die Menschen Ware in die langsam vorbeifahrende Kamera: eine Salami, eine Tüte mit Paprika, ein Dose Obst, Brot. Manchmal drehen sie sich von der Kamera weg. Es ist kalt, auch in den Warteräumen der Bahnhöfe. Die Grundstimmung im aufgebrochenen Ostblock ist überhaupt die des Wartens. Bevor es wirklich losgehen kann, irren die Menschen durch die Straßen, auf der Suche nach einer neuen Zeit. (Dunja Bialas)
Vom Meister der Filmminiaturen kommt diese Interview-Persiflage mit drei mexikanischen Komponistinnen. Nicolás Pereda dreht überwiegend Kammerspiele in Wohnungen, in denen wenig gesprochen, viel gelesen und noch mehr geschlafen wird. Diesmal wird die Komponistin und Cellospielerin Tere heimgesucht: eine befreundete Komponistin und mit ihr ein ganzes Fernsehteam kommen für ein Interview, von dem sie gar nichts wusste, zu ihr in die Wohnung. Ein Stromausfall, ein kläffender Hund und eine lärmende Straße bringen unaufhörlich Verschiebungen und Aufschübe in die Antworten hinein. Erfrischend komisch, ironisch, lakonisch: Hier wird das journalistische Interview in die Absurdität überführt. (Dunja Bialas)
Der Wahnsinn Liebe. Würde dieser Film im Wettbwerb der Berlinale gezeigt werden, hätte er große Chance auf den Goldenen Bären, denn wie Mees Peijnenburg hier von dem Wahnsinn Ehe, der einmal Liebe war und jetzt Hass ist, erzählt, das ist ganz großes Kino und der beste Scheidungsfilm seit langem. Sogar Bergmans Szenen einer Ehe verblassen vor dem, was hier aus dem Blickwinkel des 14-jährigen Elis und der 16-jährigen Nina erzählt wird. So wie in Leonardo Van Dijls starke Julie bleibt still, wird auch hier exemplarisch und schauspielerisch überragend gezeigt, wie die Protagonisten, ob jung oder alt, um Worte und Verstehen ringen, und eine Sprache zu finden versuchen, die ihnen das seelische Überleben sichert. Wie Peijnenburg dabei immer wieder durch Gesten und Momente die Egoläufe der Erwachsenen demonstriert, dann aber auch hier sich jeglicher Einseitigkeit entzieht (etwa durch die Tanzszene von Vater und Kindern) und dann wieder den Mut zu einer poetischen Kamerafahrt durch die Wohnung DER Familie wagt und das mit einem versöhnlichen Pommes-Essen gegenschneidet ist schlichtweg: meisterlich. (Axel Timo Purr)
Golfspiel des Lebens. In streng durchkomponierten Tableaus erzählt Rafael Manuel einen Arbeitstag im philippinischen Country Club Maynila. Isabel ist dort als Tee-Girl beschäftigt, das heißt, sie legt den reichen, nahezu ausschließlich männlichen Besuchern die Golfbälle beim Abschlagstraining vor die Nase. Zwar gibt ein paar strukturierende Nebenhandlungen – ein kleines Mädchen wird vermisst, der Club-Präsident verliert seinen Golfschläger – Filipiñana bleibt aber stets in einem unaufgeregten, beobachtenden Modus. Diese Formstrenge (die Kamera bewegt sich kein einziges Mal) passt hervorragend zur artifiziellen Gestaltung des Clubs, zu den genauestens choreografierten Handgriffen der Golfspieler und Arbeiter*innen. Ästhetisch wie inhaltlich entsteht ein künstlicher Raum, der die vorherrschenden Klassenunterschiede und patriarchalen Strukturen immer deutlicher herausarbeitet. Ein beeindruckendes, toll inszeniertes Regiedebüt. (Benedikt Guntentaler)
Genealogie eines Waldes. Am 25. November 2017 wird der junge Mapuche Rafael Nahuel in einem Waldstück in Patagonien von argentinischen Polizisten erschossen. Regisseurin Bordenave nimmt diesen tragischen Mord als Ausgangspunkt, um sich der von Staatsgewalt durchzogenen Historie der Mapuche zu widmen. Alte Fotografien, Mitschnitte von Gerichtsprozessen, Landkarten und stilisierte Naturaufnahmen des Waldes bilden das breitgefächerte, hervorragend recherchierte Material dieses Films. Montiert wird anachronistisch, nicht jeder Punkt wird erschöpfend diskutiert; eine historische Kontinuität entsteht, ohne auf das bloße Nacherzählen der Fakten zu verfallen. Immer wieder schiebt sich der Wald als Protagonist in den Vordergrund, darf ein paradiesischer, freier Raum bleiben. Diese Offenheit ist klug gewählt, schließt nichts ab, ermutigt zu eigenen Reflexionen und Stellungnahmen, ohne politisch vage zu werden. (Benedikt Guntentaler)
Alles wird gut: Das ist wohl İlker Çataks bislang politischster Film – und erstmals ein Film, der ohne seinen langjährigen Kooperationspartner Johannes Duncker geschrieben ist. Ankara in Berlin, Istanbul in Hamburg: Diese kluge Verfremdung macht die Geschichte universell. Wenn an deutschen Altbauten »Gott steh uns bei« prangt, kippt das Lokale ins Allgemeine, wird auch Geschichte global. Präzise beobachtet Çatak das Zerfallen von Familie und Freundschaften unter politischem Druck. Stark die Film-im-Film- und Theaterszenen, in denen Kunst sich selbst befragt. Allein die Eskalation um die Tochter wirkt überinszeniert, erhält die innere Logik Riss, denn so schnell dürfte nicht einmal ein Intellektueller in der Türkei zum Patriarchen mutieren. Doch das ist nur ein Moment und Çatak stellt bis zum Ende die richtigen Fragen: Rettet Theater die Welt? Eher nicht. Und das Kino? Nur dann, wenn es weiterhin solche Filme gibt. (Axel Timo Purr)
Themenfilm. Derya und Aziz – Künstlerehepaar in Ankara – sind politisch nicht auf Linie, demonstrieren, posten online Kritik. Der Staat nimmt sie ins Visier, sie verlieren Wohnung und Job. Was tun, wie sich verhalten, wie Geld verdienen, ohne die eigenen Ideale zu verraten? Es ist eine sehr respektable, konsequente Entscheidung von İlker Çatak (gerade nach dem Erfolg seines Lehrerzimmers) diesen Film auf türkisch zu drehen, die deutschen Drehorte als Stand-Ins für türkische Städte zu verfremden. Leider wird sich diesem Unterbau nie ästhetisch genähert, Gelbe Briefe bleibt die ganze Laufzeit über ein blasser Drehbuchfilm, der Thema auf Thema stapelt, sich anhand der zentralen Familie von einem Streitpunkt zum nächsten hangelt. Keiner wird ausschöpfend behandelt, es bleiben lediglich Fragestellungen, zusammengehalten von unglaubwürdigen Charakterentwicklungen. Das Politische ist hier nur noch privat. (Benedikt Guntentaler)
Zeugen der dritten Erinnerung: Kai Stänicke inszeniert Identität als Versuchsanordnung. Wie bei Lars von Triers Dogville gibt es nur Kulissen, aber sie stehen auf echtem Nordseesand. Der Film ist Behauptung und Symbol zugleich. Die affektierte, altdeutsche Sprache wirkt mitunter überzogen, fast manieriert, doch genau darin liegt der Reiz: Erinnerung wird hier zur Kampfzone. Wessen Version setzt sich durch? Welche Wahrheit gehört der Mehrheit? Als Kammerspiel kehrt der Film Max Frischs Stiller um – nicht »Ich bin nicht…«, sondern überraschend und fast grundlos trotzig: »Ich bin!« Und am Ende überrascht er mit etwas fast Unzeitgemäßem, weil aus der Identitätsgesichte dann auch noch eine handfeste Liebesgeschichte wird. Stark gespielt, klug konstruiert. (Axel Timo Purr)
Intergenerationale Suchterkrankungen in Musikvideo-Ästhetik: Im sehr persönlichen Debüt-Dokumentarfilm der Prager Regisseurin Pepa Lubojacki verbindet eine kollagenhafte Form energetische Musikvideo-Ästhetik mit schonungslosen Aufnahmen der Konfrontation ihres alkoholabhängigen Bruders. Alte Kinderfotos werden mittels KI zum Leben erweckt und sprechen das aus, was damals unausgesprochen blieb. Sucht ist in ihrer Familie seit Generationen verankert. Ihr Vater starb an einer Überdosis, ihr Onkel verlor beide Beine. Zwischen Hilflosigkeit und Akzeptanz wird der Film zum Versuch, den schleichenden Verlust des Bruders zu begreifen. Die Ehrlichkeit der Darstellung und die Liebe, mit der Lubojacki ihrer Familie begegnet, sind sehr berührend. (Kevin Gawlik)
Du riechst nach Tomate: Ian de la Rosas Langfilmdebüt vereint eine queere Romeo und Julia-Geschichte in den Gewächshäusern Südspaniens mit sozialkritischen Untertönen wie Arbeitsmigration, gnadenlosen Gesellschaftshierarchien, Globalisierungsraubbau und Rassismen jeder Art. Obwohl der Film alle Zutaten für große Gefühle in seinem klugen Drehbuch vereint, gelingt es Rosa eher selten, diese auch zur Entfaltung zu bringen; vielleicht auch deswegen, weil Rosa ein wenig zu viel an »Almodóvar« erinnern will. Dennoch überzeugt der Film durch seinen präzisen, so analytisch wie zärtlichen Blick auf eine Gesellschaft am Rande des Nervenzusammenbruchs. (Axel Timo Purr)
Bildgewaltiges Erzählen, das sich selbst durch hölzerne Erklärdialoge sabotiert. Emin Alper baut den Konflikt zwischen dem oberen und dem unteren Dorf im abgelegenen türkischen Gebirge zu einem Lehrstück über Eskalation aus. Clan-, Bruder- und Männer-Rivalitäten bestimmen die Lage, religiöse Visionen befeuern den Kampf um die Macht. Es ist sicher notwendig, die innere Dynamik aufzuzeigen, die aus ökonomischer Konkurrenz und Streit um Land aufgeheizten Fanatismus erwachsen lässt. Ob man für den wirkungsvollen Schluss tatsächlich zwei Stunden lang ernst dreinblickenden Männern dabei zusehen möchte, wie sie die Eskalationsspirale immer weiterdrehen, bis sie bereit sind, unschuldiges Leben auch von Kindern auszulöschen? Über den Aufweis bekannter patriarchaler Mechanismen kommt Alper nicht hinaus. (Wolfgang Lasinger)
Infantile Satire. Eine Parallelgeschichte: Während die junge Paula versucht, der dörflichen Hölle zu entfliehen, Gehversuche als Influencerin auf Instagram und als Cam-Girl auf dubiosen Websites unternimmt, ist Barbara – aufgewachsen im selben Dorf – bereits erwachsen, hängt ihrerseits gescheiterten Träumen nach. Der Job als Fallout-Bunker-Verkäuferin ist miserabel, sie bandelt mit einem reichen Mama-Söhnchen an, um ihren Geldsorgen zu entfliehen. Grell gibt sich dieser satirisch angelegte Film, der auf zynischste Weise aktuelle Streitthemen verhandelt. Toxische Männlichkeit, Selbsthilfe-Seminare, Doomscrolling, irgendwas mit Kapitalismus. Unter all dem schlummert eine tiefe Depression, eine zersplitterte Welt voll einsamer, trauriger Menschen. Leider geht diese Ernsthaftigkeit schnell verloren, Regisseurin Koxi inszeniert nur auf Pointen hin, gibt ihrer Erzählung keinen Raum, traut ihren Figuren keine Selbstständigkeit zu. (Benedikt Guntentaler)
Österreich-Blues: Im semi-dokumentarischen Spielfilm nimmt der Blues-Musiker Al Cook sein eigenes Biopic vorweg. Er lebt als letzter verbleibender Mieter in seiner bescheidenen Wohnung in Österreich. Dieselbe Wohnung, in der er aufgewachsen ist. Im Keller befindet sich sein Studio. Immer wieder spielt er am Klavier oder an der Gitarre, der Blues ist längst in Fleisch und Blut übergegangen. Seine Kleidung verrät die Bewunderung der Rockabilly-Ära und seines Idols Elvis Presley. Als die Immobilienfirma Al endgültig rauschmeißt, beginnt ein Abgesang eines ereignisreichen Lebens. Es geht sowohl um den Abschied als auch um das Bewahren seiner Erinnerungen. Dabei verraten die Artefakte in Als Wohnung mehr als er selbst: von Konzerten mit amerikanischen Kollegen bis hin zu seiner verstorbenen Liebe. Gepaart mit trockenem österreichischem Humor und einem tollen Soundtrack hinterlässt der kleine Film eine große Wirkung im diesjährigen Wettbewerb. (Kevin Gawlik)
Es geht um das Leben und um den Tod. Über die Bande, die sich zwischen den Figuren knüpft, und darüber, warum die Beziehungen auseinanderdriften. Schanelec macht den Dissens ästhetisch spürbar. Meine Frau weint ist der Moment, in dem Clara Thomas von einem Unfall erzählt und davon, wer der Mann war, der an ihrer Seite saß. Während Clara erzählt, schieben sie das Fahrrad, es ist der ruhige Moment, an dem alles auseinanderfällt, die Gewissheit über das Zusammensein, die
Gewissheit über die Beständigkeit des Lebens. Schanelec schält aus dem trivialen Kolportagemoment – die Frau betrügt ihren Mann, bei einem tödlichen Unfall kommt alles heraus – eine große stille Tragik heraus. Dieser konkurrenzlos ergreifende Film ist nicht von diesem Wettbewerb. (Dunja Bialas)
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Traurig liebend erzählt uns Angela Schanelec von der Erschütterung einer Partnerschaft. Im Zentrum steht eine Szene, in der Carla ihrem Mann Thomas von der Beziehung zu ihrem Tanzpartner berichtet, der bei einem gemeinsamen Autounfall gestorben ist. Was zunächst so leicht umrissen werden kann, entfaltet sich als zutiefst melancholische Reflexion darüber, wie wir einander mitteilen – und von dem, was unverfügbar bleibt. In statischen Bildern vertraut Schanelec den Körpern ihrer Schauspieler und verleiht der Intensität des Gesagten Raum. Aus der stillen Zärtlichkeit der Bilder trifft uns tiefe Erschütterung, wenn wir zu fragen beginnen, wie mit dem umzugehen ist, was vergangen ist, aber noch nicht verloren. (Amelie Hochhäusler)
Als charismatischer Discjockey führt Narciso im Jahr 1959 den Rock’n’Roll von Chuck Berry und Buddy Holly im paraguayischen Radio ein, das sonst nur nationale Folklore spielt. Elvis’ Sexappeal scheint auf Narciso übergesprungen zu sein, nicht nur die weiblichen Fans, auch der ältere Don Luis Bermúdez (genannt Lulu), der Programmchef des Senders, und Mister Wesson (wieder mal großartig: Nahuel Perez Biscayart), US-amerikanischer Botschaftsangestellter, verfallen seinen verführerischen Hüftschwüngen. Im Sender werden die Platten nicht einfach aufgelegt, sie werden vor tanzenden Hörern im Studio abgespielt, so wie auch das Hörspiel »Dracula« wie Theater vor Publikum aufgeführt wird: mit handgemachten akustischen Kulissen und geschminkten Sprechern. Ein Hauch von Queerness zieht in die geheiligten Räume des Senders Radio Capital – die Stroessner-Diktatur holt jedoch zum brutalen Schlag gegen die verfemte Schwulenszene aus. Die erstickende Atmosphäre der Unterdrückung durchwirkt die aufgeladenen Bilder von Kameramann Luis Arteaga aufs Beklemmendste. (Wolfgang Lasinger)
Diaspora der Gefühle: Der Berlinale-Eröffnungsfilm wagt das unwahrscheinliche – eine afghanische Romcom im Moment des historischen Zusammenbruchs. Die Regisseurin Shahrbanoo Sadat spielt selbst eine Kamerafrau, die kurz vor der Taliban-Rückkehr erkennt, dass Zynismus auch nur eine Schutzbehauptung ist. Zwischen Newsroom, Dildo, Sorgerechtsstreit und flirtendem Reporter blitzt eine trotzig-optimistische Frage auf: Gibt es sie doch, die guten Männer? Manchmal ist das fast zu schön, ist Bollywood im Krisenmodus. Aber gerade in dieser riskanten Mischung aus politischem Ernst, weiblicher Selbstermächtigung und romantischem Trotz liegt die Kraft dieses Films – und auch seine Provokation. -> Langkritik (Axel Timo Purr)
Drei ??? Werden erwachsen: Animes haben auf der Berlinale eine kleine Tradition – vom Berlinale-Sieger Chihiros Reise ins Zauberland bis Suzume. Mit dieser Fallhöhe muss sich A New Dawn messen lassen – und verliert deutlich. Yoshitoshi Shinomiya liefert zwar eine visuell atemberaubende Arbeit: Holzschnitt trifft Pastell, harte Schraffuren schneiden in idyllische Wälder, als fräße sich die Straße schon ins Bild. Doch das Drama um die Feuerwerksfabrik Obinata, um Shuhari, Vaterverlust und Zersiedelung und drei Freunde bleibt erratisch erzählt. Viel Pathos, wenig Rhythmus. Identität gegen moderne, fast schon allzu bekanntes Anime-Terrain. Und doch blitzt zwischen all dem erzählerischen Ungleichgewicht immer wieder auch eine eigensinnige, fast trotzige Schönheit auf. (Axel Timo Purr)
Liebe ist Trennung: Auch Binnenmigration führt zu Identitätsverlusten, die Tash Aw in seinem großartigen Memoir Fremde am Pier vor allem für südostasiatische Gesellschaften erschütternd lakonisch herausgearbeitet hat. Rima Das erzählt diese Tragik über den elfjährigen Mivan, den seine Eltern wegen beruflicher Probleme kurzerhand aus der Stadt zu der Schwester aufs Land verschicken. Alles ist hier anders: nicht nur die indigene Sprache, die Mivan nicht beherrscht, sondern auch die Schule und Beziehungsdynamiken. Subtil lässt Das auch die toxischen politischen Verhältnisse Indiens miteinfließen, in dem er das hier gezeigte politisch marginalisierte Assam zeigt, so wie es ist. Arm und abgehangen. Doch wie der ganze episodisch erzählte Film operiert Das mehr mit poetischen Hinweisen als Keulenschlägen; auch das macht diesen Film so außergewöhnlich. (Axel Timo Purr)
Liebe als Rebellion: Osmane flieht aus dem Sudan und verliebt sich in Beirut in die ältere Witwe Suzanne. In der krisengeprägten Stadt herrscht eine aufgeheizte Stimmung: Wasser und Benzin sind knapp, Misstrauen und Aggressivität innerhalb der Bevölkerung nehmen zu. So wird auch die Beziehung durch Rassismus und Unverständnis auf die Probe gestellt. Tief im Realismus verwurzelt, funktioniert der Film mehr als politische Botschaft und Zeitzeugnis statt durch eine ergreifende Erzählung. Zu Beginn wird verkündet, dass alles nur eine Illusion sei, da im echten Libanon, aufgrund der Angriffe Israels, nicht gedreht werden konnte. Diese Meta-Ebene ist dem Film omnipräsent eingeschrieben, sei es durch die 2D-Hintergrundprojektionen oder durch das Taste-of-Cherry-ähnliche Ende. Film, als Illusionsraum, der das vollbringt, was die reale Welt verwehrt. (Kevin Gawlik)
Existentialismus light. Erst vor kurzem ist der junge Kolumbianer Machado nach Frankreich emigriert, arbeitet dort als Weintraubenpflücker, führt eine leidenschaftliche Beziehung. Alles läuft perfekt, ein bisschen arg gemütlich vielleicht, als Ausgleich dient ihm ein reiches Ehepaar, für das er Edelsteine stiehlt. Diesmal wünschen sie sich einen Smaragd aus einer Kirche in Medellín. Also zurück nach Kolumbien, als Priester verkleiden, die Beute einheimsen, ein paar Leichen verstecken, Autos knacken, ein bisschen kiffen und mit dem Smaragd in der Jackentasche im Park einschlafen. Machado lässt es ruhig angehen, driftet durch diesen stilvollen Film wie ein restlos unbekümmerter Meursault. Von dieser Leichtigkeit lässt man sich gerne anstecken, auch wenn die omnipräsente Nonchalance zuweilen etwas fahrig wirkt. Ein schön kleines, unaufgeregtes Abenteuer. (Benedikt Guntentaler)
Krankheit als Western: Dara Van Dusen macht die Seuche zum eigentlichen gewalttätigen Gegenspieler in einem Western. 1870, Dürre, Bürgerkriegstraumata – und ein Sheriff, der zugleich Pastor und Totengräber ist. Krankheit auch als moralisches Duell: Jede Entscheidung kostet Leben. Visuell ein starkes, immer wieder gemäldegeflutetes Debüt – Menschen unter ausgedörrten Bäumen, ein Zug im Feuerdunst, dazu unheilvolle, präzise komponierte elektronische Beats. Und viel Überraschungen: Ein Sheriff auf dem Fahrrad, ein Arzt, der schweigen will, um mehr zu retten: Doch gegen Ende überhebt sich der Film, wird zu pathetisch, ist zu Apocalypse Now-verliebt. (Axel Timo Purr)
Ich weiß nicht, wie Liebe sich jetzt für sie anfühlt: Filme über Demenz kreisen meist um den Verfall – man denke an Amour oder The Father. Queen at Sea setzt noch früher an, brutaler: Mit der Polizei im Schlafzimmer, weil eine demente Mutter angeblich nicht dem Sex mit ihrem Ehemann zustimmen könne. Ein intimer Moment kippt in ein Verfahren, aus Fürsorge wird ein Apparat, der alles regelt und damit alles zerstört. Lance Hammer zeigt die Entmündigung des Alters im Modus moralischer Selbstgewissheit – übergriffig bis ins Detail, vom ungefragten Eintreten in die Wohnung bis zum Kondom, das der eigenen Tochter in die Hand gedrückt wird. Das ist hart, manchmal etwas zu didaktisch im Stil von Ken Loach zugespitzt. Und doch liegt unter der Anklage eine große Zärtlichkeit und ist dabei herausragend gespielt, mit einer beeindruckenden Genauigkeit für Blicke, Pausen, Berührungen. Gerade weil die Liebe so evident ist, trifft der Verlust umso härter. Nicht ganz so souverän wie Sarah Polleys meisterliches Debüt An ihrer Seite, aber erschütternd gegenwärtig. (Axel Timo Purr)
Gender Performance im 17. Jahrhundert. Sandra Hüller (der Preis als beste Schauspielerin dürfte ihr sicher sein) spielt eine camouflierte Frau. In Männerkleidung hat sie als Soldat im Krieg gekämpft. Ein Gewehr hat die Hälfte ihres Gesichts zerfetzt, die Narbe trägt sie stolz und zum Beweis die Kugel an einer Kette um den Hals. Jetzt will sie sich ein neues Leben in einem Dorf aufbauen und bekommt als Bärentöterin alle Achtung von den Dorfbewohnern. Bald will sie expandieren und heiraten, um weiteres Land zu bekommen. Es kommt, wie es kommen musste. Markus Schleinzer hat eine stille Moritat in Schwarzweiß und betörend alter Sprache geschaffen, in der der Wind durch die Ähren streift und die Genderordnung unverrückbar ist. Der Freiheitsdrang von Rose ist unerschütterlich, die Zeit dazu indes noch nicht reif. (Dunja Bialas)
Die reine Oberfläche feiert Karim Aïnouz in Rosebush Pruning. Eine schwer reiche Geschwistergruppe steigert sich anlässlich der neuen Freundin des Familien-Primus immer weiter in ihre Obsessionen hinein, bald schon gibt es Tote. Es ist ein merkwürdiger Film, voll von greller Werbe- und Video-Clip-Ästhetik, die Gespräche drehen sich beinahe ausschließlich um Modemarken, allenfalls noch um sexuelle Neigungen oder offen zur Schau gestellte Perversionen. Wenig nuanciert, überhaupt recht ziellos spitzt sich diese von Lanthimos-Kollaborateur Efthimis Filippou geschriebene Groteske immer weiter zu, verweigert sich dabei klaren Themen. Das mag immer wieder an der Grenze zu Belanglosigkeit kratzen, entwickelt jedoch einen eigenwilligen Sog, der den perfekt durchdesignten Zynismus immer mehr zum Selbstzweck werden lässt. Das macht große Freude, will aber nicht weiter hinterfragt werden. (Benedikt Guntentaler)
Flanieren als Methode, Verweilen als Pose: Agnis Shen Zhongmin schickt eine Frau auf Spurensuche in die chinesische Peripherie – doch was als familiäre Archäologie in die Abgründe der Kulturrevolution beginnt, verliert sich in Nicht-Orten, leeren Büros, Hühnern zwischen kaputten Stühlen und langen Monologen. Fast ethnografisch tastet sich die Kamera durch Xishuangbanna, an der Grenze zu Myanmar, wo Wasserbüffel langsam durchs Bild trotten und alte Dai-Rituale beschworen werden. Slow Cinema als Suchbewegung. Doch die eigentliche Suche bleibt unterbelichtet, verliert sich immer wieder; ohne kulturhistorisches Vorwissen verschließt sich der Film dem Zuschauer. Und dennoch liegt in der spröden Geduld und extremen politischen Subtilität eine eigensinnige, stille Kraft. Das weiche Wasser höhlt den harten Stein. (Axel Timo Purr)
Die Entdeckung der Zärtlichkeit: Truly Naked ist eine Mischung aus Coming-of-Age und Debatte über Pornografie. Im Schulunterricht werden Referate über Süchte gehalten. Der Teenager Alec bekommt das Thema Pornosucht zugeteilt, das er nun mit seiner Mitschülerin Nina erarbeitet. Diese ahnt nicht, dass Alec der Kameramann im Unternehmen seines Vaters ist und diese Pornofilme produzieren. Unterschiedliche Perspektiven von Sex und Zärtlichkeit sind das zentrale Thema des Films. Nina stellt den Gegenpol zu Alec dar, ihre Mutter ist Life Coach und Feministin. Wo der Vater nach immer neueren Extremen greift, um seine Downloadzahlen sicherzustellen, lernt Alec durch Nina einen neuen Zugang zu Sexualität kennen. Der Film verfällt nicht in ein Schwarz-Weiß-Denken und die Chemie zwischen dem jungen Pärchen funktioniert. In der Vermittlung seiner Botschaft ist er dann aber doch zu offensichtlich. (Kevin Gawlik)
Auf der Suche nach den Schatten der Toten: Die Dokumentation ist als notwendiger Aufschrei inszeniert – und bleibt dabei doch erschreckend eindimensional. Die erschütternde Zahl von über 50 Prozent Suizidversuchen unter Transmenschen wird zur moralischen Keule, nicht zum analytischen Ausgangspunkt. Blake Brockington und Kyler Prescott erscheinen weniger als widersprüchliche Persönlichkeiten denn als kitschig inszenierte Ikonen einer Aktivisten-Erzählung. Zwischen Tränen, Geigenschmalz und didaktischen Einblendungen kippt der Film immer wieder ins Edutainment. Trost ja – Erkenntnis kaum; weniger substantielle Doku als ein gut gemeinter Workshop mit Soundtrack. (Axel Timo Purr)
Spiele fröhliche Musik: In der Tonalität von Edward Yangs Yi Yi – A One and a Two entfaltet auch Anthony Chens Wettbewerbsbeitrag eine allumfassende Zärtlichkeit, die das Leben selbst in seinen schärfsten Zumutungen umarmt. Ein älteres Liebespaar fährt mit dem 187er Bus durch die Wirtschaftsmetropole Singapur – weil es kühler ist und man mehr sieht. Ein Blick, der Programm ist: aufmerksam, geduldig, ohne Zynismus. Der Sohn schlägt sich als Grab-Fahrer durch die Plattformökonomie, der Vater trägt die Müdigkeit eines Mannes, der seit Jahrzehnten gegen das Abrutschen ankämpft. Die malaysische Partnerin, seit 30 Jahren ohne Einbürgerung, herabgewürdigt als „Bier-Tante“, verkörpert ein überraschend aufrichtiges Prekariat, selbst der Handel mit gefälschten Medikamenten gerät hier nicht zum Thriller, sondern zur moralischen Bewährungsprobe, zur Möglichkeit von Läuterung. Eine klassische, wunderschön traurige und bisweilen sogar heitere Geschichte über Verantwortung und zweite Chancen – tief in Singapur verwurzelt und doch von leiser, universeller Größe. (Axel Timo Purr)
Klassische Westernmotive: Henry, ein Ort im Outback Australiens in den 30er Jahren. Pferde, Esel, ein Saloon. Gold- und Wolframschürfer, die ihre Claims abstecken. Kinder, die in die Stollen geschickt werden, um händisch das Gestein herauszuhauen, pure Exploitation. Dazu Rassismus gegenüber den Aborigenes. Die weißen Siedler waren nicht nett. Die Schurken dürfen hier so eindimensional primitiv und böse sein, dass man ihnen nicht umsonst das Schlechteste wünscht. Die Einteilung in vier Kapitel durch Inserts täuscht eine Dramaturgie vor, doch ein richtiger Spannungsbogen gelingt dem etwas unambitionierten Drehbuch nicht. Alles passiert einfach so. Die große Familienzusammenführung am Ende wirkt dann fast schon komisch. Doch Ironie ist den prächtigen und schön anzuschauenden Landschaftspanoramen gänzlich fremd. (Wolfgang Lasinger)
Zurück zur Natur: Die finnische Regisseurin Hanna Bergholm bleibt dem Body-Horror treu. Verschmelzen in ihrem Debütfilm Hatching (2022) Mensch und Krähe, ist es nun ein Neugeborenes, das übermenschliche Merkmale aufweist. Die Mutter verzweifelt, versucht sie doch ihre Rolle erwartungsgerecht auszuführen. Die Babyschreie wollen nicht aufhören und die Beziehung zu ihrem Mann gerät ins Wanken. Als sie anfängt, den ungewöhnlichen Bedürfnissen ihres Kindes nachzugeben, entwickelt sich eine unerwartete Bindung. Der Film lebt durch seinen unterliegenden Humor, der aus absurder Situationskomik und Hilflosigkeit des Vaters besteht. Die metaphorische Ebene der Mutter-Kind-Bindung wird so aufgelockert. Im Vergleich zum Vorgängerfilm wird jedoch keine tiefere emotionale Ebene erreicht. Es bleibt ein solider Horrorfilm. (Kevin Gawlik)