17.10.2013
Cinema Moralia – Folge 74

Unser dummes Publikum

Deutsch und Doof – Stan Laurel und Oliver Hardy in A Chump in Oxford

Die Film­kri­tiker und ihre Leser, der Michael-Althen-Preis und die lieben Zuschauer– Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 74. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Das Publikum fällt durch« – so schrieb man in den zwanziger Jahren in einer populären Zeit­schrift über die Kino­zu­schauer. Genauer gesagt eine Frau, Lucy von Jacobi. Die kennt heute keiner mehr, zu Unrecht. Jacobi war Film­kri­ti­kerin im Berlin der besten Zeit des deutschen Films, während der Weimarer Republik. Knapp vier Jahre, die letzten vor dem 30.Januar 1933, als alles anders wurde, schrieb sie für das Magazin »Tempo«, den Vorgänger der Zeitgeist-Gazette der Achtziger. Die Texte von Jacobi sind kurz, sie war nicht fest ange­stellt, konnte als Freie aber so gut leben, dass sie sich eine 7-Zimmer-Wohnung leisten konnte – am Potsdamer Platz!
Diese Zeiten sind vorbei, heute ist die deutsche Film­kritik auch nicht besser als das deutsche Kino, und gerade Film­kri­tiker gelten als das neue Kultur­p­re­ka­riat. Das ist zwar nicht ganz richtig, aber die ökono­mi­sche Lage der Film­kritik ist schänd­lich, und auch ihre gesell­schaft­liche Achtung lässt zu wünschen übrig.
Über Film­kritik und ihr Publikum disku­tierte man jetzt in der dritte Folge der Debatte-Reihe »Film und Kritik« des Film­kri­ti­ker­ver­bands (VDFK) gemeinsam mit der Akademie der Künste (AdK). Thema »Wer liest das? Die Film­kritik und ihr Publikum«.

+ + +

Heute, Donnerstag, können zumindest die Berliner einen ausgez­eich­neten Film angucken. Einer der wieder mal in Deutsch­land keinen Verleih, also keinen Filmstart hat. In den »Kunst­werken« kann man den Film heute Abend um 20 Uhr sehen. Vor einem guten Jahr hatte ich zu LEONES nach seiner Venedig-Premiere auf artechock geschrieben: »LEONES ist heraus­ra­gend, ein faszi­nie­render Film. Es ist das Regie­debüt der Argen­ti­nierin Jazmin Lopez, die kein völlig unbe­schrie­benes Blatt ist, und mit ihren Bildern schon in Istanbul und Mexiko auf Ausstel­lungen vertreten war. Im Pres­se­heft steht der Satz, die fünf streunten im Wald herum, »wie ein Löwen­rudel«. Meinet­wegen. ... phan­tas­ti­sche Reise ins Innere eines traum­ma­ti­sierten Bewusstsseins; LEONES ist Gedan­ken­pu­z­zle­kino, das in seiner Mischung aus Neugier und Reflexion glei­cher­maßen an Van-Sants-Jugend­stu­dien und einen Hitchcock-Thriller erinnert, wie, vor allem in seinen letzten atem­be­rau­benden Szenen, und einer acht­minü­tigen Einstel­lung, die uns vom Wald über wüsten­ar­tige Dünen ans Meer führt, an einen Film von Antonioni.«
Jazmin Lopez ist heute Abend da, wird den Film persön­lich vorstellen, und danach Fragen beant­worten. Wenn man irgend­wann genug hat, kann man mit ihr auch gut über Fußball reden, im Vorfeld der WM nicht unwichtig. Ein Finale Argen­ti­nien – Deutsch­land wäre in Brasilien doch schön.

+ + +

Es ist wahr­schein­lich die falsche Heran­ge­hens­weise und irgendwie schnö­selig, aber ich geb's zu: Ich finde, an der Kleidung erkennt man schon die Kritiker, die guten, wie die schlechten. Wie jede Aussage stimmt dieser Satz natürlich nicht immer. Aber meistens. Gertrud Koch zum Beispiel war am Abend in der Akademie hervor­ra­gend angezogen. Sie sagte dann auch die klügsten Sachen bei einer insgesamt gelun­genen Diskus­sion, die auch dort, wo man mit den Antworten nicht einver­standen war.
Dem voraus ging eine Einfüh­rung von Claudia Lenssen, in der sie die Tradition der Kritik seit der Aufklä­rung reka­pi­tu­lierte, daran erinnerte, dass es sich einst um einen subjek­ti­veren Diskurs gehandelt hat, in der die Kritiker als Personen sichtbar wurde, und sich auch persön­li­cheren Formen bedienten, wie der Brief-Form und der Ich-Form.

+ + +

Darf man heute als seriöser Kritiker »Ich« sagen? In der Zeitung nicht, im Blog schon, aber das nicht infla­ti­onär. Man weicht dann aus, schreibt »man«, was nicht richtig gut ist, aber sprach­lich besser, oder »wir«. Chris­tiane Peitz, die auf dem Podium war, meinte zwar nach der Veran­stal­tung, das ginge »gar nicht«, aber ich bin davon nicht überzeugt. Ein »Wir« ist nicht notwendig autoritär, es kann auch inte­grieren, die Leser zu Teil­neh­mern machen, wo das »ich« nur unge­ho­belt wirkt, und das »man« unan­ge­messen objek­ti­vie­rend.

+ + +

Besonders inter­es­sant waren dann die Fragen an die Film­wis­sen­schaft (und deren Antworten). Etwa: Gertrud Koch begann als Kriti­kerin und wurde dann Wissen­schaft­lerin, anstatt wie Godard und Truffaut 20 Jahre zuvor Regis­seurin. Warum eigent­lich wurden in Deutsch­land die Kritiker so gut wie nie Regis­seure? Ganz wird man den Eindruck nicht los, dass der Weg in die Wissen­schaft eine Flucht vor der ökono­mi­schen Situation der Film­kritik ist. Der Film­kritik drohen auch andere Gefahren: Wen und was betrifft sie? Betrifft Film­kritik womöglich auch Film im weiteren Sinn – Fernsehen, Internet, Games – also bewegte Bilder im allge­meinsten Sinn? Oder verschwindet Film­kritik womöglich zugunsten einer anders gearteten Bild­kritik? Wozu dienen Gren­zzie­hungen?

+ + +

Im Gespräch mit einer Film­för­derin kommen wir ande­ren­tags auf einen weiteren Aspekt: Die Film­kritik, meint sie, darf alle Filme hart kriti­sieren, sollte aber immer irgendwie Lust aufs Kino machen. Fußball­re­porter – ich das vorher als Vergleich ange­spro­chen – würden ja auch wieder über die Natio­nal­mann­schaft schreiben, obwohl sie schlecht gespielt habe.

+ + +

Meine private Vermutung zur soge­nannten Krise der Film­kritik ist die, dass das Problem der Film­kritik ja das Problem des ganzen soge­nannten Qualitäts­jour­na­lismus ist – dass er nämlich nicht mehr genug Qualität bietet. dass er zu sehr aufs Publikum schielt, dass er seinen erzie­he­ri­schen Auftrag aufgibt. Wer nichts mehr will, außer Zeitungen verkaufen, den nimmt man nicht ernst.
Darum muss der soge­nannte Qualitäts­jour­na­lismus verschwinden zugunsten neuer, wirklich unab­hän­giger, freier, quali­ta­tiver Formen. Müsste er aber nicht.
Man muss aber schon sichtbar sein wollen: Früher war Film­kritik sichtbar, heute ist sie unsichtbar. Und die Deppen, pardon: zu viele Kollegen, sind froh damit. Dieses Verschämte, Gschamige der heutigen Film­kritik. Wir sollten ein Denkmal für den »unbe­kannten Film­kri­tiker« errichten.

+ + +

Darf man das Kino nicht mehr als mora­li­sche Anstalt betrachten? Als Ort zur intel­lek­tu­ellen und sinn­li­chen, am Ende exis­ten­ti­ellen Erziehung des Menschen­ge­schlechts? Doch das muss man sogar. Das Kino ist ein Ort des Denkens, nicht nur ein dunkles Labor, in dessen betäu­benden Düfte man sich vor dem Leben zurück­ziehen kann. Wer etwas anderes behauptet, wer Film als intel­lek­tu­elles Medium verab­schieden will, der hat Filme­ma­cher wie Bergman und Antonioni, Kubrick und Ford, Truffaut und Godard, Haneke und Cronen­berg nicht begriffen.
Über den Rest der AdK-Veran­stal­tung schreiben wir dann nächste Woche – denn die Deadline naht. Auch das gehört zu den Bedin­gungen der Film­kritik, und damit notge­drungen ihrer Leser.

+ + +

»Zuschauer« soll man ja übrigens eigent­lich nicht schreiben, erklärt mir jemand. Denn Zuschauer hat man zuhause vor dem Fernseher. Im Kino aber sitzt das »Publikum«. Eine Gemein­schaft, zumindest des Augen­blicks und bestünden sie noch so sehr aus Einzelnen.
Ich bin nicht überzeugt, und finde das Wort »Gemein­schaft«, wenn wir schon hier über Worte nach­denken, viel gefähr­li­cher als das Wort »Zuschauer«.

+ + +

Nein, jetzt zu behaupten, wir wären über­rascht, wäre gelogen: Ein Sechstel aller erwach­senen Deutschen liest wie Zehn­jäh­rige, so eine OECD-Studie, die die Bildung von Erwach­senen inter­na­tional vergleicht. Bitte jetzt nichts gegen Zehn­jäh­rige. Viel­leicht liest auch ein Zehntel aller erwach­senen Deutschen wie Sechs­jäh­rige. Jeden­falls verfügen sehr viele erwach­sene Deutsche nur über erschre­ckend geringe Basis­kom­pe­tenzen. Gerade die Fähigkeit, logische Schlüsse zu ziehen, ist laut der Studie auf einem erbärm­li­chen Niveau. Sagen wir es frei heraus: Die Deutschen sind doof, doofer als andere Völker.
Wer es mit dem hiesigen Kino­pu­blikum zu tun hat, den kann das nicht wirklich über­ra­schen. Oder erwartet man, das Til-Schweiger-Karten­käufer daheim plötzlich Tolstoi lesen?
Erwach­se­nen­päd­agogen jammern darüber, dass die gesell­schaft­liche Debatte beim Thema Erwach­se­nen­bil­dung nur schwer am Leben zu erhalten sei. Im Bereich Kino existiert eine solche Debatte erst gar nicht.

+ + +

Man muss sich nur mal eine ZDF-Doku angeguckt haben, um zu wissen, mit welchen Zuschauern man dort rechnet. Inter­es­sant wie aggressiv jetzt auf einmal in Deutsch­land über die OECD-Studie berichtet wird, gerade von jenen konser­va­tiven Medien, die den ganzen Hype um Effizienz, Pisa-Studien und Bologna-Uni überhaupt herbei­ge­redet haben.

+ + +

»Das männ­lichste, was der deutsche Film heute zustande bringt, ist, wenn ein Mann heult.« Diese Woche aufge­schnappt, von einem Regisseur.

+ + +

Am Dienstag wurde nun zum zweiten Mal der Michael-Althen-Preis vergeben. Wir gratu­lieren! Doch das tun wir schon.

+ + +

Aller­dings: Schon letztes Jahr hat mich die Entschei­dung sehr über­rascht. Diesmal ertappe ich mich bei der Über­le­gung, was dieser Preis eigent­lich will? Michael-Althen ehren, natürlich, und wer würde sich nicht darüber freuen? Aber welches Zeichen will er setzen? Was möchte er sagen, uns, die Michael gekannt haben, und seine Texte lesen, und den anderen?
Ich überlege auch, was Michael Althen wohl über die dies­jäh­rigen Preis­ver­gabe gedacht hätte? Da Michael ein sehr großzügiger Mensch war, hätte er sich bestimmt gefreut.

+ + +

»Der Willi Winkler ist Jour­na­list im umfas­sendsten Sinn des Wortes.« kommen­tiert ein älterer Freund und Vielleser die Entschei­dung: »Der kann über alles schreiben. Und es liest sich hervor­ra­gend. Aber wenn man's genau liest und man von der Sache was versteht, merkt man, das es gewaltig hakt.«

+ + +

»Das Kino verliert seine Attrak­ti­vität für erwach­sene Menschen.« hat Willi Winkler mal geschrieben. Zumindest diesem Satz hätte Michael vehement wider­spro­chen.

+ + +

Das Wieder­lesen lohnt unbedingt ein Text, in dem Julian Hanich vor zehn Jahren einmal den Namens­geber des Preises und den Preis­träger mitein­ander vergli­chen hat, und die Kino­bücher von Althen und Winkler, die fast zeit­gleich erschienen waren, zusammen treffend vorstellt. Hanich, selbst aus Bayern stammend kann sich in die jeweilige Wesensart seiner beiden Lands­leute gut einfühlen und ist, auf vornehme Art, wie ich finde, ziemlich deutlich.

+ + +

Das Schlimmste an der heutigen Film­kritik, ihr größtes Problem: Dass sie sich so klein macht. Ihr fehlt der Stolz. Auch tolle Leute, etwa Andreas Kilb sind im öffent­li­chen Auftritt zu bescheiden. Aber Beschei­den­heit ist keine Zier für Kritiker. Zumindest das konnte man von Marcel Reich-Ranicki lernen: Wenn ein Kritiker kein Großkri­tiker sein will, wird er kein großer Kritiker.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

top