Staatsschutz

Deutschland 2026 · 113 min.
Regie: Faraz Shariat
Drehbuch: , ,
Kamera: Lotta Kilian
Darsteller: Chen Emilie Yan, Julia Jentsch, Alev Irmak, Arnd Klawitter, Sebastian Urzendowsky u.a.
Staatsschutz
Mehr Wut als Betroffenheit...
(Foto: Plaion / Studiocanal)

Der Staat schützt sich selbst

Faraz Shariat führt eine Staatsanwältin gegen ein rechtes Netzwerk und die eigene Behörde ins Feld. Ein kühler, wütender Justizthriller über institutionellen Rassismus und die Frage, wem der Rechtsstaat eigentlich dient

Der Titel klingt zunächst beru­hi­gend. Staats­schutz: Das verspricht eine Instanz, die Gefahren erkennt, Verfas­sungs­feinde verfolgt und jene schützt, die auf dem Boden dieser Verfas­sung leben. Nach Prüfung der Sachlage kommt Faraz Shariats gleich­na­miger Film aller­dings zu einem weniger erfreu­li­chen Befund. Der Staat schützt durchaus. Nur nicht zwingend seine Bürge­rinnen und Bürger. Vor allem schützt er seine Verfahren, seine Hier­ar­chien, seine Narrative und damit letztlich sich selbst.

Die deutsch-korea­ni­sche Staats­an­wältin Seyo Kim (Chen Emilie Yan) wird während einer Fahr­rad­fahrt ange­griffen. Ein Radfahrer bringt sie gezielt zu Fall, von einer Brücke werden Molo­tow­cock­tails auf sie geworfen, ihre Jacke gerät in Brand. Kaum ist die Polizei einge­troffen, verwan­delt sich die Über­le­bende bereits wieder in die Juristin. Sie weist Umste­hende an, den Tatort zu sichern, beob­achtet, regis­triert, ordnet. Der Schock wird vorläufig zu den Akten gelegt.

Diese erste Szene erzählt bereits den ganzen Film. Seyo glaubt an das Recht, an Beweise, Zustän­dig­keiten und nach­voll­zieh­bare Kausa­li­täten. Sie glaubt daran, dass eine Insti­tu­tion, deren Bestand­teil sie selbst ist, auf Erkennt­nisse reagieren muss. Genau deshalb wird ihre Ausein­an­der­set­zung mit dem Staat schmerz­haft: Die Staats­an­wältin glaubt an die Insti­tu­tion, aber die Insti­tu­tion glaubt nicht an sie.

Einen der mutmaß­li­chen Täter kann sie vor Gericht bringen. Doch Seyo reicht es nicht, den Anschlag als isolierte Tat eines einzelnen Rechts­extremen abzuhaken. Sie vermutet dahinter ein Netzwerk und beginnt, die Archive ihrer Behörde zu durch­forsten. Dort liegen die bekannten „Einzel­fälle“ ordent­lich abge­heftet: Über­griffe, Brand­an­schläge, Verbin­dungen, Namen und Ermitt­lungen, die jeweils für sich betrachtet abge­schlossen erscheinen. In der Zusam­men­schau ergeben sie ein anderes Bild. Aus einzelnen Vorgängen entsteht eine Struktur.

Das Heft selbst in die Hand zu nehmen, ist in einem Rechts­staat aller­dings nur so lange erwünscht, wie dadurch nicht die Geschäfts­grund­lage der betei­ligten Behörden berührt wird. Je tiefer Seyo gräbt, desto deut­li­cher erkennt sie, dass insti­tu­tio­nelles Versagen nicht bloß aus Nach­läs­sig­keit besteht. Akten können falsch einge­ordnet, Zusam­men­hänge nicht erkannt und Ermitt­lungs­rich­tungen aus guten verwal­tungs­prak­ti­schen Gründen verworfen werden. Irgend­wann lässt sich kaum noch unter­scheiden, wo Verdrän­gung endet und Deckung beginnt.

Faraz Shariat insze­niert diese Vorgänge so kühl wie jene Räume, in denen sie statt­finden. Büros, Flure und Gerichts­säle erscheinen sauber, weit­läufig und funk­tional. Nichts wirkt offen bedroh­lich, doch gerade darin liegt die Bedrohung. Die Gewalt des Systems ist keine offen­sich­liche, laute Gewalt. Sie formu­liert statt­dessen Einwände, verweist auf Zustän­dig­keiten und bittet um Vers­tändnis dafür, dass ein bestimmter Vorgang auf Grundlage der derzei­tigen Beweis­lage leider nicht weiter­ver­folgt werden könne.

Nach seinem vielfach ausge­zeich­neten Coming-of-Age-Debüt Futur Drei wagt Shariat damit einen bemer­kens­werten Genre­sprung. Staats­schutz ist poli­ti­sches Kino, aber zunächst einmal ein hoch­kon­zen­trierter Justiz­thriller. Der Film versteht, dass Spannung nicht erst entsteht, wenn Türen einge­treten und Waffen gezogen werden. Es genügt ein Blick in eine Akte, ein vermeint­lich freund­lich formu­lierter Satz, eine Infor­ma­tion, die jemand zu früh besitzt. Die Gefahr liegt nicht außerhalb des Apparats. Sie sitzt am Neben­tisch, trägt Robe und verfügt über dieselben Zugriffs­rechte.

Dass auch Rechts­extreme Staats­an­wälte sein können, gehört zu den besonders ernüch­ternden Fest­stel­lungen dieses Films. Die Vorstel­lung erscheint nur deshalb scho­ckie­rend, weil sich das demo­kra­ti­sche Selbst­bild der Bundes­re­pu­blik hart­nä­ckig an die Hoffnung klammert, eine beruf­liche Funktion sei bereits ein Nachweis poli­ti­scher Inte­grität. Doch Insti­tu­tionen sind keine abstrakten Wesen. Sie bestehen aus Menschen, Loya­li­täten, Vorur­teilen und Netz­werken. Ein juris­ti­sches Staats­examen führt nicht auto­ma­tisch zur Entfer­nung anti­de­mo­kra­ti­scher Über­zeu­gungen. Entspre­chende Anträge wären ohnehin an anderer Stelle einzu­rei­chen.

Der histo­ri­sche Filmtitel Staats­an­wälte küsst man nicht passt hier nur als spie­le­ri­sche Referenz. Ivan Reitmans roman­ti­sche Komödie von 1986 mit Robert Redford und Debra Winger könnte kaum weiter entfernt sein von Shariats Film, zeigt dann aber doch, wie weit sich einstige Ideale von der Realität entfernt haben. Und auch Staats­schutz spielt damit, dass seine Heldin nicht leicht zugäng­lich ist. Chen Emilie Yan verkör­pert Seyo in ihrer ersten Kinorolle mit faszi­nie­render kontrol­lierter Distanz. Sie ist schlag­fertig und entschlossen, bisweilen fast uner­träg­lich souverän. Zugleich lässt Yan immer wieder erkennen, welchen Aufwand diese Souver­ä­nität erfordert. Die Kälte ist keine charak­ter­liche Eigen­schaft, sondern eine Schutz­weste.

Shariat verzichtet bewusst auf den maximalen Empathie-Effekt. Seine Prot­ago­nistin muss nicht fort­wäh­rend leiden, damit das Publikum ihre Gefähr­dung versteht. Immerhin entgeht sie zu Beginn nur knapp dem Tod, das muss reichen. Seyo bleibt danach jedoch wider­sprüch­lich, eigen­sinnig und immer wieder schwer greifbar. Erst ganz allmäh­lich nähert sich der Film ihrer Angst. Damit entzieht er sie jener Opfer­dra­ma­turgie, in der Menschen, die rassis­ti­sche Gewalt erfahren, zunächst möglichst umfassend beschä­digt werden müssen, bevor ihnen Glaub­wür­dig­keit zuerkannt wird.

Etwas aufge­setzt wirkt aller­dings, dass der Film Seyo neben ihrem Geschlecht und ihrer deutsch-korea­ni­schen Herkunft auch noch als lesbische Frau markiert. Natürlich exis­tieren solche Biogra­fien, und selbst­ver­s­tänd­lich muss keine Figur auf eine einzige Diskri­mi­nie­rungs­er­fah­rung reduziert werden. Dennoch entsteht gele­gent­lich der Eindruck, Shariat wolle die Margi­na­li­sie­rung seiner Heldin mehrfach absichern. Dabei wäre das zentrale Problem bereits stark genug: Selbst eine Staats­an­wältin, also eine Reprä­sen­tantin staat­li­cher Macht, kann sich gegen insti­tu­tio­nellen Rassismus kaum zur Wehr setzen, sobald dieselbe Insti­tu­tion beschließt, ihre Erfah­rungen zu rela­ti­vieren.

Dass Staats­schutz trotz seiner akti­vis­ti­schen Energie nicht zum bloßen Thesen­film wird, ist eine seiner größten Quali­täten. Der Film weiß, auf welcher Seite er steht, gestattet sich aber Ambi­va­lenzen. Seyo handelt nicht immer sympa­thisch, ihre Entschlos­sen­heit besitzt obsessive Züge, und nicht jede Grenze, die sie über­schreitet, wird nach­träg­lich moralisch beglau­bigt. Ihr Kampf gegen ein rechts­staat­li­ches Versagen kann selbst nicht volls­tändig rechts­kon­form bleiben. Damit stellt Shariat eine unan­ge­nehme Frage: Was bleibt vom Glauben an Verfahren, wenn die Verfahren syste­ma­tisch verhin­dern, dass eine Wahrheit überhaupt als solche anerkannt wird?

Die groß­ar­tige Kame­ra­ar­beit von Lotta Kilian verwan­delt diese Frage in eine perma­nente körper­liche Spannung. Räume werden zu Fallen, Flure zu Korri­doren insti­tu­tio­neller Macht. Gabriel Ólafs disrup­tives Score verstärkt das Gefühl, dass unter der vermeint­lich geord­neten Ober­fläche etwas schon längst aus dem Takt geraten ist. In seiner Präzision und seiner gnaden­losen System­be­ob­ach­tung erinnert Staats­schutz an İlker Çataks Das Lehrer­zimmer, ist jedoch erheblich strenger und düsterer kompo­niert. Gleich­zeitig vertraut Shariat nicht ausschließ­lich auf doku­men­ta­ri­sche Nüch­tern­heit, sondern lässt das Genre immer wieder in die Wirk­lich­keit einbre­chen.

Gerade das Finale ist dafür ein substan­zi­elles Beispiel. Nachdem Seyo fast zwei Stunden lang erfahren musste, wie langsam und selektiv der Staats­ap­parat reagiert, setzt sie sich in ihren röhrenden Dodge und verbreitet ihrer­seits Angst und Schrecken unter den Rechten. Für einen kurzen, herrlich befrei­enden Moment streift Staats­schutz das Hongkong-Action­kino. Die Staats­an­wältin wird beinahe zur Martial-Arts-Heldin, nur dass ihre Waffe zunächst noch ein ameri­ka­ni­sches Muscle-Car ist.

Realis­tisch ist das natürlich nur bedingt. Aber nach dem Stand der Dinge ist Realismus hier ohnehin ein Teil des Problems. Das Ende ist keine Lösung, sondern eine Fantasie über Hand­lungs­fähig­keit. Der Rechts­staat hat versagt, also erlaubt sich das Kino für einige Minuten, selbst tätig zu werden. Wo Akten­ver­merke, Dienst­wege und Beweis­wür­di­gungen versagen, antwortet der Motor. Besser könnte man diesen Film kaum fina­li­sieren.

Umso mehr, als wenige Szenen zuvor ein rechter Staats­an­walt Seyo zugeraunt hat, sie solle dieses Land verlassen, solange es noch möglich sei. Es ist einer jener Sätze, in denen sich Drohung und vermeint­li­cher Rat kaum noch trennen lassen. Seyo soll verschwinden, damit Deutsch­land sein Problem nicht lösen muss. Dass sie bleibt und schließ­lich zurück­fährt, ist deshalb mehr als persön­liche Rache. Es ist die Verwei­ge­rung, den Rechts­extremen das Land zu über­lassen und zugleich die Weigerung, sich weiterhin ausschließ­lich auf den Schutz eines Staates zu verlassen, der ihre Existenz offenbar nur unter Vorbehalt zur Kenntnis nimmt.

Staats­schutz konfron­tiert das Publikum mit einer Wut, die sich nicht bequem in Betrof­fen­heit über­führen lässt. Man verlässt diesen Film nicht nur erschüt­tert, sondern mit dem Wunsch, tätig zu werden und das deutsche Insti­tu­tio­nen­ge­bäude einer gründ­li­chen Reinigung zu unter­ziehen. Der Reini­gungs­be­darf gilt als fest­ge­stellt, mehr noch als wir uns in einem Land befinden, dessen Bewohner so gerne in allem Welt­meister wären und mit den meisten getöteten Migranten in der Europäi­schen Union immerhin Euro­pa­meister sind: Über Art, Umfang und Zustän­dig­keit dürfte aller­dings noch zu beraten sein. Faraz Shariat Film ist ein erster, sehr wichtiger Schritt dahin.