24.01.2013
Cinema Moralia – Folge 56

Crisis? What Crisis?

Siegfried Kracauer (1889-1966)

Anmerkungen zum neuerdings beliebten Topos der Krise der Kritik – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 56. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Ob es wirklich nur ein Zufall war? Allemal ein sprechender: Im Juni 2012, im Abstand von wenigen Tagen, erschienen in zwei der interessantesten deutschen Filmmagazine im Internet, in negativ-film und in critic.de, zwei Texte der jeweiligen Chefredakteure, die grundsätzliche Standortbestimmung der eigenen Position und Rolle vornahmen, und die beide einen Kurswechsel verkündeten.

Die zeitliche Koinzidenz war ebenso bemerkenswert wie die der Inhalte. Beide Autoren reflektieren die Rahmenbedingungen von Filmkritik, vor allem die Einengungen, und natürlich die Möglichkeiten, sich davon wieder frei zu machen. Beide Redaktionen verabschieden sich mit diesen Texten von der schnöden Chronistenpflicht, der sie sich eine Weile untergeordnet fühlten, von einem Service-Gedanken, der unter Dienstleistung vor allem den kleinsten gemeinsamen Nenner versteht, und also im Leser vor allem den Konsumenten, im Kino vor allem die aktuelle Startliste, sowie die Kino- und DVD-Charts sieht, und gegenüber der Quantität – alle Filmstarts möglichst vollständig, möglichst schnell und aktuell – die Qualität hintanstellt. Sie verabschieden sich von einem Filmkritikmagazin als Warenhaus, in dem man alles bekommen kann.

Die Diagnose der Situation, die beide Autoren geben, ist dabei deprimierend: Ciprian David spricht auf negativ [»Pause und Kurswechsel« von Ciprian David, negativ-film, 1. Juni 2012] von einer »Straße ... der Aktualität, der Veröffentlichungstermine, der Kinostarts, vor allem aber der Verleihe, PR-Agenturen und Deadlines«, der sich die Medienlandschaft ohne Not unterwerfe. Er benennt dabei die entscheidende Falle, in die viele Medien, und insbesondere sehr oft die Filmkritik ohne Not hineintappt: Die Falle der PR, die Filmkritik möglichst in den Multiplikator eines Starts, also in ein Instrument der Film- und Werbewirtschaft, verwandeln will.

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Diese zunehmende Machtergreifung der PR (das Begriffskürzel für »public relations« wird hier im folgenden synonym auch gebraucht für Marketing und Presseagenturen) in weiten Teilen der Gesellschaft ist in ihrer gesellschaftspolitischen und kulturellen Dimension bislang noch nicht ausreichend zur Kenntnis genommen worden. Denn PR hat mittlerweile fast jeden Bereich des sozialen Lebens infiziert: Politiker und Behörden beschäftigen Werbeagenturen und Öffentlichkeitsarbeiter, Wirtschaftsunternehmen sowieso, aber auch kulturelle Institutionen, Sportvereine, gemeinnützige Vereine und NGO's – kaum eine Institution, und kaum eine halbwegs prominente Person scheint noch ohne die Hilfe solcher Berater und Agenten auszukommen. Damit verändert PR unsere gesamte Öffentlichkeit und in letzter Konsequenz zerstört sie sie.

Denn PR ist das Gegenteil von freiem, offenem, spontanem Austausch. Sie will gebändigte, gesteuerte, kontrollierte Kommunikation. Gewiss bedient PR die bei vielen vorhandene Sehnsucht nach dem Übersichtlichen, nach Überblick in der Flut der Informationen, danach Aufmerksamkeit zu erreichen. Sie sorgt aber gerade nicht für intellektuelle Übersichtlichkeit.

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Schlechte PR ist dagegen die Fortsetzung des Spin-Doctoring mit anderen Mitteln. Man könnte es auch eine Bewusstseinsindustrie nennen. PR fängt dort an, schlecht und unmoralisch zu werden, wo sie Öffentlichkeit manipuliert, Meinung »macht«, wenn Filme nicht gut gefunden werden, den »Plan B« zieht, und in filmfremden Magazinen Promi-Storys oder Hintergrundgeschichten anbietet.
Schlechte PR begreift ihre Aufgabe als Manipulation. Und das tun heute fast alle. Sie stricken Legenden. Sie verbreiten Gerüchte. Sie desinformieren, wo es Not tut, mit gezielten Einladungen, und gelenkten Infos; sie behaupten, sie wüssten nicht, obwohl sie genau wissen; sie lügen, wenn es nicht anders geht; sie setzen Journalisten unter Druck, mal sanft, mit den Mitteln der Verführung und Korruption, aber wenn es nicht anders geht, mit Anrufen und Anschwärzen bei der Chefredaktion und »schwarzen Listen« missliebiger Kritiker, durch das Ausbooten bei Interviewplänen. Es geht, grob gesagt um die Gängelung der Kritik durch Angstmechanismen und Einschüchterung.

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Ein Vertrauen in die Entscheidungskraft des ästhetischen Publikums existiert hingegen nicht, jedenfalls nicht bei den Filmhändlern und ihren fleißigen PR-Ameisen. Oder vielleicht existiert es gerade doch: Und weil man weiß, dass die Ware, die man verkaufen möchte in den meisten Fällen nichts taugt, ist die Marketingmaschine überlebensnotwendig.
So werden Stars von einem Heer von Consultants zu öffentlichen Personen aufgebaut; PR-Agenturen, nicht Interviewpartner und nicht immer Verleiher bestimmen zunehmend über Interviewpläne, sie, nicht die Veranstalter über die Besetzung eines Diskussionspodiums. Die zunehmende Boulevardisierung der Öffentlichkeit, die Ersetzung der Filmkritik durch den Boulevard – Starportraits und Gaga-Interviews – tun ein Übriges.

Soviel ist sicher: An der Schaffung einer offenen Diskussion, an der Herstellung einer Öffentlichkeit, die gut – das heißt umfassend, auch über Nachteile – informiert ist, und frei entscheidet, haben diese Meinungsmanipulateure und wahren Feinde des unabhängigen Journalismus kein Interesse. Wie sollten sie auch? Sie wollen, dass ein Film »gut rüberkommt«.

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Wie unter einem Vergrößerungsglas lässt sich an diesem Stand der Filmkritik Allgemeines zur Lage der Kritik und der Öffentlichkeit in der Bundesrepublik erkennen. In dieser Lage muss Filmkritik heute sich behaupten. Mit der vielbeschworenen »Serviceorientierung«, also der Selbstverwandlung in einen bloßen Info-Dienstleister oder Consumer Guide, also der vorauseilenden Unterwerfung unter die Interessen der PR-Agenten, wird sie nicht weit kommen. Denn gerade solche »objektiven« Tätigkeiten können heute die immer besseren digitalen Automaten in- und außerhalb des Netzes besser, also schneller fehlerfreier erledigen.

So sieht sich Kritik heute zunehmend unter Beschuss, der in dem Vorwurf gipfelt, sie sei unnötig geworden. Vom »Tod des Kritikers« sprechen amerikanische Kollegen, allerdings – schwacher Trost – taten sie oder ihre Vorgänger dies auch schon in den 1960er und 1990er Jahren.

Und selbst die »SZ« blies ins gleiche Horn – oder war's eine Ironie, die ich nicht verstanden habe – als ihr zweiter Filmredakteur Tobias Kniebe 2009 in einem Bericht über den Stellenverlust von Andrew Sarris beim New York Observer und die allgemeine Zeitungskrise, zunächst mutmaßte, »dass eine Ära des Schreibens über Film langsam zu Ende geht«, und dann frohlockend schloss: »Eigentlich ist das ja, wenn man ehrlich ist, auch eine tolle Vorstellung – das Kino einfach nur noch zu lieben, ohne etwas dazu sagen zu müssen.« Wenn das wirklich so ist, bleibt eigentlich nur die Frage, warum Kniebe selbst denn seine Stelle noch nicht aufgegeben und für einen anderen freigemacht hat?

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Aber warum überhaupt soll Filmkritik plötzlich in der Krise sein? Da ist auf der einen Seite das Publikum. Es ist verehrt und geschätzt als Leser, aber gar nicht geschätzt, wenn es im Netz mit Blogeinträgen und plumpen Geschmacksurteilen – mir hat der Film gefallen – oder als solchen verbrämtem Ressentiment gegen den Kritiker antritt. Gefährlicher als diese Selbstermächtigung des Publikums, das in der leicht widerlegbaren, aber weitverbreiteten Ansicht gipfelt, Filmkritik könne jeder, ist der Wandel in der Medienlandschaft: Von der »Zeitungskrise« ist allgemein die Rede. Sie zeigt sich praktisch am Auflagenschwund, am inneren Wandel in den Redaktionen, etwa der Abschaffung ganzer Abteilungen, der Sekretariate, der Ersetzung dreier Redakteure durch einen, der Ersetzung eines Redakteurs durch den Praktikanten, einer irrsinnigen Bereitschaft zum faulen Kompromiß, und zur de facto Korruption.
Und derart schlechter werdende Medien und Kritiker, erst recht die Vermischung von Filmkritik und PR führen wiederum zu einem Publikum, das unfähiger zum ästhetischen Urteil wird, und sich deswegen ins Geschmacksurteil flüchtet. Ein Teufelskreis.

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Manche reagieren darauf mit Pessmismus, oder einer tragischen Auffassung des eigenen Tuns: »Wenn man Filmkritik als Beruf versteht, gar als Job«, schreibt Frederic Jaeger auf critic.de [»Work in Progress: Lust und Pflicht der Filmkritik. Kinostarts machen uns nicht satt. Wieso sich critic.de wandelt.« von Frederic Jaeger, critic.de, 6.Juni 2012], sei das tragisch, »keiner von uns ist 'Berufskritiker', wir verstehen uns als Kritiker aus Leidenschaft zum Kino. Broterwerb beißt sich mit der Prinzipientreue.« Das klingt stolz, aber hier wird ein Gegensatz konstruiert, der eher aus der Not geboren scheint, der ein Scheingegensatz ist. Denn Broterwerb, also Geldverdienen mit dem Schreiben, ist eine Selbstverständlichkeit und Voraussetzung von allem anderen. Prinzipientreue ruht auf dieser Voraussetzung, man kann sie sich nur leisten können, wenn man nicht für die Miete woanders auf den Strich gehen muss. Anderenfalls würde Kritik zum Luxus, zum Zeitvertreib für die höheren Stände. Dabei kann und sollte sie – aus Berufung – etwas ganz anderes sein.

Wagen wir einen kurzen Blick zurück: Im Jahr 1932 hielt Siegfried Kracauer, seinerzeit einer der führenden deutschen Filmkritiker, in Frankfurt auf Einladung des Kinobesitzer-Verbandes einen Vortrag »Über die Aufgabe des Filmkritikers« [im Folgenden zitiert nach dem Abdruck im Sammelband: Siegfried Kracauer: »Kino. Essays, Studien, Glossen zum Film«, hg. von Karsten Witte, Suhrkamp, Frankfurt 1974, S.9-11], in dem er sich keine Illusionen machte. Bereits der erste Satz stellt das klar: »Der Film ist innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft eine Ware wie andere Waren auch.« Sie sei um des Gewinns, nicht um der Kunst oder Aufklärung willen produziert, und ein Filmkritiker im Tagesgeschäft habe das zu berücksichtigen, und die Filme nach ihren Mitteln und Kräften und seinem Geschmack zu würdigen. »Aber«, fährt Kracauer fort, »in einem derartigen Verhalten, das noch dazu meistens von ganz ungeklärten Empfindungen ausgeht, kann sich die Aufgabe des Filmkritikers dem Durchschnitt der Produktion gegenüber nie und nimmer erschöpfen. Denn so wenig die filmischen Durchschnittsleistungen als Kunstwerke gewertet zu werden verlangen, ebensowenig sind sie gleichgültige Waren, denen durch rein geschmackliche Beurteilung schon Genüge geschieht.«
Ein Filmkritiker habe die soziale Bedeutung der Filme zu berücksichtigen, und ihre und der Oberfläche von Plot, Genre und Message verborgenen gesellschaftlichen – und das heißt politischen, kulturellen – Gehalte und Ideologien herauszufiltern. »Kurzum: Der Filmkritiker von Rang ist nur als Gesellschaftskritiker denkbar.«

Es ist Mode geworden, eine derartige Auffassung von Filmkritik zu ignorieren. Aber jenseits des absichtsgesteuerten Ignorierens, vor allem von Seiten jener, die an Filmkritik sowieso kein Interesse haben, besteht dazu kein Anlass. Im Gegenteil ist das Verständnis von Filmkritik als Teil einer prinzipiellen – politischen, theoretischen – Auseinandersetzung mit Gesellschaft die Voraussetzung ihres Überlebens. Denn das Netz allein, aus dem man jahrelang vermutlich von Anfang an irrige Hoffnungen ableitete, wird uns nicht retten. Das müssen wir schon selber tun.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beobachtungen, Kurzkritiken, Klatsch und Filmpolitik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kinogehers.

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