11.02.2015

65. Berlinale 2015

Viagra für den Tattergreis

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Stina Werenfels' Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern

Seichte Kost und schwere Ketten: Das Thema Sex soll der Berlinale durch Fifty Shades of Grey zur Stimu­lans­sub­stanz werden – Berlinale-Tagebuch, 8. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Der ange­kün­digte Skandal wirft seine Schatten voraus: Zwar ist die Verfil­mung des Best­sel­lers Fifty Shades of Grey offen­sicht­lich so schlecht geworden, dass man ihn bis zum Schluss versteckt hält, und selbst die Pres­se­vor­füh­rung so spät angesetzt hat, dass selbst die Blogger – jene von ihnen, die sich das antun wollen – nur knapp vor dem Start berichten können. Doch die Premiere des Sado-Maso-Sofort­pornos, die gestern Abend gegen Mitter­nacht auf der Berlinale zu Ende ging, soll für die Berlinale, deren Kräfte schon zur Halbzeit allmäh­lich erschlaffen, wirken wie Viagra auf den Tatter­greis. »Nackter Oppor­tu­nismus« schrieb das renom­mierte Berliner Stadt­ma­gazin zur Entschei­dung, den Film überhaupt auf einem immer noch renom­mierten Kultur­film­fes­tival zu zeigen: »Das Festival ist unter Dieter Kosslick event­geiler denn je geworden«, hier mache sich die Berlinale zum Büttel eines der am rigi­desten geplanten Launches der letzten Jahre.

Man kann hier schließ­lich nicht jedes Jahr auf einen ernst­haften Auto­ren­filmer wie Lars von Trier und einen Skan­dal­film wie  Nympho­ma­niac hoffen. Trotzdem spielt das Thema Sex auch in diesem Jahr wieder eine wichtige Rolle in vielen Filmen. Sehens­wert ist besonders Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern eine deutsch-schweizer Produk­tion von Stina Werenfels: Lars Eidinger und Jenny Schily spielen die Haupt­rollen in dem Film, der von einer 18-jährigen geistig Behin­derten erzählt, die nach dem Absetzen der Psycho­phar­maka aus ihrem sexuellen Dorn­rö­schen­schlaf erwacht. Aber kann eine Behin­derte überhaupt frei entscheiden? Kennt sie ihre Wünsche und Gelüste? Oder lässt sie sich miss­brau­chen? Dora... hat das Zeug zum echten Skandal, vor allem weil dieser ausgez­eichnet, auch glänzend gespielte Film an unsere kultu­rellen Tabus rührt – und provo­ziert.

Das tut auch Dyke Hard, Bitte Andersons »Camp Sexploi­ta­tion-Horror-Trash-Musical«, ein Film in typischer Tradition der »Panorama«-Sektion, die radikal und subversiv war, als schwules Kino noch »Pfuipfui« war, sich inzwi­schen aber mitunter auf den Triumphen von Gestern ausruht. Dyke Hard ist vor allem Unter­hal­tungs­kino: Mit Cyborgs, Zombies, Ninjas – und Erotik. Das wilde Leben von Gestern beschwört auch B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin eine Liebes­er­klä­rung an die Jahre vor dem Mauerfall, als Berlin noch schön und frei war – aller­dings ein künst­li­ches Paradies. Das wiederum hat er mit den 50 Schat­tie­rungen in Grau gemeinsam.

Apropos Provo­ka­tion: Darüber disku­tierten wir am Dienstag auf der Woche der Kritik. Ein blödes Wort, da waren sich schnell alle einig. Aber gerade weil der Begriff, denkt man über ihn zu lange nach, eher dumm ist, entfal­tete er Wirkung, regte er zum Nach­denken an, weil alle wie mühsam das Thema umkreisten, was überhaupt provo­kativ sei – auch eine Form von Stimu­lans­sub­stanz.

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