Whisky mit Wodka

Deutschland 2009 · 104 min. · FSK: ab 12
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch:
Kamera: Andreas Höfer
Darsteller: Corinna Harfouch, Henry Hübchen, Sylvester Groth, Valerie Tscheplanowa u.a.
Film im Film: Henry Hübchen und Corinna Harfouch

27. Filmfest München 2009

Alles sieht man doppelt, nur die Ichs, die hoppeln fort

Whisky mit Wodka nimmt die Filmbranche aufs tragikomische Korn

Der Anfang September in den Kinos anlau­fende und bereits jetzt auf dem Filmfest München zu sehende neue Film von Andreas Dresen handelt vom Schau­spie­ler­wett­streit zwischen Film­dar­steller Otto Kullberg (gespielt von Henry Hübchen) und Thea­ter­spieler Arno Runge (Markus Hering). Hinter diesem ober­fläch­li­chen Spiel der Eitel­keiten verbirgt sich aber gleich­zeitig die tiefere Suche nach der eigenen Identität, nach Respekt und nach Liebe, nicht zuletzt, weil sich, wie so oft im Leben, Privates und Beruf­li­ches nicht astrein trennen lassen wollen.

Zwischen­mensch­li­cher Wett­streit (mit unter­schied­li­chen Ausgangs­po­si­tionen), Iden­ti­täts­suche und Liebe: All das ist nicht neu. Aber die Art, wie diese Themen in Whisky mit Wodka darge­stellt werden, verdient Beachtung, wenn­gleich der Film in mancherlei Hinsicht an diverse lieblose TV-Produk­tionen erinnert: unspek­ta­ku­läre Ausstat­tung, 0815-Schau­plätze, keine großen Stars im Ensemble. Eine weitere ewige Frage also, die unzwei­fel­haft nicht nur den Film-im-Film-Regisseur Martin Telleck (Sylvester Groth) quält, sondern ebenso Film­re­gis­seur Dresen unter den Nägeln brannte: Die nach dem Porte­mon­naie. Und sie wird sehr einneh­mend und sympa­thisch im Film behandelt, nämlich in etwa so, wie sie die meisten von uns behandeln: sehn­süchtig und mit Kompro­missen. So zeigt sich hier wie auch in den immer wieder aufge­grif­fenen Grund­fragen des Lebens die außer­or­dent­liche Stärke des Films, die in der Prägnanz seiner Dialoge, in seiner Selbst­ironie und in seinen meist tref­fenden Charak­ter­zeich­nungen liegt.

Immer wieder reflek­tiert Martin Telleck, sein Budget sei begrenzt: die Bibel etwa könne nicht für ein paar Euro verfilmt werden. Auch hält er es für wenig sinnvoll, den Schau­spieler Runge als ernst­hafte Alter­na­tive zum Publi­kums­lieb­ling Kullberg zu handeln. Nichts­des­to­trotz wird jede Szene zweifach gefilmt: einmal mit Kullberg, einmal mit Runge. Runge soll lediglich den Anschein erwecken, Kullberg, dessen Hang zur Flasche das Film­pro­jekt gefährdet, sei ersetzbar. Runge soll die wahre Nummer 1 zur Höchst­leis­tung treiben.
Runge ahnt derglei­chen, nimmt aber das Angebot an, mit einem prag­ma­ti­schen Hinter­ge­danken, wie er Kullberg verrät: »Ich geb' mir Mühe und nehm' die Kohle!« Darauf antwortet Kullberg: »Du gibst dir Mühe und nimmst die Kohle. [Bedeu­tungs­volle Pause.] Dann bist du natürlich eine Nutte!« Dies ist eines der besten Beispiele für seinen Humor und seinen Zynismus, doch gleich­zeitig zeigt die Phrase auch seine Unsi­cher­heit – die Antwort, die er Runge gibt, ist vor allem eine Analyse seiner Selbst.

Es ist ihm wichtig, unan­ge­foch­tener Erster zu sein: er will jede Szene vor Runge spielen, er will unter keinen Umständen »seine« Szene actionärmer gestaltet wissen als die von Runge, was man sonst als Anpassung an Kullbergs etwas weiter fort­ge­schrit­tenes Alter deuten könnte. Dass für ihn Dominanz essen­tiell ist, merkt man vor allem, wenn er zu Runge sogar noch im Voll­rausch meint, eigent­lich müsse man sich gar nicht zwischen ihnen beiden entscheiden. Man könnte der Filmfigur auch zwei Gesichter geben: Eines stehe für die Wirk­lich­keit, das andere für den Traum. Ganz unver­bind­lich fügt er hinzu, Runge könne – »zum Beispiel« [!] – für den Traum stehen.
Kullberg ist ein runder Charakter, den man nur schwer festlegen kann, wobei eine gewisse Annähe­rung viel­leicht durch die Namen­sas­so­zia­tionen »cool« (beliebt und ruhig), »Kohle« und »kullern« möglich ist. Letzteres kann auf den selbst­mit­lei­digen Anteil in seiner Figur hinweisen (das Kullern der Tränen), aber auch auf seinen Sisyphos-Anstrich (stets an den Fuß des Berges zurück­kul­lernder Stein), da er trotz einer langen, erfolg­rei­chen Schau­spie­ler­kar­riere immer wieder neue Erfolge und Bestä­ti­gungen benötigt – indes sei angemerkt, dass am Ende des Films dieser Sisy­phos­be­stand­teil die Überhand zu gewinnen scheint, kurz bevor Regisseur Dresen eine amüsante Kehrt­wen­dung gelingt. Was genau dies sein mag, darf hier noch nicht verraten werden, da es sich um den besten Gag des Films handelt.

Die mitunter etwas unplau­sibel erschei­nenden Launen von Kullberg haben derweil ziemlich genau drei Gründe: Seine Infra­ge­stel­lung am Set, seine Ex Bettina Moll (Corinna Harfouch), die ebenfalls in Tango für drei, so der Titel des Film-im-Films, mitspielt, und drittens sein schwer alters­kranker Vater (diesem Umstand wird aber nur eine recht kurze Sequenz im Film eingeräumt und das an sich traurige Thema wird für gelungene, komische Effekte genutzt). Moll ist inzwi­schen mit dem Regisseur Telleck liiert, was die Sache zusätz­lich verkom­pli­ziert. Doch Moll empfindet immer noch etwas für Kullberg, und auch Runge gegenüber fühlt sie sich nicht abgeneigt.

Whisky mit Wodka fragt nicht nur nach (u.a. sexueller) Verfüg­bar­keit, sondern auch nach dem Verhältnis von Realität und Fiktion – besonders unüber­sicht­lich wird es etwa beim Abspann, wo man oft nicht weiß, wer etwa der echte Kame­ra­mann und wer der Kame­ra­mann für den Film-im-Film ist –, sowie nach dem Einfluss von Filmen und Film­zi­taten auf unsere Realität. Auf diesen Komplex verweist schon der Titel, kommt doch Whisky (»uisge beatha«) aus dem Schot­tisch-Gälischen und bedeutet »Lebens­wasser«, während Wodka ein slawi­sches Wort für »Wässer­chen« ist. Düsteres Leben (Whisky) trifft auf klare, durch­sich­tige Kunst (Wodka). In diesem Zusam­men­hang könnte es sich lohnen, darauf zu achten, was die jewei­ligen Figuren trinken. Dann muss man nur noch überlegen, ob es sie nach dem jewei­ligen Getränk dürstet, oder ob sie schon sind, was sie trinken (parallel zu »man ist, was man isst«).
Eindeu­tige Antworten wird man nicht finden, wobei auch die Sicht­weise auf das älteste Gewerbe der Mensch­heit rela­ti­viert wird: während Kullberg sich über Runges Tätigkeit (der er schon viel länger aufge­sessen ist) abfällig äußert, hält Telleck später eine Lobrede auf Runge, in der er dessen Enga­ge­ment als »Akt selbst­loser Kolle­gia­lität« würdigt.

 Whisky mit Wodka auf dem Münchner Filmfest: Di., 30.06., Cinemaxx 2, 19:30 Uhr und Sa., 04.07., Rio 1, 19:00 Uhr.

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