Unter Menschen

Deutschland/Österreich 2012 · 94 min. · FSK: ab 6
Regie: Christian Rost, Claus Strigel
Musik: Wolfgang Neumann
Kamera: Waldemar Hauschild
Schnitt: Julia Furch
Wiedergutmachung & Erlösung nicht möglich

Jetzt ist alles Gut

Wenn er auf die Toilette müsse, solle er doch bitte reingehen. Nach dieser Auffor­de­rung trollt sich der Bauar­beiter, weg von Büschen und Wiese. „Der markiert uns sicher keine Affen­an­lage“, sagt die Frau im roten Overall resolut in Richtung Kamera. Wenn es um das Wohl ihrer Schüt­z­linge geht, verstehen Tier­pfle­gerin Foidl und ihre Kolle­ginnen keinen Spaß. Nach all dem, was den Affen angetan wurde. Auf der Suche nach einem Impfstoff gegen AIDS begann der öster­rei­chi­sche Phar­ma­kon­zern Immuno damit, sich arten­ge­schützte Schim­pansen zu halten und miss­brauchte sie über viele Jahre für sinnlose Versuchs­reihen. 40 von diesen Primaten, teilweise mit HIV- und Hepa­ti­tis­viren für die Forschung infiziert, leben bis heute in einem ehema­ligen Safa­ri­park in Gänsern­dorf an der öster­rei­chisch-tsche­chi­schen Grenze, wo sie nach wie vor von dem enga­gierten Pfle­ge­rin­nen­quar­tett betreut werden. Nach vielen Höhen und Tiefen um ihre Zukunft gibt es für die Affen erst seit kurzer Zeit eine Verbes­se­rung der Bedin­gungen ihres verpfuschten Lebens.

Indes: Alles wird nicht gut. Der Unter­titel von Richard Linkla­ters A Scanner Darkly könnte auch das Motto des Doku­men­tar­films Unter Menschen von Christian Rost und Claus Strigel sein. Mag der lange Leidensweg der Affen eine gewisse Art von Ende gefunden haben – die Fragen nach Aufklä­rung und Bewertung der Verbre­chen an ihnen noch lange nicht. Das deutet schon der inter­na­tio­nale Filmtitel Redemp­tion Impos­sible an, der, wie das deutsche Pendant Unter Menschen, eine doppelte Bedeutung hat: Weder Wieder­gut­ma­chung noch Erlösung sind möglich. Doch dieser Film ist alles andere als ein reiße­ri­sches Herz-für-Tiere-Plädoyer, denn er spricht, in klarer, unauf­ge­regter Weise, eine Reihe grund­sät­z­li­cher Konflikte an, die beun­ru­hi­gende Schatten werfen.

Natürlich sind da zum einen die Schick­sale der Menschen­affen, die, zwecks leich­teren Zugangs in viel zu kleinen Käfigen gehalten, jahrelang täglich operative Eingriffe über sich ergehen lassen mussten und allesamt schwer gezeichnet sind vom vereinz­elten Vege­tieren in Gefan­gen­schaft. Auch das Team der Pfle­ge­rinnen wird einfühlsam porträ­tiert, die die Tiere teilweise schon zu Zeiten des Versuchs­la­bors beglei­teten und an der Schi­zo­phrenie litten, welche der Dienst an den geliebten Tieren bei gleichz­ei­tiger Unter­s­tüt­zung eines verhassten Systems mit sich bringt. Auf der Suche nach den Verant­wort­li­chen trafen Rost und Strigel unver­mutet auf mafiöse Verstri­ckungen von Politik und Wirt­schaft, die, durch­drungen von Geld- und Pres­ti­ge­gier, aufmerk­same Tier­schützer vor Ort und in der Heimat der Schim­pansen auf obszöne Weise auszu­bremsen verstanden. Auch der einst so ange­se­hene World Wildlife Fund – in dessen Vorstand die Phar­ma­in­dus­trie nach wie vor vertreten ist (und der sich zur eigenen System­si­che­rung zwecks frag­wür­diger Deals schon mal mit Agrar- und Ölmultis an den Tisch setzt) – zeigt sich bei der Nichtret­tung der Affen einmal mehr in einer beschä­menden Rolle.

Eine der Stärken von Unter Menschen ist seine Ausge­wo­gen­heit. Inves­ti­ga­tive Recherche, Mitgefühl und die Aner­ken­nung fürs Enga­ge­ment der unter­schied­li­chen Helfer konkur­rieren nicht, wohl platziert ergänzen sie einander, ohne die Geduld des Zuschauers über­zus­tra­pa­zieren. Inter­es­san­ter­weise macht gerade diese Heran­ge­hens­weise den Film aktuell wiederum zum Politikum: So distan­ziert sich der „Retter der Affen“ Michael Aufhauser, der das marode Schim­pan­sen­re­fu­gium 2010 in den Verbund seiner Gnaden­höfe aufge­nommen hat, von dem Film. Er entspreche nicht der Philo­so­phie seines „Gut Aider­bichl“, so die offi­zi­elle Begrün­dung.

Womit jetzt alles gut wäre, aber nicht gut ist. Denn so viel es Aufhauser offenbar bedeutet, die Forschung nach Ursachen und Zusam­men­hängen bezüglich der damaligen Affen­be­schaf­fung und -haltung im großen Unisono einer humanen Kollek­tiv­schuld auflösen, so essen­tiell sind die Fakten für die beiden Filme­ma­cher. Zum Glück. Denn Unter Menschen bietet genügend Stoff für kollek­tive Empörung und die beun­ru­hi­gende Frage, wo wir die Trenn­linie ziehen wollen zu den Lebewesen, deren Erbgut zu 99,4 Prozent mit dem unsrigen über­ein­stimmt. Das gilt zum einen für die Gegenwart, in der das Europäi­sche Patentamt erst Mitte des vergan­genen Jahres unter anderem das Patent auf gentech­nisch mani­pu­lierte Schim­pansen an ein US-ameri­ka­ni­sches Unter­nehmen durch­ge­winkt hat – zum Nutzen des medi­zi­ni­schen Fort­schritts oder doch eher für einen lukra­tiven Markt der Versuchs­tiere, wie es der Deutsche Tier­schutz­bund zu bedenken gab?

Zum anderen wird die Trenn­schärfe mögli­cher­weise noch einmal an ganz anderer Stelle thema­ti­siert. Und da konnte es einem richtig mulmig werden bei dem möglichen Szenario, das Christian Rost während eines Film­ge­sprächs in München zeichnete: Wenn wir die Affen jetzt als Unter­men­schen sehen, wo werden dann, in einer möglichen Zukunft, die Grenzen verlaufen zwischen der heutigen Kreatur Mensch und seiner poten­ti­ellen, leis­tungs­fähi­geren Cyborg-Version? An der Antwort könnte sich ein Science-Fiction-Thriller abar­beiten, in dem mit Sicher­heit wieder alles nicht gut wird.

Natascha Gerold

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