Wehrlos – Die Tochter des Generals

The General's Daughter

USA 1999 · 116 min. · FSK: ab 16
Regie: Simon West
Drehbuch: ,
Kamera: Peter Menzies
Darsteller: John Travolta, Madeleine Stowe, Timothy Hutton, James Woods u.a.

Blut, Schweiß und Männerbund

Denkt man an smarte Bomben, CNN-Front­be­richte und die sauberen Hoch­tech­no­logie-Shows der Rüstungs­in­dus­trie, könnte man fast den Eindruck bekommen, Armeen wären heute etwas Modernes. Tatsäch­lich aber täuschen derartige Werbe­filme – noch immer ist das Militär eines der letzten Refugien des Archai­schen, ein Ort an dem Männer nur zählen, wenn sie zum right stuff geformt sind, aus dem die zukünf­tigen Kriegs­helden gemacht werden. Disziplin und Rituale sind wichtiger, als Indi­vi­dua­lität und Zivil­cou­rage, und Ehre ist nicht mehr zu unter­scheiden von der Omertà, dem Schwei­ge­gebot der Mafia. Blickt man genauer hin, entdeckt man eine Welt, die so undurch­dring­lich und geheim­nis­voll ist, wie die Sumpf­land­schaft von Virginia, in der Simon West (Con Air) seinen zweiten Spielfilm Generals Daughter spielen läßt.

In dieser Männer­welt sind Frauen noch immer Fremd­körper, selbst wenn sie, wie in den USA zum Dienst an der Waffe zuge­lassen sind. Und wer den Frieden stört, weil er Geheim­nisse nicht ruhen läßt, sondern Licht in das Dunkel bringen will, findet sich schnell ausge­grenzt aus dem Männer­bund – wie Paul Brenner (John Travolta). Dem begegnen die Kino-Zuschauer zuerst als Trottel mit Zigarre im Mund und Südstaa­ten­ak­zent. Schnell begreift man aber, das sich hier nur ein Under­cover-Detektiv dumm stellt – und der Schau­spieler Travolta ganz nebenbei eine kleine flotte Parodie auf seinen Bill Clinton-Auftritt in Primary Colors liefert.

Von den beiden einzigen Frauen, die in diesem Film vorkommen, ist die erste nach einer Vier­tel­stunde tot. Es ist Elisabeth, Offi­zierin und hübsche Tochter des Generals Joe Campell (James Cromwell), der in wenigen Tagen in den Ruhestand geht, und bereits seine spätere poli­ti­sche Karriere im Visier hat. Offen­sicht­lich wurde die junge Frau bestia­lisch ermordet, zuvor mehrfach verge­wal­tigt. Schnell ist klar, daß der Vater mehr weiß, als er sagt. Zudem fordert sein Adjudant von dem Ermittler, mögliche peinliche Unter­su­chungs­er­geb­nisse nicht nach außen zu tragen -»Es gibt den richtigen Weg, den falschen Weg, und den Army-Weg«-, um den Wahlkampf des Generals nicht zu gefährden.

Der größte Teil des Films schildert nun die Ermitt­lungen Brenners und seiner Mitar­bei­terin Sunhill (Madeleine Stowe), einer Expertin für Sexu­al­ver­bre­chen. Deren Rolle ist denkbar undankbar – sie dient drama­tur­gisch in erster Linie als Stich­wort­ge­berin Travoltas und dazu, die Frau­en­feind­lich­keit des Militärs auch am lebenden Objekt zu demons­trieren. Inter­es­santer dagegen sind die Vertu­schungs­ri­tuale der verdäch­tigen Soldaten. Besonders sticht hier der schil­lernde Colonel Moore heraus, grandios gespielt von James Woods. Moore, ein guter Freund der Toten, weiß offenbar um deren Geheimnis, und macht sich einen Spaß daraus, mit Brenner seinen privaten Psycho­krieg zu spielen. Doch mit dem Fortgang der Ermitt­lungen führen immer mehr Spuren zurück in das Arbeits­zimmer des Generals...

Die Grundidee von Generals Daughter ist nicht neu. Schon in Rob Reiners A Few Good Men ging es um die Armee als politisch frag­wür­digen Raum geheimer Verschwö­rungen, um Vertu­schungs­manöver und einen ehrlichen Ermittler, der gegen die Wand des Schwei­gens ankämpft. Das Origi­nelle von Simon Wests Regie ist, daß der Brite offenbar einen beson­deren Blick für jene vikto­ria­ni­schen Relikte hat, die sich auch innerhalb der US-Armee finden lassen. Es geht dabei nicht in erster Linie um »Realismus« – die bedroh­li­chen, düsteren Räume der Kaserne markieren nicht minder eine Traum­land­schaft, wie die flim­mernde Luft von Virginias Wäldern –, sondern um ein darüber hinaus­rei­chendes objek­tives Bild. Wests Perspek­tive schärft den Blick für das interne Klas­sen­system, die leere Forma­lität des zwischen­mensch­li­chen Umgangs, den sturen Verhal­tens­code, der nichts duldet, was in irgend­einer Form aus dem Rahmen fällt. Ehre ist in dieser Welt von Blut, Schweiß und Kame­rad­schaft vor allem eine Entschul­di­gung für Verbre­chen. So trifft ein Mann zwischen der Loyalität zu seiner Familie und der Loyalität zur Armee (die ja eine Art zweite Familie sein kann) leicht eine falsche Entschei­dung.

Daß der Regisseur seine schwie­riges Thema in ein Main­stream-Gewand kleidet, ist ein inter­es­santer Versuch. Je länger der Film dauert, um so mehr tritt aber die Armee-Analyse gegenüber dem Main­stream-Thriller in den Hinter­grund. So verläßt man das Kino nicht wirklich befrie­digt. Denn wer tatsäch­lich am Ende als der Schuldige entlarvt wird, ist das Unwich­tigste an dieser Geschichte.

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