Total Eclipse – Die Affäre von Rimbaud und Verlaine

Total Eclipse

F/GB 1995 · 108 min. · FSK: -
Regie: Agnieszka Holland
Drehbuch:
Kamera: Yorgos Arbvanitis
Darsteller: Leonardo DiCaprio, David Thewlis, Roman Bohringer u.a.

Der alte Streit: Darf man zum besseren Vers­tändnis des Werks die Biogra­phie eines Künstlers heran­ziehen? Oder wird so die ins Werk gesetzte Wahrheit, mit ihren Wurzeln in nur verwei­send gebrauchten empi­ri­schen Bildern, zur Banalität von psycho­lo­gi­schen Gittern ernied­rigt?

Eine adäquate Annähe­rung kann wohl nur durch die intensive Beschäf­ti­gung mit dem Werk selbst ange­strebt werden – wenn es gut ist. Wir müssen uns auf eine Forschungs­reise begeben ins Innere, bereit ein Abenteuer zu bestehen.(Volker Braun, 1984). Wer damit nichts anfangen kann, dem werden auch Charak­ter­stu­dien und Lebens­daten höchstens bei der Erstel­lung eines psycho­lo­gi­schen Profils weiter­helfen. Näher wird ihm das Werk dadurch wohl kaum.

Ich allein besitze den Schlüssel zu diesem sonder­baren Spiel. (Rimbaud)

Tatsache ist, daß die Darstel­lung eines Künst­ler­le­bens oft ein Faszi­nosum ohne gleichen ist, das den damit Konfron­tierten mit einem wunderbar verwir­renden Frage­zei­chen im Kopf und einem leisen, freudigen Hüpfer des Ahnens im Bauch zurück­läßt. So auch das Gefühl, mit dem man Total Eclipse verläßt.

Der Film von Agnieszka Holland schildert die zerstö­re­ri­sche Haßliebe zwischen den fran­zö­si­schen Dichtern Jean-Arthur Rimbaud und Paul Verlaine gegen Ende des letzten Jahr­hun­derts. Verlaine, aner­kannter Dichter, doch larmo­yanter weiner­li­cher Trinker mit Neigung zum Jähzorn (über­zeu­gend darge­stellt von James Thewlis), lädt den unglaub­lich talen­tierten 16-jährigen Jungen vom Lande zu sich sein. Dieser entpuppt sich als unbe­re­chen­bares, rück­sichts­loses, geniales enfant terrible, der Verlaines mühsam gegen seine eigenen verfäng­li­chen Neigungen errich­teten Schutz­wall zum eins­türzen bringt. Faszi­niert von der Unkon­ven­tio­na­lität und dem sprühenden Geist Rimbauds verfällt Verlaine in ein totales Abhän­gig­keits­ver­hältnis voll blinder Bewun­de­rung. Auf den ersten Blick scheint Rimbaud diese Verbin­dung aus purer Eigen­nüt­zig­keit einzu­gehen: ausge­rechnet er, der nichts mehr verachtet als Kompro­misse und Dilet­tan­tismus, ständig auf der Suche nach neuen Erfah­rungen, neuen Extremen, sucht die Nähe Verlaines, dem an sich selbst leidenden Künst­ler­typus. Doch es ist nicht nur die Exis­tenz­angst, die ihn an den reich verhei­ra­teten Verlaine bindet. Ich weiß, was ich sagen will. Du aber weißt, wie man es sagt, so Rimbaud in einer Szene zu Verlaine. Noch eines macht dieses Film­portät, das übrigens völlig auf die verbale Vorkommnis der Gedichte verzichtet, deutlich: Auch wenn Rimbauds Umgang mit zwischen­mensch­li­chen Bege­nungen fast ausschließ­lich mit harten bis gewalt­tä­tigen Worten und Taten darge­stellt wird, er die Existenz der Liebe gar leugnet, so ist doch die zärtliche Zuneigung allge­gen­wärtig, die Rimbaud seinen Gedichten nach für die Welt empfunden haben muß. Der zu einer Saison in der irdischen Hölle verdammte Geist Rimbauds ist eigent­lich ein der Mensch­heit wohl­ge­son­nener.

Die Frage ist blos, wieviel Eigen­leis­tung dabei von Agnieszka Hollands Seite kommt. Denn dieses Bild Rimbauds verdankt seine Subti­lität vorrangig der unglaub­li­chen Text­vor­lage, die der damals 18-jährige Chris­to­pher Hampton im rebel­li­schen Jahre 1967 als Thea­ter­stück geschrieben hat, mit einem inneren Drang, den man bei Hollands Bildern leider vermißt. Diese wirken zwar intel­lek­tuell sehr aufmerksam inter­es­siert, doch leider etwas zu distan­ziert. Als hätte sie selbst es auch nicht geschafft, sich ihrem Studi­en­ob­jekt Rimbaud zu nähern. Ein gutes hat jedoch dieser beinahe nüchterne Erzähl­stil: ohne durch irgend­welche gewollt-inno­va­tiven Schnitte, Verfrem­dungen o.ä. abzu­lenken, gibt er die Bühne frei für die hervor­ra­gende schau­spie­le­ri­sche Leistung Leonardo DiCaprios, der wie eine Reinkar­na­tion Rimbauds vor Genia­lität und befremd­li­cher Eigenheit sprüht. Hätte Leonardo nicht zugesagt, hätte ich den Film nicht gemacht, so Holland. Weise erkannt, denn der Film steht und fällt, ja funk­tio­niert sogar nur mit DiCaprio.

Doch eigent­lich hätte es dann auch eine Bühne getan. Blos ist es ziemlich unwahr­schein­lich, daß man das Stück mit DiCaprio in der Haupt­rolle in abseh­barer Zeit hier zu sehen bekommt. Also lohnt sich der Film vorerst doch.

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