Wild Things

USA 1998 · 108 min. · FSK: ab 16
Regie: John McNaughton
Drehbuch:
Kamera: Jeffrey A. Kimball
Darsteller: Kevin Bacon, Matt Dillon, Neve Campbell, Denise Richards u.a.

Der Brian-de-Palma-Effekt

Es ist ziemlich heiß in Blue Bay, Florida. Nahe bei den Sümpfen, nahe beim Meer kann man zwar hübsche Ferien machen, für die Bewohner ist es aber vor allem lang­weilig. Sam Lombardo (Matt Dillon) vergeht die Lange­weile aller­dings schnell, denn seine scheinbar (offen­sicht­lich?) notgeile Schülerin Kelly beschul­digt ihn, als sie mit ihren schlüpf­rigen Annäh­rungs­ver­su­chen erfolglos bleibt, kurzer­hand der sexuellen Beläs­ti­gung. In den USA wird sexual harass­ment noch um einiges ernster genommen, als hier­zu­lande. Lombardo bekommt also ziem­li­chen Ärger, der dadurch nicht kleiner wird, daß ihn auch seine Schülerin Suzie (Neve Campell) mit ihren Aussagen schwer belastet.

Der Reiz von Wild Things, darum ist hier die Inhalts­an­gabe ca. nach 20 Film­mi­nuten beendet, liegt darin, daß die Story immer neue, tatsäch­lich über­ra­schende Wendungen nimmt, und das Netz der Verschwö­rung sich nicht etwa über Lombardo oder doch ?- sondern über dem Zuschauer höchst­selbst zuzieht. Wild Things ist ein klas­si­scher B-Movie, insofern, als er sich für Logik und das Hollywood-Gesetz, das jeder Film gefäl­ligst einen anstän­digen Helden und anstän­dige Böse­wichter zu haben hat, keinen Deut inter­es­siert. Genau­ge­nommen gibt es hier nur Böse­wichter, und der Thriller ist zwar oft spannend, dann aber in seiner Handlung so verwir­rend, skurill und über­ra­schend, daß man das Geschehen alles in allem sehr distan­ziert wahrnimmt.
Man staunt, was sich John McNaughton alles traut, und wagt nach der Hälfte des Films nicht mehr noch irgendwie auf den Ausgang der Geschichte zu speku­lieren. Es handelt sich hier um den klas­si­schen Brian-de-Palma-Effekt, darum also, im Gewande des Thriller ganz andere Geschichten zu erzählen, vor allem die von der Verwir­rung des Zuschauers.
Denn wer Wild Things aufmerksam für eigene Reak­tionen verfolgt, wird seine geheimen Sehn­süchte enttarnt finden: die daß die Welt in Ordnung sei, daß es also irgendwo doch noch strah­lende Helden oder zumindest deren negative Spie­ge­lung, den finsteren Bösewicht gäbe. Von wegen !
Das irritiert natürlich so manchen Betrachter, für den die Welt ein Oben und ein Unten zu haben hat, und auch sonst aus Ordnung und Sauber­keit besteht. Im strai­ghten Ablauf eines Cop-schnappt-Gangster-und-stellt-Moral-wieder-her-Plots kann man sich hier nicht suhlen; geistiges Zurück­lehnen ist zwecklos. Wild Things ist also ein Film, der dem Zuschauer einiges über seine Art Filme anzu­gu­cken erzähl­tund damit über sich selbst.

Wer das nicht wissen will, aber offen genug ist, um auch anderes zu akzep­tieren als Konfek­ti­ons­ware, bekommt ein wunderbar künst­li­ches intel­li­gentes Märchen erzählt. Und obendrein eine kleine Gesell­schaft­studie: Denn McNaughton hat den bösen Blick. Sein Amerika ist ein sumpfiger Zauber­wald, der mit fiesen Böse­wich­tern bevölkert ist, die zu jeder brutalen Schandtat fähig sind. Theresa Russell und Robert Wagner spielen in netten Neben­rollen feiste korrupte alte Bürger und die Jungen sind nicht besser, nur konse­quenter. Fazit: Wild Things ist intel­li­gent, kurz­weilig und sogar ein bißchen subversiv. Wie Brian de Palma.

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Florida. In einer schmerz­lich an Seifen­opern erin­nernden, typisch ameri­ka­ni­schen Hafen­stadt, gerät der Lehrer Sam Lombardo (Matt Dillon, In & Out) wegen angeb­li­cher Verge­wal­ti­gung vor Gericht. Die aus reichem und einfluß­rei­chem Hause stammende High-School-Queen Kelly van Ryan (Denise Richards) behauptet sein Opfer zu sein. Zudem meldet sich auch White-Trash-Kokserin Suzie (Neve Campbell, Scream 1 und 2) und erzählt dieselbe Geschichte. Nach einem, dank dem quirligen Winkel­ad­vokat Bowden (Bill Murray mit einem geris­senen Auftritt) mit einem Frei­spruch endenden Schau­pro­zess, heftet sich Detective Duquette (Kevin Bacon, Sleepers) an Lombardo´s Fersen. Langsam deckt er ein weit­läufig geplantes Doppel­spiel auf, bei dem keiner lange das ist, was er anfangs zu sein scheint.

Henry Regisseur John McNaughton hat einen Thriller geschaffen, der seine ameri­ka­ni­sche Fassade bis auf die Grund­mauern nieder­reissen will. Will. Denn, anders als beim ähnlich gela­gerten Starship Troopers, in dem Denise Richards übrigens auch eine Haupt­rolle spielte, konstru­iert sich hier ein Berg unglaub­li­cher und zunehmend unglaub­wür­diger werdender Wendungen und Kniffe zu einem immer höheren und wacke­li­geren Stapel, der irgend­wann unter seiner eigenen Last zusam­men­bricht. Zwar ist die Demontage Mittel zur Kritik, aber die Unmengen heim­tü­cki­scher Twists, die locker für 20 andere Filme reichen würden, sind einfach lächer­lich. So reiht sich eine Rich­tungs­än­de­rung an die nächste, alles in allem sehr ermüdend und keines­falls originell.

Außerdem ist das Thema als Seifen­oper­par­odie so ausge­lutscht, daß die Handlung im besten Falle zum Einschlafen anregt. Nachdem die Gerichts­saal-Handlung schnell erledigt ist, begibt sich Wild Things auf Thriller-Gebiet und beschäf­tigt sich mit der Suche nach dem oder den Tätern. Dabei spielen die Darsteller geschickt vorerst auf niederem Fern­seh­ni­veau, offen­baren dann nach einiger Zeit ihr wahres Können, das sich aber erst zu spät zeigt. Ansonsten räkelt sich vor allem Denise Richards als Wet-Dream-Actress mit Neve Campbell und Matt Dillon im Bett. Die zahl­rei­chen Softsex-Einschübe sind immer Selbst­zweck und erfahren außer ihrem Schauwert keine Begrün­dung.

Leider ist Wild Things keine Persi­flage auf Fern­seh­se­rien wie »Beverly Hills 90210« geworden, zu sehr steht sich die Story selber im Weg und verliert einfach die gesamte Wirkung im hahne­büchenen Dickicht der fehl­ge­schla­genen Insze­nie­rung. Schließ­lich wird auch noch der Abspann bemüht, um die sprung­hafte Entwick­lung in der Handlung zu erklären. Sowas läßt tief blicken.

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