UmDeinLeben

Deutschland 2008 · 87 min. · FSK: -
Regie: Gesine Danckwart
Drehbuch:
Kamera: Kristian Leschner
Darsteller: Kathrin Angerer, Maren Kroymann, Caroline Peters, Anne Ratte-Polle u.a.
Eher das Glück oder der Schrecken der Normalität?

Wo es ums Leben geht, da geht es ums Ganze

Und so sugge­riert schon der Titel von Gesine Danck­warts Kinodebüt UmDeinLeben eine exis­ten­ti­elle Achter­bahn­fahrt. Diese Achter­bahn­fahrt kennen wir alle. Es ist das ganz normale Leben, und so darf man sich hier auch keine spek­ta­ku­lären Ereig­nisse erwarten, sondern eher das Glück und vor allem den Schrecken der Norma­lität. UmDeinLeben ist eine Reise ins Innere der modernen Seele, vor allem der weib­li­chen.

Man lernt sechs verschie­dene Frauen über 30 kennen, begleitet sie durch ihren Alltag in Berlin: Ein Barmäd­chen, eine Poli­ti­kerin, eine Frei­be­ruf­lerin, eine Großbür­gerin, eine Ringerin und eine Arbeits­lose. Es gibt keine Handlung im konven­tio­nellen Sinn, sondern Szenen, Situa­tionen, die sich im Verlauf des Films wie Mosa­ik­steine zu einem Gesamt­bild formen. Vieles spielt in öffent­li­chen Räumen, wie Flughäfen oder Shopping-Malls, oder anonymen Zwischen­räumen wie Hotel­zim­mern und Taxis.

Dies ist, in seinem schnodd­rigen Ton, in der Welt­läu­fig­keit, in seinen Schau­plätzen Medien und Politik, durchaus ein typischer Berlin-Film, eine Moment­auf­nahme auch vom Leben in der Haupt­stadt. Man merkt auch, dass er von dem beson­deren Potential der vielen außer­ge­wöhn­li­chen Thea­ter­bühnen der Haupt­stadt mit ihren großar­tigen Darstel­lern inspi­riert ist: Maren Kroymann, Anne Ratte-Polle, Caroline Peters, Kathi Angerer, Esther Röhrborn und Bettina Stucky spielen die Haupt­rollen.

Zugleich könnte UmDeinLeben aber ebenso in jeder anderen Stadt sonst spielen. Stadt muss es aller­dings schon sein. Denn ein Thema dieses außer­ge­wöhn­li­chen Films ist Urbanität und das urbane Lebens­ge­fühl, ist das Tempo, das Flirrende, Driftende, die Freiheit des modernen Groß­stadt­le­bens, die sehr eng mit ständiger Unsi­cher­heit verbunden ist.

Regis­seurin Gesine Danckwart kommt vom Theater, und manchmal wirkt ihr vom ZDF-Thea­ter­kanal co-produ­zierte Film, auch zu wenig filmisch, zu thea­ter­haft. Meistens aber gelingt der Regis­seurin der unkon­ven­tio­nelle Umgang mit den Mitteln des Kinos sehr gut. Und gerade in seiner Verwen­dung des Montage-Prinzips, das hier im Zentrum steht, erweist sich UmDeinLeben als radikaler und span­nender, als das meiste, was wir heute aus dem Kino kennen.

UmDeinLeben ist ein absolut moderner Film. In seiner Ästhetik, in seinen Frage­stel­lungen, in seiner Verbin­dung von cooler Ironie und Unsi­cher­heit, von abge­klärtem Gestus und dem Suchen, das hier alles durch­dringt.

Das Suchen gilt nicht allein im Allge­meinen dem modernen Leben in den Metro­polen des digitalen Kapi­ta­lismus. Es gilt auch, im Beson­deren, den weib­li­chen Rollen in unserer Gegenwart. »Man wird nicht als Frau geboren, zur Frau wird man gemacht« schrieb, vor über 50 Jahren schon, die fran­zö­si­sche Philo­so­phin Simone de Beauvoir in ihrem bahn­bre­chenden Werk Das andere Geschlecht, das am Anfang der modernen Frau­en­be­we­gung steht. Danck­warts Film füllt diesen Satz mit Erfah­rungen, in dem sie zeigt, was hier und heute Weib­lich­keit bedeuten kann, zwischen Selbst­ent­fal­tung und Selbst­fin­dung, nicht zuletzt auch Selbst­ver­tei­di­gung. Die »richtige« Rolle gibt es hier nicht, das Ich ist immer ein Anderer, und eine Frau muss, so genannte »starke Frauen« wie Madonna haben es vorge­macht, immer mehrere zugleich sein, um überhaupt zu sein.

Damit ist UmDeinLeben nicht zuletzt auch ein Film über Sprache und über Sprach­spiele. Das heißt über die rheto­ri­schen Konven­tionen, in denen wir uns oft verlieren, oder uns auch fest­halten. Über Kontrolle und Kontroll­ver­lust mit Hilfe von Worten.

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