Der Wald vor lauter Bäumen

Deutschland 2003 · 84 min. · FSK: ab 0
Regie: Maren Ade
Drehbuch:
Kamera: Nikolai von Graevenitz
Darsteller: Eva Löbau, Daniela Holz, Jan Neumann, Ilona Christina Schulz, Robert Schupp u.a.
Allein unter Schülern

(K)eine Chance für Melanie Pröschle

Melanie ist junge, frisch­ge­ba­ckene Lehrerin (so könnte sie es formu­liert haben) und voller Enthu­si­asmus in einer neuen Stadt, an einer neuen Schule, ihre erste Stelle. Aber nichts läuft so, wie sie es sich erhofft. Was sie im Studium gelernt hat, kann sie nicht anwenden, denn sie wurde nicht auf die Realität vorbe­reitet. Weder das Lehrer­kol­le­gium nimmt sie mit offenen Armen auf, noch die Schüler. Und zudem ist sie schreck­lich einsam. Besonders einsam mit sich selbst. Sie hungert nach Kontakt und glaubt in der Nachbarin Tina jemanden gefunden zu haben, mit dem sie so etwas wie Nähe aufbauen kann.

Was der Figur Melanie Pröschle in diesem Film passiert ist ein psycho­lo­gi­sches Drama mit komö­di­an­ti­schen Elementen. Doch der Humor, den man da verspürt, kommt eher aus der Verzweif­lung. Aus einer Situa­ti­ons­komik, die voller Tragik ist.

Sie zieht in eine neue Wohnung, hält vor ihren neuen Kollegen eine Antritts­rede und wird von den Schülern umgehend als das schwächste Glied in der Kette iden­ti­fi­ziert. Die Schüler machen mit ihr, was sie wollen. Nur ein Lehrer­kol­lege zeigt Interesse an ihr. Aber gerade mit dem will sie nichts zu tun haben, denn er erscheint ihr noch schwächer als sie selbst. Sie will sich an starken Menschen orien­tieren, wie Nachbarin Tina eben. Tina, die Freunde hat, Spaß am Leben und hart arbeitet um sich ihr Geld mit ihrer eigenen Boutique zu verdienen. Nur will Tina sich eben nicht wirklich mit Melanie abgeben. Obwohl Melanie jede Gele­gen­heit nutzt, um Tinas Aufmerk­sam­keit zu bekommen, bleibt sie einsam. In der Schule verliert sie immer mehr die Kontrolle über ihre Klassen und traut sich letzt­end­lich nicht mal mehr zum Eltern­abend.

Es ist eine traurige Geschichte, in der man jemanden dabei zusieht, wie er strau­chelt und immer weiter dem Abgrund zustrebt, weil er nicht in der Lage ist einmal die Augen zu öffnen. Diese Melanie kann keinen Wald sehen, weil sie auch schon die Bäume nicht sieht. Sie geht blind durchs Leben, blind für sich und blind für andere.

Der erste Licht­punkt im Film kommt dann doch noch: Melanie gibt auf. Sie gibt auf, etwas zu sein, was sie nicht ist. Und so sitzt sie in ihrem Auto auf der Land­strasse, spürt den Fahrtwind, lässt das Lenkrad bei voller Fahrt los, klettert nach hinten auf den Rücksitz. Wie ein kleines Mädchen sitzt sie da, das Auto führerlos und oh Wunder, es fährt und fährt und fährt, während sie entspannt aufge­geben hat die Richtung zu bestimmen. Wir wissen, dass es eigent­lich gleich krachen muss. Tut es aber nicht. Zumindest nicht im Film und damit haben wir eine poetische Stelle, die uns über diese gruslig alltäg­liche Realität, die wir den ganzen Film über begleiten durften, hinaus­hebt. Davon lebt Film, nicht von Realismus. Sondern von der Poesie des Augen­blicks. Hätte es doch nur mehr davon gegeben, dann hätte diese Melanie Pröschle viel­leicht eine Chance gehabt und wir hätten sie ihr gegönnt.

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