Yves Saint Laurent

Frankreich 2014 · 106 min. · FSK: ab 12
Regie: Jalil Lespert
Drehbuch: , ,
Kamera: Thomas Hardmeier
Darsteller: Pierre Niney, Guillaume Gallienne, Laura Smet, Charlotte Le Bon, Marie de Villepin u.a.
Hemmungslos verkitscht

Die Legende vom heiligen Yves

Kein Kunstwerk für Ästheten, sondern ein Film für Banausen

»Meine Kleider, meine Entwürfe – damit drücke ich mich aus. Wenn man mir das nimmt, sterbe ich.« – die Mode war sein Leben: Yves Saint Laurent war nicht nur ein einfacher Mode­ma­cher, er war »der« Modezar seiner Zeit, ein Schöpfer neuer Trends wie sonst nur Coco Chanel und Pierre Cardin, und galt zu seiner erfolg­reichsten Zeit, den Sechziger und Siebziger Jahren, als Revo­lu­ti­onär.
Saint Laurent war selbst eine der größten Stili­konen des Jahr­hun­derts. Eine der schil­lerndsten Persön­lich­keiten des inter­na­tio­nalen Jet-Set und ein Meister jenes kollek­tiven Imaginären, des Show­busi­ness, das wir Mode nennen. Saint Laurents Schöp­fungen begeis­tern bis heute die Reichen und Berühmten und die Idole der Käufer-Massen, von Catherine Deneuve bis Carla Bruni, die zeitweise als seine »Musen« galten.

Die Verfil­mung des Lebens von Yves Saint Laurent ist keine leichte Aufgabe – denn wie drama­ti­siert man eine Biogra­phie, die beruflich vor allem im Zeichnen von Entwürfen und Ankleiden von Models bestand, im Schnip­peln an Stoffen und Herum­zupfen an Klei­der­s­tän­dern.

Immerhin das Privat­leben bietet Material: Saint Laurent war Kind einer stin­k­rei­chen Unter­neh­mer­fa­milie und lebte offen seine Homo­se­xua­lität – was aller­dings im Mode­be­trieb nie ein Problem war.

Sein Lebens­ge­fährte wie Geschäfts­partner war der als Sammler und Kunst­mäzen berühmte Pierre Bergé. Energisch, eloquent, gerissen, ist er die heimliche Haupt­figur von Lesperts Film; denn aus seiner Perspek­tive ist dieser Film erzählt – im Rückblick, im Stil einer imaginären Grabrede, eines Briefs an einen Toten: »Du liebtest die Schönheit Yves – niemand weiß, woher Geschmack kommt. Der Instinkt. Das bringt einem niemand bei...«

So weit, so gut – aller­dings macht dieser überaus senti­men­tale Zugang klar, dass Lesperts Film niemals Kritik übt oder wenigs­tens ironische Distanz zu seinem Gegen­stand aufbaut. Es handelt sich vielmehr um eine Art postumes Auftrags­werk – eine distan­z­lose schwär­me­ri­sche Hagio­gra­phie, die Legende vom heiligen Yves:

»An jenem Tag trat der Ruhm in Dein Leben, und er hat Dich seitdem niemals verlassen.« – auch dieser anbie­dernde Ton wäre verz­eih­lich, hätte der Film nicht eine viel größere Schwäche: Denn wie geschmacklos darf ein Film über Geschmack sein? Wie stil­be­wusst müsste ein Film sein, bei dem es permanent um Stil­fragen geht?

Jalil Lespert Film ist nicht nur erzkon­ser­vativ in seinen sülzigen Dialogen und seiner ameri­ka­ni­sierten, hemmungslos verkitschten Machart, die sich den unge­bil­deten Banausen im Publikum anbiedert und alle Film-Ästheten dagegen vor den Kopf stößt.
Der Film ist vor allem unglaub­lich spießig – wie er Saint Laurents Drogen­exz­esse mit sehr sehr spitzen Fingern anfasst, und Sex-Orgien in Algerien auf eine Weise andeutet, als wären wir geistig-moralisch zurück in den 50er Jahren. Sind wir viel­leicht auch als Gesell­schaft – aber Yves Saint Laurent war es nie. Libertär und frei­heit­lich, immer bereit zum Expe­ri­ment mit sich selbst, könnte er ein Vorbild sein und ein Kontra­punkt zum gegen­wär­tigen Neobie­der­meier. Aus diesem Film aber wäre er selbst bestimmt spätes­tens nach der Hälfte schreiend raus­ge­rannt, weil er es nicht mehr ausge­halten hätte vor Lange­weile.

Trotzdem hat Lesperts Biopic immerhin ein paar Verdienste: Zum einen gelingt ihm gele­gent­lich ein recht tref­fendes Portrait des Mode­de­si­gners. Der erscheint im Film als wider­sprüch­liche Persön­lich­keit – einer­seits intro­ver­tiert und scheu, dann aber wieder egoman und eitel.

Außerdem wirft er immer wieder eine inter­es­sante Frage auf: Ist Mode eigent­lich Kunst?

»Mode ist keine ernst­hafte Kunst. Sie ist genau genommen gar keine Kunst.« – so antwortet Saint Laurent selbst in diesem Film. Doch wer seine Mode sieht, wer sieht, wie er an Details feilte, wie er sich selbst aufrieb für die Perfek­tion seiner Entwürfe, der erkennt: Eine bestimmte, sehr besondere Art von Kunst ist Mode schon. Saint Laurent war kein Mozart oder Vermeer. Aber eine bestimmte Art von Genie hatte auch er...

In seinen aller­besten Momenten ist dieser Film insofern eine großar­tige Hommage: An Yves Saint Laurent und an die Mode, die Erin­ne­rung an eine ganz bestimmte, sehr präzise Welt zwischen Paris und Mailand, die spätes­tens mit dem Ende des 20. Jahr­hun­derts auch vergangen ist. Heute tragen die Berühmt­heiten der lllus­trierten Jeans, T-Shirt und Tattoos.

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