02.02.2017

67. Berlinale 2017

Routine vor dem Ausnahmezustand

WILD von Nicolette Krebitz
Andres Veiels Berlinale-Beitrag Beuys

Bloß kein Ernst in ernsten Zeiten: Die 67. Berliner Film­fest­spiele stellen ihr Programm vor

Von Rüdiger Suchsland

»Du lass Dich nicht verbit­tern, in dieser bittren Zeit / Du lass Dich nicht erschre­cken, in dieser Schre­ckens­zeit« – mit einem Gedicht von Wolf Biermann eröffnete Berlinale-Direktor Dieter Kosslick die Pres­se­kon­fe­renz zur kommenden Berlinale, seinem 16. Festival als Leiter. Die Berlinale, korrekt formu­liert »Die Inter­na­tio­nalen Film­fest­spiele Berlin«, sind eines der drei bedeu­tendsten Film­fes­ti­vals der Welt – und das Schau­fenster des deutschen Kinos.

»Es ist ein Programm geworden mit sehr viel Humor in diesen Filmen, sehr viel Zuver­sicht, sehr viel Mut.«

Mut, Zuver­sicht und Humor solle das Festival also ausstrahlen. Von Poesie sprach Kosslick hingegen trotz des Gedichts­ein­stiegs dann erwar­tungs­gemäß nicht – dabei würde man der Berlinale nicht zuletzt gerade etwas mehr poeti­schen Über­schuss und ästhe­ti­schen Anspruch wünschen.

Aber auch von der Fähigkeit des Kinos zur Vorweg­nahme aktueller Vorgänge redete Kosslick – frei nach dem Film-Philo­so­phen Siegfried Kracauer, der einst beschrieb, wie das deutsche Kino der 20er Jahre in seinen Monster- und Tyrannen-Figuren die Mach­tüber­nahme Hitlers voraus­ahnte.

Viele Filme über dysfunk­tio­nale Fami­li­en­struk­turen werde es geben, und viele Filme die von der Gegenwart über den Blick zurück in die Geschichte erzählen.

Es war eine routi­nierte Veran­stal­tung im Saal der Bundes­pres­se­kon­fe­renz am Bahnhof Fried­rich­straße mit den üblichen Zahlen und Rekorden: Über 11 Sektionen, fast 400 Filme, darunter drei deutsche Filme im Wett­be­werb: Neue Werke von Volker Schlön­dorff, von Thomas Arslan und von Andres Veiel.
Die weniger bekannten Namen wurden mit der Routine ostdeut­scher Partei-Funk­ti­onäre herun­ter­ge­leiert. Etwas mehr Enga­ge­ment und Feuer, etwas mehr Begeis­te­rung und weniger Funk­ti­onärs­rou­tine hätte man sich schon gewünscht.

Da saßen sie alle – nein: fast alle, denn die »unwich­ti­geren« waren in der ersten Reihe unter den Jour­na­listen. Es gibt einfach zu viele Berlinale-Sektionen – neben König Kosslick aufge­reiht: der Prinz Charles der Berlinale, der »elder statesman«, die trockene Pflaume, der Gollum, Bewegte und Unbewegte, Redner und Schweiger, Souveräne und Unsou­veräne. Sie sprachen über »Europa unterm Brennglas«, über Walter Salles und Mao und 1968. Sie sprachen zum »Thema 'Mut'« und wirkten so... ja: klein­mütig.

Man merkt dieser im Wesent­li­chen immer­glei­chen Truppe von Verant­wort­li­chen an, wie lang sie den Job schon machen, wie sehr sie sich mit sich selbst lang­weilen, und mit den Kollegen.

Was wird es für ein Festival sein in Zeiten des Anti-Terror-Regiments mit immer schär­feren Über­wa­chungs- und Absi­che­rungs­maß­nahmen:

Auf die Frage nach dem Sicher­heits­kon­zept und der Gefahr eines Anschlags gab sich Dieter Kosslick gelassen: »Es hat niemand abgesagt. Ich fasse das auch als ein Statement auf, dass die Leute nicht absagen, weil sie sich nicht absagen lassen.«

Business as usual also in Berlin – das ist keine Über­ra­schung, genauso wenig wie die Tatsache dass Dieter Kosslick, der ein blen­dender, immer gutge­launter Verkäufer ist, und diesmal nicht nur den zum Marken­zei­chen gewor­denen roten Schal, sondern auch rote Socken und in der Signal­farbe gemus­terte Schuhe trug, sein Programm über den grünen Klee lobte.

Wie gut die Filme sein werden, wie brennend aktuell oder ästhe­tisch innovativ, wird man sehen – politisch will die Berlinale in jedem Fall werden, da möchte keiner rebel­li­scher sein, als Berlinale-Direktor Kosslick selbst: »Die latei­ni­sche Über­set­zung von Kolo­nia­lismus ist 'Inves­toren'. So nennt man die heute. Für all unsere Handys die wert­vollen Erden lassen sie von den Schwarzen mit den Händen ausgraben um sie dann mit Skla­ven­ar­beit in China um dann bei uns keine Steuern zu bezahlen, wenn wir sie kaufen. Diesen Inves­to­ren­ko­lo­nia­lismus, den haben wir in mehreren Filmen.«

Film-Geschichts­po­li­tisch hingegen vermeidet die Berlinale die wirklich brisanten Stoffe: Über­ra­schen­der­weise gibt es keine einzige Veran­stal­tung, geschweige denn einen Film zum 100-jährigen Grün­dungs­ju­biläum der Ufa mitten im Welt­kriegs­herbst 1917 – einem Film­studio, das wie kein zweites die Abgründe wie die Höhe­punkte des deutschen Kinos im 20.Jahr­hun­dert verkör­pert.
Statt­dessen nur eine zumindest vorder­gründig unpo­li­ti­sche Retro­spek­tive zur bereits seit Wochen laufenden Ausstel­lung zum Science-Fiction-Film im Deutschen Film­mu­seum.

Dann meldeten sich die Ösis und fragen nach öster­rei­chi­schem Kino, dann melden sich die Ukrainer und wollen Filme »über den Krieg Russlands gegen die Ukraine«,

Fazit: »124 Frauen sind im Programm der Berlinale vertreten... Ja, muss man sagen. In Bayern kriegt man die Preise auch so, bei uns muss man auch Filme mitbringen. Entweder mit Kamera, Produk­tion und Regie... Wir haben 74 deutsche Filme und mehrere deutsche Filme noch im Berlinale-Spezial.«

Gewohntes Selbstlob also in Berlin – aber dieser Tage wird eine Studie veröf­fent­licht werden, die belegt, dass es weder mit der Frau­en­för­de­rung noch mit der Präsenz des deutschen Kinos so weit her ist, wie die Berlinale gern posaunt.

Dazu wird man schon in den nächsten Tagen noch Einiges mehr erfahren – für genug Diskus­si­ons­stoff ist in jedem Fall auch auf der dies­jäh­rigen Berlinale gesorgt.

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