06.03.2015

65. Berlinale 2015

Malt – wenn das Kino aufs Leben zurückblickt

Michael Althen
Ein Lebemensch, der das Kino umarmte: Michael Althen

Was heißt hier Ende? Dominik Grafs Film über Michael Althen – Rüdiger Suchsland Berlinale-Tagebuch (18)

Von Rüdiger Suchsland

Es war eine ganz besondere Premiere am zweiten Berlinale-Freitag, abends im Delphi. Schon der Weg dorthin stimmte ein. Mit der U-Bahn zum Bahnhof Zoo, über die Straße, Blick links der Zoopalast, ganz in Rot getaucht, »die Röte des Rots von Tech­ni­color«, dann an den Döner-Buden vorbei, noch vor dem Beate-Uhse-Shop der Ort, wo bis vor ein paar Jahren die Fußball­kneipe »Hanne am Zoo« exis­tierte, betrieben vom Ex-Hertha und Bayern-Profi Hanne Weiner. Hier hatte ich mit Michael ein paar Mal Fußball geguckt, an Bayern gegen Schalke erinnere ich mich noch. Vorbei, alles vorbei. Der Film­pa­last heißt jetzt »Astor Film­lounge« grotes­ker­weise, weil das Astor ja eigent­lich das Kino weiter oben war, in dem früher die Retro­spek­tiven liefen, und sich heute ein Modeladen befindet.
Hier in der ganzen Gegend war die Berlinale gewesen, als sie für mich begonnen hatte, 97, 98, 99, gute Jahre. Der alte Westen ist auch heute besser, einfach moderner und urbaner, als das neue Daimler- und Sony-Berlin rund um den Potsdamer Platz.

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Das müsste es öfter geben, so einen Film, der nur für viel­leicht 500 Leute in der ganzen Welt gemacht und wohl auch nur vers­tänd­lich ist, von denen dann mindes­tens 300 gerade zusammen im selben Saal sitzen. Toll.

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Und auch toll, dass hier etwas möglich war, das sonst angeblich nie möglich ist: Alle Fern­seh­sender wollten dabei sein. Bestimmt nicht mit viel Geld, aber jeder gab etwas. Und es war kein Argument, wie so oft, dass da ja die anderen schon dabei sind. So etwas sollte es viel öfter geben. Auch das Goethe-Institut, dass doch gar kein Geld mehr hat und kaum noch etwas öffent­lich ankauft, betei­ligte sich in diesem Fall an der Vorab-Finan­zie­rung eines Films, in dessen Natur es liegt, dass er schon im Inland nur ein sehr begrenztes Publikum erreicht.

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Als das Licht ausgeht, kommt fast als erstes seine Stimme... Über den Maler Nicholas de Stael, über den er mit seiner Frau Bea gemeinsam immer einen Film machen wollte. Erst kurz vor seinem Tod hatten wir über das Material gespro­chen.
Michael Althen, geboren 1962, gestorben 2011, Film­kri­tiker fast 20 Jahre bei der Süddeut­schen Zeitung und dann nochmal knapp zehn Jahre bei der FAZ, war ein beson­derer Kritiker: Seine Texte bezau­berten selbst Leser, die sich für Kino nicht inter­es­sierten, sie öffneten nicht nur den Blick auf die Leinwand, sondern schlossen Bezirke in der Seele auf. Auch die Regis­seure, so unter­schied­liche wie Wim Wenders oder Christian Petzold oder Tom Tykwer verehrten ihn. Und – was gar nicht sein muss, viel­leicht nicht sein sollte: Mit einigen war er befreundet. Und es hat ihn nicht korrum­piert.

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Jetzt hat ein besonders enger Freund, der Münchner Regisseur Dominik Graf, einen Film über ihn gedreht: Was heißt hier Ende? Der vom Baye­ri­schen Rundfunk co-produ­zierte Film ist ein Erin­ne­rungs­stück geworden, für Freunde und Verehrer, aber auch eine melan­cho­li­sche Betrach­tung über Film­kritik und Qualitäts­jour­na­lismus.
Graf, der gemeinsam mit Althen zwei essay­is­ti­sche Doku­men­tar­filme gedreht hat, befragt Freunde, Familie, Wegge­fährten, er rekon­stru­iert das Leben und noch mehr die Persön­lich­keit Althens, eines lässigen Mannes, der nicht viel geredet, aber gern gelebt hat, der im Hurrikan eines Film­fes­ti­vals sich immer die Zeit für einen Muse­ums­be­such oder einen ausge­dehnten Mittags­schlaf nahm, aber dafür viele seiner Texte spät in der Nacht schrieb.
Er zeigt auch, was speziell war am Jour­na­lismus der 80er, der plötzlich Amerika cool fand, an der Schuhman's Bar und den lässigen schrei­benden Vorort­kin­dern Münchens, in einer Zeit, als sich die Stadt noch mit Recht »heimliche Haupt­stadt« nennen konnte. Und vor allem beschwört er die Texte Althens, versucht sich einem einma­ligen, beson­deren, auch besonders denkenden Menschen zu nähren.

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Zugleich erzählt der Film eine kleine unvoll­s­tän­dige und subjek­tive Geschichte der Film­kritik und ihrer derzei­tigen Gefahren. Er erzählt von der Abschaf­fung der Film­kri­tik­sen­dungen und der Kriti­ker­stellen in den öffent­lich-recht­li­chen Fern­seh­an­stalten, und zeigt wie das Fernsehen auch sein eigenes Gut, den mitpro­du­zierten deutschen Film, kaputt macht.
Graf zeigt auch, dass die Film­kritik ein Grup­pen­phä­nomen ist, das Althen der beste und charis­ma­tischste, spezi­ellste, aber eben doch Teil einer Handvoll Freunde war.
Ein bisschen spricht aus Vielem auch die Melan­cholie und das Älter­werden einer Gene­ra­tion. Wenn sie sich an Michael Althen erinnern, wie an einen glücklich früh Gestor­benen, der ihnen voraus gegangen ist, dann – das wird in Was heißt hier Ende? klar – glauben sie auch nicht mehr an die Zukunft ihrer Profes­sion, weil sie sich das Neue und die neuen Zeiten nicht mehr richtig vorstellen können, weil ihnen in den schicken Büros der Nobel­ver­lage viel­leicht der Mut und Schwung der Jugend verloren ging.
Diesen Schwung gibt es aber – in einer neuen Gene­ra­tion, auch wenn das nicht alle im Film akzep­tieren möchten. Man muss da jetzt nicht auf die »Woche der Kritik« kommen, wie sich frech eine Veran­stal­tung des deutschen Film­kri­ti­ker­ver­bands nannte, die parallel zu Berlinale stattfand. Mitten in Berlins Mitte zeigte man Regis­seure, die einst die Berlinale entdeckt hatte wie den Hongkong-Meister Johnnie To oder Berliner-Schule-Filme­ma­cher Christoph Hoch­häusler. Und zeigte neue, Unbe­kannte, die viel­leicht mal auf der Berlinale laufen werden. Die Vorstel­lungen dieser »Woche der Kritik« waren voll, man nahm sich Zeit und Ruhe für Debatten, ein neues cine­philes Festival-Zentrum ist entstanden, ein Stachel im Fleisch einer allzu satu­rierten, bequem gewor­denen Berlinale.

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Im Film nimmt so eine Gegen­po­si­tion vor allem Olaf Möller ein. Nicht Liebe, eher Respekt bringt er Michael Althens Texten entgegen, und bringt ihn dann treffend auf den Satz: »Der glaubte an was.« Das ist es, was ich mich bei einigen gefragt habe, die im Film auftreten: An was glaubt Ihr? Außer daran, dass es mit Eurem Beruf zu Ende geht? Das möchte ich lesen, auch von Claudius Seidl, Harald Pauli, Peter Körte, Tobias Kniebe, Andreas Kilb, Wolfgang Höbel. Denn einige von Euch glauben schon an etwas, möchten es zumindest, trauen sich aber nicht, das hinzu­schreiben, weil sie dann nicht mehr so cool dastehen wie gerade eben noch. Viel­leicht, so scheint mir, hat auch nur die Ironie und Abge­klärt­heit, mit der hier manchmal die Dinge schnell abgetan werden, ihren Zenit hinter sich. Michael Althen war auch ironisch gewesen, aber er war nie abgeklärt. Das unter­scheidet ihn, sorry to say, von den aller­meisten in diesem Film.

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Immer wieder schimmert durch manche Äuße­rungen die Haltung hindurch, dass »die jungen Leute« »heut­zu­tage« es nicht mehr bringen. Dass die halt schlechter sind, »es« nicht richtig wollen. Kann sein, dass da was dran ist. Ich erinnere mich, dass ich, auch das in seinem letzten Jahr, mit Michael auch einmal so ein Gespräch hatte, wo er Ähnliches sagte. »Man muss halt einfach wollen. Und machen.« Klar. Muss man auch.
Aber trotzdem. Es muss doch auch jedem Älteren, Etab­lierten, Satu­rierten klar sein, dass er gut reden hat, und dass es die billigste Position ist, auf die Jungen zu schimpfen, anzu­merken, dass die nicht so toll sind, wie man selber in dem Alter war. Und dass man mit solchen Kommen­taren vor allem etwas über sich selbst erzählt, nicht über die Verhält­nisse und dreimal nichts über die Zukunft.
Es muss doch auch jedem klar sein, dass er gut reden hat.

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Und man sollte beim Gejammer nicht verschweigen, dass die glor­reiche FAZ, kaum war Michael Althen unter der Erde, auch seine DVD-Seite beerdigt hat, und die Filmseite gekürzt, und und...
Das schöne Wort vom »Qualitäts­jour­na­lismus« ist auch eine Chiffre für Denk­faul­heit.
Und der primitive Service­jour­na­lismus, der star­ori­en­tierte Boulevard, das Abschaffen und Kürzen von Zeitungs­seiten, das ist doch keine Erfindung der Jungen, gegen die sich die Nicht-mehr-Jungen beherzt gesträubt hätten.
Dass er solche Über­le­gungen überhaupt auslöst, diese Fragen anreißt, ist Grafs Film natürlich gar nicht hoch genug anzu­rechnen.

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Wie immer hat man unter einem Dutzend Talking Heads seine Lieblinge. Für mich waren es Doris Kuhn, Stefan Lebert und Olaf Möller, in alpha­be­ti­scher Reihen­folge. Dolly und Wolfgang Höbel sind sehr spürbar Michael persön­lich am nächsten. Sie bringen eine Ahnung des Menschen auf die Leinwand. Stefan Lebert erzählt wunderbar und hat ein paar großar­tige Anekdoten parat. Olaf Möller sagt kurz und bündig ein paar Dinge, die die Gemüt­lich­keit stören. Wohltuend stören.
Und was Michaels Familie sagt, das hat sowieso seine eigene Dimension, jenseits aller Kommen­tare.

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Dominik Graf selber ist auf besondere Art in diesem Film präsent. Er liest aus Texten Michaels mit einer Stimme, deren Klang dessen eigener verblüf­fend nahe kommt. Die alten Zeitungs­seiten und ihr Design waren wunder­schön anzusehen und gut einge­bettet – visuell das Inter­es­san­teste. Ich hätte mir noch mehr Dominik Graf vorstellen können, auch gewünscht. Er hat sich zurück­ge­nommen, was nobel ist, aber auch schade.

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Es sind also gewis­ser­maßen drei Filme in einem: Über die Person, den Mensch Michael Althen. Über die Kultur­ge­schichte Münchens 1970-2001. Und über die Lage der Film­kritik. Alle wären auch einzeln inter­es­sant gewesen, manchmal gingen die Elemente gut zusammen, aber nicht immer. Was heißt hier Ende? ist ein Insi­der­film. Man muss schon viel wissen, um das überhaupt alles zu verstehen.
Und natürlich fragt man sich, wie wohl Michael selber manches gefunden hätte...

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»Je mehr Kritiker im Raum, desto weniger Fragen« – Christoph Terhechte wollte nach der Vorfüh­rung des Films viel­leicht witzig sein, aber er vergriff sich im Ton. Die Fallhöhe hätte nicht größer sein können.
Davon mal abgesehen, dass Michael Althen einer war, der bestimmt keine Fragen bei solchen öffent­li­chen Anlässen gestellt hätte, und das Kollegen-Gelaber unmit­telbar nach dem Abspann sowieso doof fand. Erstmal Luft schnappen, eine Zigarette anzünden, den Film sacken lassen. Dann »ein bisschen was aufschreiben«.
So entstanden einige der schönste Texte, die je in deutscher Sprache über das Kino geschrieben wurden. Was sie und was Michael so einzig­artig machte, jeden­falls in unserer Land­schaft, das war, dass es ihnen um Schönheit ging. Die der Empfin­dung, der Bilder, der Sprache.
Übrigens auch der Empfin­dung der Filme­ma­cher. Wenn die fehlte, konnte er mal ungewohnt grob werden, zumindest im Gespräch.

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»Ich betreibe meinen Beruf eigent­lich als eine Art, mich schrei­bend zu erinnern an etwas, was ich eigent­lich fast schon wieder vergessen habe und anhand des Gefühls, das zurück­ge­blieben ist, zu rekon­stru­ieren, was ich warum empfunden habe.« (Michael Althen, im Interview mit Felix von Boehm). Ich finde, das bringt es ganz gut auf den Punkt.

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Heute? Läuft man dem hinterher. Versucht, seine Haltung zu bewahren, wieder zu finden, sie lebendig zu halten, nicht zur Rüstung werden zu lassen. Andere Orien­tie­rungs­punkte, andere Kritiker gibt es wenig. Eher noch im Ausland. Eher noch unter Filme­ma­chern. Also flüchtet man sich in Erin­ne­rungen, liest Michaels Texte wieder, aber nicht alle, um noch ein paar für später zu haben.
Manchmal fühle ich mich als Kritiker sehr allein. Das muss auch nicht schlecht sein so, denn am Ende muss jeder seine Texte doch allein schreiben. Aber kann man sich dauerhaft an Tote erinnern, an Toten orien­tieren? Viel­leicht ist das ja auch ganz normal, wenn man älter wird?

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Das Unfass­bare dieses Todes, dieses Lebens, wenn man an es denkt, das ist noch immer da. Hier ist kein Ende, kein Abschluß. Diese Wieder­be­geg­nung mit einem Menschen, den ich gekannt, sehr gemocht und in mancher Hinsicht auch verehrt habe, ist mir nahe­ge­gangen. Nicht so sehr unmit­telbar, aber die Tage drauf. Es war ein Film, der glücklich machte und traurig.
Ich vermisse ihn unglaub­lich. Ich merke es bei diesem Film, ich fühle es, wenn ich diesen Text schreibe. Es zerreißt einem das Herz, und deshalb lässt man das dann gar nicht so gern an sich heran. Nicht jeden Tag. Nur an diesem Freitag Abend.

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