Die Welle

Deutschland 2007 · 107 min. · FSK: ab 12
Regie: Dennis Gansel
Drehbuch: Dennis Gansel, Peter Thorwarth
Kamera: Torsten Breuer
Darsteller: Jürgen Vogel, Frederick Lau, Max Riemelt, Jennifer Ulrich, Christiane Paul u.a.
Publikumserziehung: Praktizierter Konformismus

Club der toten Nazis

»Ich weiß nicht, ob ich da nicht auch 'ne Glatze geworden wäre.«
Jürgen Vogel

Der Roman Die Welle von Morton Rhue zeigt die Gefahren des Konfor­mismus, sein Münden in eine auto­ritäre Gemein­schafts­ideo­logie. Der deutsche Film zur wahren Geschichte ist von der Constantin-Film produ­ziert und von Dennis Gansel gedreht, im Anschluß an Napola, seinen Inter­nats­movie vor dem Hinter­grund des Natio­nal­so­zia­lismus. Aller­dings reicht die Wirk­lich­keit den deutschen Machern nicht. Der Ruhm und die Aura der »wahren Geschichte« – »Was ist Wahrheit?« fragte aller­dings schon Pilatus ganz zurecht – reichen aller­dings dann doch nicht. Um den Film ziel­grup­pen­ge­recht aufzu­peppen, muss dann am Ende noch Blut fließen und der Lehrer in Hand­schellen abgeführt werden. Staats­ge­walt im deutschen Kino ist eben auch dann noch gut, wenn es um Faschismus geht.

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Projekt­woche an einer deutschen Schule, irgendwo in einer normalen mittel­großen – hier namens­losen – Stadt, in mittel­s­tän­di­schen Verhält­nissen. Das Thema: »Staats­formen«. Ein Lehrer, enga­gierter als der Rest, jung und ehrgeizig, und ob seiner unge­wöhn­li­chen Art überaus beliebt, soll »Auto­kratie« anbieten. Schnell kommt die Diskus­sion auf die Frage, ob eine NS-Diktatur heute noch möglich sei – und weil die Schüler dies einhellig bestreiten, zugleich auf das Thema mit Ignoranz und Lange­weile reagieren, entschließt sich der dyna­mi­sche Lehrer Rainer Wenger (Jürgen Vogel) spontan zu einem Simu­la­tions-Expe­ri­ment: Durch »learning by doing« sollen die Schüler faschis­ti­sche Verhal­tens­formen kennen­lernen und die Gefahren der Verführ­bar­keit.

Die Mittel: Disziplin, Konzen­tra­tion und Gemein­schaft. »Macht durch Gemein­schaft«: weiße Hemden, dunkle Hosen als »Uniform« sollen die Gruppe zusam­men­schweißen. Man bewegt sich im Gleich­schritt: links, rechts, links, rechts. Man nennt sich »Die Welle«, erfindet einen Welle-Gruß, sprayt Welle-Logos in der ganzen Umgebung, und bastelt eine Homepage und einen Blog bei »My Space«.
»Macht durch Disziplin«: Die Schüler dürfen den Lehrer nicht mehr wie gewohnt duzen, sondern müssen ihn mit »Herr Wenger« anspre­chen, und bitte­schön aufstehen, wenn sie etwas sagen möchten.

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Das Expe­ri­ment gelingt erschre­ckend gut. Durch diese wenige Verän­de­rungen des Verhal­tens hat sich Wengers Klasse binnen einer knappen Woche in einen männer­bün­di­schen, latent gewalt­tä­tigen und auto­ritären Kader verwan­delt, der Bürger­rechte und Toleranz einem repres­siven Klima aus gegen­sei­tiger Über­wa­chung und sozialer Kontrolle opfert, und seine Mitglieder gleich­schaltet – moderner Faschismus.

Wer bei alldem doch nicht mitmacht, wird gnadenlos ausge­grenzt. Kaum traut sich Karo mit roter Bluse in die Klasse zu kommen, kriselt es in ihrer Beziehung. Ein wenig Schwarz­weiß, bzw. Rotweiß ist das schon. Aber die Message ist klar: Dem allge­meinen Indi­vi­dua­li­sie­rungs­trend gegenüber muss man auch eine Neigung zur Gruppe stellen. Wir-Gefühl und Gehorsam mögen schön sein und vermisste Nestwärme bieten – in ihrem innersten Kern lauert der Faschismus.

Auch sonst arbeitet das Script mit vielen Stereo­typen wie dem nervigen Outsider, der dann am Ende auch zum gefähr­li­chen Amok­läufer wird, und dem gutaus­se­henden Sportler. Und ist es wirklich Zufall, dass es ein Mädchen »aus gutem Haus« ist, mit »intakter« Familie und hübsch, die als einzige Zivil­cou­rage entwi­ckelt? Die neue bundes­re­pu­bli­ka­ni­sche Eliten­theorie (vor Zumwinkel!) lässt grüßen.
Ebenso ist es keines­wegs Zufall, sondern mindesten Klischee in den Köpfen, viel­leicht sogar böse Absicht, wenn der Lehrer, der das unglück­liche Expe­ri­ment mit bösen Folgen startet, vorge­stellt wird als einer, der sein Abitur erst auf dem zweiten Bildungsweg gemacht hat, vor allem aber als Spät-68er, einer, der einst Haus­be­setzer war, und lieber einen Kurs über »Anarchie« (eine Staats­form?) geben würde. 'Da sieht man's mal wieder', soll der Zuschauer fühlen und viel­leicht auch denken. So reiht sich der Film ein ins beliebte 68er-Bashing.

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»Kann es heute noch Faschismus geben?« – das ist sozusagen die »offi­zi­elle Frage« des neuen Films von Dennis Gansel, ausgehend von dem welt­berühmten Expe­ri­ment von Ron Jones an der Cubberley High­school im kali­for­ni­schen Palo Alto aus dem Jahr 1967, das zu dem Jugend­buch Die Welle verar­beitet wurde – also keines­falls pure Fiktion und mitt­ler­weile längst Teil des Lektü­re­ka­nons im Deutsch­un­ter­richt. Der Initiator des Expe­ri­ments, Ron Jones, ist sich sicher: »Das Expe­ri­ment funk­tio­niert heute immer noch, an jeder Schule! Es funk­tio­niert, weil die meisten von uns einsam sind.«

Die versteckte, eigent­lich noch inter­es­san­tere Frage aber lautet anders: »Was ist überhaupt Faschismus?« Disziplin, Effizienz, Feier der Gemein­schaft, Stolz auf die eigene Gruppe, Unifor­mie­rung, sozialer Druck auf Anders­den­kende und -handelnde, unter Umständen Ausgren­zung und Diffa­mie­rung – wenn das zusam­men­ge­nommen schon Faschismus sein soll, dann gibt es tatsäch­lich viele faschis­ti­sche Elemente auch in unserer Gesell­schaft. Das Faschismus-Vers­tändnis, das dem Film zugrunde liegt, ist allzu schlicht. Er beraubt ihn aller Inhalte, entkernt ihn, und löst ihn von seiner Substanz: Dem Massen­mord. Insofern muss man Gansels Film Verharm­lo­sung vorwerfen.
Nicht weniger schwer wiegt die Behaup­tung des Films, Jugend­liche sehnten sich nach Gleich­schal­tung und anti-indi­vi­dua­lis­ti­scher Iden­ti­fi­ka­tion, und es gäbe »heute nichts, wofür es sich zu enga­gieren lohne«. Das ist ein Klischee, eine unbe­wie­sene Behaup­tung. Es übersieht die faktische Trägheit vieler Menschen, die Verant­wor­tung des Einzelnen.

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Es gehört zur neuen bundes­re­pu­bli­ka­ni­schen Faschismus-Rhetorik, auf die Frage »Was wärest Du gewesen, was hättest Du unter den Nazis gemacht?« nicht mehr zu antworten, »ich wäre Wider­s­tändler geworden.« Das ist uncool, viel zu politisch korrekt. Besser schon der Tabubruch: »Ich hätte Nazi werden können.« Sofort erschrecktes Aufgucken, und die heiß ersehnte Aufmerk­sam­keit für den Sprecher: Toll! Wieviel Mut der hat. Aber das geht nur privat. Wenn Kurt Beck sich heute als poten­ti­eller SA-Schläger oder Guido Wester­welle sich als möglicher SS-Ober­grup­pen­führer oder Rupert Polenz sich als even­tu­eller Reich­pro­pa­gan­da­mi­nister outen würden, würde das politisch noch nicht wirklich als Ausweis von Ehrlich­keit und Selbst­er­k­entnis geschätzt. Da passt die Pose des grübelnden Skep­ti­kers viel besser, der sich bewusst ist, dass auch der Mensch aus »krummen Holz geschnitzt« (Immanuel Kant, Helmut Schmidt) ist. Oder, mit Haupt­dar­steller Jürgen Vogel gespro­chen: »Ich sage es mal so: Man muss immer berück­sich­tigen, in welcher sozialen Struktur man gerade lebt und wie desil­lu­sio­nie­rend die Zukunft ist, die vor einem steht. Wenn ich kurz nach der Wende in Hoyers­werda gelebt hätte, als dort rings­herum alles zusam­men­ge­bro­chen ist, ich weiß nicht, ob ich da als Jugend­li­cher nicht auch 'ne Glatze geworden wäre.«

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»Wie soll man ohne Nähe den Dingen auf den Grund gehen?« fragt nun der Film­dienst, ausge­rechnet so ziemlich der einzige Ort, wo der Film vertei­digt wird. Das ist aber gar nicht der Punkt. Man darf der Nähe nur nicht erliegen, sollte sie irgend­wann konter­ka­rieren. Dass der Film genau das nicht tut, ist ihm vorzu­werfen. Auf versteckte Weise fällt er selbst auf sein Thema rein. Auf der ästhe­ti­schen Ebene will er mani­pu­lieren, obwohl er doch inhalt­lich die Mani­pu­lier­bar­keit der Menschen angreifen möchte. Er freut sich an der Schwäche der Menschen, stellt Mitläufer ins Zentrum und macht Mitläu­fertum vers­tänd­lich, indem er für es immer neue Entschul­di­gungen findet. Der Lust am Aufgehen in der Gemein­schaft stellt Gansel aller­dings keine Lust an der Freiheit, am Wider­stand entgegen.

Mitläu­fertum als normal – das muss zum einen nicht stimmen. Aber darüber kann man natürlich streiten. Was der Film aber in jedem Fall wieder einmal belegt, ist dass es so etwas wie eine neutrale Position nicht gibt. Der Film bebildert also nicht nur das bekannte Expe­ri­ment, er belegt auch das, was er angeblich voraus­setzt: Wir alle können Mitläufer werden. Konfor­mis­tisch sind nicht nur die Bilder, so ist auch der Rest: Die Wahl der Schau­spieler, die Wahl eines Ortes, der ortlos ist. Er hat keinen Namen, ist völlig aus Zusam­men­hängen gelöst. Es soll überall sein, klar, das war die Idee. Aber sie macht den Film blutleer und unkonkret.
Das einzige, was wirklich für den Film einnimmt, ist dass ihm jetzt all vorwerfen, er sei pädago­gisch. Genau gesagt: Dass sie das als Vorwurf meinen. Das ist der Film zwar, aber das verrät nur etwas über die Mehrheits-Film­kritik, die sich als Schutz­staffel des Unter­hal­tungs­kinos versteht. Wenn sie im Fall von Gansel das nun vertei­digen, indem sie der Welle Pädagogik vorwerfen – »das Kino nicht nur als mora­li­sche, sondern auch als pädago­gi­sche Anstalt« lesen wir –, dann dienen sie einer Industrie, die noch solchen Filmen wie Die Welle den letzten Funken Relevanz gern austreiben würde. Und bekommen poli­ti­sches Enga­ge­ment kostenlos dazu.

Die Welle will das Gift des Konfor­mismus anklagen. Das glauben wir Gansel. Leider nur hat er sich überaus konfor­mis­ti­scher Mittel bedient. So kann's nix werden.

Rüdiger Suchsland

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