Shut In

USA/CDN/F 2016 · 95 min. · FSK: ab 16
Regie: Farren Blackburn
Drehbuch:
Kamera: Yves Bélanger
Darsteller: Naomi Watts, Jacob Tremblay, Oliver Platt, David Cubitt, Clémentine Poidatz u.a.
Lauwarmes Bad, das nicht in die Poren dringt

Müder Psycho-Grusel

Lediglich sechs Wochen brauchte Debü­t­au­torin Christina Hodson laut Pres­se­heft, um ihr Drehbuch zum Psycho­thriller Shut In zu beenden. Zeit, die sie vor allem mit dem Sammeln nerviger Genre-Standards verbracht zu haben scheint. Das zumindest lässt der fertige Film vermuten, den der fern­se­her­fah­rene Regisseur Farren Blackburn insze­nierte. Dass Hodsons Vorlage nuan­cierter und cleverer ist, kann guten Gewissens bezwei­felt werden, auch wenn das Skript 2012 auf der soge­nannten Black List Holly­woods auftauchte, die alljähr­lich die in der Branche angeblich belieb­testen, noch unpro­du­zierten Dreh­bücher zusam­men­fasst. Nimmt man das Endpro­dukt als Maßstab, wirkt diese Ehre wie ein schlechter Witz.

Ärgerlich ist das Scheitern des Möch­te­gern-Schockers vor allem deshalb, weil er kompe­tente Darsteller zusam­men­bringt und halbwegs viel­ver­spre­chend beginnt. Haupt­hand­lungsort ist ein einsam gelegenes Haus in einer ausge­dehnten Wald­land­schaft. Und noch dazu verstärkt ein heran­na­hender Schnee­sturm in bester Agatha-Christie-Tradition das Gefühl der Verlas­sen­heit. Bekannte Thriller-Konven­tionen, mit denen findige Dreh­buch­schreiber und umsich­tige Regis­seure durchaus Unbehagen herauf­be­schwören können. Anfangs gelingt es auch Hodson und Blackburn, eine unheil­volle Stimmung zu kreieren, die sich aus den bedrü­ckenden Lebens­um­s­tänden der Prot­ago­nistin speist.

Der Unfalltod ihres Mannes trifft die Kinder­psy­cho­login Mary Portman (Naomi Watts) schwer. Obwohl sie das Gesche­hene selbst noch nicht verar­beitet hat, kümmert sie sich in der Abge­schie­den­heit ihres Anwesens um ihren Stiefsohn Stephen (Charlie Heaton), der seit dem verhäng­nis­vollen Crash sprach- und bewe­gungs­un­fähig ist. Als eines Nachts ihr Patient Tom (komplett unter­for­dert: Jacob Tremblay) plötzlich vor der Tür steht und ebenso schnell wieder in der Dunkel­heit verschwindet, verschlech­tert sich der Zustand der ohnehin labilen Frau, die den Verdacht nicht loswird, dass der gehörlose Waisen­junge fortan durch ihr Haus geistert.

Marys Trauer und ihre Nieder­ge­schla­gen­heit sind mit Händen zu greifen, da Naomi Watts ihre Figur mit einer glaub­wür­digen Versehrt­heit ausstattet und die Macher das quälende Innen­leben der Haupt­figur zunächst anschau­lich bebildern. Besonders deutlich in einer Szene, die sich im Nach­hinein als Albtraum der Thera­peutin zu erkennen gibt: Während Mary ihren Stiefsohn badet, wird sie mit einem Mal von dem Verlangen übermannt, Stephens Kopf gewaltsam unter Wasser zu drücken. Die Verant­wor­tung, die nach dem Tod des Ehemannes auf der Witwe lastet, und ihr eigener, noch nicht bewäl­tigter Schmerz brechen sich an dieser Stelle unum­wunden Bahn. Ausgehend von diesem gespens­ti­schen Irri­ta­ti­ons­mo­ment hätte Shut In ein facet­ten­rei­ches Psycho­gramm entwerfen können. Dreh­buch­au­torin Hodson votiert im Anschluss aber lieber für eine monotone Gruselmär und scheut dabei nicht vor den billigsten Klischees zurück – etwa der genreüb­li­chen, plötzlich ins Bild sprin­genden Katze, die sich hier als Waschbär entpuppt. Abhilfe schaffen kann auch Blackburns Insze­nie­rung nicht, die zwischen routi­niert und plump changiert, während eine wieder­holt aufjau­lende Tonspur Angst und Schrecken verbreiten soll.

Auf verlo­renem Posten stehen ange­sichts der erzäh­le­ri­schen und formalen Defizite die Schau­spieler, die sich aufop­fe­rungs­voll, aber vergeb­lich bemühen, den Figuren Profil zu verleihen. Dass der Film an einer psycho­lo­gi­schen Vertie­fung nur wenig inter­es­siert ist, zeigt sich im Schluss­drittel, das eine der wohl haar­sträu­bendsten Wendungen in der jüngeren Thriller-Geschichte bereit­hält und den letzten Rest Glaub­wür­dig­keit gegen eine Schock-Drama­turgie eintauscht. Eine große Enttäu­schung, da der verhält­nis­mäßig stim­mungs­volle Auftakt einen Beitrag zum Mystery-Genre verspricht, der sich ernsthaft mit Thema »Trauer« ausein­an­der­setzt. Was bleibt, ist ein lauwarmes Bad, das nicht in die Poren dringt.

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