06.02.2014
Cinema Moralia – Folge 81

Dieter Kosslick und die wilde 13

Fahrstuhl zu den Bären: Wes Andersons The Grand Budapest Hotel

Vorhang auf: Zur Eröffnung der 64. Berlinale – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 81. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Festivals sind die letzten Orte, an denen man sicher sein kann, dass das, was man sieht, nicht zur selben Zeit schon irgendwo zum Download bereit­steht. Man steht Schlange, man lässt sich von dem weißen Auge mit seinem stieren Blick zusam­men­bannen, das Hier und Jetzt ist spürbar. Man weiß wenig oder nichts über den Film – alles Glück ist möglich. Der Abstieg kommt noch früh genug.«
Das schrieb Michael Althen, vor genau vier Jahren, am 6. Februar 2010, in der FAZ kurz vor der 60. Berlinale, die seine letzte werden sollte.

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»Malt« – ein Stich ins Herz ist es immer noch, wenn man an ihn denkt, fast jeden Tag, daran, dass er nicht mehr da ist. Zum Beispiel morgen Abend, am Eröf­fungs­don­nerstag zum Bier im Berlinale-Palast. »Wie lange wird der Film das Kino noch brauchen?« hieß der melan­cho­li­sche Text, der mit diesem Zitat endet. Gute Frage. Ob sie an den nächsten zehn Tagen eine befrie­di­gende Antwort findet?

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The Grand Budapest Hotel – mit diesem neuen Film von Wes Anderson wird heute Abend die Berlinale eröffnet. Es gibt Grund zur Hoffnung auf einen gelun­genen Auftakt: Denn der Ameri­kaner Anderson ist immer für pfiffige Scherze und intel­li­gente Leich­tig­keit gut. Ebenso für Stars, also das, wonach die Berlinale vor allem giert: The Grand Budapest Hotel zeigt uns Ralph Fiennes, Bill Murray, Tilda Swinton, um nur die bekann­testen aus einem ganzen Dutzend zu nennen. Und auch die Geschichte passt: ein Luxus­hotel in früheren Zeiten, eine typisch britische Krimi­ge­schichte, ein Hauch von Alt-Europa und Downton Abbey mit klas­sen­be­wussten Dienst­boten und einer Ober­klasse, die die Regeln lässig nimmt – so ungefähr könnte man auch ein in die Jahre gekom­menes Film­fes­tival beschreiben, dass sich den neuen Zeiten der digitalen Ökonomie anzu­passen sucht, und sich seiner alten Werte nicht mehr sicher ist.

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Wer sich dann das Programm vornimmt, und ganz genau hinguckt – oder nicht genau genug – der kann sich wundern: 13 deutsche Filme laufen im Wett­be­werb!!! Wirklich? Moment... Nein, doch nicht – Irrtum. Denn der eine kommt aus Uruguay, der nächste aus Frank­reich. Dann einer aus Brasilien, ein Kunst­porno aus Dänemark, gleich zwei Filme aus Amerika, auch The Grand Budapest Hotel – trotzdem steht irgendwo immer Deutsch­land drauf, aber das einzig Deutsche daran ist am Ende immer das Geld der deutschen Film­för­de­rung.

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Nein, es soll jetzt nicht darum gehen, dass dieses Geld natürlich auch immer irgend­wel­chen anderen deutschen Filmen fehlt, die es womöglich drin­gender brauchen als Regie­welt­stars wie Wes Anderson, George Clooney oder Lars von Trier.
Es geht einfach nur darum, wie man das Programm eines solchen Festivals am besten erklären kann. Wer die Berlinale und ihr Programm wirklich verstehen will, der sollte im Katalog nicht nach den Namen der Regis­seure, nach der Filmstory oder nach Ästhetik gucken, sondern nach den Namen der betei­ligten Förderer, nach Förder­pro­grammen wie dem »World Cinema Fund«, dem »Talent Campus«, dem »Hubert Bals Fund« und nach den Namen der Welt­ver­triebe und der betei­ligten Co-Produ­z­enten.
Natürlich geht es der Festi­val­lei­tung auch um filmische Qualität, hoffent­lich jeden­falls. Natürlich geht es um eine gute Mischung aus Ländern und Stilen. Vor allem aber geht es um Geld und um Kultur­po­litik, darum, der deutschen Film­branche einen Gefallen zu tun.

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13 Filme also mit deutscher Förder­be­tei­li­gung, darunter immer noch vier deutsche Regis­seure im Wett­be­werb, insgesamt noch viele weitere deutsche und halb­deut­sche Filme in den fünf Neben­s­ek­tionen des Film­fes­ti­vals: Wenn Dieter Kosslick, der Schwabe, der schon seit 2001 Direktor der Berliner Film­fest­spiele ist, heute Abend also »seine« 13. Berlinale für eröffnet erklärt, dann muss man fast zwangs­läufig den Eindruck bekommen, das deutsche Kino sei eine Weltmacht, dem deutschen Film könne es gar nicht besser gehen. Ganz so ist es nicht, und leicht verklärt das Party-Konfetti, das jedes Jahr pünktlich zum Karneval auch Berlin – zumindest rund um den Potsdamer Platz – für zehn Tage in eine fünfte Jahres­zeit verwan­delt, den Blick.
Kamelle werden zwar nicht geschmissen, aber auf dem Roten Teppich vor dem Berlinale-Palast, der eigent­lich ein Musi­cal­saal ist, herrscht perma­nente Rosen­mon­tags­stim­mung, dort tobt dann die Ausge­las­sen­heit der Fans um die Wette mit dem Wahnsinn einer PR-Industrie, die sich zunehmend verselbstän­digt und allmäh­lich die Herr­schaft über das übernimmt, dem sie doch eigent­lich dienen sollte.

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Ein Fest des Kinos sind die Berliner Film­fest­spiele aber allemal und unab­hängig von den alljähr­lich gleichen Fragen, ob denn nun der Wett­be­werb besser oder schlechter ist, als letztes Jahr, ob der richtige Film am Schluss den Goldenen Bären bekommen wird.
In der großen Kino-Schat­zkiste, die dieses Festival immer auch ist, findet man dieses Mal auch besonders viele Chinesen – kaum kaum ein Kontrast könnte größer sein, als der zwischen dem deutschen Subven­ti­ons­kino, dass das Fernsehen zwangs­ein­bindet, und echte Unab­hän­gig­keit syste­misch gar nicht mehr zulässt, und den Chinesen, die trick­reich unter den Zensur­hürden durch­schlüpfen, und damit in den letzten 25 Jahren eine Ästhetik des Bilder­er­zäh­lens, der Flüch­tig­keit und der poeti­schen Wahr­haf­tig­keit entwi­ckelt haben, die das Weltkino revo­lu­tio­niert hat.
So bleibt auch die Berlinale trotz allem einer der letzten Orte, an denen man dem Kino noch in unschul­digem Zustand begegnet: Nicht alles ist fertig, nicht alles verkauft, nicht jeder Film hat eine Pres­se­agentur, die bereits ein Marke­ting­kon­zept ausge­klü­gelt hat – die Filme die man hier sehen wird, müssen ihre Erzählung erst noch finden. Wie schön!

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So fällt die Filmwelt heute Abend wieder in ihr Kino-Wunder­land: Man vergisst Freunde und Familie, denkt nur noch in Film-Kate­go­rien, freut sich dass man Schlange stehen darf, nur noch vier Stunden Schlaf findet, und der Blick zunehmend stier und verengt wird – ganz allein in der Gegenwart des Kinos. Eine verrückte, tolle Welt!

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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