Yi Yi – A One and a Two

Yi yi

Taiwan/Japan 2000 · 173 min. · FSK: ab 6
Regie: Edward Yang
Drehbuch:
Kamera: Wei-han Yang
Darsteller: Nien-Jen Wu, Elaine Jin, Issey Ogata, Kelly Lee u.a.

Ganz unver­schämt, voll offener Neugier versucht der kleine Yang-Yang (Jonathan Chang) der Nachbarin ins abge­wandte Gesicht zu schauen. Wie, sagt er, solle er sonst wissen, warum sie weint? Wir brauchen die Kamera, um über unsere eigenen Gesichter etwas erfahren zu können, erklärt ihm der Vater, NJ (Wu Nianzhen). Als Yang-Yang dann aber einen Foto­ap­parat bekommt, wird sein Blick ein anderer, weniger direkter, scham­loser, konven­tio­neller: Er foto­gra­fiert Hinter­köpfe. Und schenkt dann die Fotos den so »Porträ­tierten« – damit sie eine Seite von sich entdecken können, die sie mit eigenen Augen nicht sehen können.

Es ist eine kleine Philo­so­phie seines eigenen künst­le­ri­schen Ansatzes, die Yi Yi da vorführt: Denn auch Edward Yangs Film wird ange­trieben von dem Glauben, dass die Kamera uns etwas über uns selbst zeigen kann, dass sie Wahr­heiten aufzeichnen und aufdecken kann. Dass dies aber nicht geht, wenn man nur die vertraute und nahe­lie­gende Perspek­tive wählt.
Yangs Kamera hält sich zurück. Sie ist ganz selten nur Teilhaber des Gesche­hens; sie beob­achtet die Figuren aus der Ferne oder im Zwielicht, lässt sie gele­gent­lich verdeckt oder mit abge­wandtem Gesicht, schaut sie an durch Fenster und wieder und wieder in Spie­ge­lungen – reflek­tie­rend, dass wir es nur mit Abbildern zu tun haben. Sie bewahrt eine Distanz, die überhaupt nichts Kühles hat, aus der allein Respekt spricht: Yang will seinen Charak­teren nichts entreissen, will Tiefes nicht dadurch entblößen, dass er es bloß stellt.
Respekt ist das – und das stille Wissen, dass nichts im Leben so tragisch oder so freudig ist, dass es allein schon das ganze Bild darstellen könnte. Nur einmal, als Mutter Min-Min (Elaine Jin) die ganze Leere, Hohlheit, das Gefan­gen­sein ihres Lebens überkommt, erlaubt sich Yang, einen Gefühls­aus­bruch groß ins Bild zu setzen. Sonst bleibt immer Raum für die Welt um die Prot­ago­nisten, für die Erfah­rungen und Gedanken des Publikums. Yangs Respekt ist auch einer vor seinen Zuschauern, die er sicher an die Quelle geleitet, nicht aber zum Trinken prügelt.

Das ganze Bild kann sich bei Yang ohnehin erst ergeben, wenn sich zur Eins die Zwei hinzu­ge­sellt – seine Charak­tere erklären sich nicht in großen Gesten der Indi­vi­dua­lität, sondern erst in den Bezie­hungen zuein­ander. Wenige Momente nur des Allein­seins gibt es in Yi Yi, und wenige Solo-Auftritte vor der Gesell­schaft; fast immer geht es darum, was eine Szene für alle Betei­ligten bedeutet.
Mit langem, ruhigem Atem (aber nie langatmig) etabliert der Film die Rollen­ver­tei­lung in der und um die Familie Jian, wie ein Puzzle setzt sich das allmäh­lich zusammen. Die Fäden laufen zusammen bei Vater NJ – der nach Jahr­zehnten uner­wartet seine Jugend­liebe Sherry (Ke Suyun) trifft, während er in Firma und Familie von kleinen Kata­stro­phen umgeben ist. Was sich da zwischen einer Hochzeit und einem Todesfall abspielt, ist das Panorama nicht nur einer Familie, sondern des ganzen Lebens.
Von Geburt bis Tod ist jedes Lebens­alter vertreten, mit seinen neuen und alten Erfah­rungen, mit seinem eigenen Blick auf die Dinge. In einem seiner schönsten Momente spannt Yang durch Paral­lel­mon­tage den Bogen von NJ, der mit Sherry der ersten Liebe mögli­cher­weise eine zweite Chance geben wird, zu Tochter Ting-Ting (Kelly Lee) und ihrem Freund, bei denen viel­leicht eine ähnliche Geschichte gerade ihren Anfang nimmt.
Yi Yi ist erzählt mit Raum für Trauer, aber viel Humor und Opti­mismus, ist oft anrührend, aber niemals rührselig, höchst kunstvoll, aber nie gekün­s­telt. Nichts an dem Film ist aufdring­lich, alles eindring­lich. Das gilt für die Kamera wie für den höchst präzisen Einsatz der Musik (die gele­gent­lich auch geschickt mit Zitaten arbeitet), und nicht minder für das durch die Bank absolut über­zeu­gende Spiel der Darsteller. Es gäbe ein Wort, das den bestim­menden Eindruck des Films einfangen könnte, hätte es nicht diesen gänzlich unan­ge­brachten Beige­schmack von Stick­kissen-Sprüchen und Besser­wis­serei (von denen Yi Yi gar nicht weiter entfernt sein könnte): Das Wort wäre Weisheit.

Dabei schafft es der Film, beständig auch über seine eigenen Voraus­set­zungen nach­zu­denken, ohne dass dies je aufge­setzt, gezwungen, präten­tiös oder verquast wirkte. Selbst­ver­s­tänd­lich ist Yang-Yang (allein der Name macht es mehr als deutlich), der Junge mit der Kamera, auch so etwas wie ein Stell­ver­treter des Regis­seurs Yang innerhalb der fiktio­nalen Welt. Seine Entde­ckung der Kamera, sein stummer, sturer Kampf gegen den Unver­stand des Lehrers, der sich über seine Bilder lustig macht, und nicht zuletzt sein Schluss-Monolog: Das alles zeigt nahe­lie­gende Verbin­dungen zu Yangs künst­le­ri­schem Credo.
Aber schon mit den ersten Szenen, als sich bei der Hochzeit die Familie zum Grup­pen­foto postiert, eröffnet Yi Yi unter­schwellig einen Diskurs über das Abbilden, der sich durch den gesamten Film zieht. Yang (der – wie NJ – ausge­bil­dete Elek­tro­in­ge­nieur und Computer Designer ist) teilt nicht die post­mo­derne Grund-Skepsis, den Glauben an die unüber­brück­bare Kluft zwischen Wahrem und Repro­du­ziertem (und die kate­go­ri­sche Unzu­gäng­lich­keit des Wahren). Auch der japa­ni­sche Video­spiel-Designer Mr. Ota (Issey Ogata) ist eines von Yangs Sprach­rohren in diesem Film. Er erzählt von der Möglich­keit, die Technik, das Virtuelle zu nutzen, um Leben (nach) zu schaffen, predigt über die Notwen­dig­keit des kreativen Wagnisses. Und zeigt, wie pure Beob­ach­tung, pures Erinnern, wenn sie nur genau genug sind, unun­ter­scheidbar werden von Magie.
In einer der ganz wenigen Szenen, in der Yang das Spiel mit den filmi­schen Möglich­keiten unüber­sehbar an die Ober­fläche treten lässt, zeigt das Bild die Ultra­schall­auf­nahme von NJs werdendem Neffen, während eine weibliche Stimme vom Entstehen und Wachsen des Lebens spricht – doch was wir zunächst für die Ärztin halten müssen, entpuppt sich als die (schon zur nächsten Szene gehörende) Über­set­zerin des Spiel­de­si­gners, die in Wahrheit von Otas Projekt spricht: Die Sätze über ein virtu­elles Lebewesen sind gültig auch für ein echtes – das selbst wiederum nur als virtu­elles Abbild sichtbar wird.

Das beste Argument für diese Über­zeu­gung von der Trans­por­tier­bar­keit wahren Lebens durch tech­ni­sche Medien ist letztlich das Gelingen von Yi Yi selbst: Man kann, glaube ich, diesen Film nicht sensibel sehen, ohne das Gefühl zu verspüren, dass er tatsäch­lich an Wahrem, Wesent­li­chen rührt. Ohne immer wieder getroffen zu sein davon, wie treffend er ist. Und das eben genau weil er sich weigert, die üblichen Spiele der Über­rum­pe­lung, Über­wäl­ti­gung zu spielen; weil er nie vertuscht, dass er nur Abbild ist. Weil er, so unglaub­lich genau er gear­beitet ist, immer Freiräume lässt, seinen Figuren und seinem Publikum. Nie auftrumpft mit einer vorgeb­li­chen ganzen Wahrheit, sondern uns zeigt, dass man von allem nur einen Teil sehen kann, Ausschnitte, Spie­ge­lungen – und dennoch daraus ganz starke Hoffnung schöpft, dass dies viel, viel mehr ist als Nichts; dass uns die in diesen Teil­s­tü­cken gespei­cherte Erfahrung ein gutes Stück weit bringen kann.

Warum man eigent­lich ins Kino geht, wird in Yi Yi – gewohnt selbst­re­flexiv – einmal gefragt, und die Antwort ist: Weil man durch das Kino quasi doppelt leben kann. Bei einem Film wie diesem trifft das allemal.

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