Transformers – Die Rache

Transformers – Revenge of the Fallen

USA 2009 · 150 min. · FSK: ab 12
Regie: Michael Bay
Drehbuch: , ,
Kamera: Ben Seresin
Darsteller: Shia LaBeouf, Megan Fox, Rainn Wilson, Josh Duhamel, John Turturro u.a.
Rache ist süß – Megan Fox auf der Hut

Stellungswechsel wie im Pornofilm

Der Film zum Spielzeug: Versuch, Michael Bays Transformers zu verstehen

Langsam füllen sich die Archive der Nuller-Jahre. Was zu Beginn des Jahr­zehnts noch utopisch aufblitzte, hat sich seit zwei Jahren zur Tendenz verdichtet, beginnt sich nun zu kontu­rieren: Irgend­wann muss jede Maschine anfangen, auf eigenen Füßen zu stehen.
Und auch Kino ist zunehmend ein rein tech­ni­sches Produkt, kein psychi­sches mehr. Jeder Film, oder zumindest jeder Block­buster ist zwei, drei, vier, fünf Filme in einem, von den verschwitzten Anstren­gungen des sich mehr und mehr verselbstän­di­genden Marke­ting­s­eg­ments gar nicht zu reden.

Mit all dem verbunden ist zugleich nicht etwa eine Weiter­ent­wick­lung, sondern eine ungeheure Regres­sion auf allen Ebenen. Ihr Reprä­sen­tant ist Michael Bay, der Nean­der­taler unter den Regis­seuren, und wahr­schein­lich die reprä­sen­ta­tivste Figur für den Weg, den das Indus­trie­kino zur Zeit nimmt. Kino als Kunst ist von alldem Licht­jahre entfernt. Das beweist mehr als jeder andere Film nun Trans­for­mers 2 – Die Rache, die Fort­set­zung von Trans­for­mers (2007). Mit diesen beiden Filmen hat Michael Bay seine Bestim­mung gefunden. Es sind Filme, mit denen ein Regisseur mehr denn je auch moralisch in das Lager der Objekte deser­tiert, in das der Kapi­ta­lismus ihn seit langem hinge­stellt hat.

+ + +

»…und zuweilen vergaß er sich bei dem anhal­tenden Betrachten desselben so sehr, daß er wirklich glaubte, auf einen Augen­blick die Art des Daseyns eines solchen Wesens empfunden zu haben. – Kurz, wie ihm seyn würde, wenn er z.B. ein Hund, der unter Menschen lebt, oder ein anderes Thier wäre – das beschäf­tigte von Kindheit auf schon oft seine Gedanken.«
(Karl Philipp Moritz: »Anton Reiser«)

Der Witz ist bekannt: Ein Vater kauft seinem Sohn eine Märklin-Eisenbahn. Wer spielt damit? Der Vater. Aber die Geschichte geht noch weiter. Der Sohn stellt nämlich Soldaten in die Wagons und spielt damit Krieg. Etwas später lässt der den Zug entgleisen. Dann zündet er unter den Modell­häu­sern ein paar Silves­ter­kra­cher, die er auf der Straße gesammelt hat. Der Enkel spielte dann Trans­for­mers.

Viel­leicht ist Michael Bay ja auch nur ein Name für den ersten Roboter, der in Hollywood Regie führt. Schon seine bishe­rigen Werke – The Rock (1996), Arma­geddon (1998) oder Pearl Harbor (2001), Trans­for­mers (2007) – machten den Eindruck, es handle sich um Film gewor­denes Schwer­me­tall. Auch in Trans­for­mers 2 macht es andauernd »Krach!«, »Kloink!« und »Rumms!«. In den Bildern des unfrei­wil­ligen Situa­tio­nisten Michael Bay löst sich fast alles auf – in rätsel­haft compu­ter­ani­mierte Szenarien aus einer geheim­nis­vollen Maschi­nen­welt. Losgelöst und hektisch überhitzt schweben Struk­turen, Raum­ele­mente, Ener­gie­chif­fren und robo­terähn­liche Prot­ago­nisten umher, füllen Räume aus Metall­vio­lett, Stahlblau, Schwe­fel­o­r­ange, Braun und Schim­mel­grün mit ihrer leeren Geschäf­tig­keit. Humanoide Formen wie Schädel, Arme und Hände lassen sich ahnen, schälen sich immer wieder heraus, um sich dann wieder zu zurück­zu­ziehen, und es stellt ein gewal­tiges Gefühl der Entfrem­dung sich ein, ist die noch verspielte freund­liche Distanz der Chaplin-Moderne zum Maschi­nen­zeit­alter in bedroh­liche Stimmung gekippt. Hier droht ein gewalt­sames Ende der Mensch­heit, ein kata­stro­phaler Knall, kein einfacher Übergang in eine neue Konstel­la­tion.
Irgendwie ist die Welt bei Michael Bay ja immer wahn­sinnig bedroht durch Gangster, Meteo­riten und japa­ni­sche Faschisten, aber vor allem geht es ihm darum, ein paar Feuer­werke auf einmal anzu­brennen, und dem Publikum möglichst keine ruhige Minute zu gönnen – »endlose Erosion des Außen« (Foucault).

+ + +

»Es atmet, wärmt, ißt. Es scheißt, es fickt. Das Es… Überall sind es Maschinen…«
Deleuze/Guattari

Dieser Film gehört wie schon sein Vorgänger Trans­for­mers zu jenem neuen, sehr merk­wür­digen Typus Film, der weder eine origi­nelle, eigens erdachte Geschichte auf die Leinwand bringt, noch einen woanders vorhan­denen Stoff -und sei es ein Comic – verfilmt, sondern dies ist die Verfil­mung von Gegen­s­tänden, in diesem Fall: die Verfil­mung von Spiel­zeugen. Ausge­rechnet seit dem Orwell-Jahr 1984 gibt es jene »Trans­for­mers« genannten Spiel­zeug­fi­guren für die Ziel­gruppe 6-12, deren Beson­der­heit in ihrer Fähigkeit liegt, sich vom menschenähn­li­chen Antlitz in eine Maschine – ein Flugzeug, ein Auto – zu verwan­deln. Das tun sie in den Trans­for­mers-Filmen in außer­ir­di­schem Auftrag. Alles reicht zurück in die Vorzeit des Jahres 17 000 vor Christus, als – Erich von Dänicken hatte eben doch recht – Aliens auf der Erde landeten. Heute sind sie längst unter uns, halten sie sich als Autos, Toaster oder anderes getarnt auf der Erde auf, und ihre guten (die Autobots) und schlechten (die Decep­ti­cons) Roboter-Arten bekriegen sich. Dafür »trans­for­mieren« sie sich zu riesigen Metall­tre­soren, die manchmal Menschen helfen, sie manchmal aber auch tödlich bedrohen.

+ + +

»Und... und... und...«
Deleuze/ Guattari

Auch hier passiert allerlei und gar nichts, Mate­ri­al­schlachten domi­nieren und am Schluss landet man dann wieder bei den Pyramiden, um allem eine irgendwie mythische Weihe zu geben. Insgesamt aber ist dies doch ein Film ohne Geschichte und ohne Zentrum, ein netz­haftes Konstrukt, wie man es in der Post­mo­derne mal »Rhizom« genannt hat, und das man logisch am ehesten mit der Chaos­theorie erklären könnte – oder mit den Ideen­welten des »Anti-Ödipus« der fran­zö­si­schen Philo­so­phen Gilles Deleuze und Felix Guattari. Sie stellten sich das Subjekt als aufgelöst in eine »Orga­ni­sa­tion von hete­ro­genen Frag­menten« vor, die mit anderen mehr oder minder funk­ti­ons­tüch­tigen Systemen wie Politik, Wirt­schaft und vor allem Technik inter­agieren. Wir Menschen sind Wunsch-Maschinen, nicht die Haupt­dar­steller unserer persön­li­chen Geschichte. Die Ordnung der Dinge folgt der Vorstel­lung, dass es in Gedanken- und Verhal­tens­ge­bäuden kein Zentrum gibt, keine Totalität, und daher auch keine Geschichte mehr. Diese Theorie scheint nirgends einleuch­tender präsent als in diesem Film: Jede Szene könnte wie in einem Pornofilm im Prinzip auch an anderer Stelle des Films einge­setzt sein, und keinen würde das wirklich stören, was sich verändert, ist nur die Anordnung der Objekte, sind nur Stel­lungs­wechsel – ein Machwerk ohne Sinn und Verstand, vom Geschmack mal ganz zu schweigen. Trans­for­mers 2 ist für all jene Zuschauer, die sich nicht bereits selbst auf Schwund­stufen der Evolution befinden, dadurch inter­es­sant, dass er zeigt, welche Folgen über­trie­bene Tech­nik­fi­xie­rung haben kann, was dabei heraus­kommt, wenn man diverse Block­buster mitein­ander kreuzt, weil man dem einen allein nicht über den Weg traut, und vor allem, wie ein Film aussieht, wenn sich ein Regisseur nicht für Menschen inter­es­siert. Schau­spieler werden hier zur Kulisse für Compu­ter­tricks, was bei den Haupt­dar­stel­lern Shia LaBoef und der schon allein äußerlich hinreißenden Megan Fox als Sam Witwicky und Mikaela Banes tatsäch­lich schade ist. Alles also ein im Wortsinne unmensch­li­cher Film. Dies ist, anders gesagt, der größte Unsinn seit Erfindung des Post­struk­tu­ra­lismus.

top