Spy Kids

USA 2001 · 88 min. · FSK: ab 6
Regie: Robert Rodriguez
Drehbuch:
Kamera: Guillermo Navarro
Darsteller: Antonio Banderas, Carla Gugino, Alexa Vega, Daryl Sabara u.a.
Spy Kids in Action
  • Kritik von Michael Wegscheider
  • Kritik von Rüdiger Suchsland

Es ist wohl nicht ganz unzu­tref­fend, die Begeis­te­rung, die einen ange­sichts der Präsen­ta­tion von James Bonds neuesten Ausrüs­tungs­gags bei jeder neuen Folge wieder überkommt, eine kindliche zu nennen. Und so kommt dieses Stereotyp des Agen­ten­thril­lers als ausführ­li­ches Zitat in Rodriguez Spy Kids eigent­lich zu sich selbst und vor das wahre Publikum. Denn wer hat als Kind nicht schon oft davon geträumt einmal Spion sein zu dürfen, in einer Welt voller Abenteuer und Gefahren Helden­taten zu voll­bringen und es dann schließ­lich seinen Eltern so richtig zu zeigen, wenn man sie aus den Verliesen der bösen Mächte befreit?

In Spy Kids erleben die 11-jährige Carmen und ihr kleiner Bruder Juni genau dies. Als ihre Eltern Ingrid und Gregorio (gespielt von Antonio Banderas und Carla Gugino) eines Tages spurlos verschwinden, erfahren sie, dass sie ihr relativ lang­wei­liges Fami­li­en­leben zusammen mit heim­li­chen Spionen geführt haben. Die geraten auf ihrer neuen Mission aller­dings rasch in Schwie­rig­keiten und es liegt nun an Carmen und Juni ihnen zur Hilfe zu eilen. Plötzlich sind sie mitten drin in einer wahn­wit­zigen Jagd nach den Gangstern, ausge­stattet mit allen möglichen phan­tas­ti­schen Waffen und Werk­zeugen und in einem Flugzeug, das nicht nur wie ein Fisch aussieht, sondern tatsäch­lich auch tauchen kann. Und rasch müssen sie fest­stellen, dass nicht nur bei ihren Eltern die Dinge etwas anders liegen, als es zunächst scheint.

Doch wer kann schon ahnen, dass der hinreißend verrückte, kunter­bunte Floop, der Junis Lieb­lings­fern­seh­show Floop's Castle präsen­tiert, mit dem inter­na­tio­nalen Bösewicht Minion unter einer Decke steckt, der frag­wür­dige Expe­ri­mente mit Menschen anstellt. Die lustigen, grotesken Clowns­fi­guren in der Show zum Beispiel sind ehemalige Spio­na­ge­kol­legen von Ingrid und Gregorio, die Floop einer Spezi­al­be­hand­lung unter­zogen hat. Und hinter der Fassade der Show wird nach Mittel und Wegen gesucht, eine fern­ge­steu­erte Kinder­armee mit künst­li­chen Gehirnen zu produ­zieren, um mit ihr die Welt­herr­schaft zu erlangen. Bei Gregorio vermutet Minion das lang gesuchte Super­ge­hirn für seine Androiden, und eher der es sich versieht, sitzt er mit seiner Gattin in den Verliesen von Floops Festung, stilvoll in bunt Ketten gewickelt.

Rodriguez hat einen Spio­na­ge­thriller für Kinder gemacht. Mit dem Tempo und dem Rhythmus eines Video­spiels jagt er Carmen und Juni durch den Zita­ten­schatz der Action- und SciFi Film­ge­schichte: Flug­szenen wie in Star Wars, Kampf­szenen wie in Matrix, Verfol­gungs­jagden wie in James Bond, und mit dem richtigen Equipment fliegt Carmen wie Superman. Daß ein Elek­tro­schock­kau­gummi bei der Verbre­cher­be­kämp­fung jedoch eine ganz wesent­liche Rolle spielt, zeigt schon, wie bei aller Rasanz der Handlung doch Witz und Einfalls­reichtum lange vor unnötigen Bruta­litäten rangieren. Das macht den Film auch für kleinere Kinder zum aufre­genden Erlebnis, selbst wenn für sie der bisweilen etwas verwor­rene Plot nicht immer durch­schaubar sein wird.

Daß Rodriguez mit winzigen Budgets gute Filme machen kann, hat er schon in El Mariachi bewiesen. Für Spy Kids hat er nicht nur das Drehbuch geschrieben, Regie geführt und den Film copro­du­ziert; er ist auch für die Kamera verant­wort­lich, hat den Film geschnitten und schließ­lich die Digitalen Effekte selbst am Computer generiert. Letzteres gibt dem Film bisweilen den Charme eines altmo­di­schen B-Pictures.

Die Stärke des Films ist sicher­lich seine Ausstat­tung: die James-Bond Gimmiks und das Innere des Mini­flug­zeugs zwischen B-Movie-Trash und Brazil. Dicke, dumme Daumen auf Füßen als Body­guards von Floop, der mit ständig wech­selnden Outfits daher­kommt wie eine durch­ge­knallter Glam­rockt­unte. Alan Cummings spielt ihn hinreißend ambi­va­lent zwischen ewigem Kind und kreativem Genie, das von der Macht verführt wird. Sein Schloß sieht aus, als habe sich ein ange­turnter Antonio Gaudi am Desi­gnf­undus der 60-er und 70-er Jahre vergriffen, um seinem psyche­de­li­schen Traum ein archi­tek­to­ni­sches Denkmal zu setzen. Da passen die Fooglies prächtig rein: groteske, marsh­mel­low­bunte, zerknautschte Clown­s­mu­tanten, die in der wahn­wit­zigen Choreo­gra­phie von Floops Show ihren Wackel­tanz aufführen und unver­s­tänd­li­chen Unsinn zwit­schern. Die Präsen­ta­tion dieser Show in einer mehr­minü­tigen animierten Clip­se­quenz ist sicher der origi­nellste Teil des Films.

Für die Neben­rollen hat Rodriguez einige witzige Beset­zungen gefunden. Ausge­rechnet Cheech Marin, der Veterane des Kiffer­kla­mauks, soll sich als Onkel Felix in Abwe­sen­heit der Eltern um Carmen und Juni kümmern. Danny Trejo, der Barkeeper aus dem »Titty Twister« in From Dusk till Dawn, darf seinen Bruta­loch­arme als verschol­lener Bruder von Gregorio zum Besten geben. Und George Clooney ist als Chef von Ingrid und Gregorio zu bewundern.

Das sieht zunächst im Grunde alles ganz wunderbar aus und dennoch hinter­lässt dieser Kino­be­such am Ende einen sehr zwie­späl­tigen Eindruck. Denn so spannend die Features auch entwi­ckelt sind: der Film traut doch seinen eigenen Stärken nicht. Zu viel wird da zu rasch mit einem gnaden­losen Tempo abgehakt. Inter­es­sante Details verkommen dabei zum bloßen Gag. Soweit man hier noch von Erzähl­weise sprechen kann, ähnelt sie eher dem Durchlauf der virtu­ellen Welten in einem Compu­ter­spiel. Die schnelle Lösung des Problems öffnet den nächsten Level. Und der ist in Spy Kids zudem oft nicht ganz logisch mit den anderen verbunden. Das entspricht mögli­cher­weise inzwi­schen tatsäch­lich dem Sehver­halten von Kindern, das ja zunehmend an der Game­boyäs­t­hetik geschult ist. Aber etwas verwun­dert ist man schon, wenn in Spy Kids zugleich mit dem gestreckten pädago­gi­schen Zeige­finger gewackelt wird und Floops Show auch als Menetekel für die Ausbeu­tung kind­li­cher Phantasie für die Inter­essen einer Medi­en­in­dus­trie verstanden werden soll. In gewisser Weise wider­spricht der Film da seinem eigenen durchaus kriti­schen Subtext.

Floop, der ständig auf der Suche nach der optimalen Ergänzung seiner Sendung ist, begreift schließ­lich, was da fehlt: die Kinder. Genau das aber fehlt leider auch dem Film: Wirkliche, lebendige Kinder­fi­guren, sorg­fältig gezeich­nete, nach­fühl­bare Charak­tere. Carmen und Juni besitzen die Anmutung von Cartoon Figuren, ein Eindruck, der durch die hölzerne, zudem miserabel synchro­ni­sierte Sprache der beiden noch verstärkt wird. Am Ende kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie den Robotern aus Minions Kinder­armee doch irgendwie ähnlich sind.

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Weniges verun­si­chert die gegen­wär­tige Gesell­schaft tiefer, als ihre eigenen Kinder. Gerade hat Spiel­bergs A.I. das vorge­führt: Die Angst der Erwach­senen vor dem Kind, vor der geheim­nis­vollen Welt, in der es sich bewegt, und zu der ihnen kein Sesam-öffne-Dich Zugang verschafft. Und den Horror, der gerade in der Perfek­tion liegt, mag sie auch noch so liebevoll und harmlos grundiert sein – es scheint der Natur des Kindes zu wider­spre­chen, wenn es auch ohne Erwach­sene auskommt. Zugleich birgt das Motiv des auf sich allein gestellten Kindes immer auch einen versteckten Traum gerade der modernen Erwach­se­nen­welt: Die klamm­heim­liche Hoffnung, aller Verant­wor­tung ledig zu sein, die Rolle des Beschüt­zers und Ernährers abwerfen zu können, und wieder unge­bunden als Indi­vi­duum »sich selbst verwirk­li­chen« zu dürfen, die Frei­heits­ver­spre­chen unserer Zeit tatsäch­lich zu leben.

Filme wie Kevin allein zu Haus dürfen als unbe­wusster Ausdruck solcher Hoff­nungen verstanden werden, als Traum­spiel einer Gesell­schaft, die immer weniger Zeit und Raum für ihre Kinder hat, und dies durch immer mehr Geld zu kompen­sieren sucht. Weil sich die Defizite nicht einfach leugnen und verdrängen lassen, konstru­iert sich die Erwach­se­nen­welt im Kino die Gestalt eines selbst­be­wusst-wehr­haften Kindes, eines immer opti­mis­ti­schen, nie wirklich ängst­li­chen über­klugen kleinen Erwach­senen – zahllos sieht man in jüngeren Filmen diese Kinder, die eigent­lich keine sind, und die eher noch ihren Eltern aus der Not helfen, als ihrer­seits Hilfe zu brauchen (wie das in älteren Filmen zumindest kurz vor Schluß fast immer der Fall war, und damit die Ordnung der Dinge wieder zurecht rückte).

Roberto Rodriguez' Spy Kids knüpft genau an derartige Phan­ta­sien an. Seine Helden sind die 9jährige Carmen und der 7jährige Juni Cortez, die zwei Kinder eines Paares aus ehema­ligen Top-Spionen, das sich mit der Fami­li­en­grün­dung zur Ruhe gesetzt hat. Am Beginn des Films erzählt Mutter Ingrid das eigene Leben den Kindern in Form einer Gute-Nacht-Geschichte. Während die Kinder nichts über die wahre Identität ihrer – nach Außen lang­wei­ligen – Eltern ahnen, ist das Märchen für uns Zuschauer bebildert – ein rasanter, gut erzählter Auftakt, der bereits viele Stereo­typen des Agen­ten­films parodiert und den Takt vorgibt für eine erstaun­lich furiose, über­drehte Komödie, die auch sich selbst keinen Augen­blick ernst nimmt, und der es doch an tieferer Bedeutung nicht fehlt.

Kino heißt, dass alles möglich und alles erlaubt ist. Roberto Rodriguez zele­briert diesen Freiraum seit jeher; bei ihm wird er tatsäch­lich Lein­wand­wirk­lich­keit. Dies galt in seinen früheren Filmen, vor allem jenen, die er innerhalb der US-Film­in­dus­trie gedreht hat (From Dusk till Dawn und zuletzt den weit unter Wert geschätzten The Faculty), die vom hoch­re­fle­xiven Spiel mit den Genres, der Verwei­ge­rung gegenüber Hollywood-Zwängen geprägt sind.

Diesmal also der Agen­ten­film. Nach neun Jahren werden die Eltern Ingrid und Gregorio Cortez vom Geheim­dienst reak­ti­viert. Doch offenbar sind ihre alten Fähig­keiten etwas einge­rostet, schnell werden sie von dem Glam-Pop-Schurken Fegan Floop gefan­gen­ge­nommen. Dieser bringt Agenten reihen­weise zum Verschwinden und hält sie in über­di­men­sio­nalen Kinder­puppen gefangen; die Kinder des Landes mani­pu­liert er per TV-Show, sein Ziel ist, wie immer in solchen Fällen, die Welt­herr­schaft. Erringen möchte er diese mithilfe einer Armee aus Robo­ter­kin­dern, das einzige, das ihm dafür noch fehlt ist das »dritte Gehirn«, eine Super­waffe, in deren Besitz sich Gregorio befindet.

Das alles hört sich höchst albern an, und ist es auch. Aber es handelt sich um eine fröhliche, heitere, unbe­schwerte, immer unauf­dring­liche Albern­heit, die die Zuschauer trotzdem nie für dumm verkauft. Der Humor von Spy Kids ist eine präzise Mischung aus Subti­lität und Scherzen der gröberen Sorte, aus Film­zi­taten, Witzen, die nur Erwach­sene verstehen und Spässen, bei denen die Kinder vor Vergnügen glucksen werden, auch wenn die Erwach­senen mit den Augen rollen.

Dabei ist dieses rasante Spiel mit – vor allem – James-Bond-Klischees auch noch intel­li­gent. Denn unge­achtet anderer Aspekte dreht sich alles letztlich in sensibler und anre­gender Weise um das Verhältnis von Erwach­senen- und Kinder­welt. So verrät Spy Kids in Komö­di­en­form etwas über die Träume von Eltern, die gern in ihren Beruf zurück­wollen, den sie für die Familie geopfert haben. Ebenso geht es aber um Kinder, die über die besorgten Ratschläge ihrer Eltern längst hinaus sind – oder manchmal nur glauben, es zu sein. Und die Idee, Erwach­sene ausge­rechnet in Kinder­puppen einzu­sperren, ist eben mehr als nur ein Gag, ebenso Rodriguez' Kinder­r­o­boter – ein auch ohne A.i.-Erfahrung beklem­mendes Bild.

Nie verrät Rodriguez hier das Niveau seines Stoffes: Denn wenn sich die Erwach­senen in der Realität vor den Zwängen des Alltags mehr und mehr in die künst­li­chen Paradiese der Spaß­ge­sell­schaft, also in bunt-fröhlich-tumbe Kinder­welten flüchten, dann müssen die Kinder zwangs­läufig in Rollen der Erwach­senen schlüpfen. Eine Annährung der Welten, die zwar viel Komö­dienstoff bietet, darüber hinaus aber ein Stück ernster Wirk­lich­keit zum Thema macht: Infan­ti­li­sie­rung und parallel das Wieder-Verschwinden der Kindheit.
Am Ende steht gegen­seitig erhöhte Achtung zwischen Kindern und Eltern, family values, die aber nie von oben herab oder per erhobenem Zeige­finger gepredigt, sondern sozusagen durch die Hintertür vermit­telt werden.

Jenseits von all dem ist Spy Kids aber zual­ler­erst eine höchst erfri­schende Pop-Komödie, ein bunter Augenspaß, 90 Minuten Kino­ver­gnügen pur.

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