26.06.2011
29. Filmfest München

»Fischen ist eine essentielle Erfahrung«

Fragiles Dreiergespann

Die französische Regisseurin Alix Delaporte über Angèle et Tony, einem Film über eine unkonventionelle Rebellin und einem wortkargen Fischer, die das Wagnis der Nähe eingehen

Alix Delaporte ist Drehbuchautorin und Journalistin. Mit ihrem Kurzfilm Comment on freine dans une descente gewann sie 2006 in Venedig den Löwen für den besten Kurzfilm. Jetzt hat sie ihren ersten langen Spielfilm realisiert, den sie auf dem Filmfest präsentiert, und der am 4. August in die deutschen Kinos kommt.

Angèle et Tony ist eine einfühlsame Annäherung an die Rebellin Angèle, die in einem kleinen Fischereidorf in der Normandie versucht, wieder Fuß zu fassen, nachdem sie zwei Jahre im Gefängnis verbracht hat. Angèle führt uns zu Tony, einem brummigen Fischer, der ihrem ungezähmten Wesen mit großer Skepsis begegnet. Dennoch: Angèle hat sich Tony ausgesucht, sie möchte ihn heiraten, damit sie das wichtigste in ihrem Leben zurückbekommen kann: ihr Kind, und mit ihm die Fähigkeit, auch ihre zärtlichen Gefühle auszudrücken.

Mit Alix Delaporte sprach Dunja Bialas.

artechock: Ihr Film hat eine sehr starke Geschichte. Angèle, eine ungezähmte, delinquente Frau, ist wild entschlossen, ihr Leben zu ändern, einen Mann zu finden, den sie heiraten kann, um das Sorgerecht für ihr Kind wiederzubekommen. Welcher sozial-reale Hintergrund steckt in Ihrem Film?

Alix Delaporte: Mich hat weniger die Seite der Sorgerechtsproblematik bei meinem Film interessiert. Mir ging es darum, eine Frau zu finden, die längere Zeit von ihrem Kind getrennt war, zwei Jahre. Die Trennung wollte ich erzählen, das Gefängnis habe ich nur genommen, um die Trennung plausibel zu machen, es ging um ein Wegschließen, ich hätte zum Beispiel auch eine psychiatrische Anstalt nehmen können.

artechock: Was hat Sie an der Trennung speziell interessiert?

Alix Delaporte: Der Film ist die Geschichte einer Frau, der es nicht gelingt, Kontakt zu ihrem Kind aufzunehmen, weil sie Angst hat. Ob sie letztlich das Sorgerecht wiedererlangen könnte, interessierte mich nicht so sehr in dieser Geschichte, das ist nicht so schwierig. Angèle macht ständig das Falsche in ihrem Leben, weil sie Angst hat. Sie beeilt sich zur Schule zu kommen, um ihrem Sohn ein Geburtstagsgeschenk zu geben. Und dann gibt sie es ihm nicht. Es ist nicht einmal notwendig für sie, dass sie einen Ehemann findet. Es geht mehr darum, einen Moment zu finden, »wo es wieder geht«. Ich habe nie über die Frau als solche gearbeitet, und auch Sorgerechtsfragen waren nie mein Thema. Ich habe das Drehbuch geschrieben, und nachdem es fertig war, einem Richter geschickt, damit er die rechtliche Seite überprüft, das war alles. Es ging mir um die Angst, von seinem Kind in Frage gestellt zu werden, aufgrund von Dingen, die in der Vergangenheit passiert sind. "Wer bist du schon, ich will dich nicht sehen!" – Um diese Art von Zurückweisung ging es mir, und der Angst davor. Und ganz am Schluss des Films, als sie es im Arm hält, schafft Angèle endlich, ihr Kind zu berühren. Der Film geht auch um das Berühren, in den Arm nehmen können, er ist eine Geschichte, die über die Körper ausgetragen wird. Auch zwischen Angèle und Tony, dem Fischer, geht es um ihre Körper.

artechock: Bei allen Figuren können wir eine große Zerbrechlichkeit und Verletzbarkeit finden. Angèle ist sehr zerbrechlich, auch in ihrem Aufbegehren, das Kind ist offensichtlich zutiefst verletzt, und auch Tony, der einen kräftigen Eindruck macht, scheint sich gegen etwas zu schützen, gegen ihre Annäherung. All diesem liegt ein Verlust zugrunde, es sind soziale und familiäre Verluste. Tony, der seinen Vater im Meer verloren hat, ist von einer irrationalen Hoffnung getrieben, den leblosen Körper wiederfinden zu können. Bei allen Figuren findet man eine Suche nach einem Halt, einer Stabilität, und zugleich ist dies nicht möglich.

Alix Delaporte: Was mir in der Geschichte gefallen hat, war genau, es mit zerbrechlichen Figuren zu tun zu haben. Im Grunde ist es eine Liebesgeschichte. Ich kann aber keine Geschichte über eine Liebe, die gut funktioniert, über eineinhalb Stunden erzählen. Deshalb sind die Figuren alle zerbrechlich, bisweilen sogar sehr zerbrechlich. Ich sage mir immer, dass Zerbrechlichkeit die Grundlage dafür ist, dass etwas passieren kann. Angèle zum Beispiel ist ohne Halt, sie könnte sich jeden Moment vom Boot ins Wasser stürzen oder Tony schlagen. Die Zerbrechlichkeit der Figuren schafft eine Form der Spannung, die Figuren sind unberechenbar, man weiß nicht im vorhinein, was passieren wird.

artechock: Die Geschichte von Angèle und Tony wir im Milieu der Fischer erzählt, hier wird eine zweite Ebene der Geschichte aufgespannt, die sehr realistisch rüberkommt. Warum war es Ihnen so wichtig, die Geschichte vor diesem Hintergrund zu erzählen?

Alix Delaporte: Der Moment, wenn ein Fischer auf seinem Boot aufs Meer hinausfährt, ist schon sehr erhaben. Mich faszinieren die Fischer schon immer, deshalb habe ich sie gewählt. Meine Mutter kommt aus der Normandie, und ich habe meine Ferien immer bei den Fischern verbracht. Das Milieu ist mir also sehr vertraut. Heute auf einem Fischerboot hinauszufahren, ist ein unvergleichbares Erlebnis. Es ist toll, an diesem Moment teilzuhaben, wo die Fische aus dem Wasser geholt werden. Alle essen Fisch, aber es ist dort draußen auf dem Meer, wo es passiert, bei jedem Wetter. Es ist, wie zu etwas Essentiellem in unserem Lebens zurückzukehren. Ich könnte stundenlang über das Fischen sprechen! Ich habe dann mein Team auf ein Fischerboot mitgenommen, und wir haben auf engstem Raum gedreht.

artechock: In der Bildkomposition kann man oft eine Anordnung der Protagonisten finden, die von einer Verbindung bzw. Distanz zwischen ihnen erzählt. Hatten Sie eine genaue Vorstellung von der Bildkomposition, oder hat sich dies erst während des Drehs ergeben?

Alix Delaporte: Die Anordnung der Protagonisten kam aus den Situationen heraus, die ich für sie geschrieben habe. Und diese Situationen bestehen in der Tat oft aus einem Körper, der zu einem anderen Körper geht, vielleicht gelingt es ihm, vielleicht auch nicht. Am Anfang haben wir Körper, die es nicht schaffen, sich zu treffen, die Mutter von Tony, Angèle, Tony, das Kind, und dann gibt es mehr die Körper, die sich annähern. Ich habe darüber nicht lange nachgedacht, es kam ganz aus den Situationen heraus, die ich geschrieben hatte. Und ich habe auch von den Schauspielern bekommen, was sie mir geben wollten. Das ist eins der entscheidenden Dinge. Die Schauspieler schlagen einem etwas vor, es ist wichtig, dass sie das tun. Es waren großartige Schauspieler, mit denen ich gearbeitet habe, sie haben mir alle etwas gegeben.

Angèle und Tony ist noch am Sonntag, den 26.6., um 22:00 Uhr im Sendlinger Tor Kino, und am Samstag, den 2.7., um 17:30 Uhr, im Cinemaxx 7 sehen.

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