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Am Eröffnungstag noch hat Tilda Swinton das Kino als
eine Form des Gesprächs gelobt. Und ich finde das nach
wie vor einen realistisch hoffnungsvollen Gedanken. Denn
so sehr man oft an der Menschheit verzweifeln könnte,
so sehr bleibt doch das Gefühl, das alles nicht annähernd
so schlimm wäre, wenn man die Menschen mal alle zum
klärenden Einzelgespräch bitten könnte. Wenn
man all die Idioten und Gemeingefährlichen, die Fanatiker
und Terroristen mal individuell auf neutralem Boden auf einen
Stuhl setzen könnte und sie fragen: "Jetzt sag'
mal, was soll der Scheiß?" Und so lange nachbohren
könnte, bis die Antwort etwas anderes ist als blind
nachgeplapperter Jargon. (Was zugegebenermaßen dauern
dürfte...)
Aber genau da liegt eben das Problem: Die, die das Gespräch
am nötigsten hätten, sind am wenigsten gesprächsbereit.
Was hilft's, wenn ein Dialog viel klären könnte,
wenn die Mittel fehlen, die betreffenden Leute überhaupt
zum Dialog zu bewegen?
Man müsste sie zwingen.
Da ist die Crux: Manchmal, scheint es, hilft nur Gewalt,
selbst wenn es darum geht, Gewalt zu verhindern.
Und da das Kino, das Geschichtenerzählen nun mal auch
dazu da ist, unsere Fantasien auszuleben und die Frage zu
stellen "Was wäre, wenn...?" darf es auch
fragen: "Was wäre, wenn man Menschen, von deren
unnötiger Dummheit, Verblendetheit man zutiefst überzeugt
ist, tatsächlich mal mit vorgehaltener Waffe zwingen
könnte, sich das wirklich anzuhören und ernst zu
nehmen, was man ihnen zu sagen hätte?"
Womit wir bei LA JOURNÉE DE LA JUPE wären. Isabelle
Adjani - etwas fülliger als früher, aber furioser
denn je - spielt darin eine Französischlehrerin an einer "Problemschule".
Genervt und tyrannisiert von ihren rüpelhaften Schülern "mit
Migrationshintergrund", die sich permanent pubertär
sexistisch und rassistisch gegenüber anderen gebärden,
sich selbst aber ebenso permanent in der unterdrückten
Opferrolle sehen, die ihnen jede Verantwortung für ihr
Handeln abnimmt. Und denen soll Adjani was über Molière
beibringen.
Eine hoffnungslose Situation - bis da eine Pistole auftaucht,
aus dem Rucksack eines Schülers, und sich bei Adjanis
Versuchen, sie an sich zu nehmen, ein Schuss löst. Plötzlich
sieht sich Adjani als Geiselnehmerin ihrer Klasse. Anfangs
völlig schockiert und wider Willen - aber dann erkennt
sie langsam die unerwarteten Vorteile der Lage. Auf einmal,
kaum setzt man ihnen eine Waffe auf die Brust, hören
die Kinderchen nämlich zu. So toll hat für sie
der Frontalunterricht noch nie geklappt.
LA JOURNÉE DE LA JUPE ist einer jener Filme, die von
der Brillanz ihrer Grundidee zehren können, auch wenn
sie zunehmend nicht mehr so recht wissen, wohin damit. Jean-Paul
Lilienfeld hat offenbar ein wenig zuviel Panik davor, er
könnte einen Gedanken überstrapazieren, und verfranst
sich dann in ein, zwei zusätzlichen Wendungen zuviel.
Vielleicht hat er auch selbst Angst davor bekommen, seine
gefährlich reizvolle Fantasie ohne weitere äußere
Impulse konsequent zu Ende zu denken. Irgendwann verliert
er sein interessantestes Thema etwas aus den Augen: Wie intolerant
darf man werden, um die Werte der Toleranz durchzusetzen?
Auch der diesjährige Berlinale-Eröffnungsfilm
lässt Waffen sprechen, wo Worte nicht mehr zu helfen
scheinen. Tom Tykwers THE INTERNATIONAL ist dabei ein gutes
Stück entfernt davon nahezulegen, dass Gewalt, wie gezielt
eingesetzt auch immer, wirklich eine Lösung sein könnte.
Es bleibt klar: Das System, die Menschen werden sich deswegen
nicht ändern. Die Schießereien in THE INTERNATIONAL
sind vielmehr ein Ventil für das Gefühl der Ohnmacht,
sind ein fiktionales Stillen des Durstes nach irgendeiner
Art von vermeintlicher Gerechtigkeit. Es geht schlicht um
das Gefühl, dass IRGENDJEMAND für das ganze Unrecht
zahlen muss - und zwar den ultimativen Preis.
Viel wurde darüber geschrieben, wie die aktuelle Situation
THE INTERNATIONAL zu einem Eröffnungsfilm gemacht hat,
wie ihn sich Festivalleiter Dieter Kosslick nicht schöner
hätte schnitzen können: Was - als Verbindung von
mit internationalen Stars besetztem Genre-Kino und deutschen
Arthouse-Credentials - ohnehin jene Pole vereint, die die
Berlinale gern gleichzeitig bedienen möchte, hat auf
einmal dank seines Themas auch noch Schlagzeilen-Aktualität.
Ein scheinbarer Beweis, wie das Kino, das durch seine Produktionsvoraussetzungen
und seinen Apparat mit langen Vorlaufzeiten von der Idee
bis zum fertigen Werk oft als recht behäbige Kunstform
wirkt, doch ganz am Puls der Zeit sein kann.
Aber das stimmt nur halb. Denn die "very bad bank",
um die es bei Tykwer geht, wirkt heute auch schon wieder
wie eine etwas altmodische Fantasie: Ein Ableger der Paranoiafilm-Welle
der '70er, in der ein einsamer Held gegen ein übermächtiges "Sie"-System
ankämpft - "sie" stecken hinter allem, "sie" haben
die Fäden in der Hand, "sie" werden dich finden
und ausschalten, wenn du ihnen auf die Schliche kommst.
Die Bank in THE INTERNATIONAL hat ihre Finger in Waffendeals
und beeinflusst internationale Konflikte, um die Rendite
zu steigern; Leute, die Sand ins finstere Getriebe streuen
wollen, lässt sie von Auftragskillern ausschalten. Das
ist alles sehr unmenschlich und sehr böse. Aber wenigstens
weiß hier noch jemand, was er tut, wenigstens hat hier
noch IRGENDWER die Kontrolle - auch wenn es die Bösen
sind.
Im Vergleich aber zu einer Weltwirtschaft, die durch persönlichkeitsgestörte
Trottel mit ihrem Glaubenssatz vom ewigen Wachstum und ihren
Seifenblasen aus Fantasie-Kapital an den Rand des Kollaps
gebracht wird, weil eben von den vermeintlichen Profis und
Experten keiner eine Ahnung hat, was er da wirklich tut...
Nun, im Vergleich dazu wirkt die Konstruktion von THE INTERNATIONAL
fast schon beruhigend. Und wenigstens bekommt das Böse
da ein paar Gesichter, wenigstens weiß man, auf wen
man schießen kann - auch wenn's letztlich nichts ändert.
Als dokumentarisches Pendant zu THE INTERNATIONAL könnte
man bis zu einem gewissen Grad THE SHOCK DOCTRINE von Michael
Winterbottom und Mat Whitecross sehen, die Adaption des gleichnamigen
Naomi Klein-Kultbuchs: Auch er breitet sozusagen eine "Verschwörungstheorie" aus,
die das ganze Schlamassel erklärt, in dem wir stecken.
Er ist eine alternative Geschichtsschreibung der letzten
dreißig, vierzig Jahre, die er zu erklären sucht
als die Geschichte der globalen Durchsetzung der Ideologie
vom völlig entfesselten Markt, wie sie von der Chicagoer
Schule um Milton Friedman gepredigt wurde. Die Diktaturen
in Chile und Argentinien, die Reagan- und Thatcher-Jahre,
der Niedergang der Sowjetunion, der Irakkrieg - all das wird
plötzlich stimmiger Teil einer stringenten "master
narrative".
Das Erschreckende an THE SHOCK DOCTRINE ist, wie schlüssig
er diese These wirken lässt, wie viel da auf einmal
in einen übergeordneten Kontext zu passen scheint, was
man vorher eher als das unverbundene Gewusel und Gewurschtel
der Zeit wahrgenommen hatte.
Vielleicht sollte man ihm gerade deswegen auch ein bisschen
misstrauen - "Fiction is to make sense," sagt Armin
Mueller-Stahl mal in THE INTERNATIONAL, und im Umkehrschluss
könnte man anmerken, dass alles, was zu sehr Sinn ergibt,
stets nach Fiktion müffelt. Aber zwei Dingen gelingen
dem Film allemal:
Zum einen Naomi Kleins Thesen emotional zu unterfüttern
- diese Bebilderung gibt den beschriebenen Ereignissen ihren
Schmerz zurück, lässt die menschlichen Konsequenzen
mitfühlen. Man mag das manipulativ heißen - aber
man kann es dennoch auch gerechtfertigt finden, wegen des
Fazits, auf das der Film dergestalt hin agitiert: Jetzt,
durch DIE KRISE, ist ein Zeitpunkt gekommen, nach Alternativen
zu suchen zu der Ideologie des Neoliberalismus, die die letzten
Jahrzehnte zunehmend dominiert hat - und zwar nicht, indem
man wieder vermeintlichen Experten das Feld überlässt,
sondern indem sich jeder in seinem eigenen, privaten Wirkungskreis
organisiert und engagiert und für eine hoffentlich menschlichere
Welt kämpft. Um eine solche Bewegung anzustoßen,
schadet ein bisschen Wut im Bauch aber nun wirklich nicht.
Die andere Leistung des Films ist weniger das Überstülpen
einer großen Geschichte über die jüngere
Vergangenheit - es ist die Beweisführung, dass einer
der unablässig beschworenen Grundsteine der Friedman-Denkschule
gelinde gesagt brüchig ist: Die Freiheit des Markts
und die Freiheit der Menschen gingen zwangsläufig Hand
in Hand. Wirtschaftlicher Neoliberalismus und Demokratie,
das seien siamesische Zwillinge. Was hingegen THE SHOCK DOCTRINE
wieder und wieder vorführt ist, wie ausgerechnet Diktaturen
sich bewusst die Chicagoer Wirtschaftsideologie importieren
und dadurch offenbar kein Stück näher an die Demokratie
geraten. Und wie umgekehrt die politischen Vollstrecker der
neoliberalen Heilslehre wieder und wieder gerade da eingreifen
und zuschlagen, wo sich ein Volkswille gegen ein als unterdrückend
empfundenes System auflehnt.
Mit anderen Worten: THE SHOCK DOCTRINE verdoppelt nicht einfach
nur, was die Realität in den letzten Monaten ohnehin
offensichtlich gemacht hat, nämlich dass der Neoliberalismus
schlicht ökonomisch nicht so funktioniert, wie er immer
behauptet hat. Der Film macht auch noch einmal deutlich,
dass die politischen Befreiungsversprechen ebenso wenig eingelöst
wurden.
Lässt sich THE SHOCK DOCTRINE als dokumentarisches
Gegenstück zu THE INTERNATIONAL sehen, dann könnte
man Hans-Christian Schmids STORM (ebenfalls eine internationale,
hauptsächlich englischsprachige Produktion, deshalb
nicht der deutsche Titel STURM) als einen fiktionalen Widerpart
beschreiben: Zwar geht es hier um ein ganz anderes Thema
- die serbischen Kriegsverbrechen und deren Verhandlung vor
dem Den Haager Gerichtshof. Aber der zentrale Unterschied
ist themenübergreifend, macht einen Vergleich sinnfällig.
Denn wo Tykwer ein Bilder-Ventil schafft für das Gefühl
der Ohnmacht, zwingt Schmid einen über weite Strecken,
es auszuhalten. Die Bösen sind hier nicht minder klar
benennbar, und man entwickelt einen nicht minder brennenden
Hass auf sie. Und die (mehr oder minder) Guten sind hier
in ihrem Kampf um so etwas wie "Gerechtigkeit" nicht
minder behindert von der Bürokratie und den nationalen
Vorschriften gegenüber einem sichtlich international
frei agierenden Schurkentum. Aber hier darf keiner die Knarre
auspacken, hier gibt es kein explosives Ausbrechen der angestauten
Wut.
Schmids Film zeichnet recht plausibel und genau nach, was
es heißt, "dem Bösen" mit den Mitteln
der demokratischen Rechtsstaatlichkeit zu begegnen. Und auch
wenn STORM filmisch zu wenig zu bieten hat, wenn er visuell
zu konventionell und unpräzise erzählt, wenn er
mehr die Anmutung eines Fernsehspiels als eines Kinofilms
verströmt; auch wenn er anfangs zu lange auf eine krimiartige
Struktur baut, die ihn in Wahrheit deutlich weniger spannend
macht als das, was nach Auflösung des Geheimnisses folgt:
Jene rund dreiviertel Stunde, in der die Fronten geklärt
sind, das Mitgefühl mit dem Opfer etabliert - aber zunehmend
klar wird, dass nicht zu haben ist, was man als Gerechtigkeit
empfinden würde... Nun, diese Zeit gibt dem Film allemal
seine Berechtigung, in dieser Zeit hat er Kraft und leistet
etwas Ungewöhnliches. Hier wird quasi zum dramaturgischen
Höhepunkt, was in unzähligen Rachethrillern der
Setup ist, und hier bleibt klar, dass es keine Option ist,
dann eben das staatliche Gewaltmonopol aufzukündigen
und die Vollstreckung blutig in die eigenen Hände zu
nehmen.
Es ist nur ein Jammer, dass Schmid sich nicht traut (oder
trauen durfte), konsequent zu bleiben. Ganz zum Schluss muss
sich halt doch noch alles wenden - und zwar zu einem viel
zu umfassend Guten; nicht einmal eine fundamentale Gebrochenheit
darf bleiben. Ganz zum Schluss siegt halt doch das Bedürfnis,
dass das Publikum einigermaßen befriedigt über
den Ausgang der Geschichte das Kino verlässt. Das ist
ein schnelles Pflaster auf die Wunde, die STORM so mühsam
und beharrlich auf gestochert hat. Und somit eine unnötige
Vernichtung von emotionaler Energie: Denn das Aushalten lassen
des Schmerzes ist mit Abstand das Produktivste an diesem
Film, und er hätte ungleich stärker gewirkt, wenn
mehr davon noch über den Abspann hinaus ins reale Leben
geragt hätte.
Damit, freilich, ist STORM nicht allein: Wenn es dieser
Berlinale zur Halbzeit an etwas fehlt, dann an Filmen, deren
Wirkung über die Leinwand hinausreicht. Von den wenigen,
denen das für mich wirklich gelungen ist, dann das nächste
Mal.
Thomas Willmann
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