Verbotene Filme

Deutschland 2013 · 98 min. · FSK: ab 6
Regie: Felix Moeller
Drehbuch:
Kamera: Isabelle Casez, Ludolph Weyer, Aline Laszlo
Explosives Archiv: Die Sammlung der »Verbotenen Filme«

Kino der Vorbehalte

»Hinter jeder dieser Segmente sind jeweils zwei Regal­reihen, mit jeweils tausend Film­büchsen. Da heißt ca. fünf Tonnen Nitrozel­lu­lose-Material, welches ja zum Spreng­stoff zählt.« – Manchmal können Filme zu Bomben werden. Hier, in den Außen­la­gern des Bundes­film­ar­chivs lagert eine explosive Mischung. 1200 Filme wurden im Dritten Reich herge­stellt, 300 von ihnen wurden nach Kriegs­ende von den Alli­ierten verboten – viele davon Hetz- und Propa­gan­da­filme, oder, gefähr­li­cher noch: manchmal auch Mord­be­fehle im Gewand vermeint­lich unpo­li­ti­scher Film-Unter­hal­tung, wie Ohm Krueger mit dem Star Emil Jannings.

»Verboten«, wie der Titel dieses Doku­men­tar­films sugge­riert, sind diese Filme heute auch in der Bundes­re­pu­blik keines­wegs. Sie stehen nur unter Vorbehalt. Das heißt, sie dürfen nur im Rahmen wissen­schaft­li­cher Tagungen, oder begleitet von der Einfüh­rung durch einen Experten vorge­führt werden. Wenn ein Kino diese Filme zeigen will, muss es eine solche Exper­ten­be­glei­tung sicher­stellen.

Heute gibt es noch etwa 40 soge­nannte »Verbots­filme« – die anderen sind längst frei­ge­geben. Veit Harlans anti­se­mi­ti­scher Jud Süß ist der berüch­tigste unter ihnen, auch Hitler­junge Quex mit Heinrich George ist darunter, oder der Durch­hal­te­film Kolberg.

68 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur stellt sich die Frage, wie man mit diesem Teil des natio­nalen Filmerbes in Zukunft umgehen soll. Immer wieder geraten diese Vorbe­halte in die Diskus­sion – zum einen gibt es einen moralisch-poli­ti­schen Vorwurf: Ist auch ein Vorbehalt nicht Zensur, der genau das tut, was man der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gewalt­herr­schaft vorwirft? Warum sollte man die Filme noch in den Gift­schrank stecken? Sind die Bürger der Demo­kratie nicht mündig genug, um selbst zu entscheiden was sie sehen wollen, und es zu beur­teilen? Und zum anderen macht eine geson­derte Behand­lung sie nicht erst recht inter­es­sant? Gibt sie ihnen nicht die Weihe des Bedeut­samen?

Das mehr prag­ma­ti­sche Argument gegen die Vorbe­halts­filme lautet: Jeder kann sie längst sehen. Ganz legal auf YouTube, auf Websites, oder zu Hause auf dem DVD-Player, wenn man sie im Ausland bestellt, oder von einer Reise mitbringt.
Da ergibt sich dann das Problem, dass viele Details, mitunter gerade die entschei­denden, nicht gut zu sehen sind, oder sich deren Wirkung kaum entfaltet.

Was also tun?

Manche machen es sich einfach und haben eine klare Antwort: Etwa der Berliner Regisseur Oskar Roehler: »Ich glaube, es gibt sicher einen Wust von unin­ter­es­santen Sachen, aber so heraus­ra­gende Propa­gan­d­a­bei­spiele sind ja einfach inter­es­sant.«

Inter­es­sant ist natürlich so alles Mögliche. Oskar Roehler hat mit seinem Jud Süss – Film ohne Gewissen einer Geschichte über die Dreh­ar­beiten des Hetzfilms selbst erlebt, wie leicht scheinbar Offen­kun­diges miss­ver­standen werden kann, und dass das »Inter­es­sante« keines­wegs immer allen Zuschauern Grund genug ist, sich mit einem Stoff ernsthaft ausein­ander zu setzen.

Der Berliner Regisseur Felix Moeller, der vor ein paar Jahren den hervor­ra­genden Doku­men­tar­film Harlan – Im Schatten von Jud Süß gedreht hat, und ein Buch über Josef Goebbels als Film­mi­nister schrieb, der sich also gut auskennt mit den Tricks, den Wirkungen, und den Gefahren der NS-Propa­ganda, führt jetzt die Diskus­sion in seinem neuen Film weiter.

Er wägt ab, ohne Zorn und Eifer, ohne partei­li­chen Furor. Moeller tut das, was jeder gute Doku­men­tar­film tun sollte: er erforscht eine Ange­le­gen­heit neugierig und unpar­tei­isch, ohne vorzu­ver­ur­teilen. Und er lässt viele verschie­dene Meinungen zu Wort kommen

So kommt er über sein Thema, das zunächst einmal wie eine kultur­po­li­ti­sche Spezia­lität wirken könnte, auf tiefere, grund­sät­z­li­chere Fragen: Wie wirkt überhaupt Propa­ganda? Wo fängt sie an?

»Wissen vorent­halten – weiß ich nicht, ob das so schlau ist.« – Oskar Roehler plädiert in Möllers Film für eine Freigabe der wich­tigsten Propa­gan­da­filme.
Andere wider­spre­chen: »Natürlich kann man sagen: Was soll denn an diesen Filmen noch gefähr­lich sein? Bei diesen Filmen reden wir auch mit einer bestimmten mora­li­schen Haltung«, sagt Ernst Szebedits, der Chef der bundes­ei­genen Murnau-Stiftung, die die Rechte auf den Vorbe­halts­filmen hält.

Möller stellt auch einige der Filme näher vor. Denn keines­wegs ist Propa­ganda immer plump. Möllers Film schildert insofern ein Dilemma aus dem es keinen Ausweg gibt: In der Demo­kratie sollen alle Bürger gleich­viel wissen, Experten wissen aber am Ende doch oft mehr.

Seinen Film kann man nur als drin­gendes Plädoyer dafür verstehen, über die Vorbe­halts­filme zu reden – was immer dann geschieht, wenn Experten im Kino die Diskus­sion über sie mode­rieren. Sie statt nach poli­ti­schen Prin­zi­pien ganz den Gesetzen des freien Markts zu unter­werfen, wollen viele weiterhin nicht verant­worten. Mit guten Gründen.

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