Schule

Deutschland 2000 · 99 min. · FSK: ab 12
Regie: Marco Petry
Drehbuch: ,
Kamera: Axel Block
Darsteller: Daniel Brühl, Jasmin Schwiers, Niels Bruno Schmidt, Mina Tander u.a.

Kiffen am See

Jeder ging zur Schule. Und jeder kennt die Melan­cho­lien der Erin­ne­rung, für die das Kino geschaffen ist, wie kein zweites Medium. Irgendwo zwischen Feuer­zan­gen­bowle und American Graffiti landet man da am Ende immer, wenn es gut gelaufen ist jeden­falls. Ansonsten lauert die Gefahr jener unsäg­li­chen »Pauker­filme«, mit denen man sich vor dreißig und mehr Jahren amüsierte.

Schule, der von Bernd Eichinger produ­zierte Spielfilm-Erstling des Münchners Marco Petry hat von allem etwas – am wenigsten glück­li­cher­weise von den Pauker­kla­motten – passt aber so recht in kein Schema. Viel­leicht liegt das daran, das Petry zu jung ist, um jener Dialektik der Verklä­rung aufzu­zu­sitzen, der ältere Regis­seure im Rückblick auf eigene Jugen­d­er­leb­nisse gern verfallen.

Die bekannten Klischees kommen in dieser Komödie nur in Kurzform vor, Lehrer inter­es­sieren fast gar nicht. Anstatt Schul­ge­schichten zu erzählen, aus miss­glückter Abiprü­fung, garstigen Eltern, oder dem »Verliebt in den Lehrer«-Motiv kleine Melo­dramen zu stricken, benutzt Petry das Gymnasium, tatsäch­lich nur als Hinter­grund, der anzitiert wird, um dann anderes zu zeigen.

Der Beginn ist am schwächsten. Zähe zehn Minuten braucht Petry, um überhaupt hinein­zu­kommen in seinen Film, um den Geschmack einer TV-Daily Soap ein wenig abzu­schüt­teln. Dann aber ist das knappe Dutzend Figuren vorge­stellt, und es kann losgehen: Ein Tag im Leben einer Gruppe von Abitu­ri­enten, zwei Wochen vor ihrem letzten Schultag. Markus (Daniel Brühl) hat Streit mit seiner Freundin Sandra (Jasmin Schwiers). Er trifft sich ohne sie mit seiner Clique, sie verbringt die Zeit mit dem noto­ri­schen Verführer Stone (Niels-Bruno Schmidt). Am nächsten Morgen werden sie sich wieder versöhnen. Bis dahin streift man durch die Kulissen einer Jugend in der Provinz: Klas­sen­räume und Pausenhof, Super­markt und See, Jugend­zimmer und Party­keller. Eine Geschichte wird im Grunde gar nicht erzählt, statt­dessen eine Atmo­s­phäre erzeugt: Nicht auf die Story kommt es an, sondern auf die Stimmung. Insofern hat Petry die Gesetze des Kinos weit besser erkannt, als viele ältere Kollegen. Tatsäch­lich ist es viel­leicht das Bemer­kens­wer­teste an diesem Film, was er alles nicht macht: Kein in schreck­li­chen Spät-Puber­täts­krisen verhaf­teter Jüngling muss hier endlich sein »erstes Mal« erleben, kein zartes Pflänz­lein ist verliebt in den Lehrer, kein Schwuler darf als fleisch­ge­wor­dener Ausdruck der gesam­melten Korrekt­heit des Regis­seurs herhalten.

Dafür kennt der Regisseur, wovon er erzählt, und das ist im deutschen Film schon eine Menge. So zeigt Schule ein Bild zeit­genös­si­scher Jugend­li­cher, dass bei allen Stereo­typen und drama­tur­gi­schen Klischees weitaus realis­ti­scher ist, als die Gleich­alt­rigen aus Harte Jungs aber auch aus Vergiss Amerika – auch gerade da, wo die Kids dumm, vulgär und verdorben sind. Wie in Crazy tummeln sich Jungs und Mädchen am liebsten am See, doch statt philo­so­phi­scher Gespräche frönt man hier lieber konkreten Genüssen: diese Abitu­ri­enten saufen, kiffen, »poppen« wie in Wirk­lich­keit, und dürfen das auch. Nicht ein einziges Mal werden sie für ihre Sünden moralisch abge­straft. Auch der Ton der Dialoge »stimmt« meistens. So erlebt man die ganz stink­nor­male, hedo­nis­ti­sche Bundes­re­pu­blik, ohne Leit­kultur, ohne Neonazis und ohne BSE-Debatte, unpo­li­tisch und beliebig. Das mag meistens ein Mangel sein, wird aber zur Tugend, wenn der einhei­mi­sche Film allzu oft nur zwischen zwei Extremen zu schwanken scheint: anbie­dernder Nach­ah­mung schon schlechter ameri­ka­ni­scher Vorbilder, oder aufge­setztem Bemühen um Origi­na­lität oder moralisch-poli­ti­sches Posi­ti­ons­be­ziehen.

Schule erscheint da angenehm unauf­dring­lich und gelassen. Nostalgie zele­briert Petry, nur am Ende, wenn es gilt den notwen­digen Abschied von der Jugend zu predigen. Da läuft dann plötzlich auch Super­tramps 20 Jahre alter elegi­scher Song School, und man fragt sich für einen Augen­blick, ob sich etwa seit 20 Jahren gar nichts geändert habe. Hat es aber doch.

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