Das Urteil – Jeder ist käuflich

Runaway Jury

USA 2003 · 128 min. · FSK: ab 12
Regie: Gary Fleder
Drehbuch: , ,
Kamera: Robert Elswit
Darsteller: John Cusack, Gene Hackman, Dustin Hoffman, Rachel Weisz u.a.
Die Jury

Jeder ist käuflich

Anonymes Fami­li­en­glück fest­ge­halten auf Home-Video-Bildern. Dann geht der Vater, den man eben noch bei der Fami­li­en­feier erlebte, zur Arbeit ins Büro. Kurz darauf wird er erschossen, Opfer eines Amoklaufs. Für einen kurzen Moment konnte man glauben, er sei der Held dieses Films.

Auf diesen Vorspann folgt – »2 years later« – die Expo­si­tion: so schnell, dynamisch und profes­sio­nell die Charak­tere der Haupt­fi­guren sind, werden sie auch vorge­stellt, es domi­nieren Ton und Atmo­s­phäre einer etwas altmo­di­schen Maschine, die schwer­fällig, aber unauf­haltsam in Fahrt kommt. Und schon ist man mitten drin im Genre des Gerichts­films und zwar einer seiner spezi­ellen neueren Ausprä­gungen: Des »Grisham-Films«.

Ende der 90er waren die Verfil­mungen der Romane des Best­seller-Autors derart en vogue, dass es pro Jahr mindes­tens einen »Grisham-Film« im Kino gab; zuletzt aber schien er fast etwas aus der Mode gekommen. Grishams Vorlagen sind nicht nur durchweg nach dem selben Erzähl­schema – »kleiner« Einzel­kämpfer und Underdog gegen großen, bösen Apparat – gestrickt, sie sind auch von einer Grund­hal­tung geprägt, die man als »pathe­ti­sche Desil­lu­sio­nie­rung« bezeichnen könnte. Grisham ist ein pessi­mis­ti­scher Moralist: Gerade weil er nicht vom grund­sätz­li­chen Sieg des Guten, sondern von seinem regel­mäßigen Scheitern überzeugt ist, dämpfen seine Filme jede idea­lis­ti­sche Erwartung der Zuschauer und fordern sie doch heraus: Das Gute, wenn es überhaupt eine Chance hat, muss immer neu erkämpft werden, und der gute Einzelne kann bei ihm immer auf einen Erfolg hoffen – wenn es auch nie ein endgül­tiger und grund­sätz­li­cher wird.

Zunächst einmal folgt aber die Arbeit der Desil­lu­sio­nie­rung: In Runaway Jury, dessen Roman­hand­lung stark verändert wurde, dessen Grund­kon­stel­la­tion aber erhalten blieb, liegt sie darin, dass ausführ­lich die Arbeit der Jury-Consul­tants zum Thema wird, jener psycho­lo­gisch geschulten Juristen, die ganz auf die Auswahl der Jurys und später auf deren Beein­flus­sung spezia­li­siert sind, und dabei weder den Einsatz von Detek­tiven, noch den von kompli­zierter Technik scheuen. Auch beim europäi­schen Publikum kann man dabei auf genug Erfahrung mit Court Room Dramas setzen, so dass es unnötig ist, erst umständ­lich Rolle und Funktion der Jury sowie deren Auswahl zu erklären. Der Film zeigt gleich zum Auftakt in virtuosen Bildern den ganzen hoch­gerüs­teten Apparat, mit dem versucht wird, das Unkon­trol­lier­bare zu kontrol­lieren, die Wert­maßs­täbe der Jury im vorhinein zu durch­schauen und im Idealfall deren Zusam­men­set­zung so zu designen, dass das Urteil im eigenen Sinn bereits vor Prozess­be­ginn feststeht.

Auf diesem Weg werden auch die beiden Antago­nisten einge­führt: Dustin Hoffman ist Wendell Rohr, der »anstän­dige« Anwalt der Witwe des Amoklaufs-Opfers vom Auftakt, Gene Hackman ist Rankin Fitch, der »böse« Jury Consul­tant der verklagten Waffen­in­dus­trie. Vor allem Hackman, dem das Drehbuch viele sarkas­ti­sche »Oneliner« gönnt, ist ganz und gar großartig als lebens­weiser, kalter Zyniker und Kontroll-Freak, der seine extrem gute Menschen­kenntnis in den Dienst der falschen Sache stellt. In dieser Figur, und dort wo man Fitch bei der Bewertung des Falles und seinen Kommen­taren bei der Jury-Auswahl erlebt, ist der Film ganz stark – und treibt zugleich seine Desil­lu­sio­nie­rung auf die Spitze, indem er dem ameri­ka­ni­schen Jury­system alles selbst­be­weih­räu­chernde Pathos einer Volks­ver­samm­lung im Kleinen, eines souver­änen Horts der Gerech­tig­keit nimmt, und zeigt, worum es eigent­lich geht: Um ein allen­falls spiel­theo­re­tisch und sozi­al­psy­cho­lo­gisch erfass­bares Handwerk gegen­sei­tiger Mani­pu­la­tion. So ganz nebenbei – und darin ist Regisseur Gary Fleder wieder sehr nahe bei Grisham und legt den anti­ra­tio­nalen Kern von dessen Geschichten frei – unter­nimmt Runaway Jury dabei auch die Dekon­struk­tion aller Vorstel­lungen eines herr­schafts­freien Diskurses in offener Ratio­na­lität: Um Aufklä­rung, das sugge­riert der Film, geht es im Leben so wenig wie um Vernunft, Gerech­tig­keit, oder andere hohe Werte der Recht­spre­chung; Argumente sind Mittel im Macht­kampf, und im Prinzip ist jeder käuflich – das ist alles.

Zum wahren Held des Films und Reprä­sen­tanten des spezi­ellen, im Prinzip anti­le­ga­lis­ti­schen gris­ham­schen Gerech­tig­keits­pa­thos wird der von John Cusack gespielte Nicholas Easter. Als »U-Boot« versucht er mit Hilfe seiner Freundin Marlee (Rachel Weisz) nicht weniger taktie­rend und kaum weniger zynisch, aber letztlich, wie man schnell ahnt, nicht für Geld, sondern für bessere Zwecke, die Jury von innen zu beein­flussen.

Gary Fleder war genau der richtige Regisseur, um dieser im Prinzip etwas glatten, aus »Old Europe«-Sicht »typisch ameri­ka­ni­schen« Story eine gewisse Doppel­bö­dig­keit einzu­hau­chen. Geschickt nutzt Fleder vor allem in der ersten Hälfte Atmo­s­phären und Klischees des Schau­platzes New Orleans, um einen Hauch von Dämonie und Zauberei in die Bilder fließen zu lassen, und seinen Figuren immer wieder Momente der Verlo­ren­heit zu geben, sie in kleine, dunkle, unüber­sicht­lich verhängte Ecken zu drängen. Auch der Zuschauer kann hier wie die Charak­tere gleich mehreren Fakes aufsitzen, und immer wieder wandelt sich der Gerichts­film kurz zum Para­noi­a­thriller. Auch gönnt Fleder seinen vielen großar­tigen Darstel­lern eine Vielzahl guter Szenen: Zu den Höhe­punkten gehört ein konspi­ra­tives Treffen zwischen Hackman und Weisz sowie die Gerichts­auf­ritte der Anwälte.

Indem er mit den Mitteln des Popu­lär­kinos eine scharfe Anklage an gegen die schein­hei­lige US-Waffen­in­dus­trie sowie die dortigen Waffen­ge­setze mit ihrem Kult der »freien Knarre für freie Bürger« formu­liert, hat der Film auch eine eher liberale poli­ti­sche Botschaft. Lange Zeit hält Runaway Jury dabei auf gutem Niveau immer neue Wendungen und Über­ra­schungen bereit – voraus­ge­setzt man akzep­tiert das typische Grund­schema, und ärgert sich nicht schon im Prinzip über Grishams Ansatz – was dem Film freilich dann kaum vorzu­werfen wäre.

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