Yossi & Jagger – Eine Liebe in Gefahr

Yossi & Jagger

Israel 2002 · 67 min. · FSK: ab 12
Regie: Eytan Fox
Drehbuch:
Kamera: Yaron Scharf
Darsteller: Ohad Knoller, Yehuda Levi, Assi Cohen, Aya Steinowitz u.a.

Romantik zwischen Liebessehnsucht und Todesangst

Welche absolut unüber­wind­baren Hinder­nisse können heute – in einer westlich orien­tierten Gesell­schaft – einem entschlos­senen Liebes­paar noch im Wege stehen? Alle Grenzen scheinen durch­lässig geworden zu sein: das Wort der Verwandt­schaft, der reli­giösen oder sozialen Gemein­schaft wiegt oft wenig, wenn es um die Verwirk­li­chung des indi­vi­du­ellen Glückes geht. Die Über­win­dung von Standes-, Klassen-, Rassen­schranken ist in unserer Kino­er­fah­rung so allge­gen­wärtig, dass es eher irritiert, wenn sie einmal nicht gelingt. Was kann einer glück­li­chen Liebe, einem Happy End heute also noch im Wege stehen? Nur der Tod.
Es soll aller­dings auch vorkommen, dass die Liebenden gar nicht so entschlossen sind, dass sie die Bindung an über­kom­mene Werte zunächst für wichtiger halten als das Bekenntnis zum Gegenüber. Welcher Schick­sals­schlag vermag den Unent­schlos­senen dauerhaft zu bestrafen und die Verbin­dung unwie­der­bring­lich zu verhin­dern? Nur der Tod.

Deshalb ist es wohl nur konse­quent, einen Liebes­film unter gefechts­be­reiten Soldaten spielen zu lassen, wo die Gefahr allge­gen­wärtig ist. Wie ein Brennglas fokus­siert das Leben, das viel­leicht kein Morgen mehr kennt, die Gefühle und Sehn­süchte der Prot­ago­nisten. Und obwohl die israe­li­sche eine der Wehr­pflicht­ar­meen ist, die Männer und Frauen glei­cher­maßen einzieht, ist es eine schwule Liebes­ge­schichte, die hier gezeigt wird. Es geht um eine Beziehung, die nicht nur wegen der verpönten Homo­se­xua­lität, sondern auch als verbotene Romanze zwischen Vorge­setztem und Unter­ge­benem geheim gehalten werden muss.
Bei aller Liebe sind Yossi, der Berufs­soldat, und Jagger, der Wehr­pflich­tige, doch sehr verschieden. Der sachliche Yossi sieht seine beruf­li­chen Perspek­tiven in der Armee mit ihren klaren Struk­turen, der schwär­me­ri­sche Jagger träumt von einer gemein­samen Zukunft im zivilen Leben und einem öffent­li­chen Bekenntnis zuein­ander. Als eines Tages der Komman­dant in Beglei­tung zweier Funke­rinnen seine an der liba­ne­si­schen Grenze einge­schneite Einheit aufsucht, wird Yossis Haltung in Frage gestellt. Eine der beiden jungen Frauen ist unsterb­lich in Jagger verliebt, und der Komman­deur bringt den Auftrag zu einem gefähr­li­chen nächt­li­chen Einsatz mit.

Israel, Armee – wer denkt da nicht an einen poli­ti­schen Film, an den eska­lie­renden Konflikt, der durch keine Road-Map einzu­dämmen ist, an Paläs­ti­nenser und Siedler. All dies wird in Yossi & Jagger nicht an- oder ausge­spro­chen, ist allen­falls im Hinter­grund, als Anlass für die allge­meine Wehr­pflicht, mit-denkbar, aber kein Thema. Die Liebes­ge­schichte steht im Vorder­grund, und die Gesell­schaft spielt nur insofern eine Rolle, als sie die Beziehung beein­flusst. Es ist überdies ein Film über den Einfluss der Militär-Jahre auf die jungen Menschen, über Jugend­kultur und Alltag in der Ausnah­me­si­tua­tion. Wie in vielen Kriegs­filmen werden auch hier die stan­dar­di­sierten Abläufe der Statio­nierten, das tägliche Einerlei nicht nur als lang­weilig und konflikt­trächtig, sondern auch als Ort von Spaß, Romanzen, schlicht: Lebens­lust gezeigt – immer kurz davor, als »Erin­ne­rung an die glor­reiche Militär­zeit« miss­ver­standen zu werden, in Wahrheit über­schattet vom Bewusst­sein der Gefahr.
Regisseur Eytan Fox hat Yossi & Jagger ursprüng­lich für einen Kabel-TV-Sender gedreht, bei seiner Kino­aus­wer­tung wurde der Film in Israel zum Hit. In der Darstel­lung des Militärs fanden sich viele junge Israeli wieder, und die Liebes­ge­schichte wurde inter­na­tional auf Festivals nicht nur homo­se­xu­eller Filme inter­es­siert aufge­nommen. Durch seine Nähe zu den Prot­ago­nisten und den inten­siven Blick auf ihre emotio­nalen Verstri­ckungen, durch die gelungene Charak­ter­zeich­nung und die über­zeu­gende Stimmung ist der Film auf jeden Fall faszi­nie­rend. Vermut­lich hätter er aber auch mit einem Schuss weniger Melo­dra­matik gegen Ende über­zeu­gend gewirkt.

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