08.12.2011
Cinema Moralia – Folge 41

»Wir sind gemeinsam bereit, wirt­schaft­liche Risiken zu tragen.«

What a Man
Ein Film, der sich anbiedert:
What a Man mit Matthias Schweighöfer,
Mann des Jahres 2010
(Foto: Twentieth Century Fox of Germany GmbH)

Wahrheiten »unter drei« oder Wann proben die deutschen Filmemacher endlich den Aufstand? Und ein Papier zur »Rettung des deutschen Kinos« – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 41. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Nicht alle Filme­ma­cher sind gleich. Bei uns in Deutsch­land sind zum Beispiel die Produ­zenten etwas gleicher... Nehmen wir nur die Refe­renz­för­de­rung, also jene Gelder, die ein Film pro Zuschauer bekommt, voraus­ge­setzt er erreicht die Mindest­zu­schau­er­zahl von 50 000. Bei uns geht diese Refe­renz­för­de­rung nur an die Produ­zenten – obwohl jeder weiß, dass nicht immer der Produzent schuld ist, wenn ein Film Erfolg hat. In der Schweiz dagegen teilen sie sich Produzent und Regisseur. Das klingt erstmal viel logischer, schließ­lich dient die Refe­renz­för­de­rung auch dazu, es den Filme­ma­chern – und das sind Regis­seure wie Produ­zenten – zu ermög­li­chen, einen neuen Film zu machen. Derartige konkrete Vorschläge wären das Wich­tigste, was der deutsche Film braucht. Und das Beharren auf ihnen.

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Ein befreun­deter Filme­ma­cher erinnert im Gespräch einfach mal zwischen­durch an einen Schlüs­sel­satz aus dem Ober­hau­sener Manifest, dessen Veröf­fent­li­chung sich bald zum 50. Mal jährt. Es lohnt sich nach­zu­lesen. Darin steht unter anderem: »Wir sind gemeinsam bereit, wirt­schaft­liche Risiken zu tragen.« Wer würde so etwas heute schreiben?

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»Schafft die Film­för­de­rung ab! Jeden­falls in ihrer jetzigen Form.« – Das ist die Quint­essenz von sieben brisanten Thesen »zur Rettung des deutschen Kinos«. Sie stammen, das hatten wir letzte Woche berichtet, vom Berliner Produ­zenten Martin Hagemann, der seit 1985 Spiel- und Doku­men­tar­filme produ­ziert, überdies Mitglied in verschie­denen Förder­gre­mien ist und im Vorstand der beiden großen Verbände Produ­zen­ten­al­lianz und AG Dok sitzt. Es ist also keine unbe­deu­tende Stimme, und kein Außen­seiter, der sich hier fast verzwei­felt zu Wort meldet, und dringend notwen­dige Verän­de­rungen, oft nur Selbst­ver­s­tänd­lich­keiten einklagt – nicht in erster Linie um sich selbst zu retten, sondern die Eigen­s­tän­dig­keit des deutschen Kinofilms. Hagemann wird, auch von seines­glei­chen, Wider­spruch ernten, aber zumindest hat seine wohl­be­grün­dete Argu­men­ta­tion das Zeug, die über­fäl­lige Diskus­sion um die ökono­mi­sche Zukunft des deutschen Kinos auszu­lösen. Der deutsche Film sei eigent­lich schon tot, heißt es sinngemäß in dem Papier, das vergan­gene Woche bei einer Berliner Diskus­si­ons­runde unter dem Titel »Quo vadis deutscher Film?« öffent­lich vorge­stellt werden wurde. »Als wirt­schaft­liche Defi­ni­tion funk­tio­niert der Begriff, künst­le­risch wie förder­tech­nisch verkauft er Fernsehen als Kino«, schreibt Hagemann und fordert »eine klare Trennung von Kino und Fernsehen.« Film­för­de­rung sei »zu einer Quelle der Zusatz­fi­nan­zie­rung für Fern­seh­sender verkommen«. Hagemann nennt Zahlen: 80 Millionen werden von den Sendern national und länder­weit in die Förde­rungs­töpfe einge­zahlt. Aber 50 Millionen werden für eigene Programme ausge­geben, davon 30 Millionen direkt an Töchter der Sende­an­stalten. Diese Finan­zie­rung, so Hagemann, »muss verfas­sungs­recht­lich geprüft und beendet werden.«

Und es blieb nicht bei Kritik, Hagemann machte auch Lösungs­vor­schläge, die, wenn nur der poli­ti­sche Wille exis­tierte, sehr leicht und kosten­neu­tral umgesetzt werden könnten: Vor allem will er ein Ende der Einfluss­nahme der Sende­an­stalten in den Förder­gre­mien, die längst zu einem Selbst­be­die­nungs­laden der Fern­seh­sender verkommen sind. Wie in anderen Ländern auch, etwa den inter­na­tional besonders erfolg­rei­chen Kinolän­dern Frank­reich, Öster­reich und Dänemark müssten die öffent­lich-recht­li­chen Sender verpflichtet werden, deutsche Kinofilme anzu­kaufen und zu Haupt­sen­de­zeiten zu senden. Die Position des Produ­zenten gegenüber den Lizenz­neh­mern sei zu stärken – sprich: Deutsches Kino darf nicht länger Billig­ware der Sender sein, es muss ihnen mindes­tens genauso viel wert sein, wie Holly­wood­filme und Sport­rechte. Förder­gelder müssten den Produ­zenten direkt zugute kommen, nicht den Fern­seh­an­stalten. Refe­renz­mittel sollten ab der ersten Kinokarte ange­rechnet werden, nicht erst ab 50 000 Zuschauern – die heute bereits kaum ein deutscher Kinofilm erreicht. »Eine auto­ma­ti­sche Förderung, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind, macht die Gremien über­flüssig und schafft Planungs­si­cher­heit auf Seiten der Produk­tion.«

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Man kann derglei­chen noch ergänzen: Was Hagemann nicht sagt, obwohl es in der Branche ein offenes Geheimnis ist: Gerade die Bran­chen­riesen zahlen kaum Förder­gelder zurück. Zu zahlreich sind die Möglich­keiten, mit Hilfe von Toch­ter­firmen Verluste abzu­schreiben. Und warum soll es statt einer Mindest­zu­schau­er­zahl eigent­lich keine Deckelung der Refe­renz­mittel nach oben geben? Warum soll eine Förderung die als Kultur­för­de­rung geplant war, ausge­rechnet der Massen­ware zugute kommen, das Spezielle, Exzen­tri­sche, Schwie­rige aber links liegen lassen? Warum wird Film überhaupt als Wirt­schaftsgut subven­tio­niert? Euro­pa­recht­lich ist das mehr als frag­würdig, denn Film ist ja keine Stein­kohle. Darum hat jede Film­för­de­rung ein kultu­relles Mäntel­chen. Was dabei heraus­kommt, sieht man jede Woche im Kino: Filme, die irgend­eine Bedeutung vor sich hertragen, aber ästhe­tisch belanglos sind.

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So paradox es klingt, trifft es doch in der Regel zu: Je billiger ein Film ist, umso schwie­riger ist er zu finan­zieren. Während bei teuren Groß­pro­jekten, die mit vermeint­lich reiße­ri­scher Thematik oder einer Best­sel­ler­ad­ap­tion aufwarten können, und mit Stars gepickt sind, alle dabei sein wollen, haben es gerade jene Filme, die eine Film­för­de­rung eigent­lich nötig haben, und wegen denen sie einst erfunden wurde, am schwersten, genug Geld zu finden, um überhaupt gemacht zu werden. Nochmal: Es geht hier nicht um die Finan­zie­rung irgend­wel­cher Luxus­ar­beits­plätze, sondern ums nackte Überleben. Und trotzdem: Wenn von Film­för­de­rung die Rede ist, sind nicht öffent­liche Subven­tionen gemeint, wie sie im Bereich von Oper, Ballett und Theater selbst­ver­s­tänd­lich sind – mit denen eine Kunstform überhaupt noch am Leben erhalten soll – sondern öffent­li­ches Geld, das im Erfolgs­fall zurück­ge­zahlt werden muss. Wie immer ist die entschei­dende Frage aber auch hier, wie man Erfolg definiert. Spätes­tens in Zeiten, in denen es dem deutschen Kino immer schlechter geht, die Zuschau­er­zahlen nur noch mit kulturell Belang­losem von Bully bis What a Man aufgehübscht werden, aber sogar Alexander Sokurows Faust -Verfil­mung, die jetzt in Venedig den Goldenen Löwen gewann, aber – im Gegensatz zur wirklich bedeu­tenden Lite­ra­tur­ver­fil­mung Hanni & Nanni – keine Gnade vor den deutschen Förder­gre­mien findet, steht genau diese Defi­ni­tion nun auf dem Prüfstand.

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Wer aufmuckt, wird in der Regel abge­watscht, und während Hagemann unter den Regis­seuren viel Zustim­mung erfährt, bleibt er unter den deutschen Produ­zenten eine Einzel­stimme. Bei Unter­nehmen wie der Constantin wundert das nicht. Warum aber Firmen wie Schramm Film, Piffl, Heimat­film, und alle anderen nicht öffent­lich aufmucken, nur in Hinter­zim­mern und »unter drei« die Wahrheit sagen, und sonst das böse Spiel mitspielen, weiß der Himmel. Feigheit vor dem Feind – anders kann man es nicht nennen. In jedem Fall sind die Betei­ligten selber mit schuld an den Verhält­nissen einer Film­fi­nan­zie­rung als Hinder­nis­lauf, die dadurch charak­te­ri­siert wird, dass in Deutsch­land im Gegensatz zu den meisten europäi­schen Ländern die Film­för­de­rung und die Förderung der Sender nicht für das Kino da ist, nicht dazu da ist, den Filme­ma­chern zu dienen – sondern umgekehrt die Filme­ma­cher die Bitt­steller an den Thronen der wahren Herren.

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Ande­rer­seits wird man jetzt, wo sich einer aus der Deckung wagt, genau verfolgen, welche Steine man ihm in Zukunft in den Weg legen wird. An der Film­för­de­rung liegt das eher wenig. Natürlich gibt es auch hier versteckte Einfluss­nahmen, vor allem poli­ti­sche. Jeder in der Branche weiß, dass die baye­ri­sche Film­för­de­rung seit jeher einen besonders kurzen Draht zur Staats­kanzlei hat, und weitaus weniger künst­le­ri­sche Wagnisse eingeht, als etwa die in Nordrhein-Westfalen oder Berlin-Bran­den­burg. Entschei­dend sind aber die poli­ti­schen und gesetz­li­chen Vorgaben, ihre Einhal­tung und ihre Kontrolle durch die Gesetz­geber in Berlin und Brüssel.

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Die fehlend gemein­same Kommu­ni­ka­tion der Filme­ma­cher braucht auch Streit­kultur, also die Fähigkeit, Kritik zu akzep­tieren und die Toleranz für unter­schied­liche Ansätze. Ein Grup­pen­be­wußt­sein. Das fehlt beides, eben weil alle allzu indi­vi­dua­lis­tisch, neoli­beral und atomi­siert denken und agieren.

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Fruchtlos ist auch der Gegensatz zwischen Kunst oder Geld, Wirt­schaft oder Kultur. Was es aber braucht, ist gute Dialektik: Vermitt­lung von beidem. Also: Kunst und Geld sind immer dann gut, wenn sie eine Antwort finden auf die Frage, was erzählt werden muss. Eine Antwort, die eine gemein­same Stoßrich­tung hat, eine verbin­dende Idee und Vorstel­lung davon, wohin sie wollen. Eine solche Antwort wäre eine poli­ti­sche Antwort. Nicht um Kunst oder Wirt­schaft geht es also, sondern letzt­end­lich immer um Politik, die die Voraus­set­zung einer Verbin­dung von Kunst UND Wirt­schaft ist. Solange der deutsche Film aber Politik, also sowohl das prag­ma­ti­sche Handwerk, als auch die damit immer notwendig verbun­denen Freund- und Feind­er­klärungen (vor allem letzteres) fürchtet, wie der Teufel das Weih­wasser, bleibt er im Sumpf der Bedeu­tungs­lo­sig­keit stecken.

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Einfacher gesagt: Man kommt nicht darum herum, Farbe zu bekennen, und zu kämpfen. Dazu gehören Kampf­ver­bände . Dazu gehören Bekennt­nisse. Zum Beispiel dafür, dass What a Man keine Förderung bekommen muss, und dass der deutsche Film auch an der Uner­zo­gen­heit seines Publikums krankt, das also Erziehung des Publikums not tut. Für die notwen­dige Verän­de­rung der Produk­ti­ons­ver­hält­nisse, über die zu Recht immer gespro­chen wird, brauchen wir eine Verän­de­rung der Rezep­ti­ons­ver­hält­nisse. Also Quoten für den deutschen Film. Solange das nicht passiert, haben wir einen Teufels­kreis: Weil die Leute dumm sind, sehen sie die guten Filme nicht an, wenn sie mal im Kino sind. Weil sie die guten Filme nicht ansehen, bleiben sie dumm. Abhilfe schafft, die Filme im Super­markt von der Bückware auf Augenhöhe zu rücken, und sie länger im Regal zu lassen. Das geht nur mit Quoten, die könnte man aber markt­wirt­schaft­lich orga­ni­sieren, d.h. jeder Kino­be­treiber muss Punktzahl sammeln, kann das mit Petzold dann leichter, als mit Schweig­höfer. Zur Zeit muss man mit dem deutschen Film so umgehen, wie in der Politik mit Frauen, Migranten und Behin­derten – ist so.

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Zum Fernsehen nur ein Satz, der genauso auch für die Förderung gilt: Sie wollen im Erfolgs­fall immer schuld sein, auch sie scheuen aber, sobald etwas schief geht, jede Verant­wor­tung. Es ist nie der Redakteur, es war immer der Regisseur, der schuld ist. Und noch einer: Die deutsche Film­för­de­rung ist zu einem Selbst­be­die­nungs­laden der Fern­seh­sender verkommen.