Stadt als Beute

Gesichtsstraffung, Fitnessstudio, Botox

Es gibt viele Möglich­keiten, um seinen Körper immer weiter aufzu­tunen, damit die Ware Mensch so richtig gut läuft. Und in den letzten Monaten konnte man vor dem Fernseher live mitver­folgen, wozu Männer und Frauen bereit sind, nur um ein wenig Erfolg einzu­heimsen. Selbst wenn er nur fünfzehn Minuten hält.

Auch Marlon (Richard Kropf), Lizzy (Inga Busch) und Ohboy (David Scheller) versuchen das beste aus ihrem Körper heraus­zu­holen. Gerade in ihrem Beruf als Schau­spieler ist der Körper exis­ten­tiell. Er wird für die jeweilige Produk­tion an den Regisseur verliehen, der ihn wiederum mit Bedeutung füllt. Besonders Lizzy muss dies am eigenen Leib erfahren als sie während der Proben dem Regisseur eine Inter­pre­ta­tion ihrer Rolle anbietet: Wie ein kleines Kind wird sie von ihm sachte aber bestimmt in die Schranken gewiesen, woraufhin sie sich hilflos schmol­lend in ihre Ecke zurück zieht. Und genau jene Rolle annimmt, die ihr vom Regisseur zuge­wiesen wird.

Der Episo­den­film Stadt als Beute ist in Berlin ange­sie­delt. In der größten Baustelle unserer Republik. Dort führen die drei Regis­seu­rinnen Gronen­born, Dehne und von Alberti den Zuschauer zu einer weiteren Baustelle: in den Proben­raum im Prater der Berliner Volks­bühne, wo René Pollesch gerade Stadt als Beute insze­niert und in dem Marlon, Lizzy und Ohboy die Haupt­rolle spielen. Die Kamera folgt den dreien nach Been­di­gung der Probe, lässt erst Marlon, dann Lizzy und zuletzt Ohboy durch die ange­r­anzten Straßen der deutschen Haupt­stadt ziehen. Alle drei sind auf der Suche nach ein wenig Orien­tie­rung in dieser Häuser­wüste, die durch die ihre Vielfalt an Möglich­keiten den Blick auf das Wesent­liche versperrt.

Marlon ist neu in der Stadt und ist froh, wenn er den Weg zur Volks­bühne kennt. Das Tempo, dass ihm die anderen Schau­spieler bei den Proben vorgeben, ist ihm noch völlig fremd. Lizzy hingegen weilt schon länger in Berlin, sie hat sich der Stadt und ihrer Geschwin­dig­keit ange­gli­chen. Im Gegensatz zu Ohboy ist sie noch davon überzeugt, dass es eine Möglich­keit gibt sich in diesem Wust an Angeboten zurecht zufinden. Sie weiß, wie wichtig es ist ihren Körper zu insze­nieren, damit sie begeh­rens­werter ist. Ohboy hingegen kann von Glück reden, wenn er es schafft recht­zeitig zu den Proben zu erscheinen. Doch meisten ist er viel zu spät. Was alle Betei­ligten außer Pollesch maßlos aufregt, denn ständig müssen andere seinen Text über­nehmen.

Sehr sachte und langsam beginnt Irene von Alberti die erste Geschichte über Marlon zu insze­nieren, um den Wider­spruch zwischen seinem Tempo und der Schnel­lig­keit der Stadt zu verdeut­li­chen. Die Diskre­panz zwischen der Begeis­te­rung für das Neue und der Angst nicht mithalten zu können wird hier insbe­son­dere durch die unauf­dring­liche Insze­nie­rung deutlich, die sich keiner plaka­tiven Bilder bedient, sondern ganz zu recht auf das Spiel von Haupt­dar­steller Richard Kropf verlässt.

Ganz anders wiederum ist dies in der zweiten Episode über die extro­ver­tierte Schau­spie­lerin: Der Hauptteil der Geschichte ist in einem zwie­lich­tigen Berlin-Club ange­sie­delt, in dem Lizzy auf den überaus gutaus­se­henden Callboy Julian (Stipe Erceg) und das lethar­gi­sche Porno­stern­chen Babe (Julia Hummer) trifft. Doch anstelle die Ähnlich­keit zwischen der Porno­queen und Lizzy aufzu­weisen, präsen­tiert Regis­seurin Miriam Dehne lieber lang­wei­lige Knut­sche­reien, die aus jedem belie­bigen R'N'B' Video stammen könnten. Dabei hätte sie ruhig auf das hippe Interieur verzichten können und sich auf die schau­spie­le­ri­schen Leis­tungen ihrer Haupt­dar­stel­lerin Inga Busch alias Lizzy verlassen können.

Die dritte Episode von Esther Gronen­born knüpft in ihrer Schlicht­heit wieder an die erste an und setzt den Akzent lieber auf die Handlung als auf ein aufwen­diges Setting. Insbe­son­dere in einer der letzten Sequenzen, in der Ohboy in den Brunnen des Sony Centers springt, nur um mit den umste­henden Menschen in Kontakt zu treten, wird die verzwei­felte Suche nach Anner­ken­nung und Gebor­gen­heit deutlich, die allen drei Figuren zu eigen ist.

»Ich hab keine Ahnung, was das hier ist, diese Beute in der ich lebe. Was ist das denn für eine Beute in der ich lebe«, schreit Lizzy während der Proben ihren Text hinaus. Auch die drei Regis­seu­rinnen scheinen auf diese Frage keine Antwort zu haben, nicht zu wissen, wie man sich gegen die Anwendung des Kapi­tal­prin­zips auf den mensch­li­chen Köper wehrt. Was bleibt ist ein Schwarz­bild am Ende des Films.

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