10.02.2017

67. Berlinale 2017

Die Zukunft war auch schon mal besser

On the Beach
Stanley Kramers On The Beach

Retro­spek­tive auf Spar­flamme: Die dies­jäh­rige histo­ri­sche Reihe der Berlinale wirkt beliebig und halb­herzig, das deutsche Hollywood bleibt außen vor – Berlinale-Tagebuch, Folge 02

Von Rüdiger Suchsland

Science-Fiction – das sind nicht notwendig unend­liche Weiten in glit­zernden Raum­schiffen und Mars­men­schen. Wenn sich die dies­jäh­rige Berlinale in ihrer Retro­spek­tive dem Science-Fiction-Kino widmet, dann sucht sie sich aus dem schier unend­li­chen Kosmos dieses bild­ge­wal­tigen und spek­ta­ku­lären Genres etwas ganz anderes aus.

Der Titel deutet es schon an: »Future Imperfect.« Es geht also um die Zukünfte, die miss­lingen, die unvoll­endet bleiben. Und um Dystopien, also das Gegenteil von Utopien, schwarze, melan­cho­li­sche, düstere Bilder für Welten, in denen keiner Leben möchte.
Um Filme, die Ausdruck kollek­tiver Horror-Visionen und Ängste sind.

Im Zentrum der Schau stehen zwei Themen: Die Gesell­schaft der Zukunft und das Fremde. Insgesamt werden in der Retro­spek­tive 27 deutsche und inter­na­tio­nale Spiel­filme gezeigt, Klassiker, Kultfilme und nicht zuletzt weit­ge­hend unbe­kannte Produk­tionen etwa aus Japan sowie Mittel- und Osteuropa.

Auch Stars gibt es. Ausge­rechnet einer der unbe­kann­testen Filme der Reihe kann mit Gregory Peck und Ava Gardner aufwarten: Stanley Kramers On The Beach – auf dem Strand. Dort landet ein ameri­ka­ni­sches Atom-U-Boot in Austra­lien – während die Resterde radio­aktiv verseucht ist. Zum Glück hat Ava Gardner auch überlebt – so hat die Erde eine Zukunft. Oder doch nicht?

Allge­gen­wärtig ist in diesen Filmen die Angst vor dem unbe­kannten Anderen, dem Fremden. Schon 1918 handelte der dänische Stummfilm Himmels­kibet (Das Himmels­schiff) von Holger-Madsen, einer der frühesten Science-Fiction-Filme überhaupt, von der fried­li­chen Begegnung mit Außer­ir­di­schen bei einer Mars-Erkundung. Ähnlich freund­lich wirken auch die seestern­för­migen Außer­ir­di­schen in Koji Shimas »Die Außer­ir­di­schen erscheinen in Tokio« und Steven Spiel­bergs »Unheim­liche Begegnung der dritten Art«.

In posta­po­ka­lyp­ti­schen Filmen ist die Erde zunehmend unbe­wohnbar. Ein Beispiel: Die Öko-Dystopie Soylent Green von 1973. Regisseur Richard Fleischer entwirft darin eine Welt, die im Jahr 2022 ange­sie­delt ist, und von Über­be­völ­ke­rung und Umwelt­ver­schmut­zung geprägt ist. Nur vier Jahre nach der Mond­lan­dung träumt ein Film in redu­zierten Farben eine ganz irdische Zukunft: Wasser, Nahrung und Wohnraum sind hart umkämpft, die Menschen werden wie Abfall recycelt wird.

Kaum wohl­wol­lender sah George Lucas bereits sechs Jahre vor Star Wars die Zukunft: Als junger Wilder in der soge­nannten »New Hollywood«-Bewegung erzählt er in THX 1138 von 1971 eine tech­no­kra­ti­sche Zukunfts­vi­sion von einer hoch­ef­fi­zi­enten und voll­au­to­ma­ti­sierten Gesell­schaft, in der Gefühle und der freie Wille des Einzelnen durch Medi­ka­mente unter­drückt werden.

Auch tota­litäre Alpträume früherer Jahre sehen plötzlich unserer Gegenwart zum Verwech­seln ähnlich: Der Brite Michael Anderson verfilmte bereits 1956 George Orwells Roman-Welt­erfolg 1984.

Aber auch der Ostblock kannte diese Form versteckter Kritik am Beste­henden:. So haben sich in Das Ende der Zivi­li­sa­tion einem polni­schen Spielfilm von 1985, (Regie: Piotr Szulkin) die Über­le­benden einer atomaren Kata­strophe unter die Erdober­fläche zurück­ge­zogen. Wo jegliche zivi­li­sa­to­ri­sche Ordnung ausgelöscht ist, herrschen Gewalt und Chaos, es bilden sich aber auch neue Formen von Gemein­schaft heraus – ein Spiegel des polni­schen Aufbruchs der Soli­dar­nosc und des Ausnah­me­zu­stands in der Volks­re­pu­blik vier Jahre vor dem Fall des Eisernen Vorhangs.

Science Fiction heißt also immer auch Selbst­kritik einer Gesell­schaft. Zugleich zeigt der Science-Fiction-Film aber jenseits gesell­schaft­li­cher Ängste oder Wünsche, wie wir uns als Menschen sehen, wofür wir Kraft haben, wie sehr wir der Zukunft vertrauen.

Insofern ist eine Schau über die »unper­fekte Zukunft« kein allzu opti­mis­ti­sches Zeichen.

Sowieso aber wirkt das alles jenseits der Schönheit einzelner Filme nicht übermäßig inspi­riert. Eher hat man den Eindruck einer Retro­spek­tive auf Spar­flamme, als ginge es darum, einer Ausstel­lung die sowieso schon läuft, noch ein paar Zuschauer zuzu­schau­feln. Die Auswahl der Filme ist nicht schlecht, aber voll­kommen beliebig und halb­herzig. Eine solche Schau hätte auch in jedem anderen Jahr laufen können.

2017 aber feiert die Ufa ihr einhun­dertstes Jubiläum – immerhin das größte deutsche Film­studio, und das einzige, das auch auslän­di­sche Gäste inter­es­siert. Was würden Italiener oder Franzosen aus so einer Gele­gen­heit machen!
Keine Spur davon auf dem bedeu­tendsten deutschen Film­fes­tival, noch dazu am Ufa-Grün­dungsort Berlin. Man hätte sich auch mit Metro­polis oder ähnlichem aus der Affaire ziehen können – als die man bei der Berlinale offenbar das deutsche Hollywood empfindet.

Aus Deutsch­land gibt es in der Retro­spek­tive immerhin Hans Werck­meis­ters Stummfilm Algol – Tragödie der Macht Der Tunnel von 1920 und Der Tunnel von Kurt Bernhardt, der 1933, im Jahr der Fertig­stel­lung, vor den Nazis in die USA floh. Seit dem Macht­an­tritt der Nazis war Deutsch­land ein Science-Fiction-Entwick­lungs­land. Eine Ausnahme war Rainer Werner Fass­bin­ders Welt am Draht eine Art Matrix aus dem Hobby­keller.

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