Die 4. Revolution – Energy Autonomy

Deutschland 2010 · 82 min. · FSK: ab 0
Regie: Carl-A. Fechner
Drehbuch:
Kamera: Sorin Dragoi
Schnitt: Mona Bräuer
Das perfekte Grün – man muss es nur wollen

In 80 Thesen um die Welt

Wir stehen vor dem größten Struk­tur­wandel der Wirt­schaft seit dem Beginn des Indus­trie­zeit­al­ters. Es kommt zur Implosion der Ener­gie­ver­sor­gung von heute. Mit großen Worten und Thesen spart Carl-A. Fechners in der Form unsym­pa­thi­scher Doku­men­tar­film Die 4. Revo­lu­tion – Energy Autonomy nicht. Dies ist ein sendungs­be­wusster Werbefilm für erneu­er­bare Energien und entspre­chende Technik. Schlicht in der Machart, macht er auf wichtige Themen und Fragen aufmerksam, ohne aller­dings immer die Antworten zu liefern.

Der SPD-Bundes­tags­ab­ge­ord­nete Hermann Scheer ist persön­lich das beste Beispiel für jene erneu­er­baren Energien, von denen er unauf­hör­lich redet: »Kostenlos von der Natur geliefert« (Scheer) erklärt er uns allen immer wieder, warum nichts so bleibt wie es war, wir uns alle endlich ändern müssen und doch alles besser wird – wir müssen nur wollen.

Hermann Scheer ist ein sympa­thi­scher Mann. Man muss nicht in allem seiner Ansicht sein, um das zu finden. Man muss dazu auch nicht bedauern, dass er dann doch nicht Minister in der Rot-Roten Hessen-Koalition von Frau Ypsilanti geworden ist. Obwohl... Man würde jeden­falls dann gern mal hören, ob er immer noch in dem selben hohen Ton sprechen würde, der mehr ist als nur jener sprich­wört­liche »Brustton der Über­zeu­gung«, mit dem er hier in diesem Film zu sehen und vor allem zu hören ist, und zwar gefühlt die Hälfte des Films. Wie gesagt: Hermann Scheer ist ein sympa­thi­scher Mann. Trotzdem ertappt man sich während des Films bei dem Gedanken, einfach mal ein Hermann-Scheer-Verbot für poli­ti­sche Doku­men­ta­tionen zu fordern, jeden­falls für die aus Deutsch­land. Denn in den – wieder gefühlt – letzten 20 Doku­men­ta­tionen mit – im weitesten Sinne – Anti-Neoli­be­ra­lis­musmes­sage bekam man früher oder später Hermann Scheer zu sehen.

Wahr­schein­lich liegt es gar nicht an Hermann Scheer. Wahr­schein­lich ist es einfach die verdammte Phan­ta­sie­lo­sig­keit deutscher Doku­men­tar­filmer, unter der auch der hier zu rezen­sie­rende leidet, dass ihnen immer wieder nichts anderes einfällt, als eben Hermann Scheer aus seinem Bundes­tags­büro heraus und vor die Film­ka­mera zu zerren, damit er dann etwas Hermann-Scheer-haftes, also garan­tiert wahn­sinnig Globa­li­sie­rungs­kri­ti­sches und unbedingt Anti­ka­pi­ta­lis­ti­sches zum Besten gibt.

»Der Fisch stinkt vom Kopf«

Viel­leicht liegt es aber auch daran, dass es dann doch nicht ganz so ist, wie auch dieser Film und natürlich Hermann Scheer selbst behaupten, dass nämlich an jeder Ecke ein Experte zu finden ist, der der gleichen Meinung ist wie der Filme­ma­cher und wie Hermann Scheer, dass überhaupt nämlich eigent­lich jeder Mensch, der eini­ger­maßen bei Verstand ist und infor­miert, und nicht sowieso korrupt oder gekauft ist, oder ganz einfach debil, dass also jeder halbwegs aufge­klärte, vernünftig denkende oder auch nur prag­ma­tisch auf seine Inter­essen, besonders seine ökono­mi­schen, achtende Mensch der gleichen Meinung sein muss wie Hermann Scheer, sondern im Gegenteil nur sehr wenige dieser Meinung sind, dass man also am Ende dann doch wieder notge­drungen quasi natur­gemäß bei Hermann Scheer landet, der dann irgend­wann im Verlauf des Films plötzlich wieder mit natur­ge­setz­li­cher Sicher­heit vor der Kamera des Filme­ma­chers auftaucht und seine immer sympa­thi­schen, immer eloquenten, aller­dings manchmal auch ein wenig eitlen und nicht selten vorher­sag­baren Hermann-Scheer-Sätze sagt – ein bisschen wie das Krokodil im Kasperl­theater, das ja auch immer das gleiche tut, und das ja auch kaum weniger sympa­thisch ist, als Hermann Scheer, und auf das ja übrigens auch immer alle Kinder warten, um dann erschreckt zu sein, aber gerade dieses ihr Erschre­cken gleich­zeitig dann doch auch zu genießen, so wie die Kino­zu­schauer es ja natur­gemäß auch eigent­lich genießen, wenn dann Hermann Scheer auftaucht und sie ein bisschen erschreckt, wenn er Sätze sagt, wie »Der Fisch stinkt vom Kopf« oder »die Abhän­gig­keiten werden größer und sie sind exis­ten­ti­eller Art«, die ja gerade in ihrer Mischung aus unver­bind­li­cher Allge­mein­heit und ihrem Hermann-Scheer-haften Kroko­dilston jedem ein paar wohlige Schauer über den Rücken jagen.

Das alles nur mal vorweg.

In seinem Film Die 4. Revo­lu­tion – Energy Autonomy lässt Regisseur Carl-A. Fechner den Zuschauer nun nicht lange zappeln. Ganz im Gegenteil: Hermann Scheer taucht einfach mal gleich in der ersten Szene auf. Wahr­schein­lich mag er sein Bundes­tags­büro überhaupt nicht besonders gern, so oft, wie er allein in diesem Film um die Welt jettet. In der ersten Szene sieht man ihn tun, was er besonders gern tut, nämlich schimpfen, und zwar ausnahms­weise mal nicht über Politiker oder Wirt­schafts­bosse, sondern über die Archi­tekten, die natürlich irgendwie auch nur die Büttel der Politiker und Wirt­schafts­bosse sind, und insofern bleibt alles beim alten.

»Alles Glas­fas­saden«, schimpft Hermann Scheer, während er durch L.A. fährt, »nichts weiter als Gedan­ken­lo­sig­keit von Archi­tekten ... genau­so­wenig, wie man es heute erlaubt, in Kultur­s­tädten, dass einfach der Müll auf die Straße geschmissen wird, genau­so­wenig darf man heute noch erlauben, dass man einfach Ener­gie­emis­sionen hinter­lässt, und damit die gesamte Gesell­schaft dem aussetzt, mit all den damit verbun­denen Folgen, statt dass man diese Ener­gie­emis­sionen vermeidet.« Da möchte man doch mit der Faust auf den Tisch hauen und laut »Stimmt!« rufen, bevor man sich zu fragen beginnt, warum es wieder gleich ums Verbieten gehen muss, schon in der ersten Film­mi­nute, und ob das wohl taktisch klug war, den Film so beginnen zu lassen mit einem schimp­fenden und Verbote fordernden Hermann-Scheer-Krokodil. Aber wenn man die Welt retten will, was sind dann schon ein paar Glas­fas­saden und die Schönheit der Archi­tektur?

Vor allem aber fährt Hermann Scheer in der Szene gerade mit dem Taxi vom Flughafen. Hallo! Mit dem Taxi!! Vom Flughafen!!! Nein es geht jetzt nicht um Steu­er­gelder und Flug­meilen, sondern eher darum, ob man wenn schon denn schon mit dem Tugend­terror nicht bei sich selber anfangen sollte... Ande­rer­seits muss man ja auch irgendwie nach Los Angeles kommen.

Nun ist Hermann Scheer aller­dings ja überhaupt auch alles andere, als ein Vollidiot, im Gegenteil: Auch wenn man ihm wirklich keinen Heili­gen­schein aufsetzen muss, und er einem mit seinem Sendungs­be­wusst­sein und seiner fast schon betriebs­blinden Recht­ha­berei noch viel mehr auf die Nerven gehen kann, als Oskar Lafon­taine bei einem Maybritt-Illner-Auftritt, sagt er doch viele kluge Sachen, und vor allem sagt er sie meistens auf Deutsch – was man zu schätzen lernt bei einem Film, bei dem man die Hälfte der Zeit mit Unter­ti­tel­lesen zubringt. Außerdem könnte es doch sein, dass der Mann eben trotz aller Recht­ha­berei eben manchmal einfach recht hat: Zum Beispiel, wenn er von der Unter­wer­fung der Politik unter die Inter­essen der Wirt­schaft spricht, wenn er die Eliten des Westens anpran­gert, die »verfilzt ... verschach­telt und zu bequem geworden sind, die zu feige sind, sich den Ausein­an­der­set­zungen zu stellen.« Der Fisch stinkt eben vom Kopf.

Die 4. Revo­lu­tion – Energy Autonomy streift kurz die Geschichte des Solar­booms seit den Ölkrisen der 70er Jahre, und entwirft dann das Szenario einer Welt, in der die Ener­gie­vor­sor­gung mehr und mehr aus erneu­er­baren Quellen gespeist wird. Folgt man den Experten, die der Film präsen­tiert, sind Tech­no­lo­gien und Poten­ziale dafür weltweit vorhanden. Man muss nur handeln.
Die 4. Revo­lu­tion – Energy Autonomy hat einen Vorteil, der auch ein Nachteil ist: Es ist ein partei­ischer Film. Man könnte auch sagen: Ein Propa­gan­da­film. Es geht nicht um Kritik, Debatte, für und wieder, nicht um Aufklä­rung, zu der ja die Mündig­keit des Publikums gehörte, und das Vertrauen darauf, dass die Fakten als solche schon über­zeu­gend genug sind.
Es geht statt­dessen um Über­re­dung und um Stim­mungs­mache, um das gute Gefühl des Publikums. Formal bedeutet das Koya­nis­quatsi-hafte Musik und ein stylisher Film­schnitt, überhaupt viele hübsche Panoramen von erdöl­be­trie­benen Hubschrau­bern, Hoch­glan­zäs­t­hetik und Post­kar­ten­kitsch mit satt­grünem Dschungel, Sonnen­un­ter­gängen und so...
Immer wieder sieht man einen Herrn namens Fatih Birol, Chef-Ökonom von der – »bösen« – Inter­na­tio­nalen Ener­gie­agentur (IEA) an seinem Schreib­tisch sitzend irgend­welche gar nicht mal besonders dummen Dinge sagen, im Gegenteil, in dann tauchen »gute« Experten wie Scheer, oder der nette Däne Preben Maegaard vom »Folke Center« auf und erklären, warum das Unsinn ist, und welche Antwort sie darauf haben. Wonach dann schöne Bilder mit Musik unterlegt Glücks­ge­fühle verbreiten und Afrikaner – die ja in solchen Doku­men­tar­filmen immer näher an der Natur und also der Wahrheit leben, irgend­eine prak­ti­sche und natürlich afri­ka­nisch putzige sinnliche Erfahrung mit erneu­er­barer Energie sammeln. Man sieht afri­ka­ni­sche Dörfer, arbei­tende Einge­bo­rene, dazu Kitsch­musik, und weißes Lachen in schwarzen Mündern.

Begrenzt immerhin geht es auch um Infor­ma­tion. Diese krankt vor allem daran, dass mögliche Einwände nicht ernsthaft disku­tiert werden, und man sich deswegen darauf verlassen muss, dass man vom Film fair und ausge­wogen infor­miert wird. Schon wahr: Wer verlangt Fairness von einem Werbefilm? Oder auch nur Infor­ma­tion. Aber wer derart gegen die – zwei­fellos vorhan­dene – Mani­pu­la­tion durch die atomar-fossile Ener­gie­in­dus­trie ins Feld zieht, sollte bestrebt sein, sich umgekehrt nicht der Spur eines entspre­chenden Verdachts auszu­setzen. Da waren Carl-A. Fechner und sein Team etwas gedan­kenlos.

Was eigent­lich am bemer­kens­wer­testen und auch irri­tie­rendsten ist, ist das Sendungs­be­wusst­sein der Sola­risten, die Tatsache, dass es ihnen von Anfang an, schon in den 70ern, aber bis heute nie nur um Ener­gie­ver­sor­gung der vorhan­denen Gesell­schaft, sondern immer auch um deren – vorzugs­weise »radikalen« – Umbau geht. Glauben die wirklich, dass alles kinder­leicht und für jeden erreichbar, bezahlbar und sauber ist, dass »Wir« »es« »nur« »endlich« »tun« »müssen«?

Es wäre ja schön, keine Frage. Scheer vertritt das Ziel der »Ener­gie­au­to­nomie«: Teure Energie wie Erdgas, Erdöl, Kohle, Uran soll in »kosten­lose Primä­r­energie wie Sonnen­strahlen, Sonnen­wärme, Wind, Lauf­was­ser­kräfte, Wellen, geother­mi­sche Energie« umge­wan­delt werden. Möglichst bald sollten wir alle mit Elek­tro­autos fahren, mit dem Elek­tro­flug­zeug durch die Gegend fliegen, in Ener­gie­spar­häu­sern wohnen, und das alles »kostenlos von der Natur geliefert« (Scheer).

»Viele Menschen haben tolle Ideen« sagt der Herr von der IEA, »aber die Vorstel­lung, dass ihn ein paar Jahr­zehnten unsere Energie komplett erneu­erbar wird, ist nicht besonders realis­tisch.« Er verweist darauf, dass der weltweite Ener­gie­be­darf der Erde bis 2030 um 45 Prozent ansteigen wird, und dass ein Großteil dieses Wachstums durch fossile Rohstoffe gedeckt werden wird. Schon allein, weil es unmöglich sei, in den nächsten zwei oder drei Jahr­zehnten die Infra­struktur unseres gesamten Energie- und Treib­stoff­sys­tems von fossilen auf erneu­er­bare Energien umzu­stellen. Nicht nur aus finan­zi­ellen Gründen. Sondern auch aufgrund der Technik und der Produk­ti­ons­ka­pa­zitäten. Er verweist auch darauf, dass China allein zwischen 2008 und 2020 so viele Kohle­kraft­werke bauen wird, wie alle europäi­schen Länder in den letzten seit dem Zweiten Weltkrieg überhaupt an Kraft­werken gebaut haben – etwa 1000 neue Kohle­kraft­werke. Eines pro Woche.

»Wir haben höchstens noch 30 Jahre«, knurrt da Hermann Scheer. Und auch er hat gute Argumente: Zum Beispiel die weltweite Entkop­pe­lung der Räume des Ener­gie­ver­brauchs von denen der Ener­gie­ge­win­nung. Energie wird überall verbraucht, gewonnen wird sie in ganz wenigen Ländern der Welt. Fossile Energie wird knapper, die Abhän­gig­keiten größer. Deshalb sei es »die größte und schlimmste aller Umwelt­ver­schmut­zungen, dass immer wieder versucht wird, von zahllosen Ener­gie­ex­perten, der Gesell­schaft auszu­reden, dass es diese Perspek­tive überhaupt in über­schau­barer Zeit geben könnte. Weil man damit die Gesell­schaft deak­ti­viert und entmo­ti­viert.«

Das wollen wir hier an dieser Stelle natürlich keines­wegs. Wir wollen gerne akti­vieren und moti­vieren, aller­dings auch dazu, jeden Film kritisch anzu­gu­cken, und Experten gerade dann nicht zu trauen, wenn man die Dinge selber nur begrenzt über­schauen kann, und wenn sie das erzählen, was einem sowieso in den Kram passt. »Kostenlos von der Natur geliefert« klingt da schon arg idyllisch.
Nun ist IEA-Mann Fatih Birol ein früherer Mitar­beiter bei der OPEC. Das ist zwar 15 Jahre her, aber damit ist für den Film klar, dass er ein Lobbyist ist. Das soll nicht bezwei­felt werden. Die anderen Experten hier sind aller­dings sämtlich auch Lobby­isten. Sie wollen Markt­an­teile für ihre Produkte und bekämpfen nicht nur den poli­ti­schen sondern auch den ökono­mi­schen Gegner.

Warum ist es bisher noch nicht zu der Umstel­lung auf erneu­er­bare Energien gekommen? Weil die heutige Primä­r­energie-Wirt­schaft ihr drohendes Verschwinden nicht kampflos hinnimmt. Preben Maegaard verweist auf poli­ti­sche Wider­s­tände und darauf, es sollten zentra­lis­ti­sche Lösungen durch dezen­trale indi­vi­dua­li­sierte ersetzt werden. Scheer verweist auf »eine koor­di­nierte Machen­schaft der ameri­ka­ni­schen Ener­gie­kon­zerne mit ihren poli­ti­schen Helfers­hel­fern.«

Scheer setzt neuer­dings darauf, den Gegner zu spalten. Die Auto­mo­bil­in­dus­trie könnte ire Chance erkennen, die darin liegt, sich von der Mine­ralöl­wirt­schaft zu eman­zi­pieren. »Dann verändert sich das Bild voll­s­tändig.« Man fragt sich auch, warum sie Elek­tro­autos nicht endlich sexy machen? Warum es keine Formel 1 mit Elektro-Sport­wagen gibt?

Aller­dings hat auch Birol recht, wenn er sagt, dass »die Leute« ihre Verhal­tens­weisen nicht einfach durch Fern­seh­pro­gramme ändern oder nette Anzeigen in den Zeitungen oder mit Vorträgen in den Schulen. Menschen ändern ihr Verhalten erst, wenn man diese Vorschläge mit einem finan­zi­ellen Anreiz verbindet. Mora­li­sche Apelle reichen nicht aus.«

Warum übrigens der Film »Die 4. Revo­lu­tion« heißt, wird nicht erklärt. Auch nicht, welches die anderen drei sind.

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